Seit fünfzehn Jahren legt Margarete Schwan jeden Abend pünktlich um 18Uhr eine dampfende Mahlzeit auf die grün gestrichene Bank im Stadtpark Berlin. Sie wartet nie darauf, zu sehen, wer das Essen nimmt, hinterlässt keinen Zettel und spricht mit niemandem darüber.
Der Brauch entsteht nach dem Tod ihres Mannes als stilles Mittel, die Leere ihres leeren Hauses zu füllen. Mit der Zeit wird er zu einem stillen Ritual, das nur ihr und den hungrigen Fremden, die Trost in dieser kleinen Geste finden, bekannt ist.
Regen oder Sonnenschein, Sommerhitze oder Wintersturm das Essen liegt stets bereit. Manchmal ist es Suppe, manchmal ein Eintopf, manchmal ein sorgfältig in Wachspapier gewickeltes Sandwich, das in einer braunen Papiertüte verborgen ist.
Niemand kennt ihren Namen; die Stadt nennt sie einfach die Dame von der Bank.
An diesem Dienstagabend hat der Himmel schwere Regentropfen geschossen. Margarete, siebtausenddreiunddreißig Jahre alt, zieht ihren Kragen fester, während sie durch den Park eilt. Ihre Knie pochen, ihr Atem stockt, doch ihre Hände bleiben fest um die noch warme Schale.
Sie legt die Schale behutsam ab, wie immer. Bevor sie sich umdrehen kann, durchbricht ein blendender Schein die Dämmerung ein eleganter schwarzer BMW X5 hält am Gehweg.
Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wartet jemand.
Die hintere Tür öffnet sich und eine Frau in einem marineblauen Hosenanzug tritt heraus, hält einen Regenschirm und einen mit goldener Wachs versiegelten Umschlag. Ihre Stiefel stechen leicht in das nasse Gras, während sie näherkommt.
Frau Schwan? fragt sie leise, die Stimme zitternd.
Margarete blinzelt. Ja kenne ich Sie?
Die Frau schenkt ein schwaches Lächeln, doch Tränen glitzern in ihren Augen. Ich habe Sie einmal gekannt vielleicht nicht mit Namen. Ich heiße Liselotte. Vor fünfzehn Jahren habe ich hier gegessen, was Sie zurückgelassen haben.
Margarete legt die Hand aufs Herz. Du du warst eines der Mädchen?
Wir waren zu dritt, sagt Liselotte. Wir waren weggelaufen, haben uns an den Schaukeln versteckt. Diese Mahlzeiten haben uns den Winter gerettet.
Margaretes Kehle schließt sich. Ach, mein Herz
Liselotte reicht den Umschlag in Margaretes zitternde Hände. Wir wollten uns bedanken. Wir dachten, Sie sollten wissen das, was Sie getan haben, hat uns nicht nur gesättigt. Es gab uns einen Grund zu glauben, dass Güte noch existiert.
Im Inneren befinden sich ein Brief und ein Scheck. Margaretes Sicht trübt, während sie liest:
Sehr geehrte Frau Schwan,
Sie haben uns Nahrung gegeben, als wir nichts hatten. Heute wollen wir anderen das zurückgeben, was Sie uns geschenkt haben Hoffnung.
Wir haben den MargareteSchwanStipendienfonds für obdachlose Jugendliche gegründet. Die ersten drei Begünstigten beginnen diesen Herbst das Studium. Wir haben den Namen benutzt, den Sie einst auf eine Brotdose geschrieben haben Herr Schwan. Wir finden, es ist an der Zeit, dass die Welt weiß, wer Sie ist.
Mit herzlichen Grüßen,
Liselotte, Jutta und Irma
Margarete hebt den Blick, Tränen ziehen silberne Bahnen durch den Regen. Ihr ihr Mädels habt das getan?
Liselotte nickt. Wir alle. Jutta leitet ein Frauenheim in Köln. Irma arbeitet als Sozialarbeiterin in München. Und ich nun, ich bin jetzt Anwältin.
Margarete lacht, ein Lachen, das zwischen Seufzern zerrinnt. Anwältin. Ich nie.
Sie setzen sich gemeinsam auf die nasse Bank, die Regenschirme vergessen. Für einen Moment scheint der Park wieder zu atmen Lachen mischt sich mit dem Rascheln des Regens, Erinnerungen schweben in der Luft.
Als Liselotte geht, verschwindet der BMW in grauem Dunst, hinterlässt nur den Duft von feuchtem Erdboden.
Margarete bleibt noch einen Moment, die Hand ruht auf der noch warmen Schale.
An diesem Abend, zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren, legt sie kein Essen mehr auf die Bank.
Doch am nächsten Morgen ist die Bank nicht leer.
Ein einzelner weißer Rosenstrauß steht auf dem Sitz darunter ein Zettel, kunstvoll in geschwungener Schrift geschrieben.





