Ich rufe jetzt sofort meinen Mann an!

Und jetzt rufe ich meinen Mann an!

In einer anderen Welt, in einem Traum, wie auf einer märchenhaft verschwommenen Karte, hätte Hannah niemals ihren Ex-Mann angerufen. Schon gar nicht mitten in der Nacht, wenn das Telefon leise brummt, wie ein schlafender Hund im Nebenzimmer.

Fast zwei Jahre hatten sie sich nicht gesehen. In der Realität, in München oder irgendwo zwischen schwäbischer Alb und Berliner Asphalt, wäre Julius kaum erfreut gewesen, ihre Stimme zu hören. Doch dieser Augenblick ließ keine Wahl. Denn nur Julius hatte jene seltsam magischen Fähigkeiten, die Probleme mit links zu lösen. Hannah hoffte, dieses Talent wirkte auch noch im Traum.

Ihr Blick fiel erneut auf die kichernde, verschrumpelte Alte klar, es war die typische Oma Gertrud, wie sie in jedem deutschen Dorf zu finden ist, nicht nett Oma oder dezent Großmutter genannt, sondern eben die Gertrud: grantig und auch ein bisschen spöttisch. Aus ihrer Ledertasche, die mal teuer ausgesehen haben könnte, zog Hannah das Handy und blätterte durch ihre Kontakte, als würde sie im Lexikon nach einem Zauberspruch suchen.

Schon vor zwei Jahren hätte sie die Nummer löschen wollen, aber irgendetwas vielleicht das Gefühl, dass Telefonnummern im Traum doch magische Wegweiser sind hatte sie abgehalten.

Und heute wie durch ein verrücktes Flüstern im Hinterkopf war es so weit. Noch einmal schnell Gertrud gemustert, die inzwischen den staubigen Dorfweg zu dominieren schien, dann tippte Hannah auf Anrufen.

*****

Du reist also nicht mit mir ab? Hannah sah Julius an, als hätte er sie gerade für eine andere verlassen. Dabei war es ihr Traum, den sie nun gegen ihn richtete.

Hannah, du weißt doch, wir haben hier das Grundstück gekauft, wollten unser Haus bauen. Warum weggehen?

Weil ich eine neue Geschichte erleben will. Ich habe es dir schon so oft erklärt, warum muss ich es wiederholen?

Julius schüttelte unzufrieden den Kopf und warf einen prüfenden, fast väterlich-bayerischen Blick: Meinst du, das Leben im Ausland ist anders? Das Gras wächst dort auch nicht grüner.

Seit ich klein bin, träume ich davon, antwortete Hannah. Als ich zum ersten Mal mit meinem Vater nach Zürich fuhr, habe ich im Münchner Hauptbahnhof lautstark protestiert, wollte einfach nicht zurück. Du ahnst gar nicht, wie sehr es mich lockt.

Ich verstehe…

Also, wo mir jetzt eine Chance zugeht, willst du, dass ich sie verpasse?

Ich will nichts ruinieren. Nur, ich will nicht gehen. Hier ist unser Zuhause, mein kleiner Betrieb läuft besser als je zuvor vielleicht gibts bald sogar mehr Gewinn.

Dein Geschäft da, mein Job dort! fuhr Hannah auf. Ein richtig guter Job, das Gehalt mehr als doppelt so hoch. Das kann man sich nicht entgehen lassen! Merkst du das überhaupt?

Sie diskutierten, wie das nur in surrealen Träumen geht, er blieb standhaft, sie wild entschlossen. Scheidung wurde Thema, nicht weil Liebe fehlte, sondern weil ihre Wege sich träumend trennten.

Ihre Mutter war fassungslos, Julius Eltern ebenfalls. Selbst die Freunde, die noch glaubten, Liebe in Bayern sei für die Ewigkeit, schauten verwundert.

Hannah, sagte ihre Freundin beim Spaziergang in den Isarauen, hast du wirklich genug nachgedacht? Wo findest du nochmal so einen wie Julius? Der würde dir das Oktoberfest in die Handtasche packen.

Alles nur Worte!, lachte Hannah. Stolze Versprechen, leere Phrasen. Hätte er mich wirklich geliebt, wäre er mit mir gekommen.

Am Ende drückte sie sämtliche Gefühle in die entfernte Ecke ihres Herzens zum Patenschaft-gründen für seltene Vögel oder so. Als dann das Dokument vom Standesamt auf dem Küchentisch lag, packte sie Koffer und flog nach Wien, dem Versprechen auf einen einmaligen Job und einen Pass in der anderen Tasche.

Aber schon nach eineinhalb Jahren war sie wieder zurück irgendwo zwischen Berliner Vorstadt und Allgäuer Alpen. Das Ausland: eine Mischung aus endlosen grauen Häuserfluchten und schweigenden Gesichtern. Nicht einmal die Hunde wussten, wie man hier richtig bellt.

Am schlimmsten war diese Kollegin, neidisch wie eine hungrige Ziege, die ihr dann den Traumjob vermasselte. Hannah versuchte, sich zu erklären, doch keiner glaubte ihr. Sie blieb die Fremde und Fremde werden in diesen Nächten nicht geliebt.

Dennoch war sie zäh. Verteilen von Werbeflyern durch kalte Münchner Januarluft zwölf Stunden, Tag für Tag. Der Traum der Einbürgerung. Aber es wurde nichts draus. Am tiefsten war die Scham gegenüber Julius. Er hatte nichts falsch gemacht. Nur sie hatte die Brücke verbrannt und stand jetzt barfuß am Isarufer der Entscheidung.

Zurück ins Haus der Mutter, kurz Kraft getankt, dann raus aufs Land zu Oma im Spessart. Frische Luft, Kartoffelpuffer, tageweise Ruhe.

Wenn sie nicht weiterwusste, erinnerte sie sich an Drushko, den Mischlingshund ihrer Oma. Hunde, dachte Hannah, wissen mehr vom Träumen als ihre Besitzer.

Als sie zurückkam, wollte sie keine alten Wege betreten. Das Architekturbüro in München, der gut geflieste, aber langweilige Alltag nein. Stattdessen wurde sie Maklerin, mit einer Portion Wahnsinn und viel Kaffee. Bald klappte alles: Probearbeit, erstes Lob, erste Provision.

Ein andauernder Wechsel zwischen Licht und Schatten: Julius tauchte ab und zu in Gedanken auf, doch anrufen wollte sie ihn nicht. Was sollten Worte, nach all den Jahren? Inzwischen war sie allein. Freundeskreis: zerronnen wie Spreewasser.

*****

An einem Nachmittag bot Hannah ein Grundstück in einem Dorf bei Ingolstadt an. Käufer wollten sich partout nicht finden. Schließlich: ein altes Ehepaar, Franz und Marie, interessiert an einem Leben mit viel Baumschatten und wenig Lärm.

Sie fuhren mit dem Wagen vor, spazierten dann zu Fuß am Bäcker vorbei, um das echte Dorf zu schnuppern. Plötzlich: ein riesiger Hund, zwischen Bernhardiner und Zehn-Mark-Schein, steckte den Kopf durchs Tor und starrte. Dann erkannte er Hannah, sein Schweif wedelte, als hätte er den Lottojackpot gewonnen.

Sie streichelte ihn, um zu zeigen: In dieser deutschen Provinz sind nicht mal die Hunde giftig. Menschen vielleicht schon, Hunde nie.

Ein, zwei Stunden lief man kritisch durch das Haus, sie diskutierten Küche, Garten, Heizung und Nachbarn. Hannah erzählte von den Sonnenuntergängen und den Eigenheiten des Hauses.

Was meinst du?, fragte Hannah nach dem Abschlussrundgang. Könnten Sie sich vorstellen, hier zu leben?

Schön ist es hier schon, sagten beide und baten um Bedenkzeit.

Hannah ahnte, wie das ausgeht ein Nein, höflich in bayerische Höflichkeit verpackt.

Auf dem Rückweg beobachtete sie, wie Gertrud, jene grantige Oma, ihrem Hund eine Schnur an das nächstbeste Straßenschild knotete. Der Hund verstand: Dies ist kein guter Moment.

Hannah schaute zu, bis sie nicht mehr anders konnte. Entschuldigen Sie, warum binden Sie den Hund hier fest?

Willst du ihn mitnehmen, Mädel? Kein Mensch will so eine Bell-Null. Der kann nicht mal bellen hoch degeneriert. Viel Spaß mit so einem Hund!

Hannah wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Schon im Traum wurde aus Gertrud eine Märchengestalt mit dem Sinn für Grausamkeit.

Gertrud grinste: Ich bin gleich dran, mit dem Tierarzt. Der Steffen, der macht das für einen halben Kasten Bier.

Hannah stockte. Sie wollen den Hund einschläfern, weil er nicht bellt?

So siehts aus! Und du, ab in die Stadt, lass mich mit meinen Tiergeschichten in Frieden. Noch so ein Wort und ich weck meinen Sohn. Dem zeig ich mal, wie man Träume zerplatzen lässt!

Hannah überlegte fieberhaft. Klauen? Weglaufen? Hund ins Taxi? Nach Hause? Alles schmeckte nach Märchensalat. Sie schnappte ihr Handy, ihr letzter Joker.

Dann ruf ich eben meinen Mann an!, rief sie ohne nachzudenken.

Ach, du hast einen? Mein Beileid! So viel Wahnsinn geteilt.

Hannah wählte. Innerlich ein Gebet, leise und zitternd wie eine Orgel im Dom: Bitte geh ran, bitte geh ran

Sie hören?, erklang Julius Stimme.

Hannah fuhr zusammen. Er klang wie damals: weich, beruhigend, vertraut.

JuliusI-ich Erkennst du mich?

Natürlich. Deine Stimme zittert immer, wenn du in Not bist.

Sie schilderte knapp die Lage. Hund, Oma Gertrud, drohende Spritze Julius verstand sofort.

Schick mir die Adresse. Bin gleich da.

Zwanzig Minuten später rauschte Julius vor. Gertrud weckte schon ihren Sohn, es wurde laut im Haus, lauter als die Dorfkirchenglocke am Sonntag.

Julius löste wortlos die Leine und der Hund, nennen wir ihn Emil, sprang fröhlich ins Auto. Während drinnen das Chaos eskalierte, entkamen Julius, Hannah und Emil im Kleinwagen. Niemand hielt sie auf, niemand weinte ihnen nach.

*****

Du hast also wirklich das Haus gebaut?, staunte Hannah, als sie in Julius´ Hof auffuhr.

Klar doch, lachte er und zeigte stolz auf einen frisch gebauten, sonnenbeschienenen Anbau.

Während Emil im Garten herumtollte, Tee auf dem Tisch dampfte und aus dem Küchenfenster Licht fiel, saßen sie zusammen zwei Menschen, die einst an verschiedenen Träumen gehängt hatten.

Du bist also wieder da?, fragte Julius nebenbei.

Ja. Es gab viele Gründe dafür. Und nein, ich habe niemand neuen kennengelernt.

Soll auch keiner. Ich warte hier. Für dich. Julius lächelte zurückhaltend.

Plötzlich lief Emil um sie herum, als wollte er sagen: Leute, was ist los? Ihr liebt euch doch. Was hält euch ab?

Halb Jahr später es war eine Nacht, in der das Münchner Rathaus im Regen glitzerte Julius kniete, reichte einen Ring und sagte: Bleib doch.

Hannah nahm den Traum, drehte ihn wie eine Schneekugel, lächelte und sprach ihr: Ja!

Emil wedelte zufrieden. Bald gab es ein Fest mit Apfelstrudel, Bier und vielleicht, in ganz weiter Ferne, Kinderstimmen und einer dicken schwarz-weißen Katze auf dem Fensterbrett.

Die Geschichte löste sich auf, wie Dampf über deutschem Pflasterstein und irgendwo, in diesem märchenhaft-verdrehten Traumland, war alles endlich gut.

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Homy
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Ich rufe jetzt sofort meinen Mann an!
Der Geschmack der Freiheit – Den letzten Schliff haben wir vergangenen Herbst gesetzt, – begann Vera Ignatjewna ihre Erzählung. Stundenlang haben wir Tapeten ausgesucht, uns bis zur Heiserkeit über die Farbe der Badezimmerfliesen gestritten – und dabei lächelnd daran gedacht, wie wir vor zwanzig Jahren von dieser „Drei-Zimmer-Wohnung“ geträumt haben. – Na endlich, – sagte mein Mann zufrieden, als wir das Ende unserer Renovierung feierten, – jetzt können wir unseren Sohn unter die Haube bringen. Misha wird seine Frau hierher bringen, sie werden Kinder bekommen und unser Haus wird laut, lebendig – ein echtes Zuhause eben. Doch seine Träume sollten nicht in Erfüllung gehen. Unsere älteste Tochter Katja kam mit zwei Koffern und zwei Kindern zurück ins Elternhaus. – Mama, ich habe keinen anderen Ort mehr, – sagte sie, und diese Worte haben all unsere Pläne auf einen Schlag zunichte gemacht. Mishas Zimmer haben wir den Enkeln gegeben. Er hat es zum Glück mit einem Achselzucken genommen: – Kein Problem, bald hab ich ja mein eigenes. Sein „eigenes“ – das ist die Ein-Zimmer-Wohnung meiner Mutter. Auch dort ist alles frisch renoviert, und wir hatten sie an eine junge Familie vermietet. Jeden Monat kam eine kleine, aber sehr wichtige Summe auf unser Konto – unsere „Notreserve“ für die Zeit, in der wir alt und hilfsbedürftig sein würden. Einmal habe ich Misha und Lera, seine Verlobte, dabei gesehen, wie sie an diesem Haus vorbeigingen und, mit erhobenen Köpfen, darüber diskutierten. Ich wusste natürlich, worauf sie hofften, aber ich bot ihnen nichts an. Bis ich eines Tages hörte: – Vera Ignatjewna, Misha hat mir einen Antrag gemacht! Wir haben sogar schon einen Platz für die Hochzeit gefunden! Können Sie sich das vorstellen? Mit einer richtigen Kutsche! Und einer Harfe, live! Und einer Sommerterrasse! Die Gäste schlendern im Garten… – Und wo wollt ihr nach der Hochzeit wohnen? – konnte ich nicht anders und fragte nach. – So eine Hochzeit geht sicher ins Geld! Lera schaute mich an, als hätte ich nach dem Wetter auf dem Mars gefragt: – Erstmal wohnen wir bei Ihnen. Und dann – schauen wir weiter. https://clck.ru/3RKgHm – Katarinas Zimmer ist schon mit Kindern voll, – sagte ich langsam. Es wird eher eine WG als eine Wohnung. Lera schob die Lippen nach vorn. – Ja. Bei euch ist das wohl keine Option. Dann suchen wir uns eben ein echtes Studentenwohnheim. Da mischt sich wenigstens keiner ein. Dieses spitze „keiner mischt sich“ traf mich. Habe ich mich etwa eingemischt? Ich wollte sie nur vor einem törichten Schritt bewahren. Später folgte das Gespräch mit Misha – mein letzter Versuch, ihn zu erreichen. – Sohn, warum dieses Gehabe? Heiratet einfach still und legt das Geld als erste Anzahlung zurück! – meine Stimme zitterte vor Sorge. Er blickte starr aus dem Fenster. – Mama, warum feiert ihr seit fünfundzwanzig Jahren jedes Ehejubiläum im „Goldenen Drachen“? Ihr könntet doch auch zu Hause bleiben – wäre doch billiger. Darauf wusste ich keine Antwort. – Na also, – spottete er, – ihr habt eure Tradition, wir schaffen unsere eigene. Er setzte unser bescheidenes Familienessen mit ihrer Hochzeits-Show für eine halbe Million gleich! In Mishas Augen sah ich keinen Sohn, sondern einen Richter. Einen, der sein Urteil gesprochen hat: Ihr seid Heuchler. Euch ist alles erlaubt, mir nichts. Vergessen hatte er dabei, dass sein Vater und ich immer noch den Kredit für sein Auto abbezahlen. Über unsere „Notreserve“ hat er nie nachgedacht. Aber jetzt braucht er eine Hochzeit! Und was für eine! Am Ende waren Sohn und Schwiegertochter auf mich beleidigt – besonders, dass ich die Schlüssel von Omas Wohnung nicht rausrückte. *** Eines Abends kam ich sehr spät in einem fast leeren Bus nach Hause und sah mein Spiegelbild. Eine müde Frau, viel älter als sie eigentlich ist. Mit schwerer Einkaufstasche und Angst im Blick. Plötzlich, mit schmerzhaft klarer Erkenntnis, wurde mir bewusst: Ich mache alles aus Angst! Angst, zur Last zu werden. Angst, von den Kindern verlassen zu werden. Angst vor der Zukunft. Ich gebe Misha die Wohnung nicht, weil ich sie nicht entbehren kann, sondern weil ich fürchte, am Ende mit nichts dazustehen. Ich zwinge ihn, sich selbst zu behaupten, zahle ihm aber gleichzeitig sein Leben: Was, wenn er es nicht schafft und enttäuscht ist? Ich fordere reife Entscheidungen von ihm, behandle ihn aber wie ein Kind, das nichts versteht oder kann. Eigentlich wollen Misha und Lera einfach einen schönen Start ins Leben – mit Kutsche und Harfe. Albern und verschwenderisch, aber letztendlich ihr gutes Recht! Solange sie selbst zahlen. Also vereinbarte ich mit den Mietern, dass sie schnellstmöglich eine andere Bleibe finden. Einen Monat später rief ich Misha an: – Kommt vorbei. Wir müssen reden. Sie kamen vorsichtig, kampfbereit. Ich stellte Tee auf den Tisch und legte den Schlüsselbund der Wohnung meiner Mutter daneben. https://clck.ru/3RKg9f – Nehmt ihn. Aber freut euch nicht zu sehr: Das ist kein Geschenk. Die Wohnung steht euch ein Jahr zur Verfügung. Bis dahin müsst ihr euch entscheiden: Entweder nehmt ihr einen Kredit auf oder bleibt – aber zu anderen Konditionen. Die Miete für das Jahr – geschenkt. Sehen wir als meine Investition. Aber nicht in eure Hochzeit, sondern in eure Chance, eine Familie zu werden – und nicht bloß Mitbewohner. Lera riss die Augen auf. Misha starrte auf die Schlüssel. – Mama… und Katja? – Auch für Katja gibt’s eine Überraschung. Ihr seid erwachsen. Jetzt tragt ihr Verantwortung für euer Leben. Wir sind nicht länger euer Hintergrund und euer Bankomat. Wir sind einfach Eltern. Die lieben, aber nicht retten. Stille. Endlich. – Und die Hochzeit? – fragte Lera unsicher. – Hochzeit? – Ich zuckte mit den Schultern, – macht, was ihr wollt. Findet ihr eine Harfe – nehmt die Harfe. *** Sie zogen ab – und ich hatte plötzlich riesige Angst. Was, wenn sie scheitern? Was, wenn sie für immer auf mich böse sind? Aber zum ersten Mal seit Jahren holte ich tief Luft. Denn endlich hatte ich „Nein“ gesagt! Nicht ihnen – meinen eigenen Ängsten. Und ließ meinen Sohn ins Erwachsenwerden ziehen, ins unabhängige, manchmal schwere Leben. Wie auch immer es werden sollte… *** Nun die Sicht des Sohnes. Lera und ich wollten, dass unsere Hochzeit außergewöhnlich wird. Die Scheidung meiner Schwester machte unsere Pläne zunichte. Als Mama sagte, so eine Hochzeitsfeier lohne sich nicht, ist in mir etwas zerbrochen. – Warum feiert ihr dann euer Jubiläum immer im Restaurant? – schoss ich heraus. – Zu Hause wäre es günstiger! Ich sah, wie Mama blass wurde. Ich wollte wirklich verletzen. Ich war zutiefst gekränkt. Ja, sie haben mir das Auto geschenkt. Und? Ich hab nicht darum gebeten! Jetzt halten sie mir die Kreditrückzahlung immer vor. Was hab ich damit zu tun? Sie haben entschieden, sie zahlen. Sie haben die Wohnung renoviert. Angeblich für uns. Aber wohnen können wir da nicht. Omas „Ein-Zimmer-Wohnung“ ist ein Heiligtum – wichtiger als die Hochzeit des einzigen Sohnes! Und nun? Wie zeigen Lera und ich uns selbst und der Welt, dass es uns gibt, als Paar? Lera senkte einmal verschämt den Blick: – Misha, ich kann dir nichts bieten. Meine Eltern können nicht helfen – sie zahlen selbst eine Wohnung ab. – Du gibst mir dich, – antwortete ich, um sie zu beruhigen. Tief im Innern war ich jedoch wütend. Nicht auf sie, sondern auf die Ungerechtigkeit. Warum bleibt alles an meinen Eltern hängen? Und warum helfen sie mit so verbitterter Miene, als stecke mit jedem Euro ein Nagel mehr in ihren eigenen Sarg? Solche Hilfe tut nicht gut – sie macht schuldbewusst. Viel unausgesprochener Ärger lag in der Luft. Da kam der Anruf. Mamas Stimme war seltsam klar und fest. – Kommt vorbei. Wir müssen reden. Wir fuhren hin wie zum Richttag. Lera drückte meine Hand: – Sie wird unsere Hochzeit nicht unterstützen, flüsterte sie. – Gar nicht. – Vielleicht, – nickte ich. *** Auf dem Tisch lag der Schlüsselbund von Omas Wohnung. Den Schlüsselanhänger erkannte ich sofort – aus meiner Kindheit. – Nehmt ihn, – sagte Mama. Und hielt eine kurze, aber revolutionäre Rede. Über ein Jahr Zeit. Über Entscheidungen. Über das Ende des „Bankomats und Hintergrunds“. Das ewige Argument „wir haben keinen Platz zum Wohnen“ war verpufft, und die Hoffnung „Mama und Papa regeln alles“ niedergerissen. Ich hielt die Schlüssel. Sie waren kalt und irgendwie schwer. Und plötzlich kam die Erkenntnis, schmerzhaft und klar: Wir hatten viel gewollt und uns gekränkt, aber nie ehrlich mit den Eltern gesprochen: „Mama, Papa, wir verstehen eure Ängste. Lasst uns bereden, wie wir vorwärts kommen – ohne euch kaputt zu machen. “ Nein, wir erwarteten einfach, dass sie unsere Wünsche erraten und erfüllen – ohne Worte, ohne Bedingungen, mit Lächeln. Wie früher. – Und die Hochzeit? – fragte Lera leise. – Eure Hochzeit? – Mama zuckte die Schultern, – findet ihr eine Harfe, dann gibt es eine Harfe. Wir gingen hinaus. Ich spielte mit den Schlüsseln in der Tasche. – Was tun wir jetzt? – fragte Lera. Nicht wegen der Wohnung. Wegen allem. – Ich weiß es nicht, gab ich ehrlich zu. – Jetzt ist das unsere Sache… Diese neue Verantwortung war gruselig und gleichzeitig wild und befreiend. Und der erste Schritt war – zu überlegen, brauchen wir wirklich die Kutsche und die Harfe? Traditionen sind schön, aber sie müssen auf mehr gründen als nur einem besonderen Tag… *** Und wie ging es weiter? Das Erwachsenenleben von Misha und Lera begann tags drauf. Endlich zusammen! In einer eigenen Wohnung! Sie gehört ihnen (noch) nicht, aber immerhin. Klein, aber gemütlich. Alles frisch renoviert. Und keiner sonst da! Zuerst, natürlich: jeden Tag Gäste! Ist ja Freiheit! Nach einem Monat dann ein gemeinsamer Wunsch: ein Hund muss her! Und nicht irgendeiner – ein Großer! Lera hatte immer von einem Hund geträumt, durfte aber nie einen haben: Mama war dagegen. Bei Misha war es anders – er hatte als Kind einen Hund, doch der lief weg. Tragisch… Schnell zog das letzte Glücks-Element ein: ein süßer Retriever namens Lexus. https://clck.ru/3RKgGM Der Dreimonatige machte sich gleich bemerkbar: Ecken kratzen, Möbel anknabbern, Pfützen überall. Als Vera Ignatjewna die Kinder besuchen kam, war sie entsetzt: Von dem neuen Mitbewohner hatte sie keiner informiert. – Misha! Lera! Wie konntet ihr! Nicht mal gefragt! – Sie war den Tränen nah, – und warum überhaupt? Für so einen Hund muss man ständig da sein, und ihr lasst ihn allein! Klar, dass er alles kaputt macht. So viel Fell – räumt ihr das überhaupt weg? Und der Geruch! Nein! Das geht zu weit! Ihr müsst den Hund zurückgeben! Und zwar morgen! – Mama, – nickte Misha unzufrieden, – du hast uns die Wohnung für ein Jahr versprochen. Und jetzt willst du jedes Mal bestimmen, wie wir leben? Willst du die Schlüssel zurück? – Ganz sicher nicht, – rief Vera Ignatjewna, – ich halte mein Wort. Ein Jahr heißt ein Jahr. Aber: Ihr müsst die Wohnung im selben Zustand zurückgeben, wie ihr sie bekommen habt. Ist das klar? – Klar, – sagten Misha und Lera fast gleichzeitig. – Bis dahin braucht ihr mich nicht erwarten. Ich will das nicht sehen. *** Mama blieb dabei. Kam nicht mehr. Rief selten an. Vier Monate später war Misha wieder zu Hause – er und Lera hatten sich getrennt. Er erzählte noch lange, wie wenig sie haushalten konnte. Kochen klappte nicht. Sich um den Welpen nicht – erst recht nicht mit Gassigehen. Zum Schluss mussten sie Lexus zurückgeben. Es war eine Aktion. Eine Woche lang Überredungskünste. Hundefutter hatten sie für drei Monate gekauft – so hatte es der Züchter verlangt. Und das kostete! – Hast du dich da vielleicht mit Lera zu sehr beeilt? – fragte Vera Ignatjewna mit einem versteckten Lächeln, – Ihr wolltet doch Hochzeit – mit Kutsche und Harfe… – Hochzeit, Mama!? Ich bitte dich! Miet Oma ihre Wohnung ruhig wieder. – Wozu? Willst du nicht dort wohnen? Hast dich doch dran gewöhnt, oder? – Nee, dann lieber wieder hier zu Hause, – schüttelte Misha den Kopf, – oder bist du dagegen? – Ich bin immer dafür, – antwortete Vera Ignatjewna, – zumal es jetzt ohne Katja und die Kinder wieder ziemlich leer geworden ist…