Skandal in einer angesehenen deutschen Familie

Der Skandal in der ehrenwerten Familie

Es ist vorbei!, schluchzte Lydia Berger und tupfte sich vorsichtig die Augenwinkel mit einem schneeweißen Taschentuch. Ihr Seufzer war so herzzerreißend, dass ihr Ehemann Johannes Berger erschrocken zusammenfuhr.

Lydi, was ist? Die Tropfen wieder?

Ach, lass doch endlich deine Tropfen, Hannes! Du verstehst überhaupt nichts! Das ist eine Blamage! Eine Blamage! Unsere ganze Familie ist entwürdigt! Schau sie doch an! Nicht einmal Reue zeigt sie!

Die einzige Erbin der Familie Berger-Heiden strotzte tatsächlich nicht vor Reue. Kein Büßen, keine Tränen, kein Theater. Nichts von alledem.

Elin Heiden-Berger saß auf der Terrasse, die langen, feingliedrigen Beine von denen ihre Mutter stets behauptete, sie seien exakt wie die der verstorbenen Großmutter, der berühmten Ballerina der Bayerischen Staatsoper auf die Holzbrüstung gelegt und aß Kirschen. Mit kaum verhohlener Eleganz pickte sie eine Kirsche von der prächtigen Porzellanschale, ließ den Stein genüsslich via Schnippen in den Garten fliegen und ignorierte jeden sehnsuchtsvollen Stoßseufzer der Mutter.

Elin! Sofort aufhören! Was erlaubst du dir eigentlich?! Wir müssen reden! Und du du

Lydia Berger warf dramatisch die Hände in die Luft und stürmte, um sich endlich ihre Tröpfchen gegen das Herzklopfen zu holen.

Elin, Kind, meinst du das tatsächlich ernst?, hoffte Johannes noch, bevor er seiner Frau hinterherschritt.

Ja, Papa! Ich meine es ernst. Und sag Mama, sie kann ihre Verkupplungspläne begraben. Ich werde Sebastian nicht heiraten! Nicht eine Chance!

Du brichst ihr das Herz!, seufzte er.

Jetzt übertreib mal nicht, Papa!

Vielleicht überlegst du dir es nochmal?

Nein. Ich habs ihm schon gesagt. Heute. Wir sind durch. Falls du es immer noch nicht verstanden hast keine Hochzeit.

Traurige Laute durchbrachen die Stille des Wohnzimmers, Johannes eilte zur Ehefrau. Elin nahm sich seufzend noch eine Kirsche.

Mein Gott, was sage ich nur allen? Wie peinlich! Das Restaurant ist gebucht, die Einladungen verschickt!, jammerte Lydia aus dem Nebenraum.

Ich hab dich nicht gebeten, sie zu verschicken. Deine Entscheidung dann steh auch dazu. Elins Stimme blieb ruhig wie ein deutscher See in Windstille.

Wie kalt. Ich wollte doch nur das Beste für dich!

Und wieder einmal ist das Gegenteil herausgekommen, oder, Mama? Ich hab mit meinem Leben eigene Pläne, so ein Ärger, was?, entgegnete Elin süffisant und reckte sich.

Elin! Lyidas Stimme brach, schon wieder ein Aufschluchzen. Was erlaubst du dir?!

Bisher gar nichts Besonderes!, Elin nahm die leeren Teetassen vom Tisch und wehrte ihre Mutter mit einer Geste ab. Außerdem… ich werde die Tassen schon abspülen können, keine Sorge.

Sie verschwand in die Küche. Lydia legte das Taschentuch mit starrem Blick beiseite.

Sie ist exakt wie deine Mutter! Selbst die Betonung! Warum nur muss ich dafür büßen?, schnauzte sie, zu Johannes gewandt.

Margarete Heiden, Reginas Mutter, einst Primaballerina, war für Lydia, als sie frisch verheiratet nach München einzog, schlicht unerträglich. Sie war überzeugt, dass Alter und Erfahrung Respekt verdienten doch die Schwiegermutter war sich dessen nie bewusst, lachte Lydia oftmals sogar aus.

Liebe Lydi, was für ein Duft?, flüsterte Margarete genüsslich, hielt sich die Nase, wenn Lydia eintrat.

Meine neuen Parfüms! Gefallen sie Ihnen etwa nicht?

Vermutlich nicht schlecht, nur muss doch nicht das ganze Fläschchen auf einmal sein? Weniger ist mehr!

Lydia, die Parfüms wie schützende Rüstung nutzte, fühlte sich gekränkt regelmäßig weinte sie sich bei Johannes aus.

Warum hat sie bloß was gegen mich?

So spricht sie mit jedem. Das ist ihre Art, Lydi.

Dann soll sie gefälligst ihre Art ändern! Und nenn mich nicht Lydi, ich hasse das!

Natürlich war der Schwiegermutter das egal. Mit spitzen Kommentaren brachte sie Lydia regelmäßig aus der Fassung. Das führte zu Streit, Missmut und einer doch spürbaren Abkühlung in Lydias Verhältnis zu Johannes Mutter bis Lydia einmal im Residenztheater einen zweifelhaften Kompliment zu hören bekam:

Meine Liebe, durch Margarete sind Sie zur Dame geworden! Was für Stil Sie könnten glatt ihre Tochter sein!

Der Vergleich schmeckte Lydia zwar gar nicht, das Lob dagegen sehr. Margarete war eine Stilikone Münchens und Lydia wusste, manchmal muss man sich auf kluge Kompromisse einlassen.

So blieb Lydia höflich, distanziert, aber immer korrekt. Und mit Elins Geburt verflogen alle alten Grolls. Die Schwiegermutter vergötterte ihr Enkelkind war immer da, wenn die Familie sie brauchte.

In der Berger-Heiden-Familie herrschte Frieden. Alle waren, mit Ausnahme von Lydia als Zahnärztin, künstlerisch aktiv. Elin wurde umsorgt, vom Papa und der Oma geradezu verwöhnt. Lydia selbst blieb streng, wünschte sich aber vor allem, dass ihre Tochter das Leben freier leben konnte, als sie selbst es je gekonnt hatte.

Über ihre Vergangenheit schwieg Lydia. Johannes wusste einiges, fragte nie nach weiteren Details. Sie war dankbar, dass er sie nie drängte. Die Kapitel der Vergangenheit waren abgeschlossen.

Mit ihrer eigenen Mutter hatte Lydia keinen Kontakt mehr. Zu schmerzhaft war die Erinnerung an den Tag, an dem ihr kleiner Sohn Paul starb. Im Medaillon an ihrer Kette trug sie ein Foto des schönen, lockigen Jungen. Immer. Zwei Jahre war Paul alt, als Lydias Mutter ihn kurz für den Milch-Einkauf alleine ließ. Die offene Fenster, das Kinderbett am Luftzug… Dann war es vorbei.

Der Verlust ihres Sohnes hatte sie innerlich zerstört. Sie konnte dagen nicht essen, nicht schlafen, nicht denken. Der Schmerz, dass sie ihr Studium fortsetzte anstatt sich Zeit zu nehmen unauslöschlich. An dem verhängnisvollen Prüfungstag kam Lydia nach Hause und wusste, dass ihr Leben nie wirklich begonnen hatte, aber nun für immer vorbei war.

Ihr damaliger Ehemann, ein Forschungsreisender, erreichte nicht einmal rechtzeitig die Stadt, um Abschied zu nehmen. Lydia reichte sofort die Scheidung ein sie hatte ohnehin in diesen drei Jahren Ehe gespürt, dass weder Kind noch Routine je Stabilität bringen konnten.

Als die Papiere unterzeichnet waren, packte sie einen kleinen Koffer und verließ Frankfurt, die Stadt ihrer Jugend, für immer.

Und dann war da plötzlich Johannes.

Er kam, das Gesicht verzehrt vor Zahnschmerz.

Schon lange so?

Seit einer Woche…

Himmel, sind Sie ein Kind? Erwachsener Mann, und leiden wie ein Schaf!

Sie haben recht… Verstehe gar nichts, grinste Johannes schmerzerfüllt.

Dieses Lächeln stoppte Lydia derart, dass sie vor lauter Unsicherheit die falschen Instrumente griff. Ihr Gesicht glühte, Johannes schloss die Augen, um sie nicht noch mehr zu verunsichern.

Von da an begleitete Johannes sie abends nach Hause. Sie sprachen wenig, hörten aber einander zu. Nach einem Jahr machte Johannes ihr einen Antrag.

Ich bin glücklich mit dir. Aber ich weiß nicht, ob ich dich glücklich machen kann…

Wieso das?

Ich möchte keine Kinder.

Warum?

Ich erzähl es dir. Ohne Details, sagte Lydia mit eisernem Blick. Und wenn du dann nicht mehr auftauchst, verstehe ich das. Schlaf drüber, rede vielleicht mit deiner Mutter. Du magst sie doch so? Hol dir Rat.

Johannes redete nicht mit seiner Mutter. Margarete war sowieso kein Mensch für Ratschläge, schon gar nicht für den eigenen erwachsenen Sohn.

Am Ende erzählte Johannes dennoch alles, wie es war. Margarete hörte still zu, eine Zigarette balancierend zwischen den Fingern, warf regelmäßig die Asche in ihre Meissener Kaffeetasse. Mit jedem Wort wurde ihr Gesicht ernster. Schließlich fragte sie:

Liebst du sie?

Ja.

Dann hör auf zu zweifeln. Liebe ist ein Schatz keiner weiß, wie viel er kostet, aber er ist immer zu wenig. Und noch etwas: Ein Schatz wiegt schwer, aber du wirst die Kraft finden, ihn zu tragen, wenn du wirklich weißt, was du da hast.

Das Thema war beendet. Johannes stellte Lydia der Mutter vor, Margarete begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange und schleppte sie prompt zur bestgebrieften Schneiderin Schwabings. Zurück daheim holte sie eine kleine Schmuckschatulle aus dem alten Biedermeierschrank.

Hier, Lydia, die Familienjuwelen der Heidens.

Oh, das ist nicht nötig!

Doch. Du gehörst nun dazu. Wähl, was dir gefällt. Trotzdem, siehs als Pflicht: Das ist kein Klimperzeug. Türauf und Schmuck zeigen das ist in Hamburg auf dem Fischmarkt erlaubt, sonst ist es vulgär.

Da musste Lydia wider Willen lachen.

Margarete zeigte ihr alles, was sie wissen musste sehr zum Unmut, aber am Ende zur großen Dankbarkeit für Lydia.

Und als Lydia erfuhr, dass sie schwanger war, vertraute sie sich ausgerechnet Margarete zuerst an.

Du bist grün im Gesicht, Lydia. Was ist los?

Johannes war nicht da, Margarete löcherte Lydia so lange, bis diese zur Toilette rannte. Margarete kombinierte blitzschnell.

Geburten machst du bei Fräulein Dr. Hagedorn. Beste Ärztin Münchens. Ihr vertraue ich. Wovor hast du Angst?

Ob ich das schaffe…

Lydia, ich sags nur einmal: Sei kein Dummerchen! Bedank dich bei Gott und hau rein! Ich lasse dich und das Kind keine Sekunde aus den Augen!

Danke…

Spar dir das Danke für später, wenn ich als grantige Alte an deiner Geduld zerr! Okay?

Elin Heiden-Berger kam gesund und pünktlich zur Welt. Margarete begutachtete die Kleine vor dem Klinikum: Ein Meisterwerk! Bravo, Lydia!

Sie hielt ihr Wort niemand half Lydia mehr. Margarete, Münchens Primaballerina und Gesellschaftslöwin, schmiss den Nerzmantel in die Ecke, stellte sich selbstverständlich an die Wäschetonne, rieb Kernseife zu Flocken und schrubbte Windeln, bevor sie Elins Füßchen küsste und wie jede Oma murmelte:

Du bist mein Goldstück! Immer gesund bleiben!

Alte Kränkungen und Konflikte? Verblassen.

Lydia fand, endlich, wovon sie so lange geträumt hatte Familie, Zuhause, ein Hauch Frieden.

Paul war nicht vergessen. Zweimal im Jahr fuhren Johannes und sie in den Ort ihrer Kindheit nie in die Stadt selbst und immer ohne Kontakt zur Mutter. Sie logierten in einer kleinen Pension draußen. Lydia zählte die Minuten bis zur Rückreise.

Dann, als Elin zehn wurde, kam ein Brief der alten Mutter.

Nur Margarete sah ihn, Lydia bat sie um Rat.

Fahr hin. Vergessen kannst du nicht. Verzeihen? Vielleicht nie. Sie bleibt deine Mutter. Denk an die Frau von damals, an schöne Momente, als du Kind warst. Jeder macht Fehler, auch furchtbare, auch wir. Ich dränge dich nicht. Aber du brauchst das Gespräch, nicht sie. Oder wirst dich ewig quälen das schadet nur Elin. Und wie immer ich stehe hinter dir. Überleg es dir gut!

Am nächsten Tag verabschiedete Lydia sich von Familie und fuhr fort.

Das Gespräch mit der Mutter? Kurz. Ein Händedruck, ein geflüstertes Vergib!

Zurück zu Hause drückte Margarete Lydia Elin in den Arm zufrieden.

Gut gemacht. Es war richtig.

Eigentlich sollte jetzt alles friedlich sein. Doch Lydias Angst schwoll an, wickelte sie ein wie ein grauer Schleier. Johannes wurde unruhig.

Du überwachst Elin zu sehr, Lydi. Sie ist doch schon ein großes Mädchen. Sie braucht Freunde, eigene Interessen. Eltern und Oma das reicht nicht.

Was willst du von mir, Johannes?

Lass unsere Tochter Luft holen, etwas mehr Freiheit.

Das sagst du?! Ist dir völlig egal, was ihr passieren könnte?!

Natürlich nicht! Wovon redest du?!

Davon, dass ich noch einen Verlust nicht überlebe!

Warum sollte sie uns abhandenkommen?!, rief Johannes verzweifelt.

Es kann alles passieren! Jederzeit! Und dann? Soll ich ausflippen? Wen würde das retten?

Johannes seufzte hilflos. Seine Frau war durch ihre Furcht gefangen, die ganze Familie litt darunter.

Wieder half Margarete.

Schick Elin zum Tanzunterricht.

Wozu, Mama? Sie hat doch schon so viel!

Vergiss alles andere! Standardtanz. Und zwar mit Partner.

Ist es wirklich nötig?

Ja!

So entdeckte Elin etwas Neues: Tanz und Sebastian.

Zu Beginn noch ein pummeliger, unbeholfener Junge, mitgebracht von seiner resoluten Großmutter, stand Sebastian bald mit Elin im Tanzkurs.

Zwei Riesen für wenig Glanz, sagten die Trainer, ahnten aber nicht, dass Elin nicht das stille Mädchen war.

Drei Jahre später holten Sebastian und Elin ihren ersten Pokal, dann waren sie Stammgäste auf deutschen Turnieren.

Sebastian war kein Tollpatsch mehr, sondern ein attraktiver junger Mann. Selbst die Preisrichter tuschelten, es gäbe da mehr als Tanz.

Elin lächelte zweideutig, schwieg, während Lydia im Geheimen schon Elins Zukunft plante.

Doch Elin hatte andere Pläne. Nach dem Abitur erklärte sie ruhig:

Ich habe mich entschieden. Ich werde Medizin studieren.

Lydia lächelte sonderbar.

Kind, wir dachten an etwas anderes für dich.

Was denn? Habe ich was gesagt?

Natürlich nicht. Aber ich habe mit Sebastian und seinen Eltern gesprochen.

Und?, Elin verstand nicht.

Wir haben drei Monate zur Vorbereitung. Hochzeit im Herbst! Ich rede mit Oma, sie organisiert was Außergewöhnliches.

Hochzeit? Wer heiratet Sebastian?

Klar, du Dummerchen! Ihr seid doch ein Traumpaar auf dem Parkett wie im Leben!

Auf die Idee, mich zu fragen, kommst du wohl nicht?

Ich dachte, alles sei schon klar, Liebes.

Nenn mich nicht Liebes!, keifte Elin. Sie schnappte die Tasche und warf wortlos die Tür hinter sich zu. Erst abends erfuhr Lydia, dass Elin bei Margarete wohnen würde.

Margarete war kurz angebunden.

Was hast du erwartet? Kinder sind keine Puppen. Die kann man nicht einfach anziehen, verhüllen und verheiraten. Lida, ich erkenne dich nicht wieder!

Es ist mein Kind! Ich will ihr Glück! Sebastian liebt sie!

Und sie ihn? Margarete schmunzelte scharf. Oder ist dir Elins Meinung egal?

Ich weiß besser, was sie braucht! Sie weiß doch selbst nicht, was sie will!

Doch. Sie will Chirurgin werden. Das ist ehrenwert. Was stört dich?

Alles. Sie soll erstmal heiraten, dann darf sie studieren. Dann bin ich beruhigt!

Wie sollte das dich beruhigen? Mit welchem Recht?

Mit einem Mann hat sie Schutz. Sebastian ist ein toller junger Mann! Seit er sie begleitet, schlafe ich wieder ruhig.

Ich verstehe deine Sorge, aber ich verstehe nicht deinen Drang, sie einzusperren. Diese Ehe wäre ein goldener Käfig und das weißt du.

Dieser Streit ist sinnlos. Die Hochzeit findet statt.

Na dann! Ich glaube du kennst den Charakter deiner Tochter nicht.

Elin zeigte ihn. Nach dem Gespräch auf der Elternterrasse packte sie ihre Sachen und zog zu Margarete. Für Lydia ein Stich ins Herz. Sie ignorierte Anrufe, kam nicht vorbei, und von Elins glänzend bestandener Aufnahmeprüfung erfuhr sie vom Mann.

Lydia, versöhn dich endlich! Was tust du dir an, anstatt deine lebendige Tochter zu umarmen? Gestern war ich bei ihnen Elin fragt nach dir. Hast du vergessen, wie sehr du sie wolltest? Warum stößt du sie weg? Erklärs mir!

Ich kanns nicht erklären! Ich weiß nicht, was tun! Ich kann nicht mehr ohne sie… Es tut so weh, wie damals bei Paul. Alles ist dunkel…

Lydia, Schluss jetzt! Johannes packte sie an den Schultern, schüttelte sie. Elin lebt! Fahr hin!

Wohin? Wozu?

Ich bringe dich zu ihr. Hör auf zu glauben, du könntest alles kontrollieren! Lass Elin ihr Leben leben!

Ob es seine Ansprache war oder der Blick ihrer Tochter Lydia tat, worum er sie bat.

Die Versöhnung fand statt. Was zwischen Lydia und Elin in Margaretes verschlossenem Schlafzimmer gesprochen wurde, blieb ihr Geheimnis. Aber als sie später mit roten Nasen und tränennassen Wangen aus dem Zimmer kamen, wusste Johannes: Frieden war eingekehrt.

Doch das Schicksal hatte neue Pläne. Als Elin unbeirrt ihren Traum verfolgte, kam es anders als erwartet.

Frau Dr. Elin Berger, Notfall akute Blinddarmentzündung.

Alles klar leider. Ich komme!

Ihr Dienst war fast um, aber diese Operation ließ sie sich nicht nehmen.

Du?!

Ich, stöhnte Sebastian vor Schmerzen auf der Liege.

Na, hast du Vertrauen?

Dir immer!, presste er hervor.

Ganz ohne letzte Worte, Testament und Drama?

Elin, du bist ein Narr!

Und wie!

Drei Jahre später öffnete Elin das Gartentor des Elternhauses, auf dem Arm ihr Sohn.

Los, zeig Oma, wie schnell du laufen kannst! Mama, fang ihn!

Der kleine Paul lachte und rannte in Lydias Arme.

Mein Schatz! Wie hab ich dich vermisst!

Mama, hallo! Und Oma?

Ach, die? Die ist in Baden-Baden! Neuer Liebhaber!

Wow, Oma! Wer ist es diesmal?

Irgendwas mit Kunst. Maler oder Bildhauer. Frag sie selbst, wenn sie wiederkommt. Und wo ist Sebastian?

Sucht Parkplatz.

Super! Das Fleisch ist fast fertig, Vater holt den Apfelkuchen aus dem Ofen. Wascht euch die Hände! Ich bring Paul ins Bett, dann komm ich.

Na klar! Ich kenn dich! Du bleibst ewig und singst ihm Lieder!

Ist das schlimm? Lydia küsste ihren Enkel.

Das ist das Schönste, Mama!Draußen drehte sich langsam das bunte Windrad im Sommerwind, während der Duft von Apfelkuchen sich ins Gartenlicht mischte. Elin stand einen Moment still inmitten ihres alten Zuhauses, sah, wie Lydia das Kind auf den Schultern trug, sah Johannes, der am Fenster winkte, und hörte, wie das Lachen durch die offene Terrassentür tanzte.

In ihrem Herzen klang dieses Lachen wie ein neues, leichtes Lied: laut und voller Hoffnung. Sie dachte an Vergangenheit und an all die Herzen, die gebrochen, geheilt, schließlich wieder zusammengesetzt worden waren kostbar, merkwürdig und einzigartig wie Familienporzellan.

Sie ging die Stufen hoch, hielt kurz inne: Mama, weißt du, dass ich dich liebe?

Lydia blieb stehen, Tränen in den Augen, brachte nur ein geflüstertes Ja, ich weiß hervor und umarmte sie fest. Für einen langen Augenblick hielt die Welt den Atem an; dann ließ sich Elin los, streichelte Pauls Haar und lachte:

Na ab in den Garten, ihr alle! Oma Margarete kommt spätestens zum Nachtisch, und dann wird getanzt, wie früher!

Die Sonne versank langsam hinter dem Dachfirst, und während am Tisch Gläser klirrten, Stimmen ineinanderflossen und der kleine Paul die Kirschen von der Porzellanschale stibitzte, war da ganz still und sicher nichts als Glück. Und niemand in jener Familie wagte es, daran zu zweifeln.

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Homy
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