Mein Sohn hatte sich drei Monate lang nicht gemeldet. Ich dachte, er sei mit der Arbeit beschäftigt. Schließlich entschied ich mich, unangekündigt selbst nach ihm zu sehen. Doch als ich an seiner Wohnung klingelte, öffnete mir eine fremde Frau und erklärte, dass sie hier seit einem halben Jahr wohnte.
Wäre ich an jenem Tag nicht in den Bus nach Düsseldorf gestiegen, hätte ich wohl noch lange an das Märchen geglaubt, dass Thomas einfach keine Zeit hatte.
Dass es die Arbeit sei, ein wichtiges Projekt, dass die jungen Leute eben so sind sie leben schnell, vergessen anzurufen. Doch ich fuhr hin. Und was ich vor seiner Wohnungstür erlebte, stellte mein Leben auf den Kopf.
Anfangs war alles ganz harmlos. Sonntags rief er gewöhnlich an, zwischen meinem Braten und seinem Kaffee. Unter der Woche schickte er manchmal eine SMS fragte nach meinem Blutdruck, ob ich beim Arzt war, ob Frau Becker von unten wieder zu laut sei. Nichts Besonderes eben. Aber nach Ottos Tod waren diese Anrufe mein Lebenselixier geworden. Daran klammerte ich mich.
Einundsechzig Jahre, vier Jahre Witwe, zweiunddreißig Jahre im Vermessungsamt der Stadtverwaltung dann Rente, eine leere Wohnung und Stille, die nur von diesem einen sonntäglichen Anruf unterbrochen wurde.
Im Mai rief Thomas nicht mehr an.
Zunächst sorgte ich mich nicht. Die erste Woche sicher vergessen. Ich schrieb ihm eine SMS. Die Antwort war kurz: Viel zu tun, rufe später zurück. Er rief nicht zurück. Zweite Woche nochmal eine SMS. Alles gut, Mama, wir sprechen uns. Dritte Woche Funkstille. Mein Anruf blieb unbeantwortet. Nach Stunden kam eine knappe Nachricht zurück, als würde jemand anderes für ihn schreiben.
Meine Freundin Gerda, mit der ich immer zur Gymnastik im Bürgerhaus ging, sagte eines Tages direkt:
Elisabeth, fahr zu ihm. Da stimmt was nicht.
Vielleicht hat er eine Freundin und will nicht reden ich versuchte mehr, mich selbst zu beruhigen als Gerda.
Gerade dann sollte er dich anrufen sie zuckte die Schultern.
Aber ich schob es auf. Thomas mochte keine Überraschungsbesuche. Schon damals, als Otto noch lebte, und wir einmal unangekündigt kamen, war er so peinlich berührt dabei stand nur ein Berg Geschirr in der Küche. Er war einfach so, er brauchte seinen Freiraum. Ich verstand das. Oder glaubte zumindest, es zu verstehen.
Im August hielt ich es nicht mehr aus. Ich kaufte ein Ticket für den Fernbus von Trier nach Düsseldorf, dreieinhalb Stunden Fahrt. Ich packte ein Glas selbstgemachte Aprikosenmarmelade und einen Quarkkuchen ein, denn den mochte Thomas schon in der Schulzeit so gern. Die ganze Fahrt überlegte ich, was ich sagen würde. Dass ich ihn vermisse. Dass er nicht jeden Tag anrufen muss, aber einmal in der Woche wäre doch kein so großer Wunsch. Dass ich seine Mutter bin, keine Last.
Im Treppenhaus war ich gegen drei Uhr. Drittes Stockwerk, rechte Tür, die braune Fußmatte mit Willkommen, die ich ihm zum Einzug geschenkt hatte.
Die Fußmatte war weg.
Stattdessen lag eine graue Matte ohne Aufschrift. Ich klingelte. Es öffnete eine junge, etwa dreißigjährige Frau, dunkle Haare zum Bob geschnitten, im Trainingsanzug, mit einer Tasse Tee in der Hand.
Guten Tag, ich suche Thomas Hoffmann sagte ich betont ruhig.
Die Frau verzog die Augenbrauen.
Hier wohnt kein Thomas. Ich bin seit einem halben Jahr hier.
Da stand ich nun, mit dem Quarkkuchen in der Tüte und dem Glas Marmelade, und bekam kaum Luft. Die Frau sie stellte sich später als Larissa vor ließ mich in die Wohnung, wahrscheinlich weil ich so blass aussah, als würde ich jeden Moment umkippen.
Die Wohnung war verändert. Andere Möbel, andere Gardinen, selbst die Wände waren neu gestrichen. Nichts erinnerte mehr an Thomas.
Larissa mietete die Wohnung über eine Agentur. Den Eigentümer kannte sie nicht persönlich, alles lief über einen Makler. Sie gab mir die Nummer. Ich rief direkt an, vom Sofa, auf dem vor einem halben Jahr noch Thomas gesessen hatte.
Der Makler bestätigte: Thomas Hoffmann hatte im Februar die Wohnung vermietet. Er hat keine neue Adresse hinterlassen. Ja, die Miete kommt pünktlich, Überweisung vom deutschen Konto.
Zurück fuhr ich mit dem letzten Bus nach Trier. Ich weinte nicht. Dazu war ich viel zu benommen. Mein einziger Sohn, der mir bei Ottos Beerdigung die Hand hielt, der mir beim Ausfüllen der Steuer half, der immer sagte Mama, auf mich kannst du zählen war weg, hatte die Wohnung an eine Fremde vermietet und kein Wort zu mir gesagt.
Drei Tage rief ich nicht an. Ich wollte, dass er sich meldet. Er tat es nicht.
Am vierten Tag schrieb ich knapp: Ich war in Düsseldorf. Ich weiß, dass du nicht mehr in der Kölner Straße wohnst. Ruf an.
Nach einer Stunde rief er zurück. Zum ersten Mal nach drei Monaten hörte ich seine Stimme live, nicht auf der Mailbox.
Mama, ich es tut mir leid. Ich hätte dir Bescheid sagen müssen.
Wo bist du?
Stille. Lange, schwere Stille.
In Hamburg. Seit März.
Ich setzte mich an den Küchentisch. Draußen hing die Nachbarin gerade die Wäsche auf. Alles sah so normal aus, und doch war meine Welt eben zerbrochen.
Thomas erzählte mir viel. Dass er sich nach Papas Tod erdrückt fühlte. Dass meine Anrufe, meine Nachfragen nach Blutdruck, die Päckchen mit Quarkkuchen dass ihm das alles die Luft abschnitt. Dass er nicht sagen konnte, wie es ihm wirklich ging weil er wusste, es würde mich treffen. Also tat er das Schlechteste: Er floh.
Ich hatte das Gefühl, ich ersticke, wenn ich nicht gehe sagte er leise. Nicht an dir, Mama. Daran, dass ich Papas Platz ausfüllen sollte. Dass ich dieses Loch stopfen sollte.
Ich wollte schreien. Ich wollte sagen, dass ich das nie verlangt hatte. Aber als ich die Augen schloss und ehrlich nachdachte da waren sie, die vielen Sonntagsanrufe, die Geschichten über jeden Arzttermin, jede Stromrechnung. Als wäre er mein Ehemann, nicht mein Sohn.
Ich schwieg. Ich war noch nicht so weit.
Komm zu Weihnachten nach Hause sagte ich schließlich.
Ich komme, Mama.
Ich legte auf und saß lange in der Küche. Der Quarkkuchen, den ich nach Düsseldorf gebracht hatte, stand unberührt auf der Anrichte. Ich aß ein Stück. Er schmeckte gut. Er hatte immer gut geschmeckt.
Thomas kam im Dezember. Er saß an Heiligabend mir gegenüber am Tisch an Ottos Platz, aber nicht als dessen Stellvertreter. Als erwachsener Mann, der einen schweren Fehler begangen hatte, dafür aber Gründe hatte. Wir sprachen beim Anstoßen nicht über Hamburg. Vielleicht irgendwann. Vielleicht nie.
Gerda fragt manchmal, ob ich ihm verziehen habe. Ich weiß es nicht. Aber wenn er nun am Sonntag anruft was er regelmäßig tut spreche ich kürzer. Und ich frage öfter, wie es ihm geht, statt immer nur von mir zu erzählen. Das ist nicht viel. Doch man muss irgendwo anfangen.
Manchmal ist die größte Liebe einer Mutter, ihrem erwachsenen Kind loszulassen auch wenn sie nie gelernt hat, wie das geht.




