AUS EISEN UND STEIN
Meine leibliche Tante, nennen wir sie Helga, heiratet nicht aus Liebe. Es ist vielmehr der familiäre Druck, der sie dahin treibt. Ihre älteren Schwestern drängen, die Eltern machen keine halben Sachen.
Die Argumente sind stichfest:
Wie lange willst du noch allein herumspringen, Helgalein? Du bist keine zwanzig mehr! Willst du warten, bis du graue Zöpfe hast und allein alt wirst? In unserer Familie gibt es keine alte Jungfern! Wer bringt dir später das Glas Wasser ans Bett, wenn du gebrechlich bist?
Helga hat, nachdem sie ihren immer wieder betrunkenen Vater erlebt hat, sich als Kind geschworen, niemals zu heiraten. Der Gedanke, ihr Leben ihrer eigenen Entwicklung zu widmen, hat sie lange getragen. Aber zu ihrem 28. Geburtstag hört sie die Familie so laut und häufig reden, dass sie nachgibt und beschließt, doch eine Familie zu gründen.
Der Bräutigam, Matthias, taucht ziemlich schnell auf offenbar hat die Verwandtschaft ihn schon länger im Auge. Zwei Wochen nach dem ersten Treffen hält Matthias schon um ihre Hand an. Helga stimmt zu, allerdings ohne große Begeisterung. Na gut, vielleicht wächst ja noch Liebe mit der Zeit, denkt sie bei sich.
Matthias ist 33, mit festem Charakter, gewohnt, seinen Weg zu gehen. Die Hochzeit folgt wie am Fließband. Noch heute klingt das Toast des Zeremonienmeisters im Ohr: Magst dus führt der Weg vor den Altar, magst dus nicht ab zurück zu Papa! Später wird Helga erkennen, wie viel Wahrheit in diesem Sprichwort steckt.
Der Ehealltag beginnt und er ist freudlos. Nach einem Monat will Helga sich scheiden lassen. Alles ist ihr zuwider, die Enttäuschung sitzt tief. Matthias ist stur, rechthaberisch und kompromisslos und Helga ist nicht weniger eigensinnig. Man könnte sagen, hier prallen zwei Dickköpfe aufeinander, Eisen auf Stein.
Nach einem Jahr schenkt der Storch einen Sohn: Leon. Helga taucht in die Mutterrolle ab. Den Ehemann nimmt sie kaum noch wahr, das Klappbett für Matthias im Wohnzimmer wird zur festen Einrichtung: Ich bin müde, ich kann nicht mehr, du bist doch zu nichts recht zu gebrauchen
Im Sommer fährt Helga mit Leon aufs Land zu ihren Eltern, klagt der Mutter ihr Leid:
Mama, ich will mich scheiden lassen. Ich schaffe das auch allein mit Leon. Die Ehe ist nicht mein Leben. Manchmal möchte ich am liebsten einfach einschlafen und nie wieder aufwachen. Ich passe nicht in diese Rolle, Dasein als Ehefrau macht mich kaputt. Warum sollte ich das weiter ertragen?
Die Mutter rät:
Bleib erstmal etwas hier bei uns. Vielleicht fehlt dir mit der Zeit dein Mann? Scheiden lassen nein! Durchhalten, das musst du. Mann und Frau, das ist wie Wasser und Mehl zusammen kann man sie vermengen, aber auseinanderbekommen nie wieder.
Anderen Rat hat Helga von ihrer Mutter nicht erwartet…
Doch wozu aushalten? Leon beobachtet die Eltern, wird groß und merkt früh, dass Liebe hier keinen Platz hat. Was lernt er aus solch einer Partnerschaft? Helgas Mutter hat ihr ganzes Leben durchgehalten: Der Vater ein Säufer, der meist auf der Couch liegt und stöhnt, die Mutter schon vor Tagesanbruch auf den Beinen: Kühe melken, Schweine füttern, Heu machen, Kartoffeln jäten, und nach all dem wartet noch die Arbeit im Hof.
Alle drei Töchter suchten ihr Glück in der Stadt, vorbei an der ländlichen Idylle. Nur der Sohn blieb bei den Eltern der Bruder von Helga, geistig zurückgeblieben. Dass die Mutter trotz des trinkenden Ehemanns ein viertes Kind bekam, hat Helga nie verstanden. Dein Vater wollte einen Sohn. Mädels gabs hier im Haus ja genug, war die lakonische Antwort der Mutter.
Bis an ihr Lebensende kümmern sich die Eltern um den Jungen. Der Bruder stirbt bald nach den Eltern mit 60 Jahren er kann und will sich nicht alleine versorgen.
Helga überlegt und will die Mutter nicht enttäuschen sie kehrt zu Matthias zurück. Zwei Jahre später kommt Sohn Tobias auf die Welt.
Helga hofft, dass mit dem zweiten Kind der Haussegen wieder gerade hängt aber sie täuscht sich. Matthias beachtet Tobias kaum, der Junge ist dem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten. Helga weint heimlich, doch niemals bereut sie ihre Söhne. Meine ganze Liebe gilt den Kindern, dem Ehemann bleibt nichts, beschließt sie.
Als Leon und Tobias Jugendliche werden, beginnen die Probleme: Alkohol, Rauchen und respektloses Verhalten. Vater und Söhne halten zusammen gegen Helga. Die Familie zerfällt, Matthias trinkt mit den Söhnen. Für Helga ist dies ein schlimmer Lebensabschnitt. Sie ist machtlos gegenüber ihren drei Männern.
Ihr Geduldsfaden reißt, sie zieht wieder zu den alten Eltern.
Selbstverständlich nehmen sie Helga auf. Die Mutter meint:
Helgalein, du siehst älter aus als ich. Das Schicksal hat dich nicht sanft behandelt. Ach, diese Männer…
Helga tadelt die Mutter wegen zu großer Fürsorge für den Bruder:
Sei strenger, Mama, sonst tanzt er dir auf der Nase herum!
Doch die Mutter verteidigt den Sohn:
Ach Helgalein, sein Kopf ist halt ein bisschen schwach, aber trotzdem das ist Familie, das ist Blut, das schließt man nicht aus…
Helga mag ihren Bruder nicht besonders, weiß aber, er kann nichts für seine Krankheit. Wie sollte ein gesundes Kind aus einer Ehe mit einem chronischen Trinker kommen? Sie und ihre Schwestern waren damals Glückskinder damals trank der Vater nicht so schlimm.
Ein Jahr darauf kommt Tobias vom Land zu ihr:
Papa ist tot. Er hat sich zu Tode getrunken.
Helga bleibt trocken, seufzt nur:
Es hat sich alles so ergeben. Man spielt das Leben so groß an, dabei ist es oft so klein. Ruhe in Frieden, Matthias
Wieder in der Stadt, kauft Helga sich ein kleines Haus am Stadtrand. Sie will alt werden in Ruhe, ohne mehr Turbulenzen. Leon und Tobias bleiben in der elterlichen Wohnung. Leon heiratet, ein Enkel wird geboren, doch auch diese Ehe zerbricht schnell.
Tobias zieht zu Helga, nachdem er sich mit Leon schlimm gestritten hat. Grund? Tobias trinkt immer öfter, Leon hält das nicht aus, schlägt ihn und wirft ihn raus. Tobias wohnt nun bei der Mutter.
Die Jahre gehen ins Land
Leon heiratet erneut. Nach fünf Jahren steht er wieder allein in der Wohnung. Seine Frau ist ausgezogen. Leon resümiert:
Heiraten ist wie Schlittschuhlaufen auf dünnem Eis: Schon beim ersten Schritt kanns brechen.
Auch die dritte Ehe zerbricht diesmal stirbt die Frau mit 40 an einer Embolie, ganz plötzlich. Leon ist zutiefst traurig. Dann sagt er:
Genug der Heiraterei. Ich bleibe jetzt allein.
Helga fährt ab und zu zu Leon, um sauberzumachen, zu kochen.
Tobias bleibt Single, trinkt alles, was Alkohol enthält, verschwindet manchmal tagelang. Dann läuft Helga mit 75 im Dorf herum mit Tobias Foto in der Hand:
Haben Sie meinen Sohn gesehen?
Alle Nachbarn kennen dieses Theater längst. Nach Wochen taucht der verlorene Sohn meist wieder unverletzt auf. Helga richtet ihn her, wischt ihn sauber, wäscht kaputte Kleidung. Unterwäsche muss meist weggeworfen werden. Auf Nachfrage, wo er war, brummelt Tobias Unverständliches. Für Helga zählt nur, dass ihr Sohn lebt.
Alle, außer Helga, wissen, dass Tobias oft bei einer Frau Unterschlupf findet, die selbst gern Hochprozentiges trinkt. Die beiden leben eine berauschende Beziehung bis ein neuer Verehrer auftaucht. Dann steht Tobias wieder vor Helgas Tür.
Helga hält ihren Sohn mit ihrer Rente über Wasser. Jeden Job verliert Tobias, sobald es das erste Geld gibt, verschwindet er für ein paar Tage. Helga erinnert sich voller Bitterkeit an ihre Mutter, die mit dem Bruder dasselbe durchleiden musste. Jetzt erst versteht sie das Leid eines Mutterherzens. Alles wiederholt sich: Blut ist eben dicker als Wasser.
Nun ja, Glück ist nicht für jeden.
Nach einem langen, doch wenig glücklichen Leben, erkennt Helga schließlich: Die übereilte Hochzeit mit Matthias war den Spruch und das Lied nicht wertAn einem kalten Herbstnachmittag sitzt Helga auf der Bank vor ihrem kleinen Haus. Ein dünner Wind streicht über das ungepflegte Gras, Blätter tanzen um ihre Füße. Sie schaut in den Himmel, der heller wirkt, als ihr zumute ist. Sie hat vieles getragen, manches verloren und dennoch ist sie hier geblieben Eisen und Stein, durch Generationen hindurch.
Neben ihr lehnt Tobias, den Blick gesenkt, erschöpft, aber diesmal nüchtern. Ein paar Sonnenstrahlen brechen durch die düsteren Wolken, als läge Versöhnung in der Luft.
Mama, sagt Tobias leise, ich weiß, ich hab vieles falsch gemacht. Aber du bist immer da. Warum?
Helga lächelt ein müdes, wohlwollendes Lächeln, eine Spur von Stolz in ihren von Falten durchzogenen Zügen. Weil du mein Sohn bist. Und weil ich weiß, dass im Leben nichts vollkommen ist. Wir sind, was übrigbleibt, wenn die Liebe zu oft geprüft wird. Manchmal ist das genug.
Tobias legt zaghaft seine Hand auf ihre. Sie spürt die raue Haut, die Kälte, aber auch: ein Stück Hoffnung.
Ein Vorhang lichternder Nebel schiebt sich über die Felder, und Helga wird auf einmal ruhig, versöhnt mit all den Jahren, den Mühen, dem ungeschriebenen Familiengesetz, das sie durch Generationen getragen hat. Sie denkt an ihre Mutter, wie sie einst sagte: Blut schließt man nicht aus. Und Helga weiß nun, dass sie recht hatte auch wenn Blut manchmal Last bedeutet. Es ist auch Wärme, Trost, Zusammenhalt in eisigen Nächten.
Im Haus warten Tassen auf Tee und ein gedeckter Tisch. Helga steht langsam auf, fasst Tobias am Ellenbogen und sagt: Komm, gehen wir rein. Es wird kalt. Und morgen morgen ist auch noch ein Tag.
Langsam gehen sie gemeinsam die Stufen hinauf. Helga schaut ein letztes Mal in die Sonne, fühlt einen Hauch von Frieden. Sie weiß: Glück war nicht ihr Los, aber das Durchhalten das hat niemand gebrochen. Und darin, ganz am Ende, liegt ihre stille Art von Triumph.




