Wie konntest du meinen Sohn hungrig lassen!
Was gibt es heute zum Mittagessen?
Gisela zuckte zusammen und drehte sich abrupt um. In der Tür stand die vertraute Gestalt ihres zwölfjährigen Neffen, Lukas der Sohn von Dietrichs Schwester. Der Junge sah sie mit einem Blick an, der fordernd und zugleich bemitleidenswert wirkte. Nach einem Monat war Gisela diesen Augen schon vertraut. Und dieser immer gleichen Frage.
Sie legte Dietrichs Pullover beiseite, den sie gerade gefaltet hatte.
Komm, wir schauen mal, was da ist, sagte Gisela und versuchte, ihre wachsende Gereiztheit zu verbergen.
Lukas trottete gehorsam hinter ihr in die Küche. Gisela öffnete den Kühlschrank und seufzte. Wie üblich hatte Schwägerin Sabine nichts für ihren Sohn übrig gelassen. Gisela holte den Behälter mit der Suppe hervor, die sie gestern Abend für sich und Dietrich gekocht hatte. Sie wärmte sie in der Mikrowelle auf und stellte den Teller vor Lukas hin. Daneben platzierte sie Kartoffelpüree mit einem Schnitzel Reste vom gestrigen Abendessen.
Danke, Tante Gisela, murmelte Lukas, ohne aufzublicken.
Während der Junge aß, kehrte Gisela ins Schlafzimmer zurück. Sie faltete weiter die Wäsche, doch ihre Gedanken kreisten in eine ganz andere Richtung. Wie war sie nur hier gelandet? Vor zwei Monaten war ihr Leben noch völlig anders gewesen…
…Sie erinnerte sich an den Abend, der alles verändert hatte. Dietrich war düster nach Hause gekommen, hatte sich neben sie auf die Couch gesetzt und ihre Hand genommen.
Gisela, ich muss dich um etwas bitten, begann er vorsichtig. Sabine, Markus und Lukas haben keine Wohnung mehr. Der Vermieter hat sie rausgeworfen, sogar die Kaution einbehalten. Sie stecken in einer schwierigen Phase. Und wir haben doch diese geräumige Dreizimmerwohnung…
*Ich* habe eine geräumige Dreizimmerwohnung, unterbrach Gisela ihn scharf. Dietrich, ich bin es nicht gewohnt, mit Fremden unter einem Dach zu leben. Ja, die Wohnung ist groß, aber das heißt nicht, dass hier Platz für sie ist.
Ich verstehe dich, Liebling. Aber sie sind Familie. Sabine ist meine Schwester, Lukas mein Neffe. Sie werden nur ein paar Monate bei uns bleiben, bis sie etwas Passendes finden. Wir geben ihnen Zeit, etwas Geld anzusparen. Dann ziehen sie aus.
Dietrich redete sanft, überzeugend. Er erzählte, wie schwer es seiner Schwester gehe, wie sehr der Junge vor Schulbeginn Stabilität bräuchte.
Dietrich, aber verstehst du nicht? Ich arbeite von zu Hause. Ich brauche Ruhe, Konzentration…
Ach, Gisela, mach doch nicht so ein Theater. Sabine ist ruhig und ordentlich. Lukas ist ein braver Junge, kein Schreihals. Und Markus verschwindet sowieso ständig in der Arbeit. Außerdem ist es nur vorübergehend.
Gisela hatte nachgegeben. In Dietrichs Augen lag eine solche Bitte, eine solche Hoffnung. Wie hätte sie nein sagen können?
Nun, während sie einen weiteren Stapel T-Shirts faltete, wurde ihr klar: Sie war selbst schuld, dass sie nicht auf ihrem Standpunkt bestanden hatte. Die erste Woche war tatsächlich ruhig verlaufen. Sabine half beim Kochen und Putzen. Markus hielt sich diskret im Hintergrund. Lukas machte seine Hausaufgaben, ohne Probleme zu bereiten.
Doch dann war Sabines Urlaub zu Ende, und sie kehrte in ihren Job zurück. Und genau da hatte sich alles radikal verändert.
Seitdem kochte Sabine nur noch einmal am Tag für das Abendessen. Und das Essen reichte gerade für eine Mahlzeit für ihre Familie. Es schien Sabine völlig egal zu sein, dass ihr Sohn tagsüber keine ausreichende Ernährung bekam. Und so kam Lukas jeden Tag nach der Schule zu Gisela und stellte dieselbe Frage.
Was gibt es heute zum Mittagessen?
Dieser Satz löste in Gisela bereits Wutanfälle aus. Sie hätte am liebsten geschrien, einen riesigen Streit vom Zaun gebrochen, klargemacht, dass das nicht normal war. Doch sie wusste das Kind war nicht schuld daran, dass seine Eltern sich nicht um sein Essen kümmerten.
Am Abend versuchte Gisela erneut, mit Dietrich zu sprechen. Sie wartete, bis er sich zum Lesen hingelegt hatte, und setzte sich neben ihn aufs Bett.
Dietrich, wir müssen ernsthaft reden, begann sie entschlossen. Was mit Lukas passiert, ist nicht normal. Sabine kocht nur abends, und mittags kommt der Junge hungrig zu mir.
Dietrich legte das Buch beiseite und sah sie aufmerksam an.
Wo ist das Problem, Gisela? Du bist doch zu Hause, es fällt dir doch nicht schwer, meinen Neffen zu versorgen.
Dietrich, ja, ich arbeite von zu Hause. Ja, es fällt mir nicht schwer, etwas zu kochen. Aber mein Gehalt ist nicht so hoch, dass ich jeden Tag ein fremdes Kind durchfüttern kann. Und vor allem er ist nicht mein Sohn! Seine Eltern sollten sich um ihn kümmern. Das ist eine Frage des Prinzips!
Dietrich runzelte die Stirn, offensichtlich verstand er ihre Aufregung nicht.
Gisela, aber wir sind doch Familie. Sabine und Markus sind mit der Arbeit beschäftigt, es ist schwer für sie. Und du bist zu Hause. Was ist dabei, der Familie zu helfen?
Dietrich, du verstehst es nicht. Das ist keine Hilfe! Das ist pure Frechheit und Respektlosigkeit mir gegenüber. Sabine hat die Verantwortung für ihren Sohn auf mich abgewälzt!
Jetzt dramatisierst du wieder. Du nimmst alles viel zu ernst.
Gisela begriff ihr Mann sah das Problem nicht. Für ihn war es selbstverständlich, dass sie zusätzliche Pflichten für seine Verwandten übernahm.
Sie wusste nicht mehr, wie sie die Situation ändern sollte. Seine Familie rauszuwerfen kam nicht infrage sie wusste, dass sie wirklich nirgendwo hin konnten. Doch dieses Arrangement weiter hinzunehmen wurde immer unerträglicher.
Doch dann geschah ein kleines Wunder. Bei einem Treffen im Café schlug ihre langjährige Freundin Anne plötzlich vor:
Gisela, wie wärs, wenn du für ein paar Wochen mit auf mein Landhaus kommst? Dort ist es ruhig, friedlich, und das Internet ist super. Wir arbeiten, entspannen uns und kommen mal raus aus dem ganzen Stadtstress. Dein Mann wird dich sicher gehen lassen.
Gisela strahlte. Zwei Wochen ohne das tägliche Was gibt es zum Mittagessen?, ohne sich um ein fremdes Kind kümmern zu müssen, ohne diese ständige Anspannung im eigenen Zuhause.
Anne, das ist eine wunderbare Idee! Ich brauche dringend eine Auszeit. Und Dietrich wird sicher einverstanden sein.
Am nächsten Morgen packte Gisela ihre Tasche. Dietrich, der sich für die Arbeit fertigmachte, bemerkte ihre Vorbereitungen.
Gisela, wohin gehst du?, fragte er, während er sich das Hemd zuknöpfte.
Zu Anne aufs Landhaus. Für zwei Wochen. Ich arbeite in Ruhe, entspanne mich ein bisschen. Wir machen so eine Art verlängerten Mädelsabend. Anne hat gerade Liebeskummer, sie will sich ablenken. Und ich bin für sie da. Du hast doch nichts dagegen, oder?
Dietrich nickte, küsste sie zum Abschied. Sie gingen getrennte Wege er zur Arbeit, sie zu ihrer Freundin.
Und mittags, als Gisela und Anne bereits die Ruhe und frische Luft auf dem Landhaus genossen, klingelte das Telefon. Sabines Name erschien auf dem Display.
Gisela!, schrie die Schwägerin in die Leitung. Wie konntest du meinen Sohn hungrig lassen? Er kommt aus der Schule, und zu Hause ist niemand! Was soll er denn essen?
Gisela antwortete ruhig:
Sabine, ich bin beschäftigt. Was dein Sohn isst, ist nicht mein Problem. Du bist seine Mutter.
Wie kannst du nur so etwas sagen!, tobte Sabine. Wir hatten doch eine Abmachung! Du weißt doch, dass ich tagsüber keine Zeit zum Kochen habe!
Wir hatten keine Abmachung. Ihr habt einfach beschlossen, dass ich Lukas versorge.
Sabine rastete völlig aus, warf Gisela Herzlosigkeit, Verrat an Familienwerten und Egoismus vor. Doch Gisela legte einfach auf. Zum ersten Mal seit zwei Monaten atmete sie tief durch.
Die zwei Wochen vergingen wie im Flug. Gisela kehrte erholt und voller Energie nach Hause zurück. Mit Anne hatte sie tausend Pläne für das kommende Jahr geschmiedet.
Doch zu Hause erwarteten sie wütende Verwandte. Sabine saß mit steinerner Miene auf dem Sofa im Wohnzimmer. Und Dietrich wirkte zugleich verunsichert und schuldbewusst.
Endlich bist du da!, fuhr Sabine sie an. Weißt du überhaupt, wie wir diese zwei Wochen überlebt haben? Mein Sohn hat nur Fertiggerichte gegessen! Du hast uns beleidigt, die Familie verraten, deine eigenen Wünsche über alles gestellt! Du hast nicht einmal an Lukas gedacht!
Gisela stellte ihre Tasche ab, zog die Jacke aus und sah beide ruhig an.
Und wer ist mir dieses Kind?, fragte sie leise. Ehrlich gesagt, er ist Dietrichs Neffe, nicht meiner. Ich bin nicht verpflichtet, ihn zu versorgen. Sabine, ich verlange ja auch nicht, dass du dich um meine Verwandten kümmerst.
Wie kannst du so etwas sagen!, rief Sabine empört. Wir sind doch Familie!
Sabine, es fällt mir nicht schwer, Lukas etwas aufzuwärmen. Aber mehr werde ich nicht für ihn kochen. Ich werde mir mein eigenes Essen besorgen. Aber an den Herd rühre ich mich nicht mehr, solange man mich in diesem Haus nicht respektiert.
Eine spürbare Spannung lag in der Luft.
Von nun an kaufte Gisela nur noch Essen für sich und Dietrich. Dietrich aß meistens in der Kantine oder im Café. Lukas sah sie weiterhin mit traurigen Augen an, doch Gisela gab nicht nach. Für ihn gab es kein Essen im Haus.
Am dritten Tag schien Sabine die Lektion verstanden zu haben. Sie stand eine Stunde früher auf und bereitete mehrere Gerichte zu. Wütend und missmutig, aber das Essen stand auf dem Herd.
Bevor sie zur Arbeit ging, trat Sabine zu Gisela.
Bitte wärm Lukas mittags die Suppe und das Fleisch mit Kartoffeln auf, sagte sie durch zusammengebissene Zähne.
Gisela nickte und fragte mit kaum verhohlenem Sarkasmus:
War doch nicht so schwer, oder?
Sabine zuckte zusammen, nickte aber. In der Wohnung kehrte ein fragiler Frieden ein. Gisela konnte endlich wieder durchatmen. Bald würden sie genug Geld angespart haben und ausziehen. Jetzt musste sie nur noch Dietrich klarmachen, dass sie sich so nicht behandeln lassen würde. Sie war schließlich auch ein Mensch.





