Die Schwiegertochter ertappt ihre Schwiegermutter in ihrer eigenen Küche und…

Schwiegertochter ertappt Schwiegermutter in ihrer Küche und…

Helga Schuster steht mitten in der Küche und hält einen Blumentopf mit einem Usambaraveilchen in den Händen. Das Veilchen gehört Johanna. Johanna hat es letzten April auf dem Wochenmarkt in München gekauft, lange zwischen dreien ausgewählt und schließlich das mit den gleichmäßigsten Blättern genommen. Sie hat es auf das Fensterbrett gestellt, gießt es jeden Sonntag. Und nun steht Helga Schuster damit da, hält den Topf wie ein verdächtiges Objekt, das begutachtet werden sollte, bevor man es entsorgt.

Frau Schuster, was machen Sie da?

Johanna kommt im T-Shirt und bequemen Jogginghosen aus dem Zimmer. Leni ist gerade nach dem Mittagsschlaf eingeschlafen, Johanna hatte auf wenigstens eine halbe Stunde Stille gehofft. Stattdessen hört sie Schritte, das Klappern von Geschirr, das Rascheln von Einkauftüten.

Ich mache sauber, sagt Helga Schuster, ohne den Kopf zu wenden. Du hast sie schon wieder falsch hingestellt. Sie blockiert hier das Licht, Johanna.

Sie steht genau da, wo ich sie hingestellt habe. Ich habe das Fenster extra dafür ausgesucht.

Das ist aber ungünstig. Ostseite. Veilchen mögen kein direktes Morgenlicht.

Sie wächst wunderbar, schauen Sie. Da sind schon Knospen.

Weil sie noch jung ist. Später vertrocknet sie. Ich stelle sie jetzt zu dem Regal neben dem Kühlschrank. Da ist genügend Platz.

Johanna geht ruhig in die Küche, nimmt der Schwiegermutter den Topf einfach und ohne Worte aus der Hand und stellt ihn zurück auf das Fensterbrett.

Frau Schuster, bitte lassen Sie meine Sachen an ihrem Platz.

Die Schwiegermutter sieht sie an. Ihr Blick ist nicht böse, eher überrascht; als hätte man ihr gerade eine Regel erklärt, die sie immer schon für falsch gehalten hat.

Johanna, ich verschiebe doch nicht einfach Sachen. Ich wollte nur helfen.

Das weiß ich. Aber das ist meine Küche. Ich entscheide, wo was steht.

Deine Küche. Helga Schuster hebt die Augenbrauen und wendet sich dem Spülbecken zu. Na gut. Wie du meinst.

Sie nimmt einen Schwamm und beginnt, energisch den Wasserhahn zu schrubben. Johanna sieht ihre breite, in einen senfgelben Strickpullover gehüllte Rückenpartie an und denkt: Warum kommst du mittwochs, ohne anzurufen, ohne Vorwarnung? Schlüssel im Schloss, und auf einmal stehst du hier. Umgeben von fremden Gegenständen, erklärst du mir wieder, wo alles hingehört.

Sie sagt nichts davon.

Wann wacht Leni auf?, fragt die Schwiegermutter ohne sich umzudrehen.

In etwa anderthalb Stunden, schätze ich.

Dann räume ich hier noch ein bisschen auf, ok? Du ruh dich aus.

Johanna öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Sagt schließlich ruhig:

Frau Schuster, ich habe hier Ordnung.

Ja, seh ich ja. Kurze Pause. Nur am Wasserhahn war noch ein Fleck.

Johanna gießt sich Wasser ein, trinkt es stehend am Fenster und blickt auf das Veilchen. Eine der Knospen steht kurz davor, sich zu entfalten. Lila mit weißem Rand. Leni piekt jeden Tag mit dem Finger daran herum und sagt: Blümelein. Johanna korrigiert: Blume. Leni lacht und wiederholt Blümelein.

Sie stellt das Glas ab und geht zurück ins Zimmer. Die Tür lässt sie offen. Es wäre ein Zeichen, sie zu schließen, und sie will keinen Streit. Sie wünscht sich, dass Frau Schuster einfach von selbst geht, erkennt, dass ihr Besuch nicht passt, dass hier andere Menschen mit einem eigenen Leben wohnen. Aber das scheint Helga Schuster nicht zu verstehen oder legt keinen Wert darauf.

Zwanzig Minuten später zieht ein vertrauter Suppenduft durch die Wohnung. Herzhaft, intensiv, nach Huhn.

Johanna geht in die Küche.

Ihr Topf steht auf dem Herd. Etwas kocht darin.

Was ist das?, fragt Johanna.

Suppe. Hühnersuppe mit Fadennudeln. Paul kommt doch hungrig von der Arbeit, bei dir war der Kühlschrank leer.

Da war Buchweizen. Und Frikadellen.

Die Frikadellen waren von gestern. Ich hab sie weggeschmissen.

Johanna bleibt stehen.

Sie haben meine Frikadellen weggeschmissen.

Sie standen schon seit gestern da, Johanna. Nachher holt sich noch jemand den Magen verdorben.

Frau Schuster, die Frikadellen waren in Ordnung. Ich wollte sie heute noch aufwärmen. Das war unser Essen.

Ach komm, Frikadellen kosten doch fast nix. Dafür hast du jetzt eine frische Suppe, bitteschön.

Johanna sieht auf den Topf. Die Suppe ist fast fertig, die Fadennudeln quellen im goldgelben Sud. Der Duft ist herrlich. Und das ärgert sie am meisten: dass es so köstlich riecht, dass der Topf mit ihren eigenen Sachen gekocht wurde, dank Zutaten, die Helga Schuster offenbar mitgebracht hat und dass jetzt sie es ausbaden muss.

Danke, sagt Johanna. Aber bitte werfen Sie mein Essen nicht weg.

Ich meinte es doch nur gut. Ich wollte helfen.

Das verstehe ich. Aber bitte lassen Sie es in Zukunft.

Frau Schuster rührt die Suppe. Antwortet nicht.

Johanna setzt sich an den Tisch. Sie beobachtet, wie die Schwiegermutter routiniert hinter sich aufräumt, den Löffel abspült, wie den Herd abwischt sich in der Küche so selbstverständlich bewegt, fremde Schränke mühelos öffnet, als wäre sie hier schon oft allein gewesen. Vielleicht ist sie es auch wenn Johanna bei ihrer Mutter war, oder mit Leni draußen, vielleicht sogar, während Johanna schlief. Kamen einfach vorbei, gingen durch die Wohnung.

Frau Schuster, beginnt Johanna, wie oft sind Sie eigentlich hier?

Na, ab und zu. Wenns halt notwendig ist.

Was heißt das notwendig?

Die Schwiegermutter dreht sich um. Ihr Gesicht ist offen, fast ein bisschen gekränkt.

Was meinst du damit, Johanna? Ich gehör doch hierher. Paul ist mein Sohn.

Ja. Und es ist auch seine Wohnung. Und meine.

Und was ist mit mir? Ich soll nicht kommen dürfen?

Doch. Aber bitte nach Absprache und wenn wir sagen, dass wir uns darauf freuen.

Die Pause ist lang. Frau Schuster sieht Johanna an, mit diesem Blick, den sie schon öfter erkannt hat: Mischung aus Verwunderung und stiller Kränkung, die schon bald zum Telefonat mit Paul wird.

Na gut, sagt die Schwiegermutter schließlich. Wie du willst.

Die Suppe bleibt auf dem Herd. Sie geht erst eine Stunde später Leni schläft noch. Sie gibt ihrer Enkelin durch die geschlossene Tür einen Kuss, sagt leise: Pst, sie schläft, und geht. Die Schlüssel nimmt sie mit.

Am Abend kommt Paul nach Hause, und sofort riecht er den Suppenduft.

Oh, meine Mutter war da?

Ja.

Riecht richtig lecker.

Paul.

Er hängt die Jacke auf. Dreht sich um.

Was ist denn?

Sie ist einfach reingekommen. Ohne sich anzumelden. Hat die Frikadellen von gestern weggeschmissen. Umgestellt. In der ganzen Wohnung.

Johanna, sie wollte wirklich nur helfen.

Das sagst du immer. Aber ich möchte, dass du ihr erklärst, dass sie anrufen muss, bevor sie kommt.

Paul nimmt sich ein Stück Brot, beißt ab, kaut.

Ich spreche mit ihr.

Das sagst du jedes Mal.

Dann eben nochmal.

Johanna füllt Suppe auf, reicht ihm einen Teller. Er nimmt den Löffel, probiert.

Sie kann wirklich gut kochen, sagt er, merkt aber sofort, dass das nicht klug war.

Johanna isst schweigend.

Ein paar Tage später kommt Helga Schuster wieder. Diesmal ist Freitag, etwa um zwei. Leni wacht gerade aus dem Mittagsschlaf auf und schreit, und Johanna läuft zu ihr, als sie das Klicken des Schlüssels hört.

Wach auf, mein Schatz!, tönt die Schwiegermutter im Flur. Oma ist da!

Leni hört sofort auf zu weinen. Sie beruhigt sich jedes Mal, wenn Helga Schuster kommt. Johanna weiß nicht, ob sie das freuen oder ärgern soll.

Im Kinderzimmer steht Helga Schuster schon an Lenis Bettchen, hält die Arme ausgebreitet. Leni reckt sich ihr entgegen.

Hallo, sagt Johanna.

Hallo, hallo. Die Schwiegermutter nimmt die Enkelin, hebt, wiegt sie. Hab dich vermisst. Hatte ich dich angerufen?

Nein. Ich war gleich nebenan.

Ich wollt ja nur leise sein. Nicht stören.

Sie gehen in die Küche. Johanna macht Tee. Leni sitzt auf Omas Schoß, isst Butterbrot das von Oma aus dem mitgebrachten Beutel, zusammen mit anderen Dingen, die Johanna noch nicht entdeckt hat.

Ich hab ein Stück Kuchen dabei, sagt Helga Schuster. Vom Bäcker, Biskuit. Leni mag doch Süßes.

Leni bekommt keinen Kuchen.

Wieso denn?

Sie ist zweieinhalb. Ich möchte noch nicht, dass sie so viel Süßes isst. Sie hatte schon mal eine Reaktion auf Schokocreme.

Auf die Creme, aber das hier ist Vanille, ganz mild, kein Schoko.

Frau Schuster, bitte.

Johanna, ein einziges Stück schadet ihr doch nicht. Die Schwiegermutter spricht ruhig, beinahe liebevoll was fast schlimmer ist, als wenn sie schimpfen würde. Meinen Sohn habe ich auch großbekommen, ist nichts passiert.

Ihr Kind und mein Kind sind eben zwei verschiedene Kinder. Leni reagiert auf Lebensmittel anders.

Du bist zu ängstlich.

Vielleicht. Aber sie ist meine Tochter, und ich möchte nicht, dass sie Kuchen bekommt.

Pause. Leni greift nach der Tüte. Frau Schuster schiebt sie sanft unter den Tisch.

Na gut, sagt sie. Kein Kuchen.

Danke.

Sie trinken ihren Tee. Leni spielt auf dem Boden mit einem Topf und einem Holzlöffel, den Frau Schuster einfach aus der unteren Schublade genommen und ihr gereicht hat, ohne zu fragen. Johanna sagt nichts. Der Löffel ist sauber.

Wie läufts bei Paul auf der Arbeit?, fragt die Schwiegermutter.

Ganz gut. Er ist oft müde.

Ja, das war er schon immer. Gibt immer alles. Der braucht dringend Urlaub. Wollt ihr im Sommer nicht wegfahren?

Wir wissen noch nicht.

Ich würde Leni nehmen, dass ihr euch erholen könnt. In meinem Schrebergarten ist es ruhig, frische Luft nur Gemüsebeete.

Ich überlege es mir.

Was überlegen? Sagt zu, dann machen wirs fest. Juli vielleicht?

Frau Schuster, ich hab gesagt: ich überlege es mir.

Sie hält Johannas Blick stand. Johanna umklammert die Tasse. Sie schauen sich einige Sekunden lang unverwandt an, dann wendet sich die Schwiegermutter wieder Leni zu.

Komm her, mein Liebling!

Leni trottet auf kleinen Beinen über das Linoleum. Helga Schuster hebt sie hoch, drückt das Gesicht in ihre Haare, atmet ein.

Mein gutes Kind.

Johanna spült die Tassen und blickt aus dem Fenster. Das Veilchen steht am alten Platz, die zweite Knospe öffnet sich fast.

Den Kuchen holt Frau Schuster trotzdem heraus, als Johanna ans Telefon geht. Als Johanna zurückkommt, hält Leni ein Stück Biskuit in der Faust, und Oma betrachtet sie mit leisem Stolz.

Frau Schuster.

Nur ein kleines Stück. Sie hat selbst danach gegriffen.

Sie greift nach allem, was man ihr gibt. Sie ist ein Kind.

Genau, sie ist ein Kind, du musst nicht alles so streng nehmen.

Johanna geht zu Leni, nimmt ihr vorsichtig den Biskuit aus der Hand. Leni weint nicht, schaut nur überrascht. Johanna gibt ihr ein Stück Apfel aus der Schüssel. Leni nimmt es und trollt sich.

Ich habe Sie gebeten, ihr keinen Kuchen zu geben, sagt Johanna ruhig.

Sie wollte halt. Hab ich doch erklärt.

Dann sagen Sie nächstes Mal nein. Sind ja erwachsen.

Frau Schuster steht auf, nimmt die Tasche.

Ich geh dann mal.

Ist gut.

Du bist sauer.

Nein. Ich bitte Sie nur, meine Regeln zu respektieren, wenn Sie in unserem Haus sind.

Deine Regeln. Die Schwiegermutter verschließt die Tasche. Verstehe.

Sie geht. Leni winkt: Tschüss, tschüss. Frau Schuster ruft aus dem Flur sanft zurück: Ciao, Sonnenschein. Tür zu.

Johanna packt den Kuchen weg, stellt ihn an die Tür zum Zurückgeben.

Am Abend sagt Paul wieder: Sie liebt Leni einfach.

Johanna sagt: Das weiß ich.

Er: Na und, was ist das Problem?

Johanna schweigt lange. Dann: Paul, verstehst du, dass sie einfach kommt, macht, was sie will, und mich nicht fragt? Das ist unser Zuhause. Ich will nicht kämpfen, um zu bestimmen, was unsere Tochter isst.

Paul sitzt auf dem Sofa, blickt aufs Handy. Dann legt er es weg.

Sie hat uns mit der Wohnung geholfen, Johanna.

Da ist es.

Johanna faltet die Hände im Schoß.

Ich weiß.

Ohne sie hätten wir noch fünf Jahre gemietet.

Ich weiß, Paul.

Vielleicht musst du einfach…

Was? Aushalten? Ihr erlauben, jederzeit einfach zu kommen und alles zu machen, nur weil sie Geld gegeben hat?

Keine Antwort.

So funktioniert das nicht, sagt Johanna. Hilfe ist Hilfe, kein Freifahrtschein.

Er nimmt sein Handy.

Ich spreche nochmal mit ihr.

Das hast du schon zweimal.

Dann eben ein drittes Mal. Was erwartest du von mir?

Sie will, dass er es von selbst versteht. Ohne Erklärungen. Aber er versteht es nicht, oder will nicht, weil es unbequem wäre es bedeutet einen Streit mit der Mutter, und davor hat er mehr Angst als vor Johannas Schweigen.

Nichts, sagt sie. Gute Nacht.

Sie geht Leni anschauen.

Die Tochter schläft, die Arme ausgestreckt. Johanna dreht sie vorsichtig auf den Rücken. Leni murmelt, schläft weiter. Johanna steht da, hört ihrem Atem zu.

Eine Woche vergeht. Dann noch eine.

Samstagmorgen ruft Helga Schuster an:

Johanna, ich wollte Sonntag vorbeikommen. Wie gehts euch?

Am Sonntag passt es nicht.

Wie nicht? Paul hat gesagt, ihr seid daheim.

Ja, aber wir haben eigene Pläne. Vielleicht ein anderes Mal?

Stille.

Ich habe Leni ein Spielzeug gekauft. Wollte es ihr bringen.

Sie können es Paul mitgeben.

Wieder Stille, länger.

Verstehe. Die Stimme der Schwiegermutter klingt ungewohnt, nicht gekränkt, nur anders. Na gut.

Am Sonntagabend sagt Paul:

Mutter ist beleidigt.

Ich weiß.

Sie meint, du lässt sie nicht rein.

Ich lasse sie nicht ohne Meldung rein. Das ist ein Unterschied.

Für sie ist das das Gleiche.

Johanna faltet Wäsche aufs Bett. Sie nimmt das Laken, schüttelt es, streicht es glatt.

Paul, auf wessen Seite stehst du?

Auf keiner. Ich will, dass ihr euch versteht…

Nein. Es geht nicht um gegenseitiges Verstehen, sondern darum, wer hier entscheidet. Sie oder wir?

Er sitzt auf der Bettkante, beobachtet sie.

Wir beide.

Gut. Dann sprich ernsthaft mit ihr. Nicht wie sonst. Erklär, dass sie vorher anrufen soll. Dass meine Regeln bezüglich Leni zu beachten sind. Dass sie ihren Schlüssel abgeben muss.

Er hebt den Kopf.

Den Schlüssel?

Ja, den Schlüssel.

Paul, das…

Was?

Er läuft bis zum Fenster, dreht sich um.

Das verletzt sie sehr.

Mich verletzen ihre Besuche auch.

Das ist nicht das Gleiche.

Warum nicht?

Schweigen.

Weil sie Mutter ist, sagt er endlich.

Ich bin Lenis Mutter. Und Frau in diesem Haus. Johanna legt das gefaltete Laken ins Regal. Ich sage nicht, dass sie nicht kommen darf. Nur nach Absprache, nach Regeln, ohne Schlüssel.

Er antwortet nicht, geht in die Küche. Sie hört, wie der Wasserkocher anläuft.

Johanna nimmt das nächste Wäschestück: Lenis Pullover. Winzig, mit Entchen. Ein Knopf hängt locker, den muss sie annähen; sie legt ihn beiseite.

Zwei Wochen später ruft Helga Schuster Paul an, sagt, sie könne freitags nicht Geburtstag vom Neffen , aber hätte gern samstags Zeit. Paul sagt: Natürlich, komm vorbei. Johanna erfährt es erst kurz vorher.

Am Samstag öffnet sie die Tür die Schwiegermutter steht mit schweren Taschen da.

Oh, hallo. Paul sagte, du kommst.

Hier bin ich.

Schön. Komm rein.

Sie hilft, die Taschen in die Küche zu tragen: Kartoffeln, Zwiebeln, ein Glas eingelegte Gurken, ein Stück Schweinebraten, Äpfel, ein Mehlpaket.

Ich wollte Piroggen machen, erklärt Helga Schuster, Paul mag die mit Kraut so.

Frau Schuster, darf ich Sie bitten…

Hast du ein Nudelholz? Ich hab meins vergessen.

Ja, aber…

Wunderbar. Ich mach schon mal den Teig, solange Leni schläft.

Sie wäscht bereits die Hände, sucht Mehl aus dem Schrank, findet es mühelos.

Johanna verlässt die Küche, findet Paul im Schlafzimmer am Handy.

Hast du ihr gesagt, dass sie kommen kann?

Er schaut hoch.

Ja. Sie wollte doch…

Du hast mich nicht gefragt.

Das ist meine Mutter.

Das ist unser Zuhause. Du hättest mich fragen können.

Du hättest nein gesagt.

Das ist der ganze Punkt. Du hättest nein gesagt, darum frage ich gar nicht.

Johanna schweigt. Nebenan klappert die Schwiegermutter mit Geschirr, es riecht nach Zwiebeln, dann angebrannt, dann wieder nach Zwiebeln.

Ab jetzt fragst du jedes Mal, sagt Johanna leise. Immer.

Paul antwortet etwas, sie hört es schon nicht mehr. Sie geht zu Leni, die gerade aufwacht.

Helga Schuster macht die Piroggen. Sie sind gut: goldbraun, knusprig, mit Kraut, wie versprochen. Leni isst einen ganzen, will noch einen. Die Schwiegermutter strahlt. Johanna isst schweigend und denkt an die Frikadellen, den Kuchen, das Veilchen auf dem Fensterbrett.

Beim Gehen bleibt die Schwiegermutter im Flur stehen, zeigt auf eine Ecke.

Hier könnte man ein kleines Regal aufhängen für die Schuhe. Ist mühsam, sie immer auf den Boden zu stellen.

Wir überlegen es uns, sagt Paul.

Hab schöne Regale auf dem Markt gesehen. Ich kann eins kaufen.

Nicht nötig, sagt Johanna. Wir machen das selbst, wenn wir eins wollen.

Helga Schuster sieht erst Johanna, dann Paul an, dann zieht sie sich die Schuhe an und geht.

Die Tür fällt zu.

Warum so?, fragt Paul.

Wie denn?

Sie wollte doch nur helfen.

Sie will ein Regal in meinem Flur aufhängen, ohne zu fragen. Das ist ein Unterschied.

Er geht in die Küche. Sie hört, wie er sich das letzte Pirogge nimmt.

Es ist Mitte April, recht kühl. Johanna geht mit Leni vormittags spazieren, dann wieder heim, legt die Tochter schlafen, erledigt Hausarbeit: Wäsche, Bügeln, Kochen. Manchmal liest sie, wenn Leni lange schläft. Ihr Leben ist klein, aber eigen.

Eines Tages, als Leni schläft und Johanna am Fenster liest, klickt wieder das Schloss.

Sie legt das Buch weg.

Helga Schuster kommt herein, schaut sich um, sieht Johanna.

Oh, du bist da. Gut. Ich bin gleich wieder weg.

Frau Schuster.

Nur kurz, Johanna. Ich wollte die Gardinen austauschen, hab neue mitgebracht. Die anderen sind schon ausgebleicht.

Sie trägt ein Bündel, breitet es im Flur aus. Beige, mit Muster, dicht.

Bitte hören Sie auf, sagt Johanna.

Die Schwiegermutter schaut hoch.

Was?

Bitte hören Sie auf. Ich will keine neuen Gardinen. Mir gefallen meine.

Ach, die sind doch ganz schlicht. Diese hier sind schön, waren sogar im Angebot.

Frau Schuster. Johanna steht auf. Ich habe gesagt, Sie sollen anrufen, bevor Sie kommen, oder?

Hattest du.

Und Sie sind wieder gekommen, ohne zu fragen.

Ich dachte, du bist zu Hause.

Das ist egal. Sie müssen anrufen. Johanna geht einen Schritt aus dem Zimmer. Und ich will keine neuen Gardinen. Ich habe diese ausgesucht. Bitte nehmen Sie Ihre wieder mit.

Helga Schuster hält das Bündel, sieht Johanna lange an. Dann packt sie es wieder zusammen.

Gut, sagt sie. Du bist die Chefin.

So gesagt klingt das Wort wie ein Vorwurf. Vielleicht meint sie stur. Vielleicht undankbar.

Ja, bestätigt Johanna. Die Chefin.

Dieses Mal geht die Schwiegermutter, ohne Tee zu trinken. Zum ersten Mal, ohne zu kochen oder etwas auf dem Herd zu lassen.

Abends sagt Paul:

Mutter hat angerufen. Sie ist gekränkt.

Ich weiß.

Sie sagt, du warst unhöflich.

Ich war nicht unhöflich. Ich habe sie nur gebeten, sich an das zu halten, was wir besprochen hatten.

Sie wollte helfen.

Paul. Johanna sieht ihn an. Glaubst du ernsthaft, dass, wenn jemand helfen möchte, er tun kann, was ihm gefällt bei anderen zu Hause?

Er schweigt.

Wenn du das wirklich glaubst, dann haben wir sehr unterschiedliche Vorstellungen. Ich will, dass du für mich Partei ergreifst. Für mich, nicht für sie. Ich bin deine Frau.

Er nimmt ihre Hand, hält sie.

Ich spreche mit ihr, sagt er.

Du hast das schon fünfmal gesagt.

Johanna.

Fünfmal, Paul.

Er nimmt die Hand weg, steht auf, geht.

Sie räumt das Geschirr ab, spült, trocknet ab. Sie stellt das Veilchen ans andere Ende des Fensters, mehr ins Licht. Die zweite Blüte ist eröffnet. Die dritte streckt sich.

Ende April. Paul feiert seinen dreißigsten Geburtstag.

Johanna freut sich auf die Planung. Sie sucht ein Rezept für Honigtorte mit Schmand und Karamellcreme, kauft alles ein, backt abends die Böden, als Leni schläft. In der Nacht schichtet sie die Torte, stellt sie in den Kühlschrank zum Durchziehen.

Gäste gibt es wenige: zwei Freunde mit Frauen, seine Schwester Natalie mit Mann. Und natürlich Helga Schuster.

Johanna deckt den Tisch: Kartoffelsalat, gebackener Lachs, eingelegte Gurken, Wurstplatte. Es sieht schön aus.

Helga Schuster kommt als Erste. Ruft diesmal vorher an und sagt, sie will helfen; Johanna meint: Ist alles vorbereitet, kommen Sie einfach. Die Schwiegermutter schaut auf den Tisch.

Ach, wie schön gedeckt. Ist das Fisch?

Ja. Lachs.

Paul mag lieber Forelle.

Heute gibts Lachs.

Na gut. Sie rückt eine Gabel. Einfach so, millimeterweit. Die Torte selbst gemacht?

Ja. Honigtorte.

Paul mag lieber Cremetorte.

Hat er nie gesagt.

Ja, aber ich weiß das eben.

Johanna schneidet Brot, sagt nichts.

Ich hätte Cremetorte gemacht. Hätte noch gereicht.

Ich habe die Honigtorte gemacht. Sie ist lecker.

Wir werden sehen.

Die Gäste kommen, es wird lauter, Leni läuft umher, bekommt von allen etwas zugesteckt. Johanna passt auf, dass es nicht zu viel wird.

Paul ist froh, lacht, unterhält sich, trinkt etwas Wein. Johanna sieht ihn an: Er lacht, ist ein guter Mensch, nur gefangen zwischen ihr und seiner Mutter, nicht wissend, dass das sein eigener Konflikt ist, nicht ihrer.

Beim Dessert sitzt Helga Schuster Johanna direkt gegenüber.

Als die Torte auf den Tisch kommt, in Portionen geschnitten, sagt die Schwiegermutter zur Nachbarin:

Honigtorte. Hat Johanna gemacht.

Riecht köstlich, sagt die Frau.

Ist speziell, Honigtorte. Nicht jedermanns Sache, etwas schwer.

Jemand nimmt sich ein Stück. Johanna stellt den Teller ab und steht am Rand.

Paul mag lieber Cremetorte, ergänzt Helga Schuster, ohne jemanden direkt anzusehen. Aber was soll’s, ist ja keine andere da.

Stille, zwei Sekunden. Dann nehmen alle Kuchen, loben ihn.

Aber Johanna hört jedes Wort.

Sie räumt in die Küche. Steht dort, atmet einmal durch. Kommt zurück.

Am Abend, als Leni quengelt, nimmt Johanna sie auf den Arm und geht ins Kinderzimmer. Helga Schuster folgt.

Ich bring sie ins Bett, sagt sie.

Ich mache das, erwidert Johanna.

Johanna, du bist müde. Lass mich.

Ich mach das, Frau Schuster.

Die Schwiegermutter bleibt stehen. Im Wohnzimmer lachen die Gäste, Gläser klingen.

Du bist immer so, sagt Helga Schuster leise. Ich will nur helfen und du lehnst immer ab. Das tut weh.

Johanna dreht sich um. Leni ist fast eingeschlafen, der Kopf auf ihrer Schulter.

Frau Schuster, ich bringe meine Tochter selbst ins Bett. Das ist kein Affront, sondern mein Recht.

Sie legt Leni ins Bett, streichelt sie. Die Tochter schläft sofort. Johanna schließt die Tür, geht wieder ins Wohnzimmer.

Die Gäste verabschieden sich allmählich. Natalie küsst ihren Bruder, ein Freund zieht Mantel und Schuhe an.

Helga Schuster ist in der Küche und packt Reste in eine Dose. Johanna geht hin.

Was machen Sie?

Ich nehme die Reste mit. Sonst verderben sie.

Nein, wir essen das morgen auf.

Ach, da ist noch ein halber Salat.

Ich nehme es selbst raus, Frau Schuster.

Ich hab nun schon…

Geben Sie mir die Dose.

Johannas Stimme ist ruhig. Genau deswegen schaut sie die Schwiegermutter jetzt lange an. Stoppt.

Was ist mit dir los?, fragt sie.

Nichts. Geben Sie mir einfach die Dose.

Die Schwiegermutter stellt die Dose hin. Zögert.

Johanna, ich bin doch kein Feind.

Das weiß ich.

Ich liebe Paul. Ich liebe Leni.

Das weiß ich, Johanna legt die Dose in den Kühlschrank. Aber ich habe eine eigene Familie. Paul hat hier eine Frau und ein Kind. Wir brauchen unseren Raum.

Welchen Raum meinst du?

Ich meine Folgendes. Johanna dreht sich umzudrehen. Aus dem Wohnraum hört man noch Stimmen, aber jetzt sind sie allein. Sie kommen ohne Voranmeldung. Tun in meiner Wohnung, was Sie wollen. Werfen mein Essen weg, stellen Dinge um, bringen Vorhänge mit, geben Leni Dinge, die ich ausdrücklich verboten habe. Heute sagen Sie vor allen Gästen, dass mein Kuchen der Falsche ist, weil Paul angeblich einen anderen mag. Das hat er mir nie gesagt. Aber selbst wenn es so wäre, müsste man es nicht öffentlich erwähnen.

Frau Schuster schweigt.

Ich bin nicht Ihr Feind, fährt Johanna fort. Ich bin die Mutter Ihrer Enkelin, die Frau Ihres Sohnes. Ich möchte, dass wir ein gutes Verhältnis haben. Aber dazu braucht es Regeln. Für alle.

Willst du mich hinauswerfen?, fragt die Schwiegermutter leise. Nicht böse. Fast verloren.

Ich verlange nur Respekt für unser Zuhause.

Ich respektiere euch.

Nein. Das tun Sie nicht. Johanna seufzt. Bitte verabschieden Sie sich von den Gästen und gehen Sie heim. Morgen will ich mit Paul reden.

Helga Schuster nimmt ihre Tasche, sieht Johanna lange an.

Na gut, sagt sie.

Im Wohnzimmer umarmt sie Paul, gibt ihm einen Kuss, lacht kurz. Verabschiedet sich von den anderen. Sie öffnet die Kinderzimmertür, sieht die schlafende Leni, schließt leise. Dann zieht sie sich an und geht.

Paul macht die Tür hinter den letzten Gästen zu, kommt in die Küche.

Ich bin fertig, sagt er.

Setz dich, sagt Johanna. Wir müssen reden.

Er setzt sich. Schaut sie an.

Jetzt gleich?

Ja.

Sie schenkt ihm Tee ein. Setzt sich ihm gegenüber.

Paul, ich möchte, dass du deiner Mutter den Schlüssel abnimmst.

Er stellt die Tasse ab.

Bitte?

Den Schlüssel zu unserer Wohnung. Ich möchte es so.

Lange Pause. Er schaut auf die Tasse.

Johanna, das…

Ich weiß, was du sagen willst: Sie wird verletzt sein. Sie wird traurig sein. Und du meinst, du schuldest ihr was, weil sie uns mit der Wohnung geholfen hat. Aber dazu will ich was sagen: Wenn das ein Problem ist, schlage ich einen kleinen Kredit vor. Wir zahlen ihr den Anteil zurück. Dann hat sie kein Recht mehr, einfach zu kommen.

Das … Paul steht auf, läuft herum. Wir zahlen den Kredit ja eh noch ab. Wozu noch ein Kredit?

Damit du nicht mehr sagst: Sie hat uns geholfen und darf deshalb in unserem Haus alles machen, wie sie will.

Das hab ich nie gesagt.

Doch, Paul. Genau das sagst du jedes Mal.

Er bleibt am Fenster stehen, schaut hinaus.

Meine Mutter ist kompliziert, sagt er endlich. Sie hat nach Papas Tod alles geregelt. Sie ist es gewohnt, alles im Griff zu haben.

Das verstehe ich.

Sie meint es nicht böse.

Das weiß ich auch. Ich verlange nur, dass du mit ihr redest wie ein Erwachsener mit einer Mutter. Du hast eine eigene Familie. Sie muss wissen, dass es Grenzen gibt.

Die Schlüssel werden sie sehr treffen.

Vielleicht. Aber entweder sie hält sich an unsere Regeln, oder sie hat keinen Schlüssel mehr. Das ist kein Angriff, bloß Ordnung.

Er dreht sich um.

Du hast sie heute rausgeschmissen.

Ich habe sie nach einem Gespräch gebeten zu gehen. Das ist nicht dasselbe.

Sie war traurig.

Ich war auch oft traurig. Als sie meine Frikadellen wegwarf. Leni den Kuchen gab, obwohl ichs verbot. Oder vor Gästen den Kuchen kritisierte. Ich will nicht immer wieder das gleiche erklären. Bitte, mach das ein für alle Mal.

Er schweigt lange, dann:

Sie wird uns für undankbar halten.

Vielleicht.

Sagen, du hast mich ihr weggenommen.

Vielleicht.

Mir wird es schwerfallen.

Ich weiß.

Sie stehen schweigend in der Küche. Im Nebenzimmer schläft Leni.

Willst du wirklich den Kredit?, fragt Paul.

Ich möchte, dass wir unser Zuhause wirklich besitzen. Unabhängig.

Es ist längst unseres.

Nicht solange sie den Schlüssel hat.

Er nimmt die Tasse, trinkt.

Gib mir ein paar Tage, sagt er.

Gut.

Ich spreche mit ihr.

Gut.

Wegen der Schlüssel und wegen allem.

Ja, Paul.

Er stellt die Tasse ab. Sieht sie an.

Die Torte war lecker, sagt er leise.

Sie antwortet nicht. Räumt das Geschirr in die Spüle.

Drei Tage vergeht nichts. Helga Schuster ruft nicht an. Paul arbeitet, kommt heim, isst, spielt kurz mit Leni, ist ruhig.

Am vierten Abend sagt er plötzlich:

Ich habe sie angerufen.

Johanna sieht ihn an.

Und?

Es war schwierig. Er reibt sich den Nacken. Sie hat geweint.

Ich weiß.

Sie meint, wir lieben sie nicht.

Das behauptet sie immer.

Ja… Er zögert. Ich hab ihr den Schlüssel erklärt, das mit anrufen, mit Leni…

Und?

Sie war nicht gleich einverstanden. Meinte, du würdest sie verdrängen. Ich hätte mich verändert.

Und du?

Ich hab gesagt, dass wir es gemeinsam entschieden haben.

Johanna atmet auf.

Danke.

Für den Schlüssel will sie eine Woche Bedenkzeit. Dann gibt sie ihn ab. Sie will sich daran gewöhnen.

Das ist kein klares Ja.

Johanna, gib ihr eine Woche. Wenn sie dann nicht abgibt, holen wir ihn zusammen.

Sie überlegt.

Gut. Eine Woche.

Er nickt, nimmt eine Zeitung hervor. Wegen Kredit… Ich denke, du hast recht. Lass uns Zahlen prüfen.

Tun wir.

Ruhe kehrt ein. Alltag. Leni murmelt und spielt mit Bauklötzen.

Johanna schaut nach ihr. Leni baut einen Turm, ganz ernst.

Turm, sagt Johanna.

Turm, sagt Leni und setzt noch einen Stein obenauf.

Der Turm schwankt und bleibt stehen.

Eine Woche später meldet sich Helga Schuster am Mittwoch, fragt, ob sie Samstag kommen kann. Johanna sagt ja. Die Schwiegermutter kommt um drei wie abgemacht.

Sie bringt ein kleines Geschenk: ein Bilderbuch für Leni. Reicht es Johanna wortlos.

Hier, über Tiere. Sie liebt doch Tiere.

Danke, sagt Johanna.

Hallo, Oma! Leni kommt angerannt.

Helga Schuster nimmt sie auf, drückt sie. Über Lenis Kopf hinweg sieht sie Johanna an: kein Vorwurf, aber auch keine Wärme.

Sie trinken Tee, sprechen über das Wetter, über den Garten der Schusters und das kommende heiße Sommerwetter. Leni blättert mit Oma im Buch: Fuchs, Hase, Bär.

Bär, sagt Leni.

Bär, lacht Oma.

Am Ende nimmt die Schwiegermutter den Schlüsselbund aus der Tasche, macht einen Schlüssel ab, legt ihn auf den Tisch.

Hier, wie besprochen.

Paul nimmt den Schlüssel, verstaut ihn.

Danke, Mama.

Schon gut. Sie trinkt aus, steht auf. Sagt mir, wann ihr mich sehen wollt ich komme gern, wie abgemacht.

Gern, sagt Paul.

Ich hab nichts dagegen, auf Einladung zu kommen. Sie sagt das sachlich, nicht mehr gekränkt, aber auch nicht herzlich. Ich verstehe, ihr seid Familie. Ihr habt euer eigenes Leben.

Wir freuen uns, wenn du da bist, sagt Paul.

Sie sieht erst ihn, dann Johanna an.

Ich weiß, sagt sie.

Ob das ehrlich war? Johanna denkt nicht mehr darüber nach.

Helga Schuster geht um halb sechs. Leni winkt ihr aus dem Fenster. Unten winkt die Oma zurück.

Paul schließt das Fenster.

So, sagt er.

So, sagt Johanna.

Leni verschwindet ins Zimmer mit dem Buch. Sie stehen am Fenster.

Sie wird sich eine Weile nicht melden, sagt Paul. Es ist schwer für sie.

Ich weiß.

Bereust du es nicht?

Johanna denkt lange nach. Richtig gründlich.

Nein, sagt sie. Kein bisschen.

Ich auch nicht.

Sie stehen still nebeneinander. Draußen geht Helga Schuster, im senfgelben Pullover, mit Tasche. Sie biegt um die Ecke und ist weg.

Wir sollten den Schrank umstellen, sagt Paul plötzlich.

Welchen?

Im Flur. Den hatte sie doch im Frühjahr verrückt. Das war doch nicht richtig?

Du erinnerst dich?

Ja.

Johanna sieht ihn an.

Jetzt gleich?, fragt sie.

Warum nicht?

Sie gehen in den Flur. Der Schrank steht noch an der Wand, aber nicht wie früher früher stand er leicht schräg, damit man die Tür besser öffnen konnte.

Paul fasst an eine Seite, Johanna an die andere.

Eins, zwei…

Sie schieben. Jetzt steht er wieder richtig. Die Tür lässt sich leicht öffnen.

So, sagt Paul.

So.

Aus dem Kinderzimmer kommt Leni mit dem Buch.

Mama, schau der Fuchs.

Fuchs, sagt Johanna. Ein schlauer.

Schlau, sagt Leni und geht zurück.

Johanna geht in die Küche, gießt sich Wasser ein, stellt das Glas ab, sieht aufs Fensterbrett.

Das Veilchen steht an seinem Platz. Drei Blüten sind diesen Monat aufgegangen, dicht, violett mit weißem Rand. Die vierte wartet schon, fest, noch geschlossen. Die Blätter sind dunkelgrün, gleichmäßig. Sie ist nicht vertrocknet.

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Homy
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