Nur noch eine übrig

Allein geblieben

Draußen war es bereits dunkel, aber die Mutter war immer noch nicht zurück. Leonie drehte die kleinen Räder ihres Rollstuhls, rollte zum Tisch und griff nach dem Telefon. Mit zitternden Fingern wählte sie die Nummer ihrer Mutter.

Die gewählte Rufnummer ist ausgeschaltet oder befindet sich außerhalb des Empfangsbereichs, erklang eine fremde Stimme aus dem Hörer.

Verwirrt starrte das Mädchen das Telefon an, erinnerte sich dann aber daran, dass kaum noch Guthaben darauf war, und schaltete es aus.

Ihre Mutter war in den Laden gegangen, aber kam einfach nicht zurück. So etwas war noch nie passiert; sie war nie lange fortgeblieben. Leonie, die von Geburt an gehbehindert und auf den Rollstuhl angewiesen war, hatte außer ihrer Mutter keine anderen Verwandten. Sieben Jahre war Leonie schon alt, und zwar war sie gewohnt, allein zu Hause zu sein doch ihre Mutter hatte immer Bescheid gegeben, wohin sie ging und wann sie wieder zurück sein würde.

Leonie versuchte zu verstehen, was passiert sein könnte.

Heute ist Mama zum großen Supermarkt gegangen, da, wo alles ein bisschen günstiger ist. Wir sind da oft zusammen hingegangen. Der Laden liegt zwar nicht ganz um die Ecke, aber in einer Stunde ist man eigentlich hin und zurück, überlegte sie laut, während sie auf die Uhr blickte. Jetzt sind schon vier Stunden vergangen. Ich habe Hunger.

Sie lenkte ihren Rollstuhl in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein und holte eine Frikadelle aus dem Kühlschrank. Nachdem sie gegessen und Tee getrunken hatte, spürte sie die Leere umso mehr.

Als sie es nicht länger aushielt, griff sie erneut zum Telefon:

Die gewählte Rufnummer ist ausgeschaltet oder befindet sich außerhalb des Empfangsbereichs, tönte wieder die Stimme vom Band.

Sie kroch in ihr Bett und legte das Telefon unter das Kissen. Auch das Licht ließ sie brennen ohne Mama war es zu unheimlich. Noch lange lag sie wach, schlief aber schließlich erschöpft ein.

***

Sie wachte auf, als die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster fielen. Mamas Bett war gemacht.

Mama! rief sie in den Flur.

Keine Antwort. Sie griff nach dem Telefon, wählte erneut wieder nur die metallische Stimme. Eine eisige Angst überkam sie, und Tränen liefen ihr übers Gesicht.

***

Konstantin kehrte gerade aus dem Café zurück. Dort gab es jeden Morgen frische Brötchen. Jeden Tag hatte seine Mutter ihm das Frühstück vorbereitet und ihr Sohn ging früh die Brötchen holen so begann jeder Tag.

Obwohl Konstantin schon dreißig war, war er bis heute unverheiratet. Frauen und Mädchen schenkten ihm kaum Beachtung: Er war kein schöner Mann, eher mager und kränklich. Schon seit seiner Geburt plagten ihn Krankheiten; teure Therapien wären nötig gewesen, doch seine Mutter hatte ihn allein großgezogen. Den endgültigen Befund dass er keine eigenen Kinder haben könne hatte er erst als Erwachsener bekommen. Damit, nie zu heiraten, hatte er sich abgefunden.

Im Gras funkelte ein kaputtes altes Mobiltelefon. Technik war sein Beruf und sein Hobby er war Softwareentwickler und Blogger. Zwar besaß er die neuesten Geräte, aber aus Neugier hob er das zerquetschte Handy auf, als hätte ein Auto darübergerollt.

Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert, dachte er kurz, und steckte das Telefon ein. Zu Hause schaue ich mir das mal an.

***

Nach dem Frühstück holte er die SIM-Karte aus dem kaputten Handy und steckte sie in eines seiner eigenen. Die Kontakte auf der Karte stammten fast alle von Ämtern, Krankenkassen oder Rentenversicherung. Nur einer hieß einfach Tochter.

Nach kurzem Zögern wählte er die Nummer:

Mama! jubelte eine fröhliche Kinderstimme.

Ich … bin nicht deine Mama, stotterte Konstantin verwundert.

Wo ist denn meine Mama?

Das weiß ich nicht. Ich habe ein kaputtes Handy gefunden, die Karte reingesteckt und dich angerufen.

Meine Mama ist verschwunden kam es unter Tränen. Sie ist gestern in den Laden gegangen und nicht wiedergekommen.

Hast du keinen Papa? Keine Oma?

Nein. Ich habe nur Mama.

Wie heißt du? Konstantin begriff, dass das Kind Hilfe brauchte.

Leonie.

Ich bin der Konstantin, aber du kannst mich auch lieber Onkel Konsti nennen. Leonie, kannst du aus deiner Wohnung raus und mit den Nachbarn sprechen?

Ich kann nicht rausgehen, meine Beine funktionieren nicht. Und nebenan wohnt niemand.

Wie … deine Beine gehen nicht? Konstantin war völlig überfordert.

Ich bin so geboren. Mama sagt, wir müssen sparen, dann bekomme ich eine Operation.

Wie bewegst du dich denn?

Mit dem Rollstuhl.

Leonie, kennst du deine Adresse? Konstantin wurde entschlossen.

Ja, Bertha-von-Suttner-Straße 7, Wohnung 18.

Ich komme gleich zu dir, wir finden deine Mama!

Er legte das Telefon auf.

Nina Antonovna betrat das Zimmer ihres Sohnes:

Konsti, was ist passiert?

Mama, ich habe ein kaputtes Handy gefunden, SIM-Karte gewechselt, eine Nummer angerufen da war ein Mädchen, ganz allein und hilflos. Ich kenne jetzt die Adresse. Ich fahre hin und schaue nach.

Wir fahren gemeinsam, sagte sie und begann, sich anzuziehen.

Nina hatte ihren oft kranken Sohn allein großgezogen und wusste genau, wie es einer Mutter in einer solchen Lage ging. Jetzt war sie Rentnerin, ihr Sohn verdiente gut. Sie riefen ein Taxi und machten sich auf, das Kind zu retten.

***

Sie klingelten am Hausflur.

Wer ist da? ertönte eine kleine, traurige Stimme.

Leonie, ich bin’s, Konstantin.

Kommt rein!

Im Treppenhaus war die Tür zur richtigen Wohnung angelehnt. Sie betraten die Wohnung, und in einem Rollstuhl saß ein dünnes Mädchen mit traurigen Augen:

Findet ihr meine Mama?

Wie heißt deine Mama genau? fragte Konstantin sofort.

Emilia.

Und der Nachname?

Schneider.

Warte, Konsti! stoppte seine Mutter ihn, wandte sich an das Mädchen. Leonie, hast du Hunger?

Ja. Im Kühlschrank war noch eine Frikadelle, aber die habe ich gestern schon gegessen.

Dann, Konsti, geh schnell in den Supermarkt, hol die Sachen, die wir immer holen.

Wird gemacht! und lief eilig los.

***

Als er zurückkam, war seine Mutter schon mit dem Kochen beschäftigt. Sie packte den Einkauf aus, deckte den Tisch und nach dem Essen machte sich Konstantin sofort an die Suche nach Leonies Mutter.

Er öffnete die örtliche Nachrichtenseite und schaute die Meldungen vom Vortag durch.

Achtung, Achtung: Auf der Parkstraße wurde eine Frau von einem PKW angefahren. Die schwer verletzte Frau wurde in das städtische Krankenhaus eingeliefert…

Er griff zum Telefon und rief an. Beim dritten Versuch wurde abgehoben:

Ja, gestern wurde eine schwer verletzte Frau von der Parkstraße gebracht. Bisher ist sie noch nicht bei Bewusstsein.

Wie ist ihr Nachname?

Sie hatte keine Papiere und kein Telefon bei sich. Sind Sie ein Angehöriger?

Nun… das weiß ich noch nicht …

Kommen Sie einfach vorbei …

Ich kenne die Adresse. Ich komme gleich.

Er legte auf und wandte sich an das Mädchen:

Hast du ein Foto von deiner Mama?

Ja, antwortete Leonie, rollte zum Schränkchen und holte ein Album. Hier sind wir zusammen.

Deine Mama ist wirklich sehr hübsch!

Konstantin machte ein Handyfoto vom Bild, lächelte Leonie zu:

Ich mache mich auf die Suche nach deiner Mama.

***

Emilia schlug die Augen auf. Weiße Decke. Nach und nach kehrte das Bewusstsein zurück. Plötzlich sah sie das Auto vor sich …

Sie versuchte, sich zu bewegen. Schmerz durchzuckte ihren Körper. Eine Krankenschwester kam und fragte sanft:

Sind Sie aufgewacht?

Da riss Emilia die Augen erschrocken auf:

Wie lange liege ich schon hier?

Zwei Tage.

Meine Tochter ist allein zu Hause …

Emilia, beruhigen Sie sich! Die Schwester legte sanft die Hand auf ihre Brust. Sie hatten gestern Besuch von einem jungen Mann; er hat Ihnen sein Handy dagelassen. Sagt, Ihr eigenes sei überfahren worden.

Kann ich telefonieren?

Natürlich! Sie wählte den Kontakt Tochter und hielt das Gerät ans Ohr der Patientin.

Mama!

Leonie, mein Schatz, wie geht es dir?

Es ist alles in Ordnung! Oma Nina kümmert sich um mich und Onkel Konsti kommt immer vorbei.

Welcher Onkel Konsti?

Reg dich nicht auf, Patientin! sagte der Arzt, der gerade hereinkam. Sonst nehme ich das Telefon weg. Lassen Sie mich Sie untersuchen!

Mein Schatz, ich rufe dich später an, rief Emilia und legte auf.

Der Arzt untersuchte sie und gab der Schwester Anweisungen. Als sie wieder allein waren, bat Emilia leise:

Darf ich noch einmal mit meiner Tochter sprechen?

Der Doktor hat Ihnen Ruhe verordnet, aber die Schwester gab ihr doch noch einmal das Handy.

Kindchen…

Emilia, hier spricht Nina Antonovna, meldete sich eine ihr fremde Frauenstimme. Hören Sie mir bitte zu: Mein Sohn hat Ihr kaputtes Handy gefunden, die SIM untersucht und Ihre Tochter erreicht. Ich bin Rentnerin bis Sie aus dem Krankenhaus kommen, kümmer ich mich um Leonie. Keine Sorge! Ich gebe sie Ihnen ans Telefon.

Mama, sei nicht traurig und werd bitte schnell gesund! meldete sich Leonie.

Pass gut auf Oma auf! antwortete Emilia voller Dankbarkeit.

Patientin, jetzt ist aber Schluss! rief die Schwester.

***

Am nächsten Tag kam Emilia in ein Mehrbettzimmer. Abends klopfte es, und eine Schwester sagte:

Frau Schneider, für Sie ist Besuch da.

Emilia war überrascht, als ein hagerer junger Mann hereintrat:

Hallo, Emilia. Ich bin Konstantin, sagte er mit einem Lächeln. Ich hoffe, es stört dich nicht, dass wir uns gleich duzen.

Nein, das ist schon in Ordnung.

Er stellte eine große Tüte auf das Nachtschränkchen:

Das ist von meiner Mutter für dich.

Konsti, ich weiß gar nicht, wer ihr seid, erwiderte Emilia verunsichert.

Ich habe zufällig dein überfahrenes Handy gefunden, die SIM-Karte war heile. Ich habe deine Tochter angerufen und dich dann gefunden.

Wie geht es Leonie?

Gleich.

Er nahm das Handy vom Nachttisch das, das er beim ersten Besuch dagelassen hatte und tippte darauf herum.

Hier, bitte!

Emilia sah den Bildschirm und darauf ihr Kind:

Mama! rief Leonie laut. Tut es weh?

Nein, mir geht’s schon viel besser, mein Schatz! Und dir?

Oma Nina ist da.

Lange sprach Emilia mit ihrer Tochter, während Konstantin ruhig wartete.

Nach dem Gespräch senkte Emilia den Blick:

Ich stehe tief in eurer Schuld.

Ach, sei doch nicht so, Emilia! lächelte er. Und du darfst mich ruhig duzen!

Danke dir, Konsti!

Ich zeige dir noch, wie das Handy funktioniert.

***

Zwei Wochen später brachte der Unfallverursacher Emilia zweihunderttausend Euro direkt ins Krankenhaus und brachte einen Anwalt mit.

Am nächsten Tag wurde Emilia entlassen. Konstantin holte sie ab und fuhr sie nach Hause.

Mama! rief Leonie überglücklich und hätte beinahe aus dem Rollstuhl gehüpft. Emilia setzte sich neben sie, schloss sie in die Arme und weinte vor Glück.

Dann wandte sie sich an die ältere Frau:

Frau Nina, ich danke Ihnen von Herzen!

Ach, Emilia! Leonie ist mir schon wie eine Enkelin geworden.

Frau Nina, der Unfallverursacher hat mir Schmerzensgeld gebracht, sagte sie und holte einen Umschlag aus der Tasche. Bitte nehmen Sie es! Ich weiß nicht, wie ich Ihnen sonst danken kann.

Lass das, Emilia! sagte Nina streng. Wir kommen gut klar, du brauchst das Geld für Leonies Behandlung. Konsti hat schon eine Spezialklinik organisiert.

Mama! rief Leonie strahlend. Onkel Konsti sagt, wir fahren zusammen ins Krankenhaus, damit meine Beine vielleicht laufen können.

***

Zwei Wochen verbrachten Emilia und Leonie in der Klinik. Es wurden Stäbe eingesetzt, nach drei Monaten sollten sie wiederkommen, dann ein weiteres Mal nach einem Jahr. Nach drei Jahren, so sagte man ihnen, könne Leonie vielleicht laufen.

Bis dahin blieb sie im Rollstuhl, die Stäbe waren unangenehm. Doch das Schicksal prüfte diese kleine Familie weiter: Plötzlich wurde Nina Antonovna schwer herzkrank und kam ins Krankenhaus.

Drei Nächte wich Emilia nicht von ihrer Seite, kochte daheim für alle und schlief nur ein wenig. Nachts blieb Konstantin bei Leonie.

Am vierten Tag kam Nina Antonovna endlich zu sich, sah Emilia lange an und sagte leise:

Kind, ich werde nicht mehr lange leben. Heirate meinen Konsti. Er ist ein guter Mensch. Gemeinsam werdet ihr Leonie auf die Beine bringen.

Frau Nina, er wird mich doch nicht wollen?

Doch, lächelte sie schwach, ganz bestimmt.

***

Eine ältere Dame hielt die Hand eines Mädchens, das einen Ranzen auf dem Rücken und einen Strauß Blumen trug. Wäre Leonie nicht so groß, könnte man meinen, sie ginge zum ersten Mal zur Schule.

Doch heute war ihr erster Schultag, wenn auch im vierten Jahrgang. Die ersten drei Jahre hatte sie zuhause gelernt, alles mit guten Noten abgeschlossen. Jetzt ging sie zum ersten Mal auf eigenen Beinen in die Schule.

Oma, ich habe ein bisschen Angst.

Ach, Leonie? Du bist schon zehn! Dort kommen auch Mama und Papa!

Warum bist du so still, mein Kind? fragte Emilia.

Sie hat Angst vor der Schule, schüttelte Nina Antonovna den Kopf.

Gib mir die Hand! sagte Konstantin, hielt ihr seine Hand hin. Komm!

Mit dir, Papa, habe ich keine Angst, lächelte Leonie.

So gingen sie lachend zur Schule. Und hinter ihnen ihre stolze Mutter und Großmutter, ebenso glücklich.

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Homy
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