Die Kohlrouladen hier sind immer erstklassig, sagt Herr Dr. Klaus Müller, während er das leere Tellerchen zur Seite schiebt. Dein Vater hat einen ausgezeichneten Küchenchef gefunden. Die Salate hingegen sind nicht immer ein Treffer. Der heutige Caesar ist geradezu mittelmäßig, die Croutons sind zu weich. Wer hat die denn gemacht?
Die Salate betreut Frau Helene Krause, antworte ich.
Helene sollte wohl bald in Rente gehen. Lass sie den Enkeln das Backen beibringen, ich habe bereits einen Ersatz im Auge.
Was meinen Sie damit? fragt Liselotte verwirrt. Ich habe Sie nie darum gebeten. Mit Frau Krause bin ich zufrieden; ihre Frikadellen locken Gäste aus der anderen Stadtseite an.
Das Rezept bekommen wir, das dauert nicht lange. Und wir finden jüngere Servicekräfte
Ich will niemanden einstellen!
Das wirst du nicht. Andere werden das Restaurant übernehmen.
Aber es ist doch mein Erbe.
Das Erbe ist deine Wohnung, du kannst dort wohnen, niemand wird dich vertreiben. Das Bankguthaben gehört dir. Und Drei Orangen war nicht nur das Projekt deines Vaters, sondern auch von anderen bedeutenden Investoren. Sie werden das Haus übernehmen Sie inklusive?
Müller zuckt mit den Schultern.
Geschäftlich, nichts Persönliches Und übrigens kaufen wir das Restaurant von dir, zu einem fairen Preis.
Kurz darauf stellte sich heraus, dass der faire Preis nur für die Käufer günstig war; für Liselotte war er kaum mehr als ein symbolischer Betrag.
Liselottes Vater hatte im Gastronomiebereich großen Einfluss. Er begann mit kleinen Kneipen, gründete dann ein beliebtes Stadtrestaurant in der ehemaligen Bunte Teigtasche im Herzen Berlins. Nach dem Studium vertraute er seiner Tochter die Beschaffung der Salatzutaten an, ließ sie jedoch nie in die Küche, weil er professionelle Köche für das Kochen bevorzugte.
Obwohl er seit langem mit einer anderen Frau zusammenlebte, hielt er Liselotte stets nah bei sich. Die neue Partnerin, eine erfolgreiche Chirurgin, zeigte kaum Interesse am Restaurantgeschäft, weshalb im Testament ausschließlich Liselotte Drei Orangen vererbt bekam.
Er verfasste das Testament, als er erkannte, dass seine Krankheit unheilbar war manche Krankheiten besiegt selbst der beste Chirurg nicht.
Nach seinem Tod lief das Restaurant weiter, geleitet von einem eigenen Manager. Liselotte engagierte sich jedoch mit großem Eifer, wollte neue Gerichte entwickeln und das Interieur modernisieren. Das Team schätzte sie, weil man sie schon lange kannte; hier war man so gut wie eine große Familie.
Dann kamen neue Eigentümer. Liselotte erwartete eigennütziges Interesse, doch es kam nicht in offener Raubgier. Noch schlimmer war der Verrat von Herrn Dr. Klaus Müller, der sie einst als Kind mit ihrem Vater in den Vergnügungspark gebracht hatte ein Park, dessen Fahrgeschäfte er ebenfalls besaß.
Der Vater kannte viele einflussreiche Beamte und Unternehmer, die Liselotte als Kind noch als großzügige Onkel betrachtete, fast wie Zauberer, die ihr teure Geschenke machten, sobald sie von einem Spielzeug sprach.
Jetzt jedoch raubten diese guten Zauberer ihr Restaurant, dreist und ohne Skrupel. Ihr Mann, Karl, der bei der Deutschen Bahn arbeitet und dem Restaurantbetrieb noch ferner stand als der neuen Stiefmutter, bewertete die Lage mit rauer Klarheit:
Ich habe dir schon lange gesagt, dieser Wirtshaus ist ein kriminelles Geschäft. Verkaufe es für jedes Geld, dann hast du erledigt. Eröffne doch einen Imbiss am Bahnhof, das bringt Geld auf dem Hauptbahnhof steht täglich eine Schlange für heiße Kebabs.
Jeder Zentimeter des Platzes ist schon vergeben. Und Drei Orangen ist das Andenken an meinen Vater.
Unsere Hütte bleibt ebenfalls Erinnerung. Und die Wohnung, wenn du dich einarbeitest. Aber dort schwimmen Haie, da solltest du nicht hin.
Die Haie zeigten sich nie, nur Müller tauchte immer wieder auf, sprach über den Verkauf des Lokals, aß seine Kohlrouladen und bezahlte sie scheinbar sorgfältig. Eines Tages sagte er:
Du bist zu stur, Mädchen. Ich rede nur väterlich mit dir. Andere werden kommen
Drohen Sie mir?
Ich? Gott bewahre! Ich sorge nur für dich, nicht für mich.
Haben Sie kein Interesse am Verkauf? Das glaube ich nicht.
Ein wenig. Die Interessenten für deine Drei Orangen sind noch mächtiger und einflussreicher. Sie könnten dir das Restaurant einfach wegnehmen, ohne Konsequenz.
Und so begann es. Zuerst tauchten finstere Gestalten auf, durchsuchten fast alle Räume, kippten die Tomatenkiste um und behaupteten, Liselottes Vater schulde ihnen ein astronomisches Geldvolumen.
Später flammten abends im Gastraum Kämpfe und betrunkenes Gezeter auf, etwas, das hier lange nicht mehr vorkam. Die Gäste blieben aus, suchten ruhigere Lokale für Abendessen und Feiern. Eines Morgens stand das Personal vor einer offenen Tür, hinter der das Esszimmer verwüstet war: auf dem Boden lagen die Inhalte aller Kühltruhen, bis auf die Spirituosen, zu denen die Eindringlinge offenbar keinen Zugang fanden.
Liselotte gelang es, den Vorfall zur Staatsanwaltschaft zu bringen, indem sie ihrem Klassenkameraden Bodo Pränzner, dem Bezirksinspektor, alles schilderte, beginnend bei Müller.
Bodo schüttelte den Kopf:
Er ist kaum der Drahtzieher. Er wurde nur als Mittelsmann ausgewählt, weil ihr euch kennt. Wir vermuten, wer die Stadt im Griff hat. Einen Mann, der Fabriken, Zeitungen und Dampfschiffe besitzt, früher in der Stadtverwaltung tätig, hat wahrscheinlich den Weg zu fremden Immobilien gefunden. Und bei diesem Einbruch fehlt jede Spur: kein beschädigtes Schloss, keine Alarmmeldung jemand hat das Sicherheitssystem deaktiviert und den Schlüssel weitergegeben. Das heißt, jemand aus deinem Team ist ein Verräter.
Ich habe keinen Verräter. Alle arbeiten schon lange hier.
Dann hat man jemanden bestochen oder eingeschüchtert
Kurz darauf erreichte die Gefahr auch das Heim. Karl stellte ein Ultimatum:
Entweder verkaufst du das Wirtshaus, oder ich gehe. Man hat mich zweimal mit einem Messer im Treppenhaus angetroffen. Wenn ich dich nicht überrede, kriege ich das Ganze selbst. Das will ich nicht. Ich will leben.
Du fliehst also Und du hast versprochen, meine Stütze zu sein.
Bei einer normalen Frau, nicht bei einer, die mit ihren Gabeln und Löffeln auf den Zaun wirft.
Er verließ das Haus, nahm alles mit, sogar die Lieblingstasse, die Liselotte ihm einst geschenkt hatte.
Bodo kommentierte das Geschehene philosophisch:
Ein solcher Mann nimmt nur Platz zum Wohnen ein. Ich habe vor einem Jahr meine Partnerin verlassen, verdiene wenig, bin selten zu Hause. Hat dein Restaurant den Schaden nach dem Einbruch schon behoben?
Schon lange.
Dann lade ich dich zu einem Essen ein. Ich zahle alles, und ich passe auf deine Sicherheit auf, damit dich niemand mit einer Knüppel überrascht.
Liselotte dachte plötzlich, dass er bei Gefahr nicht weglaufen würde. Warum hatte sie ihn im Unterricht kaum beachtet?
Ein halbes Jahr später tauchte in der Stadt ein ehemaliger Verwaltungsangestellter auf. Er begehrte nicht nur Drei Orangen, sondern auch ein großes Einkaufszentrum und einen Tiefgaragenkomplex, den er bereits erpresst hatte, unterstützt von einer ganzen kriminellen Vereinigung das ist jedoch eine andere Geschichte.
Der Verräter im Team stellte sich als Barkeeper Viktor heraus, den Bodo überraschend schnell enttarnte. Viktor war tief in Schulden wegen seiner Cocktailkarte stecken, und das war sein Druckmittel. Er hatte das Alarmsystem ausgeschaltet und einen Schlüsselabdruck angefertigt.
Eines Tages kam Müller, um nach den Kohlrouladen zu fragen. Er ließ die Augen sinken und erzählte, dass auch bei ihm Schwachstellen gefunden wurden, nicht alles an den Vergnügungspark-Attraktionen sei legal er selbst geriet in Erpressung.
Liselotte nahm keinen Groll mit und lud ihn trotzdem ein, wieder zu kommen.
Beim Abschied fragte Müller:
Wird dich jetzt die Polizei beschützen? Ich habe gesehen, dass ein uniformierter Typ dein Büro betrat.
Beschützt, ja, lächelt Liselotte, das ist mein zukünftiger Ehemann, Bodo. Unsere Hochzeit findet in einer Woche in diesem Restaurant statt.





