Überflüssiger Gegenstand

Unnützes Ding

Katrin stand vor dem Spiegel und hielt sich abwechselnd das eine Kleid, dann das andere vors Gesicht. Das blaue, das sie vor drei Jahren mal gekauft hatte, passte immer noch gut an der Taille aber Martin hatte mal gesagt, es sähe ländlich aus. Das schwarze Festkleid dagegen war ein wenig zu eng, besonders der Reißverschluss hinten zwickte. Am Ende entschied sie sich wieder für das Blaue und begann, ihre Haare zu kämmen und zu einem einfachen Zopf zu flechten.

Martin kam mittlerweile aus dem Bad, zog ein frisch gebügeltes weißes Hemd an und band sich die Krawatte. Er blickte sie im Spiegel an, die Stirn runzelnd. Nicht abrupt, sondern irgendwie schleichend, wie eine Wolke, die sich langsam vor die Sonne schiebt.

Du gehst so?, fragte er.

Wie so?, antwortete Katrin, ohne den Blick vom Zopf zu nehmen.

Na, eben in dem Kleid.

Was passt dir daran nicht?

Martin trat an den Schrank, öffnete ihn und ordnete wortlos die Manschetten seines Hemds.

Katrin, da werden heute Abend wichtige Leute sein. Partner, die Chefetage aus Frankfurt. Das Restaurant ist am Gendarmenmarkt, verstehst du? Keine Grillparty am Baggersee.

Hab ich kapiert, sagte sie ruhig. Und ich finde, ich bin ordentlich angezogen.

Ordentlich, wiederholte er das Wort so, als würde er etwas Ulkiges aufgreifen, das keiner weiteren Erwähnung wert war. Hast du eigentlich überhaupt was Richtiges zum Anziehen?

Katrin ließ die Bürste sinken, der Zopf blieb halb geflochten. Sie drehte sich zu ihm um. In zwölf Jahren hatte sie Martin in vielen Facetten erlebt: müde, ärgerlich, fröhlich, verwirrt. Aber diesen Ausdruck, eine gewisse abfällige Ungeduld, die entdeckte sie erst, seitdem er Abteilungsleiter im Vertrieb von Technologics geworden war und zu Weihnachten letztes Jahr die Prämie bekommen hatte, die sie Zuhause immer die große Kohle nannten.

Martin, ich bin echt okay angezogen, wiederholte sie.

Du hast was an wie, er stockte, winkte ab, ach, egal.

Nee, jetzt sags ruhig. Wenn du schon so anfängst.

Er schaute sie an. In seinem Blick lag das, wovor sie sich mittlerweile am meisten fürchtete: Nicht Wut, keine Ungeduld sondern etwas Kaltes. Ein prüfender Blick, als würde er im Schaufenster stehen und überlegen, ob er dieses Produkt nimmt oder es besser stehen lässt.

Du siehst aus wie die Frau von irgendeinem Dorfschullehrer. Und dein Zopf das Kleid ist sackartig. Und diese Schuhe

Die Schuhe sind neu.

Er seufzte, wie man seufzt, wenn man etwas zum fünften Mal erklären muss. Katrin, ich bin inzwischen auf nem anderen Level, verstehst du? Meine Kollegen kommen mit Frauen, die wie soll ichs sagen die sich zurechtmachen, sich passend anziehen und ein bisschen mehr drauf haben als nur Nachbarschaftstratsch und Kochrezepte.

Draußen brummten Autos, irgendwo in der Ferne bimmelte eine S-Bahn. Sonst war es still im Zimmer.

Katrin legte die Bürste langsam auf die Kommode.

Du meinst das jetzt wirklich so zu mir?, fragte sie.

Ich sag nur die Wahrheit. Wolltest du doch immer, oder?

Die Wahrheit also, wiederholte sie. Na gut. Dann eben die Wahrheit.

Sie schwieg. Dann ging sie zurück zum Spiegel, zog das blaue Kleid gleich hier im Zimmer aus und hängte es in den Schrank. Sie griff das schwarze, schlüpfte hinein. Machte den leicht zwickenden Reißverschluss hinten zu, zog sich an, nahm die Clutch, die ihre Freundin Inge ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.

Fertig, sagte sie.

Martin warf einen Blick auf sie. Das schwarze Kleid saß besser, das sah man sofort. Aber er kommentierte nicht, sondern nickte nur stumm und überprüfte sein Handy.

Im Auto schwiegen sie. Die Stadt glitt vorbei, es war spät im Oktober, es wurde früh dunkel. Katrin sah nach draußen und dachte, dass sie zwar Seite an Seite nebeneinander saßen im Wagen, dass der Abstand zwischen ihnen gerade nicht in Kilometern zu messen war.

Sie hatten sich im dritten Semester im Wohnheim kennengelernt. Sie studierte da Kunst auf Lehramt, er BWL. Sie wohnten im selben Gang, kochten manchmal nebeneinander. Sie brutzelte Bratkartoffeln, er kochte Tee und bat sie um Salz. So wars angefangen. Später kam er öfter rüber, erst wegen einem Buch, dann wegen kann ich einen Teller leihen? oder weil es bei euch wärmer ist. Nach einem halben Jahr war klar, dass keiner mehr zurückgeht. Fünfzehn Jahre her. Zwölf davon mit Ehering. Bisher hatte sie nie an Entfernungen gedacht. Jetzt tat sie es.

Das Restaurant war, wie Martin gesagt hatte, am Gendarmenmarkt. Groß, hohe Decken, warmes Licht. Katrin sah gedeckte Tische für vierzig Leute, frische Blumen, Kellner mit Fliege und Westen. Da waren auch die Ehefrauen der Kollegen, einige kannte sie flüchtig von früher. Die hatten sich verändert. Oder kam ihr das bloß so vor?

Martin entdeckte sogleich seine Leute, schüttelte Hände, lachte. Sein Lächeln war hier anders als daheim: freundlich, charmant, fast ein bisschen zu breit. Katrin blieb etwas abseits stehen.

Da kam Yvonne, die Frau von Sven aus der Buchhaltung, auf sie zu. Yvonne war immer eher bodenständig gewesen, sie hatten sich früher gut unterhalten.

Katrin! Mensch, so lange nicht gesehen, rief sie und fiel ihr um den Hals. Sie duftete nach Vanille, nach Wärme.

Hey, Yvonne. Du siehst gut aus.

Ach Quatsch, hab kaum gesessen heute, nur Stress. Und du?

Ach alles läuft.

Sie sprachen noch etwas, Yvonne erzählte von ihrer Tochter, und Katrin hörte zu. Martin blickte einmal herüber, sie fing seinen Blick auf. Nicht böse, mehr kontrollierend, als wolle er sich vergewissern: Passt noch alles? Keine Blamage? Katrin wandte sich ab.

Der Abend zog sich. Reden, Trinksprüche, Gelächter. Martin saß weiter vorne, bei der Chefetage. Redete am lautesten. Das konnte er halt, schon immer. Sie hatte das immer geschätzt, früher sogar bewundert.

Auf der Heimfahrt wieder Stille. Katrin zog in der Diele die Schuhe aus, tappte in die Küche und trank ein Glas Wasser.

Martin zog das Sakko aus, hängte es ordentlich hin und folgte ihr.

Und?, fragte er.

Wie, und?

Na, der Abend. Alles okay?

Ja.

Er blieb kurz hinter ihr stehen, dann: Yvonne hatte heute übrigens ein neues Kleid an. Und Ariane auch. Hast du das gesehen?

Katrin stellte das Glas ab.

Nein, Martin. Ich hab nicht auf die Kleider geguckt.

Nur mal so die geben sich halt Mühe. Das fällt auf.

Sie sah ihn lange an, ruhig, mit einer Müdigkeit im Blick, die von zu vielen Wiederholungen kam.

Ich hab dich da reden hören, am Tisch, sagte sie. Du hast von der Wohnung erzählt. Wie ihr alles selbst renoviert habt.

Martin zuckte mit den Schultern.

Und?

Selbst, Martin. Wer hat denn gestrichen? Wer hat das Bad gefliest? Wer hing drei Wochenenden auf den Knien, beim Verfugen?

Er schwieg.

Du übertreibst.

Ich stelle nur fest.

Katrin

Gute Nacht, Martin.

Sie verschwand ins Schlafzimmer, leise, die Tür nur angelehnt.

Sie lag lange wach, starrte an die Decke, hörte, wie Martin in der Küche noch räumte. Sie weinte nicht. Sie dachte. Dachte an den letzten Tag, an dem er sie einfach mal gefragt hatte, wie ihr Tag war. Nur so. Ohne Anlass. Sie versuchte, sich zu erinnern, es gelang ihr nicht.

Die nächsten Tage waren ruhig. Martin ging früh aus dem Haus und kam spät wieder. Katrin kochte, putzte, bügelte seine Hemden immer für eine Woche im Voraus, hängte sie ihm ordentlich hin. Diese Gewohnheit war geblieben, seit sie vor drei Jahren die Stelle in der Druckerei aufgegeben hatte. Martin hatte damals gesagt, das bringe doch eh nichts, das Gehalt sei ein Witz, die Arbeit ja eh unendlich, da könne sie lieber zu Hause bleiben. Sie hatte eingewilligt; sie dachte, das wäre nur vorübergehend. Drei Jahre sind vergangen.

Ihr ganzer Alltag drehte sich um Martins Rhythmus. Frühstück um sieben, weil er um sechs Uhr vierzig aufstand. Abendessen um acht, weil er vorher eh nicht heimkam. Wäsche dienstags und freitags. Putzen mittwochs. Donnerstags Einkauf: immer Dinkel, Hühnchen, Magerquark. Nie seine Blutdrucktabletten vergessen, morgens an den Platz stellen. Ihm Arzttermine machen, weil er sonst nie dran dachte.

Sie tat das alles nicht, weil sie musste. Sie tat es, weil sie so ist. Weil sie ihn liebt. Oder weil sie es gewohnt war, ihn zu lieben. Irgendwann kann man das nicht mehr so trennen.

Das Firmenfest war an einem Freitag. Und die Geschichte begann sich eine Woche später von vorn.

Martin kam überraschend früh an dem Tag nach Hause, etwa um sechs. Sie hörte die Tür, wie er die Schuhe achtlos in die Ecke warf auch das war eine neue Angewohnheit geworden. Er kam in die Küche, sie stand am Herd und rührte im Topf, es roch nach Eintopf.

Katrin, Samstag fahren wir zur Hütte von den Schwarz.

Herr Schwarz war sein neuer Kontakt sie hatten sich auf einer Konferenz kennengelernt.

Alles klar, sagte Katrin.

Aber hör mal, Martin stützte sich an den Türrahmen. Wär nicht schlecht, du würdest mal was mit den Haaren machen. Nicht immer dieser Zopf. Die Frau von Schwarz ist viel jünger, da sind normale Frauen. Geh doch mal zum Friseur

Ich war vor drei Wochen da.

Na, dann eben nochmal.

Katrin rührte weiter.

Sag mal, Martin: Erinnerst du dich noch, wie wir damals in deinem alten Golf zu meinen Großeltern in die Rhön gefahren sind? Ich war 23, hatte Jeans, Turnschlappen und die Haare im selben Zopf wie heute.

Er schwieg.

Du willst, dass ich jemand anderes bin.

Ich will, dass du mithältst, meinte er. Das ist doch verständlich. Das Leben hat sich geändert.

Das Leben hat sich geändert, wiederholte sie.

Sie nahm den Topf vom Herd, wischte sich die Hände ab. Wandte sich ihm zu. Er stand da, ungeduldig, bereit für ihr übliches Na gut oder Okay.

Diesmal sagte sie nichts davon.

Ich passe nicht mehr zu dir, sagte sie. Ich weiß es jetzt. Ich hab viel darüber nachgedacht.

Ach Mensch, Katrin, jetzt fang doch nicht wieder an

Ich fang nicht an, Martin. Ich höre auf. Ich höre auf, so zu tun, als wär alles wie immer.

Er schlurfte zum Kühlschrank, holte sich Wasser, trank aus der Flasche noch etwas Neues.

Du hast einfach nen Durchhänger, meinte er. Du hockst rum, hast nix zu tun, denkst dir halt alles zu groß.

Ich geh raus. Ich geh einkaufen, zu Inge, ich

Katrin, ehrlich, er stellte die Flasche ab. Dieser Blick, den sie nicht ausstehen konnte ein herablassendes Lächeln. Du bist ne gute Frau, du hältst den Laden am Laufen, aber manchmal bist du halt nicht mehr ganz dabei. Ich brauch einfach jemanden, mit dem ich mich draußen nicht schämen muss.

Da war es, das Wort. Schämen. Es knallte auf die Fliesen, klimperte nach, wie eine Euro-Münze, die auf den Küchenboden fällt.

Katrin spürte, wies ihr die Kehle zuschnürte. Keine Tränen. Etwas anderes war das, ein kleiner Riegel, der in ihr umgelegt wurde.

Gut, sagte sie ruhig. Ich habs verstanden.

Sie verließ die Küche.

In der Nacht schlief sie kaum. Hörte Martin ruhig neben sich atmen, ohne Gewissenbisse. Sie dachte an das Wort schämen. Legte es sich an. Sie, Katrin Schröder, sechsunddreißig, die eine komplette Wand eines Kindergartens so bemalen kann, dass jeder Nachbar ein Handyfoto davor macht. Die auf dem Fensterbrett aus einem Zitronenkern einen kleinen Baum gezogen hat. Die vor zwei Jahren bei Martins Grippe mit 40 Grad Fieber die ganze Nacht Kompressen wechselte, die bei seiner ersten großen Präsentation tagsüber die ganze Datei nochmal durchging und die Fehler raussuchte, ohne ihn darauf hinzuweisen. Die nachts noch seine Hemden und die fehlende Knopfleiste flickte.

Schämen.

Leise, um ihn nicht zu wecken, stand sie auf. Ging in die Küche. Einen Tee machen. Saß am Fenster. Schaute auf die nächtliche Stadt.

Schrieb Inge, ihrer Freundin: Noch wach? Keine Antwort, war ja eins nachts.

Also öffnete Katrin die Fotos im Handy. Blätterte lange. Fand alte Bilder aus dem Wohnheim. Sie und Martin auf der Wohnheimküche, essen gemeinsam aus einer Auflaufform. Sie Zopf, er gestreifter Pullover, der ihr später kaputtging und den sie heimlich reparierte.

Sie schloss das Handy.

Am nächsten Morgen lief alles wie immer. Martin stand auf, super Laune, als wäre nichts gewesen. So war er. Themen für ihn zu erledigen wie Tabs im Browser: einfach schließen. Sie stellte ihm das Frühstück hin, Spiegelei, Tomaten, Toast.

Tolles Frühstück, murmelte Martin, das Handy vorm Gesicht.

Sie räumte den Herd ab. Ging ins Schlafzimmer. Öffnete den Schrank. Schaute lange hinein. Dann griff sie oben die alte Reisetasche aus Stoff, dunkelblau, noch aus Studienzeiten. Legte sie aufs Bett.

Sie packte nicht viel: Wechselklamotten, einen dicken Pullover, warme Socken, eine Strickjacke, die Martin nie gesehen hatte, weil sie sie immer drinnen trug. Ein Band Rilke. Skizzenbuch und Bleistifte. Ihr Lieblingsparfüm flask klein. Ladegerät Handy.

Sie ging in die Küche. Im Schubladenfach unter dem Brotkasten lag ihre separate Girokarte, wo sie manchmal ein paar Euro abgezweigt hatte. Kein großer Betrag, aber etwas. Sie nahm sie an sich.

Martin hing noch am Handy.

Ich geh mal raus, sagte sie.

Hmm, antwortete er, ohne aufzusehen.

Sie zog sich an, nahm die Tasche. Ging.

Es war kalt draußen, typisch Oktober. Sie lief zur Bushaltestelle, zwanzig Minuten entfernt. Die zentrale Busstation war am anderen Ende des Stadtteils. Sie lief schnell, die Tasche wog kaum was, die Beine waren leicht.

Am Bahnhof kaufte sie ein Ticket nach Rhönhausen. In knapp vier Stunden ginge der Direktbus, mit Umstieg in Bingen, dann nochmal eine Dreiviertelstunde. Sie kannte die Strecke auswendig, seit Kindertagen. Jeden Sommer, solange Oma Renate lebte, fuhr sie dorthin. Jetzt war Oma länger tot, das Haus stand leer, sie schaute alle paar Jahre vorbei, schloss die Fensterläden, zahlte Grundsteuer. Martin war ein einziges Mal mit ihr da vor acht Jahren und fand es muffig und langweilig.

Sie kaufte das Ticket. Setzte sich ins kleine Bahnhofs-Café, trank Tee. Rief Inge an.

Katrin? Was ist los?, Inge nahm sofort ab.

Inge, ich fahre weg.

Wohin?

Nach Rhönhausen. Zu Oma.

Aber die ist doch

Ich weiß. Das Haus steht leer. Da kann ich bleiben.

Stille am anderen Ende. Dann vorsichtig:

Habt ihr Streit?

Nein. Er hat gesagt, dass er sich für mich schämt.

Inge atmete hörbar aus.

Soll ich kommen?

Nein. Lass mich mal. Ich brauch Ruhe. Da ist es gut.

Weiß Martin das?

Der erfährts.

Sie schlürfte den Tee. Wartete auf den Bus. Der Bus war alt, die Sitze durchgesessen, es roch nach Diesel, Kindheit. Sie setzte sich ans Fenster, Tasche neben sich. Zog das Skizzenbuch hervor, hielt es nur in der Hand.

Das Handy brummte. Martin. Sie sah zu, wie der Anruf verlief. Ging nicht dran. Schrieb: Bin nach Rhönhausen gefahren. Bitte lass mich in Ruhe. Ich brauch Zeit.

Der Bus fuhr los. Die Stadt zog vorbei, ihre Lichter, die grauen Häuser, Restaurants am Gendarmenmarkt, die Firmenfeiern. Katrin schaute aus dem Fenster und die Angst, die sie erwartet hatte, blieb eigentlich aus. Ein bisschen war es sogar Erleichterung. Als sei ein Druck von ihr abgefallen.

Draußen begann es zu nieseln, dieser feine Herbstregen. Die Landstraße führte raus, vorbei an Feldern und kleinen Dörfern. Sie lehnte die Stirn ans kühle Glas, schloss die Augen. In ihren Ohren hallte noch das Wort schämen.

Doch langsam wurde es leiser. Dafür roch sie, wie aus dem Tiefspeicher der Erinnerung, plötzlich Omas Küche: Apfelkuchen, Feuer im Ofen, gehäkelte Decke auf dem Tisch. Oma Renate hatte immer gesagt: Katrin, du hast Hände, du kommst schon klar. Hauptsache, du versteckst sie nicht.

Der Bus fuhr weiter.

***

Als sie in Bingen umstieg, war es schon dunkel. Der Anschlussbus fuhr selten, sie wartete knapp eine Stunde auf einer Holzbank in der zugigen Bahnhofshalle. Es roch nach nasser Jacke, irgendwo lief im alten Fernseher eine Quizshow. Katrin holte ihr Skizzenbuch raus, zeichnete einfach drauf los: das Fenster, eine Frau auf der Bank gegenüber, ihre schweren Einkaufstüten. Ihre Hand machte das automatisch, als seien diese drei Jahre Untätigkeit nicht gewesen.

Kurz vor neun kam Katrin in Rhönhausen an. Ausstieg auf Feldweg, den sie zwischen Apfelbäumen und Weiden kannte wie den eigenen Hausflur. Im Dorf brannte in zwei, drei Fenstern noch Licht. Omas Haus stand am Rand, bei der alten Birke, die in den Jahren ordentlich zugelegt hatte.

Sie zückte den Haustürschlüssel, den sie immer am Bund behalten hatte. Martin hatte mal gefragt: Wozu schleppst du den immer mit? Sie nur: Ach, so halt. Keine weiteren Nachfragen.

Die Tür klemmte ein wenig, sie musste fest drücken. Drinnen wars stockfinster. Als sie das Licht anknipste, atmete sie auf Strom war nicht abgeschaltet. Die Möbel standen an ihrem Platz: Oma Renates alter Schrank, das Waschbecken in der Ecke, der Tisch mit Steckdeckchen. Alles war eingestaubt, grau eingepudert.

Katrin stellte ihre Tasche ab. Ging ein paar Schritte durch die Zimmer. Im Schlafzimmer lag Omas Patchwork-Decke, ordentlich überzogen. Sie griff sie an, schüttelte aus der Staub tanzte im Licht, sie nieste und musste dann lachen. So. Damit fing es an.

In dieser Nacht schlief sie wie seit Jahren nicht. Unter Omas Decke, im winterlichen Zimmer, wo der Ofen erst nach Stunden richtig wärmte, rollte sie sich ein und fiel direkt in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

In der Stadt lief Martin derweil unruhig durch die Wohnung, wusste nicht weiter.

Er glaubte erst, sie würde abends zurückkommen. Dann irgendwann nachts. Er rief mehrfach an, erhielt keine Antwort. Dann las er ihre Kurznachricht noch einmal: Bin nach Rhönhausen. Bitte lass mich in Ruhe. Das Wort Zeit ärgerte ihn am meisten. Es sagte alles und nichts, klang wie ein Urteil.

Er aß die Reste Eintopf, die sie ihm da lies. Saß lange am Fernseher, sah aber nichts. Ging dann ins Bett, schlief schlecht.

Morgens kochte er Kaffee, viel zu stark geraten. Fand noch ein paar Eier, kochte sie, ließ sie fast platzen, aß sie halbherzig, zog sich an. Gebügelte Hemden hingen noch in Reih und Glied im Schrank, für eine Woche hatte sie vorbereitet.

Im Büro am Montag begegnete ihm keiner anders als sonst. Endbesprechung Analysten, Meetings, alles so wie immer. Aber Paul, sein Kollege, fragte: Martin, ist alles in Ordnung? Ja, klar. Paul zuckte mit den Schultern.

Abends, zurück zu Hause, nichts zu essen da. Normalerweise hatte Katrin immer für ein paar Tage vorgekocht, Freitag aber hatte sie anscheinend nichts mehr gemacht. Im Kühlschrank: ein Stück Käse, Eier, halbe Butter. Er bestellte per App Sushi, aß direkt aus der Box am Fenster.

Eine Woche ging rum. Katrin meldete sich nicht. Irgendwann schrieb er ihr noch mal: Wie gehts dir? – Stunden später kam ein kurzes Okay. Mehr nicht.

Die Wohnung veränderte sich allmählich. Zuerst stapelte sich das Geschirr. Martin spülte zwar, aber schlampiger als Katrin, ließ Wasserflecken auf den Gläsern. Plötzlich lagen auf dem Küchentisch Einkaufstüten, die er vergaß wegzuräumen. Im Flur türmten sich Gratiszeitungen, die sonst Katrin immer gleich entsorgte.

Nach eineinhalb Wochen waren die Hemden aufgebraucht. Notgedrungen setzte er sich mit der Waschmaschine auseinander, aber beim Bügeln passte nie alles: Eine Schulter wies Dellen auf. Er zog halt ein anderes, nicht perfekt gebügeltes an, wird schon gehen.

Im Büro blieb das nicht unbemerkt. Man sagte nichts, aber jeder sahs ein Mann, der immer auf den Punkt gekleidet war, kommt jetzt öfter etwas verknittert. Nach dem dritten Mal merkt jeder sowas. Nicht, weil die Leute gemein sind, sondern weil das Leben einfach so ist.

Die Blutdrucktabletten waren Ende der ersten Woche aus. Erst als der Kopf abends richtig zu wummern begann, fiel es Martin auf. Katrin hatte die immer besorgt, morgens an seinen Platz gelegt. Er musste jetzt zum Arzt und in die Apotheke, das Rezept lag nur als Kopie griffbereit; mit dem alten kam er nicht weit. Ans Telefonieren, Termine machen, Anträge schreiben all das hatte vorher Katrin übernommen.

Einige Tage später lernte Martin Vicky kennen.

Das war bei einem Dinner, das sein Geschäftspartner Schwarz ausrichtete jener, zu dessen Hütte sie nie gefahren waren. Vicky war PR-Frau, erschien mit einer Mandantin. Sie war groß, dynamisch, kurze Haare, Hosenanzug, sicher im Auftreten. Genau so eine, wie Martin in letzter Zeit als Vorbild sah modern, gepflegt, gepflegt auftretend, eloquent.

Sie unterhielten sich. Vicky war schlagfertig, aufmerksam, stellte Fragen zu Technologics, hörte ihm wirklich zu jedenfalls schien es so.

Er bot an, sie heimzufahren. Sie willigte ein. Im Auto setzte das Gespräch sich fort, sie nahm seine Nummer, erwähnte ein spannendes Projekt, für das sie Kontakt und Knowhow bräuchte.

Zuhause war Martin nach zwei Wochen Abwesenheit von Katrin zum ersten Mal von etwas anderem als Stille erfüllt. Von Vicky dachte er noch am nächsten Tag.

Am Morgen schrieb sie ihm als Erste: ein Kaffee-Emoji, Lust auf eine Fortsetzung? Er: Klar.

Sie trafen sich am Donnerstag in einem Café, am Sonntag nochmal, diesmal privat. Martin spürte, dass da eine Art Hoffnung in ihm aufkeimte. Etwas Leichtes, fast Ungewohntes.

In Rhönhausen verlief Katrins Woche anders.

Drei Tage lang putzte sie zunächst nur. Richtig, grundlegend. Das Haus einmal komplett feucht wischen, Fenster mit Essig, wie Oma es ihr beigebracht hat. Vorleger raustragen, mit dem Ast ordentlich ausklopfen. Den Ofen von Asche reinigen.

Den Ofen brachte sie am zweiten Tag in Gang. Nicht sofort, aber es ging. Wärme sickerte langsam, überall kroch Leben durchs Haus. Katrin saß auf dem Hocker, beobachtete das Feuer im kleinen Ofenfenster. Da spürte sie erstmals so etwas wie Frieden.

Nachbarin Frau Vogt, Mitte Siebzig, kannte sie noch als Mädchen, kam nach drei Tagen rüber: klopfte, brachte einen Topf Milch und ein halbes Brot.

Habe Licht gesehen, dachte, ist was, sagte sie und musterte Katrin. Biste aber dünner geworden.

Hallo, Frau Vogt.

Setz dich, trink das Milchchen, Brot ist noch frisch.

Katrin bedankte sich.

Bleibst lang?, fragte Frau Vogt und setzte sich auf einen Hocker.

Weiß noch nicht.

Weiß dein Mann, wo du steckst?

Ja.

Na dann. Mehr Fragen gabs nicht. Sie sagte nur, dass Katrin rufen soll, falls was ist, und ging. Katrin blickte ihr nach es gibt Menschen, die so schweigen, dass es mehr sagt als viele Worte.

Im alten Koffer fand Katrin Farben. Nicht Omas, aber früher mal selbst mitgebracht, als sie vor Jahren hier die Fensterläden bemalen wollte. Acryl war eingetrocknet. Aber ein paar Dosen Gouache waren noch brauchbar.

Sie stellte die Farben auf, legte Skizzenbuch dazu. Erst mal zeichnete sie einfach ein paar Äste, einen Eichelhäher auf dem Zaun. Es sah lebendig aus. Sie staunte selbst, wie leicht die Hand wieder ging.

Am nächsten Tag machte sie sich auf den Weg zum Dorfladen, zwei Kilometer zu Fuß. Kauft Grundfarben und eine breite Pinsel. Die Verkäuferin, Frau Krause, eine Frau mit Pferdeschwanz Mitte Fünfzig, empfiehlt ihr noch eine Latexgrundierung statt Holzgrund.

Zuhause schaute Katrin die alten Fensterläden an. Das Holz war rau, aber gesund. Geht noch, dachte sie.

Sie begann mit grobem Schleifpapier, malte Grund. Als das trocken war, kamen die Pinsel zum Einsatz. Sie malte, wie sie es immer tat: Blumen, Blätter, Vögel, aber eher heimatlich als russisch, eher zart als laut. Es war kalt, die Hände wurden steif, doch die Farbe machte sich prächtig.

Frau Krause kam vorbei und staunte an der Gartentür.

Das machen Sie alles selbst?

Klar.

Schick. Meine Tore könnten das auch brauchen

Wenn ich Zeit hab, gern.

In der Stadt entwickelte sich das mit Martin und Vicky weiter. Café, Dinner, ein Abend im Theater Martin, eigentlich kein Theatergänger, hatte trotzdem das Gefühl, zu Vicky zu passen.

Bis sie abends eine längere Nachricht schrieb voller Geschäftsdetails, einem neuen Projekt, Investorengesprächen. Alles zielte auf seine Kontakte in der Firma. Martin las das alles viermal. Rief Schwarz an.

Du, Schwarz, was sagst du zu der Vicky ausm PR?

Gute Frau, aber pass auf. Die weiß, was sie will. Die kann dich gut gebrauchen, die ist sehr pragmatisch. Alles ist für sie ein Deal.

Martin beendete das Gespräch. Blätterte die Chat-Historie mit Vicky rückwärts. Ja, Schwarz hatte recht. Es ging ihr nicht um ihn, sondern um seinen Nutzen.

Er legte das Handy weg.

Die Wohnung war immer noch in Schieflage. Überall Klamotten, Kaffeetassen. Das Licht im Bad noch immer defekt, er hatte keine Lust, es zu wechseln. In der Küche stand seit Tagen Wasser, der Abfluss war verstopft Reinigungsmittel eingefüllt, aber nichts passiert

Und in Rhönhausen sprach Katrin morgens mit dem Hahn.

Frau Vogt hatte sie gebeten, zwei Tage auf ihre Hühner achtzugeben. Die Hühner waren genügsam, aber der Hahn Heinrich umrundete sie stets misstrauisch.

Du magst mich nicht, was?, fragte Katrin, ihre schlammigen Stiefel auf dem Mist.

Der Hahn musterte sie nur.

Na, macht nichts. Gibts trotzdem Körner.

Sie lachte über sich selbst, über den Dorfhof und den Novemberregen und die Dreckstiefel. Und plötzlich gings ihr erstaunlich gut. Keine Zielsetzung, keine Berechnung: Hier war einfach Leben.

Der Tagesrhythmus setzte sich selbst. Sie stand ohne Wecker auf, holte Holz, brauchte keinen, der sie kontrollierte. Am Abend las sie Rilke, zeichnete, redete ein bisschen mit Frau Vogt oder saß einfach schweigend am Fenster.

Inge rief in der zweiten Woche an.

Wie läufts?, sofort, ohne Begrüßung.

Gut, ernsthaft.

Martin hat mich angerufen.

Stille.

Und?

Hat gefragt, wies dir geht. Hab gesagt, lebendig. Mehr nicht.

Richtig so.

Katrin, bleibst du lang?

Katrin blickte auf die Läden, die sie gerade beendete: da waren jetzt blaue Vögel auf weißem Grund, rote Beeren. Schön.

Weiß ich noch nicht.

Denkst du an Scheidung?

Ich denk grad an gar nichts. Ich lebe einfach.

Versteh ich, seufzte Inge. Isst du wenigstens?

Klar. Frau Vogt bringt oft was mit. Ich koch selbst.

Nach dem Telefonat trat Katrin hinaus, stand unter der Birke, die schon alle Blätter abgeworfen hatte. Der Himmel war grünlich, am Rand stand schon der erste Stern.

Sie dachte an Martin. Ohne Groll, ohne Traurigkeit. Einfach gedacht. Sieben gemeinsame Jahre, das sind kein Staubkorn. Sie erinnerte sich an ihn in dem schäbigen Pullover, als sie ihn kennengelernt hatte. Daran, wie er einmal in der ersten gemeinsamen Wohnung einen Nagel für ihr Bild schief eingeschlagen und sich den Daumen plattgehauen hatte, grummelnd, und sie lachte.

Das alles war. Und es war nicht weg, nur weil er ein falsches Wort gesagt hatte.

Aber das Wort war auch nicht verschwunden.

Innen im Haus musste sie Holz nachlegen und Abendessen kochen das Dorfleben ließ einen nicht lange nachdenken. Hier war immer zu tun, und das stellte sie fest war gerade das Beste für sie.

Währenddessen fiel Martin im Büro auf, dass die Kollegen stiller wurden. Einmal vergaß er ein wichtiges Gespräch, weil sonst Katrin ihn immer nochmal erinnert hatte. Jetzt machte er das selbst vergass es prompt, weil das Handy morgens leer war. Der Kunde wartete eine halbe Stunde, ging wieder. Sein Chef, Herr Krämer, wurde sichtlich nervös.

Beim Quartalsbericht vertauschte Martin Zahlenreihen. Paul kam rechtzeitig, tippte ihm zu: Schau hier Martin merkte, wie ihm die Wangen brannten.

Zuhause wurde das Chaos schlimmer. Am Samstag wollte er putzen: drei Stunden geackert, nichts wurde richtig sauber. Katrin hatte täglich sauber gemacht, nicht geballt, sondern immer zwischendrin. Wenn man das laufen ließ, half auch Marathonputzen nicht mehr.

Er stand in der Küche, umgeben von Verpackungen, Tüten, Tassen. Früher war der Tisch immer leer gewesen. Als sei das selbstverständlich gewesen wie warmes Wasser, wie frische Hemden.

Er tippte Katrin an.

Wie gehts?

Eine Stunde später: Gut.

Hast die Läden repariert?

Bemalt.

Er verstand erst nicht. Dann: Wie meinst du?

Keine Antwort.

Nach ein paar Tagen schrieb Vicky wieder wegen des Geschäftsprojekts. Kurz angebunden antwortete er, dass es grad nicht passt. Sie verstand und zog sich zurück.

Er war wieder allein. Ganz allein, in der Wohnung, die sie zusammen ausgesucht hatten, gemeinsam tapeziert, Regale montiert. Die Vorhänge hatte sie genäht. Jetzt gehörte alles Martin allein. Und war trotzdem nicht mehr seins.

***

Der Dezember kam in Berlin ohne Vorwarnung, wie immer: Eben noch November, nasser Matsch, am nächsten Morgen schneite es schon. Martin stand mit einem zu laschen Kaffee am Fenster. Draußen lag Schnee, eigentlich hübsch wenn das unerklärliche Loch in seiner Brust nicht wäre.

Im Büro arbeitete er wie eine halb leere Batterie: noch funktionierend, aber angestrengt. Paul kümmerte sich dezent um Vieles, Martin war dankbar, sprach es aber nicht aus.

Chef Krämer rief ihn an einem Mittwoch rein.

Alles klar bei Ihnen, Martin?

Ja, Herr Krämer.

Passen Sie auf. Dezember ist kritisch. Wenn uns Samoylov abspringt, haben wir ein Problem.

Ich kümmer mich.

Krämer sah ihn noch lange an. Dann schickte er ihn zurück.

Abends kaufte Martin im Supermarkt ein: Hähnchen, Kartoffeln, Gemüse. Zog sich in der Wohnung zurück, kochte Suppe. Ungewürzt, wässrig, landete die Hälfte im Ausguss, dann aß er Brot und Käse am Kühlschrank.

Danach setzte er sich in den Sessel, in dem Katrin immer abends saß. Der Stoff war leicht durchgesessen, typisch ihre Ecke. Er blickte ins Bücherregal: Ihre Bücher, viel Lyrik, Biographien, Kunstgeschichte; seine: ein paar Wirtschaftsbücher, Krimis, alle tadellos neu. Früher war ihm nie aufgefallen, dass ihre Bücher dreimal mehr Platz nahmen und abgegriffen waren, weil sie sie auch gelesen hatte.

Er nahm wahllos Rilke heraus. Las ein paar Zeilen über einen, der mit der Handwerklichkeit die Welt formt. Stellte es zurück.

Noch vor Weihnachten rief seine Mutter an, wie jeden Sonntag.

Martin, ist Katrin noch aufm Land?

Er wunderte sich nicht, dass sie es wusste. Irgendwie wusste seine Mutter immer alles.

Ja. Fast einen Monat jetzt.

Sie schwieg.

Kommt sie wieder?

Weiß ich nicht.

Pause. Dann:

Du hast sie verletzt, oder?

Ach Mama, es ist

Du hast. Du klingst so. Immer wenn du dich schuldig fühlst, brummst du.

Er sagte nichts.

Sie ist ne gute Frau, sagte die Mutter. Ich habs dir immer gesagt, du hast nie richtig hingehört.

Mama

Hör einfach zu. Auch dein Vater hat vieles unbemerkt gelassen. Männer merken es halt erst, wenns zu spät ist. Aber Fehler einzugestehen, ist nicht peinlich. Es ist eine Stärke.

Er schaute auf den Teppich.

Ich denk drüber nach, Mama.

Denk nicht zu lang. Eine Frau, die freiwillig im November alleine aufs Land fährt, hat für sich längst irgendwas entschieden.

Martin lief noch lange in der Wohnung auf und ab, dann stand er auf dem Balkon, ein Hemd nur am Leib, im Winter. Sah auf die Lichter der Stadt. Spürte, wie irgendwas unwiederbringlich dahinlief.

In Rhönhausen kam der Dezember anders. Mit knirschendem Schnee, klarer Kälte, dunkelblauen Dämmerungen. Katrin hatte den Alltag im Griff. Ofen anwerfen, Kartoffeln im Keller umschlichten, Hühner versorgen. Frau Vogt brachte regelmäßig Milch, Marmelade, Eier, ein paar Minuten gemeinsame Stille gratis dazu.

Aber das Wichtigste wurde für Katrin das Malen.

Nach den Läden kamen Nachbarn. Frau Krause wollte Tore bemalt haben. Dann Ninas Mutter bemalte Bretter für die Küche, als Geschenk. Dann ein Kindergitterbett aus dem Nachbardorf. Katrin malte stundenlang Tiere, Blumen, Sterne. Als die junge Mutter das Bett abholte, schaute sie nur still, sagte: Das ist wie Kunst. Handarbeit?

Klar, sagte Katrin.

Wieviel wollen Sie haben? Sie nannte einen Preis, den die Frau anstandslos zahlte, mit Bonus.

Inge rief im Dezember an.

Online hab ich gesehen, solche Sachen verkaufen sich super. Malpanele, Möbel, Deko wäre das nichts?

Geld ists eh nicht, entgegnete Katrin.

Doch, ein bisschen schon. Du hast Talent. Hat Martin das auch gesehen?

Pause.

Er hats gesehen. Aber nicht hingeschaut.

Inge seufzte.

Martin hat gefragt, ob er dich besuchen soll.

Und?

Hab gesagt, das musst du beantworten. Katrin, wie gehts dir ehrlich? Grübelst du?

An den Fenstern lag Frost, die Birke vor dem Haus stand weiß da.

Weiß nicht. Ich bin wütend und vermisse ihn. Gleichzeitig. Schwer zu sagen, wie das zusammenpasst.

Das passt schon, meinte Inge. Entscheide bloß nichts übers Knie. Nichts überstürzen.

Und Katrin hetzte nicht. Sie lebte. Nutzte Ofenwärme, den Hof, den Malplatz am Fenster, den ganzen Rhythmus, den das Dorf ihr schenkte. Zeichnete große Panele mit Dorfmotiven. Sie stellte sie auf die Fensterbank. Jetzt wusste sie: Das ist mein Werk. Das bleibt.

Da war auch eine neue, besonnene Sicherheit in ihr, eine Ruhe, die sie nie kannte. Oder lange überhört hatte, weil Martins Stimme in ihrem Ohr war: du kommst nicht mehr mit, peinlich

Das Wort war noch da, aber nicht mehr scharf.

Mitte Dezember kam die Tochter von Frau Vogt mit Mann vorbei. Sie waren hin und weg vom Haus, den Läden, den Malereien.

Haben Sie schon mal nachgedacht, das auch in der Stadt zu verkaufen? Ich kenn jemanden mit einem Laden für Kunsthandwerk!

Katrin überlegte tatsächlich erstmals, ob es nicht geht. Nicht wegen des Geldes, sondern weil sie merkte: Was sie macht, braucht sie für sich. Nicht als Martins Frau, sondern als sie selbst.

Oma Renate hätte gesagt: Hände nicht verstecken. Hatte sie nie getan.

Im Januar nahm Martin sich endlich vor zu fahren.

Der Anlass war banal: Hinter dem Kühlschrank fand er Katrins alten Schal. Grau, weicher Flausch, drei Jahre alt, immer im Gebrauch. Er roch schwach nach ihrem Parfüm. Martin stand lange mit dem Schal am Fenster. Legte ihn erst weg, dann nahm er ihn wieder heraus.

Er rief seine Mutter an.

Mama, ich muss hinfahren.

Höchste Zeit!

Wirst du denken, sie nimmt mich zurück?

Weiß ich nicht. Aber du musst hinfahren ob es klappt oder nicht. Sag ihr, was Sache ist. Nicht Ausreden, sondern ehrlich. Lieber Klarheit als gar nichts.

Nach dem Gespräch schrieb Martin Katrin lange nicht. Nicht aus Angst, sondern weil er überlegte, wie ers wirklich sagen wollte. Keine Floskeln, keine Verhandlungssätze wie im Büro, sondern klar. Er überlegte, an welcher Stelle er ihr zum letzten Mal Danke gesagt hatte für geflickte Knöpfe, den geputzten Flur, die warmen Hemden. Er wusste es nicht.

Ende Januar kündigte er im Büro drei Tage frei an.

Paul nickte bloß: Januar klappt. Viel Glück beim Persönlichen.

Martin prüfte die Strecke auf Google Maps. Rhönhausen dreihundert Kilometer, knapp vier Stunden. Da war sie jetzt, im Haus ihrer Oma.

Er schrieb Katrin zum ersten Mal seit Wochen unverblümt: Katrin, ich würde gerne kommen. Wenn das für dich okay ist.

Das Handy lag neben ihm. Nach zwanzig Minuten leuchtete der Bildschirm.

Komm.

Mehr stand da nicht. Kein nicht nötig, kein lass das. Komm. Das war Erlaubnis und Einladung, und noch etwas, das Martin nicht klar benennen konnte, aber tief traf.

Er packte. Winterschuhe, Auto zur Inspektion, Ölwechsel. Im Supermarkt suchte er lange, was er bringen wollte: ihren Lieblingstee, Honig, Mandarinen, Schokolade mit Nüssen, ein Set gute Holzfarben aus dem Bastelladen.

Samstag früh fuhr er los, die Straßen noch leer, leichter Frost. Musikhören ließ er aus, fuhr einfach nur. Draußen tauchten Felder, Wälder, Dörfer auf.

Er probte Sätze im Kopf. Kam sich albern vor. Vielleicht sollte er aufhören, alles glattzubügeln, und wirklich Klartext reden, zum ersten Mal.

***

Bei Bingen zeigte ein verwittertes Holzschild den Weg nach Rhönhausen er kannte das von früher. Die Landstraße war vereist, Martin fuhr langsam. Felder rechts und links, es war still. Bei Einfahrt ins Dorf erkannte er den Rand, die Birken. Läden an den Häusern, Rauch aus Kaminen. Hühner pickten im Vorgarten.

Omas Haus stand wie immer. Aber doch anders: die Fensterläden jetzt bemalt! Weiße Grundierung, blaue Vögel, rote Beeren, grün-blättrige Ranken. Martin stand mit offenem Mund.

Er parkte, stieg vorsichtig aus. Schnee knirschte.

Da öffnete sich die Tür, Katrin trat auf die Treppe: Omas alter Wintermantel, Strickschal, die Haare unter einem Tuch. Sie hielt eine Tasse in der Hand.

Sie sahen sich eine Weile schweigend an. Dann, ruhig:

Du bist also da.

Ja.

Sie nickte zur Gartenpforte.

Offen. Komm rein.

Martin ging auf den Hof. Die Tür ins Haus, warm, duftete nach Holz und Farben. Am Fensterbrett standen gemalte Bretter, auf dem Tisch Malutensilien, Acrylfarben, Pinsel. An der Wand Winterlandschaften, von Katrin gemalt.

Er blieb an den Bildern stehen. Staunte.

Hast du alles selbst gemacht?

Ja.

Schon lange?

Dieses Jahr ja. In der Stadt hatte ich kaum Lust.

Er verstand auch so. Nickte.

Sie setzte das Wasser auf. Martin zog Jacke und Schuhe aus, setzte sich an den Tisch. Sah sich um. Alles klein, aber lebendig. Im Fenster Kräuter, im Regal Vorratsgläser, auf dem Bett die Patchwork-Decke.

Wie gehts hier?

Gut.

Ist es kalt?

Geht, der Ofen brennt.

Sie schwiegen bis der Wasserkessel kochte.

Katrin , hob Martin an.

Sie drehte sich nicht weg. Ja.

Er schaute auf seine Hände. Blickte dann auf.

Ich erinnere mich an das Wort schämen. Das hab ich gesagt.

Sie schwieg, wartete nur.

Damals dachte ich, ich wär was Besseres, hätt alles selbst geschafft. Und du seist nur dabei. Wie ein Schatten.

So war das, bestätigte sie knapp.

Es stimmt aber nicht.

Sie sagte nichts.

Mir wurde das mit der Zeit klar. Erst an den Hemden. Dann an den Tabletten. Wie viel eigentlich von dir ist. Und wie wenig eigentlich von mir.

Der Wasserkessel pfiff. Sie goss Tee auf, stellte ihm einen Becher hin, nahm ihren. Alles wie früher aber ganz anders.

Martin betrachtete sie.

Du willst, dass ich zurückkomme, stellte sie fest.

Ja.

Aber ich will dich was fragen.

Mach.

Sie hielt den Tee, fixierte ihn.

Yvonne auf dem Fest. Du hast auf sie geschaut wie auf einen Maßstab. Erinnerst du dich?

Er zögerte, dann: Ja.

Und Ariane.

Wieder: Ja.

Wusstest du, dass Yvonne sich getrennt hat? Inge erzählte es. Sie hat Dinge gehört, die du mir auch gesagt hast. Nur sie hatte nicht die Kraft, allein aufs Land zu flüchten. Die war einfach konsequent genug zu gehen.

Martin nickte.

Ich sage das nur, weil: Es gibt keine perfekten Frauen. Es gibt nur Menschen, die sich gegenseitig sehen oder eben nicht.

Ich hab dich nicht gesehen.

Nein.

Draußen war es ruhig im Schnee. Meisen hüpften am Zaun, Rauch aus dem Kamin.

Nach langer Pause: Katrin, ich kann keine Reden schwingen. Ich bin kein Mann der Worte. Aber ich bin gekommen. Ich hätte anrufen können, schreiben. Aber ich kam.

Ich weiß.

Sie schlürfte Tee.

Ich hab noch keine Entscheidung getroffen. Verstehst du das?

Ja.

Ich fühle mich hier wohl, wirklich. Und ich kann nicht so einfach zurück als wär hier nie was gewesen.

Ich will auch keine Schnelllösung.

Was willst du dann?

Er wusste es selbst kaum. Sah auf ihre Malereien, die bemalten Läden, die Pinsel.

Zeit. Reden. Sitzen, Tee trinken. Heute, morgen, so lange wie nötig. Ich will nicht drängen. Ich wollte einfach hier sein. Dich sehen.

Sie hielt seinem Blick stand. Lächelte zaghaft.

Hunger?

Ein bisschen.

Ich koch Suppe. Warte hier.

Sie stand auf, nahm einen Topf, kochte weiter. Zwiebeln hacken, Messer klopfte. Martin betrachtete ihre Hände: rot, rau, etwas Farbe am Daumen.

Katrin, sagte er leise.

Hm?

Die Läden sind schön.

Sekunde Stille, dann: Danke.

Draußen dämmerte es früh. Winterblau am Himmel, erste Sterne. Es knackte im Ofen, Suppe roch nach Kräutern.

Er saß am Tisch, die Hände um den Tee, sah ihr einfach zu. Sie arbeitete ruhig, gelassen wie immer.

Er hatte keine Ahnung, wie es weiterging. Sie wahrscheinlich auch nicht. Ungewohnt, die Ungewissheit für einen, der sonst alles plant.

Katrin stellte ihm einen Teller hin.

Ess, sonst wirds kalt.

Einfacher Kartoffeltopf, keine Sterneküche, aber heiß und sättigend.

Sie aßen stumm. Katrin blickte hin und wieder aus dem Fenster.

Dann sagte sie: Im Schuppen steht ein altes Feldbett. Wenn du willst, kannst du bleiben. Ist kalt, aber ich bringe dir Decken.

Er begriff: Das war keine Einladung ins Haus, sondern ein vorsichtiger Schritt auf ihn zu.

Danke, erwiderte er.

Sie brachte ihm eine Decke, zeigte ihm, wie man den kleinen Ofen anzündete.

Vor der Türe blieb er stehen, blickte zum Himmel: unendlich viele Sterne, klar und kalt.

Unglaublich, wie viele Sterne man hier sehen kann, sagte er leise.

Katrin stellte sich für einen Moment neben ihn, blickte nach oben, schwieg.

Dann: Martin.

Hm?

Ich weiß nicht, wies weitergeht. Ehrlich.

Ich auch nicht.

Stille.

Komm zum Frühstück rüber.

Sie ging zurück ins Haus. Martin sah ihr nach, bis die Tür zufiel. Dann blickte er lange in den Sternenhimmel, allein im Hof, mit der Decke unterm Arm, in einer stillen Nacht in Rhönhausen.

Drinnen hinterm Vorhang ging das Licht an.

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Homy
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