SCHWIEGERTOCHTER
Maria Behrens stellte eine große Platte mit knusprig gebratener Ente auf den liebevoll gedeckten Tisch und seufzte leise. Jeden Moment würden ihre Söhne mit ihren Ehefrauen eintreffen.
Vor kurzem hatte ihr Jüngster geheiratet, die Feier war bescheiden gewesen. Nun gut, die Jugend macht es heute eben so. Sie selbst hätte damals am liebsten groß aufgefahren, aber mit ihrem Mann waren sie einfach ins Standesamt spaziert. Die Eheringe konnten sie sich erst ein Jahr später leisten zwei schlichte, goldene Ringe. Für ihre Kinder hätte sie ein richtiges Fest gewünscht, aber das sollte jeder selbst entscheiden.
Sie hat nur einen Nachteil sie ist mir einfach zu gepflegt, gestand sich die Schwiegermutter ein, doch sie wusste, ihre Schwiegertochter hatte bereits Gesprächsbedarf angekündigt.
Die Schwiegertochter Kathrin war eigentlich ein nettes Mädchen, sympathisch. Sie beeinflusste ihren Sohn Georg positiv, hatte ihm zu einer guten Stelle verholfen und motivierte ihn weiterhin, Karriere zu machen. Bis dreißig hatte er bei ihr im Haus gelebt, ohne große Ziele. Maria Behrens hatte schon angefangen, sich Sorgen zu machen. Doch zum Glück fügte sich alles.
Nur eines gefiel ihr nicht bei Kathrin dieser ständige Drang zur Schönheitspflege. Kosmetiksalons, Frisuren, Maniküre, Massagen. Jede Menge Geld floß dahin. Das schickt sich doch nicht für eine verheiratete Frau, deren Familie an erster Stelle steht.
Wenn später Kinder da wären geht sie dann zum Nagelstudio, statt dem Sohn neue Schuhe zu kaufen? Maria konnte mit solcher Lebensart nichts anfangen. Um sich selbst kümmerte sie sich immer erst zuletzt, besonders nach dem Tod ihres Mannes, als die erwachsenen Söhne trotzdem noch ihre materielle Hilfe brauchten.
Ein leises Klingeln an der Tür riss sie aus ihren Gedanken die jungen Leute waren da. Kathrin trat ins Wohnzimmer wie ein Star. Perfekt frisiert, gepflegte Hände, kaum Make-up dank erfahrener Kosmetikerin.
Kathrin, du siehst wirklich bezaubernd aus!, rief Maria ehrlich, doch ein Hauch von Missfallen schwang in ihrer Stimme mit. Der Anzug ist sicher neu, oder?
Ja, habe ich gestern geholt, lächelte Kathrin. Ich habe einen Bonus auf der Arbeit bekommen.
Das Geld sollte man besser zurücklegen, konnte Maria ihre Erfahrung nicht verbergen. Prämien, Weihnachtsgeld alles auf die hohe Kante. Glaube mir, das wird noch wichtig!
Kathrin schwieg. Sie mochte ihre Schwiegermutter eine herzensgute Frau, die alles für die Familie tat. Doch insgeheim glaubte Kathrin, dass Schicksalsschläge besonders da zuschlagen, wo man ständig mit ihnen rechnet.
Der Abend verlief angenehm. Trotzdem brachte Maria mehrmals vorsichtig das Thema unnötige Ausgaben an. Kathrin merkte sofort, dass diese Hinweise ihr galten.
Wann waren Sie das letzte Mal zur Maniküre, Frau Behrens?, brach es schließlich aus ihr heraus.
Ich? Niemals. Zu Hause feile ich mir die Nägel, damit die Hände sauber aussehen. Mehr braucht es nicht.
Den kurzen Dialog bemerkte niemand. Doch Kathrin tat Maria plötzlich leid da hatte sie zwei Söhne großgezogen, beide verdienten mittlerweile gut, und doch gönnte sie sich nichts!
Georg, tut deine Mutter überhaupt mal was für sich selbst?, fragte sie auf dem Heimweg.
Ach, keine Ahnung. Sie kocht, hast ja gesehen, den tollen Tisch eben. Sie sieht fern, besucht Nachbarinnen. Warum?
Sie hat im Leben ja nie etwas Schönes bekommen. Ihr könntet sie doch mal ins Kino, ins Theater, ins Restaurant ausführen!
Ach, das braucht sie nicht, übertreib nicht.
Kathrin schwieg. Sie verglich Marias Leben mit dem ihrer Mutter, die sich auch wenn das Geld knapp war eine gute Frisur und ein neues Kleid stets gönnte. Dazu ein Theaterabo in der Stadt einfach für das eigene Vergnügen.
Kathrin beschloss, dass Maria wenigstens erfahren sollte, wie es ist, an sich selbst zu denken, statt nur vor dem Fernseher zu sitzen und auf Enkel zu warten, denen sie wieder alles geben würde.
Einige Tage später rief sie Maria an und überredete sie, gemeinsam spazieren zu gehen und einen Kaffee trinken und einen kurzen Abstecher in den Schönheitssalon, wo sie sowieso einen Termin hatte. Sie lud Maria zu einer kleinen Behandlung ein.
Ach nein, Kind, wenn du willst, warte ich draußen im Foyer, stammelte Maria erschrocken.
Warum warten? Eine halbe Stunde kann man doch besser nutzen! Wenigstens Maniküre und Handmassage?
Mit einiger Überredungskraft stimmte Maria schließlich zu. Kathrin rief im Salon an man kannte sie dort schon und erklärte alles.
Bitte gebt euch bei meiner Schwiegermutter besonders Mühe, und macht ihr ruhig weitere Angebote, aber angenehm und zwanglos. Falls sie nach dem Preis fragt: Ich habe alles beglichen, es ist alles schon bezahlt. Wird sie zufrieden sein, kommt sie vielleicht öfter!
Kathrin brachte ihre immer noch zögernde Schwiegermutter zum Salon und gab sie in die Hände der Kosmetikerinnen.
Es dauert bestimmt nur eine halbe Stunde, oder Kathrin? Und was kostet das alles?
Als Maria von einer freundlichen Mitarbeiterin in Empfang genommen wurde, setzte sich Kathrin im Foyer und stöberte auf ihrem Smartphone. Sie selbst hatte an diesem Tag nichts gebucht.
Obwohl es Sonntag war, erledigte sie ein bisschen E-Mail-Korrespondenz.
Erst zwei Stunden später kam Maria wieder heraus sichtlich entspannt und erfrischt. Die Mitarbeiter hatten ganze Arbeit geleistet.
Ach Kathrin, das war ja ein Erlebnis! Kaffee, Kräutertee Alle waren so nett! Das war doch bestimmt sündhaft teuer?
Heute gibt es eine Aktion!, warf die Empfangsdame freundlich ein. Wer eine Freundin mitbringt, bekommt die Behandlung gratis. Kostet Sie also gar nichts!
Kathrin und ihre glückliche Schwiegermutter gingen in das Café nebenan. Maria trank einen Cappuccino und lehnte sich entspannt zurück.
Wie wäre es, wenn wir so etwas öfter machen?, schlug Kathrin vor. Hier gibt es immer tolle Rabatte für Stammkunden. Es hat Ihnen doch gefallen, oder?
Sehr, gestand Maria. Ich hätte nicht gedacht, dass das so angenehm ist.
Man hätte es viel früher probieren müssen!
Früher Die Kinder waren klein. Mein verstorbener Mann hat immer auf Sparsamkeit geachtet. Und dann wozu noch?
Aber jetzt gibt es einen Grund! Damit Sie mir Gesellschaft leisten alleine ist es ja langweilig.
Na, dann begleite ich dich eben. Ab und zu.
Fortan pflegte Maria gemeinsam mit ihrer Schwiegertochter ihr Äußeres. Die diplomatische Kathrin erneuerte diskret ihren Kleiderschrank und nannte immer die Hälfte des wahren Preises.
Sie überredete Georg, mit seiner Mutter ins Restaurant zu gehen. Später besuchten sie gemeinsam das Kino. Und zu Weihnachten schenkte Kathrin Maria ein Theaterabonnement.
Du bist richtig aufgeblüht, schwärmten die Nachbarinnen.
Die Jugend steckt an, lächelte Maria bescheiden.
Sie hatte tatsächlich das Gefühl, dass jetzt im Alter, als Mutter zweier erwachsener Söhne ihre eigene Jugend gerade erst beginnt.




