1951 war ich ein vierzehnjähriger Junge aus München und wachte plötzlich im Krankenhaus auf mit hundert Stichen auf der Brust. Die Ärzte hatten mir gerade eine Lunge entfernt. Um zu überleben, brauchte ich sage und schreibe 13 Blutspenden von völlig fremden Menschen, deren Namen ich nie erfahren würde.
Mein Vater, Ludwig, saß damals schweigend an meinem Bett, bis er eine Bemerkung machte, die mein Leben für immer verändern sollte:
Du lebst nur, weil andere für dich Blut gespendet haben.
In diesem Moment schwor ich mir: Sobald ich 18 werde, spende ich selbst Blut. Ich gebe zurück, was einst mein Leben gerettet hat.
Es gab ein Problem: Ich hatte eine enorme Angst vor Nadeln.
Und doch stand ich an meinem achtzehnten Geburtstag vor der Blutspendezentrale in München. Ich setzte mich auf den Stuhl, starrte an die Decke und ließ die Schwester die Nadel setzen. Ich habe nie hingeschaut. Nicht ein einziges Mal.
Vierundsechzig Jahre lang.
Damals wusste ich noch nicht, dass mein Blut etwas ganz Besonderes war.
Nach einigen Spenden machten die Ärzte eine erstaunliche Entdeckung: Mein Blutplasma beinhaltete ein extrem seltenes Antikörper höchstwahrscheinlich als Folge der vielen Transfusionen in meiner Kindheit. Dieses Antikörper konnte das lebensbedrohliche Rhesus-Konflikt-Syndrom verhindern.
Vorher starben jedes Jahr unzählige deutsche Babys. Wenn eine Frau mit Rhesus negativ ein Baby mit Rhesus positiv austrug, konnte ihr Körper die Blutkörperchen des Kindes angreifen.
Fehlgeburten. Totgeburten. Schwere Hirnschäden.
Und die Lösung steckte in meinem Blut.
Die Ärzte fragten mich, ob ich bereit wäre, nicht nur Blut, sondern vor allem Plasma zu spenden. Das bedeutete Sitzungen von neunzig Minuten statt zwanzig Minuten. Und Spendetermine alle paar Wochen. Mein Leben lang.
Ich dachte an meine Angst. Und ich dachte an die Kinder. Dann nickte ich und sagte Ja.
Die nächsten 64 Jahre verpasste ich keine einzige Plasmaspende. Egal ob an Tagen voller Glück oder tiefer Trauer, ob berufstätig bei der Deutschen Bahn oder als Rentner. Selbst nach dem Tod meiner Frau Margarete im Jahr 2005 meine dunkelste Zeit habe ich nicht aufgehört.
Jedes einzelne Mal, insgesamt 1173 Mal, blickte ich zur Decke, unterhielt mich mit den Schwestern, zählte die Fliesen an der Wand alles, nur nicht auf die Nadel schauen.
Die Angst blieb. Aber ich kam immer wieder.
Das Leben schrieb ein seltsames Kapitel: Auch meine Tochter, Hedwig, brauchte später das Medikament aus meinem Plasma, als sie schwanger war. Mein Enkel, Tim, lebt nur dank jener Entscheidung, die ich Jahrzehnte zuvor getroffen hatte.
Im Mai 2018, mit 81 Jahren, musste ich laut deutschen Regeln zum letzten Mal Plasma spenden.
Im Spendersaal standen Mütter mit gesunden Babys auf dem Arm lebender Beweis für mein stilles Heldentum. Sie bedankten sich mit Tränen in den Augen.
Ich setzte mich ein letztes Mal auf den Stuhl, drehte den Kopf weg, und spendete Plasma zum 1173. Mal.
Seit 1967 wurden mehr als drei Millionen Dosen Anti-D-Medikamente mit Bestandteilen aus meinem Blut verabreicht. Wissenschaftler schätzen, dass mein Beitrag etwa 2,4 Millionen Babys in Deutschland das Leben gerettet hat.
Wenn mich jemand einen Helden nannte, zuckte ich nur mit den Schultern:
Ich sitze einfach in einem sicheren Raum, spende Blut, bekomme einen Kaffee und ein Brötchen. Dann gehe ich nach Hause. Kein Problem.
Am 17. Februar 2025 starb ich mit 88 Jahren friedlich im Schlaf.
Wir suchen oft nach Helden in Filmen oder Geschichtsbüchern Menschen mit Superkräften, Reichtum, Ruhm.
Manchmal ist ein Held aber einfach jemand, der 64 Jahre lang ein Versprechen hält.
Jemand, der Angst spürt echte, lähmende Angst und trotzdem das Richtige tut.
Denn Millionen leben, weil ein einziger Mann fand, dass seine Angst weniger zählt als das Leben anderer.
Und du? Welchen kleinen, mutigen Schritt kannst du tun selbst wenn er dir Angst macht?




