Opa ist nicht mehr da

Opa ist nicht mehr da

Hannelore kam gerade erst aus dem Zug und hatte ihren Mantel noch nicht mal auf den Kleiderständer gehängt, da klingelte schon das Telefon. Es war ihre Mutter, Brigitte Färber und die klang so aufgeregt, dass Hannelore sich einen schnellen Blick auf ihren noch geschlossenen Koffer warf. Das kann ja was werden, murmelte sie innerlich mit einer Mischung aus Müdigkeit und Resignation.

Hanni, bist du schon zu Hause angekommen?

Hallo Mama, ja, gerade eben reingekommen. Ich stehe quasi noch in den Schuhen. Was ist denn passiert?

Es ist gut, dass du daheim bist, sagte Brigitte etwas abwesend.

Hannelore spürte sofort, dass ihre Mutter irgendetwas auf dem Herzen hatte und eigentlich dringend etwas loswerden wollte, aber sich wie üblich windete, als müsste sie einen österreichischen Steirer um den heißen Brei tanzen. Wahrscheinlich hat sie wieder irgendwelche Nachbarschaftsgeschichten aufgeschnappt, die sie mir brühwarm servieren muss, dachte Hannelore und unterdrückte ein Gähnen. Nach zwei Nächten in ratternden Regionalbahnen durch die halbe Republik hatte sie das Schlafdefizit eines durchschnittlichen Studenten im dritten Semester.

Im Nachbarabteil hatte sich eine Jugendgruppe, offenbar begeistert von deutschem Liedgut, gegenseitig die Westerwald-Lieder um die Ohren geschmettert von Melodiefestigkeit keine Spur. Und irgendwie schafften sie es, sogar Hannelores Namen kreativ einzubauen:

Am Brunnen vor dem Tore,
da steht ein Lindenbaum
Da träumt ich, liebe Hannelore,
von einem schönen Traum

Hätte sie nicht einen mörderischen Schlafmangel gehabt, hätte sie vielleicht milde gelächelt. In dem Moment hätte sie am liebsten alle Gitarrensaiten eigenhändig gerissen.

Mama, ich muss wirklich erstmal kurz durchschnaufen. Lass mich kurz ankommen, dann rufe ich dich zurück, und du kannst mir alle Neuigkeiten erzählen, ja?

Das wird schwierig, seufzte Brigitte.

Wie, wird schwierig? Warum nicht?

Du wirst nicht zur Ruhe kommen, fürchte ich.

Was? Warum? Ich war wirklich tagelang auf Achse, und ich habe definitiv das Recht auf ein bisschen Ruhe. Holst du möglicherweise gleich einen Expressbus voller Tanten ins Wohnzimmer?

Hanni Opa ist nicht mehr da.

Hannelore spürte, wie ihr das Handy in der Hand schwer wurde und sie sich langsam aufs altmodische, knarzende Sofa sinken ließ. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.

Frau Maurer, die Nachbarin, hat mich heute morgen angerufen. Sie brachte ihm wie immer Milch rüber, und da lag Opa Paul direkt hinter der Tür, eine Hand aufs Herz gepresst, hat nicht mehr geatmet. Wahrscheinlich lag er da die ganze Nacht. Wir müssen in die Pfalz fahren, Hanni. Die Beerdigung organisieren. Die Nachbarn helfen zum Glück. Hörst du mich noch?

Hannelore war so überrumpelt von der Nachricht, dass sie kaum ein Geräusch hervorbrachte. Aber ein hauchdünnes Mhm schaffte sie.

Frau Maurer hat alle Verwandten angerufen, aber die wollten schlichtweg nicht kommen. Haben gesagt: Wenn er uns ein Erbe hinterlassen hätte, könnten wir mal reden. Aber so? Für ein altes Häuschen interessiert sich kein Mensch. Und mir hat Opa Paul damals eh gesagt, ich soll seine Haustür nie wieder betreten. Auch nicht zur Beerdigung. Und wie du dich erinnerst, habe ich es ihm versprochen. Es bleibt nur noch du, Hanni. Kann ich auf dich zählen? Bringst du Opa auf seinen letzten Weg?

Brigitte legte eine Pause ein. Auch Hannelore war still und starrte auf das kleine Tischchen, wo als letzter Gruß ein Brief von Opa lag. Das Poststempel verriet, dass er noch einen Monat alt war. Und sie hatte ihn erst nach der Rückkehr aus Regensburg im Briefkasten gefunden. Die dritte Dienstreise dieses Halbjahres und sicher nicht die letzte. In ihrer Firma schickten sie immer nur Hannelore in die neuen Standorte, weil andere ständig irgendwann kränkeln, Familie brauchen, Hexenschuss, Frau Doktor!. Nur Hanni war anscheinend so flexibel wie deutsches Drahtseil.

Hanni, tönte es wieder aus dem Telefon, die Nachbarn sollen nicht denken, wir hätten Opa ganz vergessen. Ja, war schon eigenwillig. Aber dein Verhältnis zu ihm war doch immer gut, oder? Soll ich Frau Maurer Bescheid geben?

Ja, Mama. Ich fahr natürlich hin. Aber

Hannelore stand auf, nahm Opas Brief in die Hand, steckte ihn dann wieder zurück auf den Stapel.

Mama, ich verstehe das einfach nicht. Opa gings doch blendend, als ich ihn an Silvester besucht habe. Wir waren noch zusammen spazieren und vom Herz hat er nichts gesagt.

Ach Hanni, wie auch? Er war immerhin 79. Manche Männer werden heute nicht mal Rentner. Und dein Opa hat sein Lebenskontingent definitiv ausgereizt. Möge er in Frieden ruhen.

Hannelore war geschockt. Sie hatte ihren Opa Paul sehr geliebt und war wohl die Einzige, die zu ihm Kontakt hielt. Kein anderer aus der Familie redete noch mit dem alten Herrn.

Mit ihrer Mutter war es das Übliche: Opa Paul hatte Brigitte nie verziehen, dass sein einziger Sohn, Hannelores Vater, zu jung starb. Brigitte, die immer alles im Griff behalten musste neue Küche, neues Badezimmer, schönes Leben. Andreas, der eigentlich Lehrer war, schuftete halbe Jahre auf Montage, um alles zu finanzieren. Irgendwann hat sein Herz einfach gestreikt. Auf der Beerdigung heulte Paul wie ein Wolf, und von da an herrschte Funkstille zwischen Schwiegervater und Schwiegertochter. O-Ton Opa: Ich will dieses Weib in meinem Haus nicht mehr sehen!

Brigitte schnappte nur zurück: Schön, ist mir egal! Und schuld bin ich sowieso nicht. Ein Mann hat gefälligst für die Familie zu sorgen!

Paul verkneifte sich ganz knapp, ihr ein Stück Brennholz hinterherzuwerfen.

Seine Brieffreundschaft führte Opa Paul fortan nur noch mit seiner Enkelin. Moderne Technik wie Smartphones, WhatsApp oder Facebook-Gruppen? Für Paul alles Kalter-Krieg-Propaganda. Briefe waren sein WhatsApp und die meisten aus der Familie dachten: Der Paul, der hat doch ne Schraube locker. Die Seniorinnen auf der Bank tuschelten: Erst Frau tot, dann Sohn tot da braucht man sich nicht wundern

In den letzten Monaten kam noch dazu, dass Opa mit einem Kater sprach, den keiner jemals gesehen hatte. Auch Frau Maurer ahnte irgendwann, dass beim guten Paul was nicht stimmte zumindest aus ihrer Sicht.

Nach dem Telefonat ließ Hannelore das Handy sinken und versuchte, an nichts zu denken. Sie wollte Opa im Sommer besuchen, jetzt war es zu spät. Jede Dienstreise hatte ihr Strich durch die Rechnung gemacht. Und ihr Chef? Ein Fall für den Betriebsrat, mindestens:

Fräulein Färber, wies Ihnen passt. Sie können gern kündigen! Aber glauben Sie wirklich, Sie finden noch mal so einen Job mit diesem Gehalt?

Ja, das Gehalt, das war wirklich sehr ordentlich aber wann hatte Geld je ein müdes Herz getröstet? Bald, hoffte sie, würden diese ewigen Dienstreisen aufhören.

*******

Auf dem Friedhof lief alles wie im Drehbuch. Nach kurzem Schweigen und dem obligatorischen letzten Hammerschlag auf die Holzkiste schob man Opa ins rheinland-pfälzische Erdreich. Hannelores Kopf wollte einfach nicht begreifen: War Opa, ist Opa gewesen und jetzt halt tot. Zumindest stand noch ein klassisches Leichenschmaus an: ein Kümmerling nach dem anderen, warme Worte, viel Nostalgie und ein Hauch Rhabarberpudding aus der Nachbarschaft. So lebt Paul halt weiter nicht in Fleisch und Blut, aber in der kollektiven Erinnerung der Hinterbliebenen.

Und dann standen sie alle auf und gingen nach Hause. Oder ins Edeka.

Als Hannelore allein war, wurde ihr schwer ums Herz. Sie hatte den Opa wirklich nicht mehr gesehen. Dabei wollte sie aber das Leben funkte immer dazwischen rein: Einsätze, Akten, Chef, Kollegen. Ach, hätte ich Aber davon wird keiner mehr lebendig und der, der immer zuhörte, war fort.

Um sich abzulenken, legte sie eine Putzorgie im Opa-Haus hin, roch das alte Holz, wischte Fenster und sammelte lieblos verstreute Deko in die Schubladen. Obwohl der Bungalow eher nach deutscher Zweckmäßigkeit als nach Glanz aussah, war er auf eigenartige Weise gemütlich. Im Garten standen ordentlich die leeren Beete. Wie immer war Opa Paul nicht einer, der das Land vergammeln ließ nur dieses Jahr, da hatte er wohl eine Ahnung.

Freundliche Apfelbäume, Johannisbeersträucher, sogar Himbeeren alles blühte, und Hannelore fragte sich: Wer macht das jetzt? Wer harkt im Herbst? Wer schneidet die Tomaten? Niemand. Niemand, der nicht verrückt war.

Beim Abendbrot rief sie ihre Mutter an und berichtete, dass alles nach deutschem Standard abgelaufen war. Brigitte quittierte das mit:

Gut gemacht, Hanni. Egal, wie schwierig er manchmal war am Ende war er ein Mensch. Und dich mochte er. Ich bleibe ihm nicht böse. Woher weißt du, wann du wieder nach München zurückfährst? Heute noch oder morgen?

Ach Mama, stress dich nicht. Ich bleibe noch eine Woche, hab mir Urlaub genommen. Endlich mal Landluft und Nichtstun. Vielleicht kommst du ja vorbei?

Ich? Da raus aufs Land? Ich muss mich um meine Dahlien kümmern ist doch schließlich Gartensaison! Ach, Hanni, jetzt fängt mein Tatort an. Ruf mich an, ja?

Hannelore grinste. Ihre Mutter und ihre Ausreden ein echtes Dream-Team.

Zurück in der Küche entdeckte sie Opas selbstgepflückte Tee-Mischung aus Johannisbeerblättern, Minze und Melisse, setzte Wasser auf und ließ sich wieder auf dem Sofa nieder. Sie zog Opas Brief hervor hatte ihn schon drei Mal gelesen aber irgendwas daran war seltsam. Normalerweise schrieb Opa über den Garten, seine Kreuzworträtsel-Glanzleistungen oder die neusten Backergebnisse. Dieses Mal aber schweifte alles um einen Kater namens Strolchi (naja, ganz klassisch).

Opa schrieb: Stell dir vor, Hanni, Strolchi liebt Milch! Man sagt zwar, erwachsene Katzen sollten nicht, aber der hat gestern fast eine halbe Kanne leer gezutscht! Jetzt muss ich Maria schon wieder bitten, mir Milch zu bringen. Sie wundert sich sicher, warum ich auf einmal so viel brauche. Ich weiß gar nicht, was ich dem Kerl noch alles vorsetzen soll der Kühlschrank ist fast leer. Und versteckt sich tut er immer noch. Hab ihn kaum je richtig gesehen. Immer nur so ein schwarzer Blitz zur Scheune und weg ist er. Vielleicht kannst du, meine Hannelore, ihn mal einfangen, wenn du kommst. Oder wenigstens mit mir zusammen. Irgendwas ist mit dem Menschen mag er jedenfalls nicht.

Ein ganzer Roman über einen unsichtbaren Kater. Aber weder im Haus noch im Garten hatte Hannelore je einen entdeckt.

Heute, nach Tagen allein im Haus, hatte sie es trotzdem wieder gespürt: dieses Gefühl, angestarrt zu werden. Gänsehaut pur.

Vielleicht sollte sie morgen mal bei Frau Maurer nachfragen

******

Am nächsten Morgen war Hannelore schon mit Sonnenaufgang wach. Irgendwie war Dorfleben anders: Licht drang durch die dünnen Gardinen, und draußen balgten sich die Spatzen um den schönsten Ast im Birnbaum. Sie öffnete das Fenster weit und sog die kühle Pfalz-Luft ein.

Kindheitserinnerung pur: Als sie noch mit Opa Nistkästen baute und später bei jedem Besuch Briefchen austauschte.

Nach einem Kaffee mit Kondensmilch wanderte sie zu Frau Maurer.

Ganz ehrlich, Hannelore, von einem Kater weiß ich nichts. Ich habe keinen gesehen, und ich war ja oft bei Paul zum Tee und Kuchen. Wenn ich was bringe, dann hätte ich den doch mal gesehen!

Es muss aber einen gegeben haben, gab Hannelore zurück. Der Opa hat ewig über Strolchi geschrieben in seinem letzten Brief.

Ach herrje, schlug sich Frau Maurer an die Stirn. Jetzt erinnere ich mich! Er sprach tatsächlich ständig mit irgendwem ich dachte immer, er ruft nach der Amsel oder so. Immer: Komm, Strolchi! Aber nie hab ich was gesehen. Vielleicht war er am Ende naja, die Einsamkeit und so.

Aber Opa war doch nie gaga. Er war einfach eigen. Vielleicht gibt’s den Kater ja wirklich und der ist unsichtbar wie der Ehrensold bei der Bundeswehr.

Glaub mir, wir hätten’s gemerkt. Kein anderer Kater im Dorf ist schwarz. Und verschwunden ist hier auch keiner.

Nach dem Gespräch nutzte Hannelore den Tag, um endlich im Garten klar Schiff zu machen. Alles musste nochmal überdacht werden. Vielleicht war Strolchi ja tatsächlich nur ein Phantom einer einsamen Seele?

Doch kaum zupfte sie das letzte Unkraut aus dem Blumenbeet, beobachtete sie ein paar leuchtende Katzenaugen aus sicherer Entfernung. Und siehe da da war er! Schwarzer Blitz: Strolchi.

Er hockte zwischen Gartenwerkzeug und Hasenstall, fixierte Hannelore mit neugierigen, vorsichtigen Augen. Sie drehte sich blitzschnell um und der Kater verschwand wieder. Wie ein Zauber.

Irgendwann kommst du zu mir, murmelte Hannelore freundlich-spöttisch. Keine Sorge. Ich warte.

Frau Maurer, die ihr gerade einen Beutel mit frischem Blechkuchen bringen wollte, balancierte zur Gartentür, hörte Hannelore leise zum Kater sprechen und zog leise die Augenbrauen hoch: Ach je, jetzt spricht sie auch schon mit unsichtbaren Tieren. Hoffentlich hält das nicht an das Wetter ist ja auch komisch heute

Abends zogen dunkelblaue Wolken auf, erste Regentropfen klatschten auf die Fensterbank, und irgendwo bellte ein Hund apokalyptisch in den Sturm.

Als es richtig losging, rief Hannelore mehrmals nach Strolchi aus dem Fenster, aus der Tür. Sie konnte sichs selbst nicht erklären, aber irgendwas drängte sie, ihn in Sicherheit zu bringen.

Der Kater aber blieb unsichtbar.

******

Das Unwetter trommelte aufs Dach, als gäbe es einen Preis für die größte Lärmbelastung im Landkreis. Hannelore lag im Bett und tat so, als würde sie schlafen, als ein lauter Donnerschlag sie aufschreckte. Dann, genau im Blitzlicht der nächsten Entladung zwei glühende Augen in der Fensterluke! Und dann zack! sauste ein nasser, schwarzer Schatten in Windeseile durch die Wohnung, sprang auf den alten Buffetschrank, dann unters Bett.

Na klar, Strolchi! Sie lockte ihn hervor, streichelte ihn trocken, und der sonst so vorsichtige Kater rollte sich erschöpft, aber zufrieden auf ihren Füßen zusammen.

Na also, murmelte sie und schloss die Augen. Gefühlte zwei Minuten später kratzte es wieder sacht am Fenster.
Strolchi. Er will raus.

Jetzt wird erst gefrühstückt und dann entscheidest du, mein Lieber, was du willst: Bleiben oder mit mir nach München kommen. Ich denke, Opa hätte gewollt, dass ich auf dich aufpasse.

Nach dem Frühstück ließ sie den Kater raus. Er bewegte sich majestätisch, doch als Hannelore ihren Reisetasche packte, saß Strolchi schon auf der Treppe, gespannt und bereit für die große Fahrt.

Ankunft bei Frau Maurer. Das ist also der berühmte Kater!, stellte sie fest, als Hannelore ihr Schlüssel und Kuchenbox zurückgab. Siehste, Paul war halt doch nicht verrückt. Und du kommst uns wieder besuchen, ja?

Ganz bestimmt. Strolchi und ich wir kommen wieder. Kuchen nehmen wir aber trotzdem mit, danke!

Im Bus, als sie aus dem Fenster auf die wolkige Pfalz blickte, meinte Hannelore für einen Moment Opas Gesicht im Himmel zu sehen lächelnd, irgendwie verschmitzt. Strolchi schnurrte und schmiegte sich an ihren Arm.

Und egal, ob sie sich das eingebildet hatten oder nicht eins war klar: Opa würde immer bei ihnen sein. Und so fuhren sie zurück in die Stadt die Enkelin und ihr schwarzer Kater, vereint durch ein bisschen Liebe, ein bisschen Melancholie und ganz viel Herz auf Pfälzer Art.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Opa ist nicht mehr da
Die unersättliche Verwandtschaft