Das hatten wir doch schon mal – Eine festliche Eskalation: Wie Veras Traum von der perfekten Lichterkette zum Beziehungskrimi wurde, warum ihre Freundinnen zur Scheidung raten und was wirklich hinter Weihnachtsglanz und Alltagsfrust im deutschen Wohnzimmer steckt

Schau mal, was ich entdeckt habe! Klara zog eine Schachtel mit einer Lichterkette aus der Tüte und wedelte sie Erik vor der Nase herum.

Erik löste den Blick vom Handy und betrachtete wortlos die Verpackung.

Mhm.

Mhm? Das ist Tauperlen-Licht! Stell dir mal vor, wie das am Baum aussieht. Wie verzaubert. Wie zerstreute Lichttropfen! Im Internet hab ich Bilder gesehen, das sieht aus wie im Märchen.

Klara stellte sich schon das Wohnzimmer vor: gedämpftes Licht, das sanfte Glitzern von hunderten kleinen Lichtern und dieser Duft von Mandarinen und Tannennadeln. Perfekte, gemütliche Weihnachten. Genau die Atmosphäre, für die sie hier so gekämpft hatte.

Erik tippte wieder auf seinem Display.

Hast sie halt gekauft…

Klara atmete leise durch, schwieg aber. Wichtig war das Endergebnis.

Der Baum stand schon in der Ecke und wartete auf seinen Auftritt. Klara packte die Lichterkette aus, hauchdünne Kupferdrähte mit winzigen LEDs rieselten durch ihre Finger. Einfach schön. Nur noch jede Zweig sorgfältig umwickeln.

Erik, hilfst du mir mal? Es ist alleine echt fummelig.

Er seufzte, legte das Handy weg und erhob sich widerwillig. Seine Bewegungen waren so lustlos, als müsste er nicht eine Lichterkette aufhängen, sondern einen LKW mit Backsteinen ausladen.

Halt mal da fest, ich fange unten an, dirigierte Klara.

Die ersten zwanzig Minuten lief alles halbwegs rund. Klara schlang sorgsam das Kabel um die Zweige, achtete auf gleichmäßige Verteilung. Erik hielt den Baum, reichte das nächste Stück weiter.

Klara, wie lange noch? Meine Arme werden lahm

Gleich, nur noch ein bisschen.

Doch das nur noch ein bisschen zog sich ewig. Die Lichterkette verhedderte sich, Lämpchen rutschten zusammen, sie musste ständig neu beginnen. Klara wollte es perfekt und das dauerte eben.

Erik sah demonstrativ auf die Uhr, seufzte diesmal hörbar. Erst verstohlen, dann immer unverhohlener.

Klara, wir fummeln da jetzt seit über einer Stunde dran rum.

Und?

Nix. Sag ja nur.

Klara biss sich auf die Lippe. Nicht jetzt, ermahnte sie sich.

Hilf mir besser mal hier zu spannen.

Erik zog am Kabel viel zu stark und ein kompletter Abschnitt, an dem Klara ewig gefeilt hatte, rutschte schief.

Vorsicht!

Ich war doch vorsichtig!

Vorsichtig? Jetzt ist alles krumm! An dem Zweig saß ich ewig!

Ewig? Soll ich dir vielleicht eine Pinzette holen? Für echte Feinarbeit?

Klara schwieg. Sie rückte alles wieder zurecht und machte weiter.

Nach weiteren vierzig Minuten war Eriks Geduld endgültig verbraucht.

Mal ehrlich, erklär mir das mal: Warum machen wir so ein Aufhebens darum?

Das ist kein Aufheben!

Doch, komm schon. Ist doch nur eine Lichterkette. Hätte man einfach drüberwerfen können.

Klara drehte sich langsam zu ihm. In ihrem Inneren brodelte etwas Heißes, Stacheliges.

Einfach drüberwerfen, ja? Verstehe.

Ja, was sonst. Gibt echt Wichtigeres als Lampen-Gefummel.

Wie was? Auf dem Sofa liegen? Instagram durchscrollen?

Erik runzelte die Stirn.

Mach jetzt keinen Streit.

Doch. Sag mir bitte, was diese so wichtigen Dinge sind. Ich wüsste nämlich nichts, wofür du dich je ernsthaft in dieser Wohnung interessiert hast. Dir reicht doch Essen, Schlafen, Glotze!

Das stimmt doch nicht.

Doch! Ich gebe mir Mühe, denke mir was aus will, dass es hier schön und gemütlich ist. Aber dir ist alles egal, Erik!

Und jetzt gibt es deswegen ein Drama? Wegen einer Lichterkette?

Es geht um mehr. Es geht darum, wie du mit mir umgehst. Als wäre ich Möbel. Als wäre alles, was ich schön finde, überflüssig.

Was ist denn so besonders, an Kabel richtig hinzulegen? Klara, normale Leute hängen so was in zehn Minuten auf

Normale Menschen schätzen ihre Frauen!

Der Streit brach endgültig los. Klara wurde klar, wie viel Groll sich angesammelt hatte. Eriks Socken, immer auf dem Boden. Das dreckige Geschirr, das nie weggespült wird. Sein vergessener Geburtstagsgruß damals erst abends, als sie schon alle Tränen aufgebraucht hatte. Erik verteidigte sich, klagte sie wiederum an: Sie sei nie zufrieden, immer kritisch, bei ihr könne man nicht einmal entspannen.

Die Tauperlen-Lichter zogen sich verschoben um den Baum eine Hälfte gerichtet, die andere komplett verrutscht, ein Zweig hing traurig herunter. Der Baum stand als stummer Zeuge ihrer Auseinandersetzung, irgendwie lächerlich, traurig.

Irgendwann verstummten sie beide. Nicht weil alles okay war die Kraft war raus.

Ich kann nicht mehr, sagte Klara mit matter Stimme und verschwand im Schlafzimmer.

Die Tür schloss sich leise, das letzte bisschen Kraft verbraucht. Drinnen holte sie ihren Weekender hervor.

Ich fahre zu meinen Eltern, rief sie in Richtung Wohnzimmer, während sie einen Pullover in die Tasche stopfte.

Erik sah sie verständnislos an.

Nur übers Wochenende?

Erst mal ja.

Wann kommst du wieder?

Keine Ahnung.

Er fragte nicht weiter. Er hielt sie nicht zurück, beobachtete nur, wie sie packte.

Gut, sagte er schließlich.

Gut, wiederholte Klara tonlos.

Das Wochenende verbrachte sie bei ihren Eltern; Eriks rar gesendete Nachrichten ließ sie unbeantwortet. Wie gehts dir? blinkte morgens auf Klara legte das Handy weg. Können wir mal reden? kam am Abend. Sie antwortete nicht.

Er soll ruhig mal merken, wie still so eine Wohnung ist und wie es sich anfühlt, allein damit zu leben.

Am Sonntag traf sich Klara mit ihrer Freundin Katharina und Josefine im Café Mohrenkopf, gleich am Gärtnerplatz. Kuschelige Sofas, der Duft nach Zimt und Kaffee perfekter Ort für ein vertrauliches Gespräch.

Und dann sagt er, das sei Pipifax, andere machen das in zehn Minuten! Klara trank einen Schluck Latte Macchiato. Könnt ihr euch das vorstellen?

Katharina und Josefine tauschten einen vielsagenden Blick.

Klarchen, Katharina beugte sich näher, in ihren Augen blitzte etwas Scharfes weißt du, dass das erst der Anfang ist?

Wie meinst du?

Heute ist es die Lichterkette, morgen bist du ihm schon komplett egal.

Josefine nickte so heftig, dass ihre Ohrringe klimperten.

Bei meinem Ex fing das auch so an. Erst Kleinigkeiten, dann war ihm alles egal, solange es ihm bequem war.

Männer ändern sich nicht, meinte Katharina mit dem Ton der Eingeweihten, das steht in den Sternen. Du wirst dich ewig abrackern und er… bleibt gleich.

Klara spielte nervös mit der Tasse. Etwas an diesen Gesprächen nagte an ihr etwas Neues…

Mädels, letztlich wars doch bloß ein Streit…

Ein Streit? Josefine lachte kurz auf. Klara, wach auf! Das ist ein Signal. Das erste von vielen. Alles schon Mal erlebt.

Genau, bestätigte Katharina. Denk ernsthaft nach. Es lohnt sich nicht, an etwas festzuhalten, das von Anfang an keine Chance hat.

Klara hob ihren Blick und merkte plötzlich: In beiden Gesichtern ihrer Freundinnen lag ein merkwürdiger Glanz. Kein Mitgefühl. Keine Besorgnis. Eher Vorfreude? Schadenfreude? Versteckte Genugtuung?

Beide waren geschieden. Beide lebten jetzt allein, mit Katzen und unendlich vielen Netflix-Serien. Und als Klara sie anschaute, sah sie: Sie wollten nicht wirklich helfen. Sie wollten, dass sie zum Club gehört.

Danke, ihr beiden, sagte Klara ruhig und lächelte. Ich denk darüber nach.

Aber sie dachte über ganz andere Dinge nach.

Montag zog sich unerträglich. Abends saß Klara in der U-Bahn, sah in ihr verschwommenes Spiegelbild im Fenster und wusste nicht, was sie zu Hause erwarten würde.

Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Klara trat ein… und stockte.

So ein warmes Licht kam aus dem Wohnzimmer. Hunderte kleine Lichter funkelten am Baum ordentlich, perfekt, als hätte es ein Profi gemacht. Die Tauperlen-Lichter legten sich genau so an die Zweige, wie Klara es sich gewünscht hatte. Endlich war genau die Weihnachtsstimmung da, die sie sich erträumt hatte.

Erik kam aus dem Schlafzimmer. Der Blick schuldbewusst, die Arme hingen unschlüssig an ihm herab.

Klara…

Du hast das gemacht?

Ja. Ich habs dreimal versucht. Es ist sauschwer, ehrlich gesagt.

Klara schwieg. Schaute erst ihn an, dann den Baum. Und wieder ihn.

Es tut mir leid, Erik trat auf sie zu. Ich lag komplett daneben. Du wolltest es schön haben und ich… ich war einfach ein Idiot.

Erik…

Warte, lass mich ausreden. Ich war am Wochenende bei meiner Mutter. Sie hat mir echt den Kopf gewaschen. Sie meinte, es wäre wichtig für dich, dass es bei uns gemütlich ist. Dass ich das sehen und wertschätzen sollte. Ich… hab das einfach nicht kapiert. Es tut mir leid.

Klara spürte Tränen.

Und das hat dir wirklich deine Mutter gesagt?

Ja. Und noch so einiges. Dass so kleine Dinge echt wichtig sind. Dass ich dich verletzt habe, ohne es zu merken.

Sie ließ die Tränen laufen. Erik schloss sie fest in die Arme.

Ich habe dich vermisst, flüsterte er in ihr Haar. Die Tage ohne dich… fühlten sich schlimm an.

Mir gings genauso, hauchte sie.

Sie standen lange so da, während die Lichter am Baum sanft auf die Wände tanzten.

…Weihnachten feierten sie zu zweit. Sekt, Kartoffelsalat, Mandarinen und diese Tauperlen-Lichter, die nun wirklich zauberten. Mitternacht, das Klingen der Gläser, ein Kuss zwischen Lichtern.

Frohes neues Jahr, Erik zog sie an sich.

Frohes neues Jahr, lächelte Klara.

Als Katharina und Josefine vom Versöhnen hörten, klangen ihre Gratulationen so unecht, dass Klara am liebsten laut gelacht hätte. Wir freuen uns… wohl für dich, presste Katharina hervor. Ich hoffe, er ändert sich wirklich, ergänzte Josefine, mit unausgesprochenem tut er sowieso nicht.

Klara legte auf. Sie rief nicht mehr zurück.

Sie verstand jetzt klar: Viele Freundinnen können nur das Unglück anderer betrauern sich aber am Glück zu freuen, fällt ihnen schwer. Mitleid ist einfacher, und dann gehen sie die eigenen Wege. Fürs Glück braucht es andere Menschen an deiner Seite. Die richtigen.

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Homy
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Das hatten wir doch schon mal – Eine festliche Eskalation: Wie Veras Traum von der perfekten Lichterkette zum Beziehungskrimi wurde, warum ihre Freundinnen zur Scheidung raten und was wirklich hinter Weihnachtsglanz und Alltagsfrust im deutschen Wohnzimmer steckt
„Ab jetzt gehört die Hälfte deines Eigentums mir“, sagte die seltsame Frau.