Punkt zwei Uhr am Nachmittag kam Alina am Haus ihrer Eltern an.
Ach, mein Alinchen!, rief sofort ihre Mutter und schloss sie herzlich in die Arme.
Endlich lässt du dich wieder blicken, brummte ihr Vater. Komm, lass uns essen.
Alina folgte ihren Eltern ins Esszimmer, während ihre Gedanken kreisten: Warum wollte ihr Vater sie sprechen? Was wollte er ihr sagen? Sicher hatte er sich mal wieder etwas Absurdes ausgedacht.
Alle setzten sich an den Tisch. Die Mutter stellte das Mittagessen auf und jeder begann still zu essen. Nur das Klappern von Besteck durchbrach die Stille, gelegentlich unterbrochen von einem Wort des Vaters, der um das Salz oder den Pfeffer bat.
Warum isst du so wenig?, fragte ihr Vater schroff. Deine Mutter hat sich Mühe gegeben!
Viktor, fuhr die Mutter ihm leise dazwischen.
Sabine! Was habe ich falsch gesagt? Du hast dich doch angestrengt, oder etwa nicht
Viktor, mahnte Sabine noch einmal.
Alina zog sich innerlich zusammen. Sie mochte es nicht, wenn ihr Vater anfing, an ihr oder jemand aus der Familie herumzukritisieren. Dann war er meistens angespannt oder gereizt.
Was will er bloß von mir?, dachte sie.
Mama, es ist wirklich lecker! Gibst du mir was davon für später?, Alina lächelte.
Na klar, mein Schatz.
Die Stille kehrte an den Tisch zurück.
Nach etwa fünfzehn Minuten schob der Vater seinen Teller weg und sagte knapp: Ich bin in meinem Arbeitszimmer. Komm nach, Alina.
Er stand auf und verschwand.
Alina eilte gleich zu ihrer Mutter. Mama, was will er mit mir reden? Ist etwas passiert?
Die Mutter zuckte die Schultern. Ich weiß es nicht, mein Kind. Bei dir ist doch alles in Ordnung?
Natürlich. Die Arbeit läuft
Vielleicht will er dir einen Job in der Firma anbieten?
Alina schnaubte leise. Mach dich nicht lächerlich, Mam. Er glaubt doch sowieso, dass ich zu nichts tauge. Na gut, ich geh mal zu ihm und finde es heraus, ich erzähl dir danach was los ist.
Alina drückte ihre Mutter an sich, zwinkerte ihr zu und ging ins Arbeitszimmer des Vaters.
***
Alina klopfte vorsichtig an die Tür und trat ein.
Weshalb musste er sie unbedingt in sein Arbeitszimmer zitieren? Er hätte auch einfach einen Spaziergang mit ihr machen können. Aber nein, es musste ins Arbeitszimmer gehen, auf den sprichwörtlichen roten Teppich!
Ihr Vater stand am Fenster, den Rücken zu ihr gedreht.
Papa?, sagte Alina leise.
Er drehte sich genervt um. Was hat so lange gedauert?
Alina zuckte nur mit den Schultern und schwieg.
Der Vater betrachtete sie mit nachdenklichem, fast prüfendem Blick. Das verunsicherte Alina noch mehr. Dann durchbrach sie die Stille: Also, was ist los, Papa?
Er schaute überrascht. Was los ist? Das wollte ich dich fragen: Was ist los mit dir, Alina?
Mit mir ist alles bestens.
Mit mir aber nicht!
Eine Pause. Dann kam die eigentliche Frage: Wie lange sollen wir denn noch warten?
Alina verstand gar nichts mehr. Worauf denn?
Worauf? Auf wen! Auf Enkel warten wir!
Alina brach in Lachen aus.
Papa, welche Enkel? Ich hab ja nicht mal einen Freund.
Eben!, fuhr er ihr dazwischen, genau das!
Jetzt ahnte Alina, worauf das hinauslief: Er hatte sicher wieder jemanden im Kopf, mit dem er sie verkuppeln wollte.
Ich schaue mir deine Profile in den sozialen Netzwerken an. Das ist doch grauenhaft! Du bist da wie ein graues Mäuschen! Gerade jetzt, schau dich doch mal an! Deine Mutter die strotzt nur so vor Weiblichkeit, weiß, ihre Vorzüge zu betonen. Und du?
Papa, wie ich mich kleide und wie ich aussehe, ist meine Sache
Nein! Das ist auch Sache deiner Mutter und von mir. Du bist eine hübsche Frau, aber du versteckst es.
Papa!
Was, Papa? Was? Du weißt doch, was ich meine! Ich will einfach, dass du einen Mann findest, einen mit Perspektive und Geld und dass wir endlich Enkel bekommen!
Ich will das nicht! Das ist meine Angelegenheit und ich entscheide, wann und wen ich heirate. Nun merkte sie, wie sie anfing, richtig wütend zu werden.
Alina, Alina so einen schönen Namen haben wir dir gegeben. Dachten, alles würde glatt laufen und jetzt immer nur Widerstand! Ich will doch nur dein Bestes
Lass uns das Thema lieber beenden, ja?
Wie alt bist du jetzt?
Vierundzwanzig. Ich bin gar nicht bereit zu heiraten!
Alina! Wem soll ich denn mein Geschäft vererben?
Vererb es mir. Ich kümmer mich drum.
Dir? Du bist doch ein Mädchen! Mädchen haben doch keinen Draht zu Zahlen und Geschäften. Sie spürte, wie dem Vater langsam die Geduld ausging.
Ich schon.
Ach wo! Ich sagte doch, ein anderes Studium hättest du wählen sollen: Journalismus, Design, Kunst! Nein, du hast dich durchgesetzt
Das habe ich, weil es mich interessiert.
Du, und Geschäft? Das ist ein Witz, du bist zurückhaltend, schüchtern, in der Geschäftswelt gehst du unter. Also, Mädel, du musst heiraten. Und ich habe schon
Nein!, rief Alina, stürmte hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.
***
Alina bebte noch innerlich. Das Gespräch ließ sie nicht los.
Unglaublich! Er entscheidet, dass sie heiraten sollte, er sucht ihr den Mann aus, meint, sie würde sich falsch kleiden, falsch leben, aus ihr sei ein graues Mäuschen geworden!
Dabei hatte er Recht, zumindest was ihr Auftreten betraf. Die gedeckten Hosenanzüge ließen sie in der Menge untergehen. Sollte sie auf kräftigere Farben umsteigen? Vielleicht war es wirklich die immer gleiche Grauzone, wegen der sie keinen Partner fand?
Nein, das war es nicht! Ihr zukünftiger Freund sollte sie auch im Business-Look entdecken und nicht nur auf auffällig bunte Make-up und Kleider anspringen wie ein Falter auf Licht!
***
Oooch, da kommt ja unser Maschinchen!, rief plötzlich eine Kollegin, als Alina das Büro betrat. Wieso so spät, hast du an der roten Ampel gestanden?
Alina würdigte Nadine mit einem frostigen Blick warum saß die heute eigentlich an der Rezeption?
Sehr witzig, murmelte sie.
Na, ich finde es jedenfalls lustig. Bei deinem Namen muss man dich einfach ein bisschen aufziehen, gähnte Nadine.
Alina warf ihr noch einen abfälligen Blick zu und verschwand im Büro.
Was für eine Ziege, dachte sie. Noch nie hatte jemand über ihren Namen gelästert, und jetzt fing diese Nadine damit an…
Alinchen, lass dich nicht ärgern, kam Kollegin Maren zu ihr. Nadine macht das extra, seitdem du ihren Bruder abblitzen lassen hast.
Hat Nadine wieder einen Spruch abgesondert?, fragte noch eine, Alla, im Vorbeigehen. Lass sie reden. Sie sitzt nur da, weil Masha heute krank ist. Und außerdem wartet sie doch immer noch darauf, dass ihr Vovkus von seiner Frau weggeht. Nun, er hat sich geweigert, und angeblich hat sie ihn rausgeworfen… Aber hey, von ihrem Gehalt allein wird sie ihre Wünsche nicht finanzieren können, deshalb keift sie heute alle an.
***
Alina startete den Computer. Ihr Telefon klingelte.
Alina, kommen Sie bitte zu mir., hörte sie die Stimme ihres Chefs.
Na super, kaum angekommen, schon Ärger.
Alina stand auf und betrat das Büro von Herrn Petersen.
***
Beim Chef saßen Herr Petersen und ein ihr unbekannter jüngerer Mann.
Guten Tag, sagte Alina freundlich.
Hallo. Alina, das ist Jan, unser Geschäftsführer-Sohn. Jan, das ist Alina meine beste, ja, meine allerbeste Mitarbeiterin. Jan schaut sich heute und morgen im Team um. Zeig ihm bitte, wie alles läuft.
Alina musterte Jan missbilligend schon wieder so ein Möchtegern, wie ihr Vater sie ständig andrehen wollte. Wollte der Chef ihn etwa als Nachfolger aufbauen? Furchtbar! Das alles schoss ihr blitzschnell durch den Kopf laut gesagt hätte sie es nie.
***
Jan langweilte sich. So wie noch nie. Klar, es war interessant zu sehen, wie die Leute arbeiteten und alles am Laufen hielten. Die Firma wuchs, mehr Umsatz, mehr Gewinne für seinen Vater. Aber ihn interessierte das alles nicht. Er wollte einfach nur Software entwickeln. Leider sah sein Vater das anders. Für ihn zählte nur das Familienunternehmen, das vermacht werden sollte. Warum musste alles immer so sein?
Jan beneidete Leute wie Nikolaus, der leidenschaftlich für den Vertrieb brannte, oder Alina, die ihm begeistert erklärte, wie sie Tipps nutzte, um ihre Zahlen zu steigern. Oder Anja, die für Marketing lebte. Und er?
Jan, hallo!, säuselte Nadine plötzlich, setzte sich mit auffälligem Ausschnitt zu ihm.
Jan rollte innerlich die Augen. Kaum weiß sie, dass er Chefsohn ist, wird sie anhänglich.
Hi, Nadine, murmelte er, brachte mühsam ein Lächeln zustande.
Langweilig, was? Ich esse mit dir!
Ohne Antwort kramte Nadine irgendein Gespräch über Autos hervor. Jan dachte nur:
Warum meinen manche Frauen, man müsse mit Jungs über Autos reden? Gibt es keine anderen Themen?
Als er Nikolaus sah, süffelte er rasch seinen Tee und meinte: Sorry, Nadine, ich muss mal kurz zu Nikolaus.
Fast rannte er weg, ohne Nadines enttäuschtes Gesicht zu bemerken.
***
Alina blieb abends länger im Büro. Draußen war es herbstlich frisch, der Weg zum U-Bahnhof einsam und dunkel ungewöhnlich für das Zentrum von München, aber die Straßenlaternen waren ausgefallen. Alina beschleunigte aus Unbehagen ihre Schritte.
Was ist das denn heute? Sonst hatte ich nie Angst hier, egal um welche Zeit.
Da versperrten ihr plötzlich mehrere Typen den Weg.
Na, Schönheit, wohin so eilig?, lachten sie provozierend.
Nach Hause, versuchte Alina ruhig zu antworten, obwohl sie Angst hatte.
Komm doch lieber mit uns. Einer packte sie am Handgelenk
Da ertönte eine vertraute Stimme: Alina, warte, ich komme!
Alina blickte auf und sah Jan auf sie zu rennen.
Alina, ich hab dich fast nicht erkannt! Jungs, entschuldigt, sie ist bei mir.
Im nächsten Moment spürte sie, wie Jan sie aus der Runde hinauszog, direkt zu einer lebhaften Kreuzung, wo sie gemeinsam wegrannten.
***
Das passiert mir schon wieder, schoss Jan durch den Kopf.
Zweimal in seinem Leben hatte er schon eine Frau aus einer brenzligen Situation gerettet. Damals war das Mädchen einfach weggerannt und er musste alleine Prügel einstecken. Es würde wohl wieder so enden. Hoffentlich hatte er auch diesmal Glück.
Da stehen sie! Schaut!
Polizisten näherten sich mit Alina, die schnell Hilfe geholt hatte. Die Typen machten sich augenblicklich aus dem Staub.
***
Nach dem Schreck saßen Alina und Jan im Café.
Weißt du, ich dachte wirklich, du würdest nicht zurückkommen!, sagte Jan.
Im Ernst? Wie könnte ich dich einfach im Stich lassen?, erwiderte Alina erstaunt.
Ich dachte, du hättest dich einfach in Sicherheit gebracht, gestand Jan schüchtern.
Nein, Glück gehabt. Ich habe sofort Polizisten entdeckt und bin zu ihnen.
Danach redeten sie eine Ewigkeit über Gott und die Welt, und Jan begleitete Alina nach Hause.
Du bist gar nicht so, wie ich erwartete, sagte Alina zum Abschied.
Wie meinst du?
Nicht wie andere Chefs-Kinder. Du bist ganz natürlich.
Jan lachte: Als ob du viel Umgang mit reichen Kids hättest!
Nee, sicher nicht. Bleibst du lang in der Firma?, wechselte Alina das Thema.
Jan zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung. Hoffentlich nicht lange. Es ist alles nicht meins.
Nicht deins?
Nein. Ich bin Programmierer.
Warum sprichst du das nicht mit deinem Vater?
Meinst du, habe ich noch nie versucht? Ich habe es hunderte Male angesprochen! Er hört nicht zu! Aber lassen wir das. Danke für den netten Abend. Bis morgen!
Er küsste Alina auf die Wange, wartete, bis sie in ihrer Wohnung war, und ging dann zum U-Bahnhof.
***
Am nächsten Morgen verschlief Alina. Typisch ausgerechnet heute versagte der Wecker!
In Eile stürmte sie ins Büro und lief dabei Nadine in die Arme, die gerade mit dem Empfang sprach.
Aha, wer kommt denn da zu spät, grinste Nadine und beobachtete, wie Alina sich im Arbeitsbuch eintrug. Stell dir vor, ich habe dich gestern gesehen! Und weißt du, mit wem? Mit Jan! Du und Jan ihr seid ein Paar!
Alina konnte sich ein schiefes Lächeln nicht verkneifen. Irgendwann würde es ja sowieso rauskommen, dass sie etwas mit dem Chefssohn hatte.
Na und? Mit wem ich mich treffe, ist meine Sache, sagte sie beiläufig.
Ich frag mich nur, wie so eine graue Maus wie du so einen Schnösel kriegt.
Vielleicht mit Köpfchen?, konterte Alina und schritt vorbei.
Doch vor ihrem Zimmer wartete schon ihr Chef.
Alina, du bist spät! Komm bitte mit, ich muss mit dir sprechen.
Alinas Herz schlug schneller. Ist was passiert?
Komm mit.
Im Büro schien Herr Petersen unruhig. Er lief durchs Zimmer, blieb am Fenster stehen. Dann bat er sie zu sich.
Na, Herr Petersen, was ist?
Eigentlich nichts weiter. Aber du triffst den falschen Jungen du bist entlassen.
Was?!
Ich rufe gleich die Personalabteilung. Sie wird alles Weitere klären.
***
Nach einer halben Stunde stand Alina vor dem Büro.
Das wars also.
Alina war traurig und musste zugleich lachen.
Alina!, rief Jan, als er zu ihr rannte.
Wohin gehst du?, fragte er.
Heim. Wohin sonst?, seufzte Alina.
Kopf hoch, lächelte Jan. Wahrscheinlich wartet etwas Besseres auf dich. Herr Petersen schreibt dir ein Spitzenzeugnis und empfiehlt dich weiter.
Stimmt, alles wird gut. Irgendwie geht es immer weiter. Geh zurück zur Arbeit, ich komme klar.
Ich gehe nicht zurück. Ich hab eh nur wegen dir ausgehalten. Jetzt bist du raus dann geh ich auch.
Sei nicht verrückt, Jan! Dein Vater streicht dir sicher die Unterstützung
Jan zuckte die Schultern. Dann arbeite ich eben wieder als Programmierer. Kein Problem. Ich hab sogar ein kleines Studio in der Stadt. Komm doch mit zu mir.
***
Viktor und seine Frau traten vor das Krankenhaus.
Du bist schuld, schimpfte Viktor. Du hast ihr alles erlaubt, sie immer in Schutz genommen und jetzt das!
Ist doch wunderbar! Unsere Tochter baut ihre Karriere selbst auf, hat ihren Partner selbst gefunden, geheiratet, und jetzt ist sie selbst Mama geworden, lächelte Sabine.
Auf dem Vorplatz warteten noch andere, sicher warteten sie auch auf ihre Lieben.
Da erkannte Viktor ein bekanntes Gesicht einer ihrer alten Lieferanten.
Grüß Gott, sagte Viktor.
Die Männer schüttelten die Hand, die Frauen nickten sich zu.
Na, Viktor, was führt dich hierher?
Meine Tochter hat geboren. Wir warten jetzt…
Was ist es geworden?
Ein Mädchen, antwortete Viktor stolz.
Herzlichen Glückwunsch! Bei uns auch. Unser Sohn kommt gleich raus mit seiner Frau. Stell dir vor, hat geheiratet, uns nicht mal eingeladen! Diese Jugend heutzutage
Dann öffnete sich die Tür, Jan und Alina traten hinaus Alina mit einem winzigen Bündel im Arm.
Da sind sie ja!, rief Viktor und lief zu seiner Tochter.
Sein Bekannter eilte gleich mit.
Das heißt also, Alina ist deine Tochter?
Ja, antwortete Viktor freudig. Und ihr Mann ist dein Sohn?
Viktor sah, wie der andere nickte.
Verrückt! Ich hatte Sorge, meine Tochter heiratet einen Habenichts
Und ich habe mich geärgert, weil mein Sohn mit einem Mädchen ohne Status zusammenkam. Hätte nicht gedacht, dass das deine Tochter ist!
Viktor sah seine Frau schmunzeln.
Tja, wie man sieht: Gleich und Gleich gesellt sich gern, bemerkte Viktor.
Ach was, das ist Quatsch, widersprach Sabine. Unsere Kinder haben sich doch alles selbst aufgebaut. Dass sie sich mochten das war einfach Schicksal
Abends lag ich im Bett und dachte lange nach. Vielleicht war ich in den Augen vieler nur ein graues Mäuschen aber mein Leben gehört mir. Es ist nicht wichtig, laut und bunt zu sein, um das eigene Glück zu finden manchmal reicht es, bei sich zu bleiben und den eigenen Weg zu gehen. Ich habe gelernt, dass ich auch als graue Maus meine Zukunft selbst in die Hand nehmen und mein Glück erschaffen kann.




