Fremde Wände

Fremde Wände

Weißt du, woran ich gerade denke? meinte ich zu meinem Mann, während ich bestimmt schon das fünfte Mal dieselbe Tasse rieb. Daran, dass wir nicht mal mehr unsere eigene Teelöffel besitzen. Alles ist inzwischen drüben, in deren Zimmer. Und jetzt erwische ich mich dabei, wie ich abends in unserer eigenen Wohnung einschlafe und überlege: Sind wir vielleicht zu laut in unserer eigenen Stube, während wir fernsehen? Stören wir sie womöglich?

Markus sah schweigend aus dem Fenster hinaus in den dunklen Hinterhof. Irgendwann seufzte er, so schwer und tief, wie er nur konnte.

Gäste, sagte er leise, ohne sich zu mir umzudrehen. Wir, als die eigentlichen Eigentümer, sind auf einmal Gäste in unserer eigenen Küche.

Und als obs das Schicksal so wollte, hörten wir genau in diesem Moment aus dem Zimmer der Nichte dieses leise, unterdrückte Kichern, gefolgt von der tieferen Stimme ihres Freundes. Die beiden schauten wohl einen Film. In unserem einstigen Wohnzimmer.

So saßen wir also da: Ich mit dem Spüllappen in der Hand, Markus am Fenster, und im Kopf ging mir nur eine Frage herum: Wie ist es nur so weit gekommen? Wie konnte es passieren, dass wir uns in unserem eigenen Zuhause nicht mal mehr trauen, nachts das Wasser in der Toilette durchzuspülen, weil wir keinen stören wollen? Dabei hat doch alles so harmlos angefangen ganz familiär, mit guten Absichten.

Der Anruf von meiner Schwester Sybille kam Ende August, ist jetzt vielleicht anderthalb Jahre her. Ich hatte gerade Gurken eingekocht, stand verschwitzt in der Küche, Haare voller Hitze wirr am Kopf. Es klingelte, ich wischte mir hastig die Hände ab und nahm den Hörer.

Annemarie, hallo, Sybille klang irgendwie zögerlich, fast schon vorsichtig. Da war ich gleich wachsam. Sybille ruft nie einfach so an, in Hamburg ist ihr Leben voll, wir hören eigentlich höchstens dreimal im Jahr voneinander. Du, ich wollte was fragen. Erinnerst du dich an meine Große, an Katrin?

Klar erinnere ich mich, sag ich. Was ist los?

Nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. Sie hat einen Studienplatz in Heidelberg bekommen. Sogar einen geförderten Platz! Nur mit dem Wohnheim klappts nicht, das kann Monate dauern Vielleicht auch länger. Und ich dachte Ihr wohnt doch nur zu zweit in eurer Dreizimmerwohnung, oder? Könntet ihr sie vielleicht vorübergehend anmelden, für die Bescheinigung fürs Studium? Rein formal natürlich, sie sucht sich ohnehin ein WG-Zimmer oder sowas in der Richtung. Das ist nur Papierkram, weißt du.

Ich hielt den Hörer, und in meinem Kopf fing es direkt an zu rattern. Einerseits, klar, meine Nichte ein gutes Mädchen, Sybille schwärmt immer davon, wie fleißig und brav sie ist. Andererseits, so eine Anmeldung ist schon was Offizielles. Markus hat immer gesagt: Keine Meldungen auf Dauer, egal wie eng die Familie. Da kriegst du sie nie wieder raus. Aber es ging ja nur ums Studium, und Sybille zu sagen, nein, wäre irgendwie auch komisch gewesen, wir sind zwar nicht super eng, aber eben Schwestern.

Sybille, bist du sicher, dass sie nicht bei euch wohnen wird? fragte ich vorsichtig nach. Nicht, dass sies sich anders überlegt Markus und mir wäre es ehrlich gesagt nicht so recht, wenn ständig jemand Drittes im Haus wohnt. Weißt du?

Ach Annemarie! lachte Sybille. Die Katrin ist achtzehn, will eigenständig sein, klar sucht sie was Eigenes. Sie hat schon mit Freundinnen gesprochen, die Teilen sich was. Sie braucht nur für das Immatrikulationsamt die Anmeldung in Heidelberg ist heutzutage ja alles Bürokratie pur. Dokumente, Stempel, Meldeadresse, weißt du doch selbst. Es bringt euch wirklich keinen Aufwand. Kein Grund zur Sorge.

Ich druckste noch etwas herum, sagte, ich bespreche es nochmal mit Markus. Am Abend erzählte ich ihm davon er zog sofort die Augenbrauen hoch.

Lass das mal lieber, meinte er knapp. Meldeadresse ist kein Spaß. Die kriegst du nie wieder raus, falls da was schiefläuft. Da hör ich ständig die wildesten Geschichten in meinem Büro.

Aber es ist doch meine Nichte, argumentierte ich. Sybilles Tochter. Nur solange sie die Uni-Unterlagen bringt. Leben wird sie doch in ihrer WG mit Freundinnen.

Unterlagen brummte Markus. Und dann kommts: erst ein paar Sachen abstellen, dann mal eine Nacht bleiben, dann kommt eine Freundin, und so weiter. Lass mal lieber.

Ich hab trotzdem am nächsten Tag nochmal mit Sybille telefoniert. Du weißt ja, dieses schlechte Gewissen. Das Kind hat sich einen Studienplatz erkämpft, will was erreichen, also was soll ich mich da anstellen. Und ich erinnere mich noch, wie nett Katrin als Kind immer war ruhig, freundlich. Sybille meinte dann auch, Katrin ruft selbst an.

Zwei Tage später rief Katrin bei uns an. Höflich, ein bisschen aufgeregt.

Hallo Tante Annemarie, ich bins, Katrin. Mama hat erzählt, Sie helfen mir wahrscheinlich mit der Anmeldung. Es tut mir wirklich leid, Sie damit zu belästigen, aber ich bräuchte das so dringend für mein Studium. Ich hab schon ein Zimmer mit zwei Freundinnen in Handschuhsheim gemietet. Es ist nur wegen der Unterlagen ich werde Ihnen wirklich nicht auf die Nerven gehen. Darf ich mal vorbeikommen, damit wir uns kennenlernen und das besprechen?

Da kannst du doch unmöglich nein sagen, oder? Das Mädchen war so höflich und bodenständig. Markus schüttelte zwar später nur den Kopf, meinte so nach dem Motto, Deine Sache beschwer dich aber lieber nicht danach

Katrin kam Anfang September. Groß, schlank, in Jeans und weißer Bluse, langes, hellbraunes Haar geflochten. Ein hübsches Kind, ehrlich. Sie hatte einen riesigen Rucksack dabei, strahlte.

Tante Annemarie, danke, dass Sie mir helfen. Mama hat Ihnen auch was geschickt und reicht mir dann wirklich noch Honig, Marmelade, Süßes, alles selbstgemacht! Da geht einem das Herz auf so ein nettes Mädchen.

Wir saßen zusammen, tranken Tee. Sie erzählte begeistert vom Studium, Journalismus will sie machen, träumt davon, beim Sender zu arbeiten. Du hast gesehen, wie viel Energie sie hatte! Sie sagte, sie hat das Zimmer schon mit zwei Freundinnen, zeigt mir sogar Fotos. Es ist winzig, aber sie kommen klar.

Mir gehts wirklich nur um die Meldeadresse. Für die Unterlagen. Ich komme höchstens mal vorbei, falls ich dringend was holen muss, sonst bin ich weg, versprochen.

Markus kam dann auch heim, Katrin stand auf, begrüßte ihn korrekt und mit Nachnamen und allem. Er nickte nur und setzte sich zum Abendessen. Katrin verabschiedete sich schnell.

Vielen Dank nochmal, sagte sie, Morgen bringe ich dann die Unterlagen vorbei, wenn das passt, und dann könnten wir zusammen zum Bürgeramt gehen.

Drei Tage später gingen wir tatsächlich zum Einwohnermeldeamt. Katrin hatte alles dabei, Markus unterschrieb zähneknirschend ebenfalls. Das war alles innerhalb von Minuten durch ein Jahr, befristet. Zwei Wochen später hatte sie den Stempel im Ausweis und rief noch zehnmal an, um sich zu bedanken. Ich dachte wirklich, damit ist die Sache erledigt. Katrin wohnt in ihrem Zimmer, wir haben geholfen, alle sind glücklich.

Tja. Das Leben hat halt andere Pläne

Erst war alles ruhig. Monatelang rührte sich nichts. Zwei, drei Anrufe von Katrin, liebe Grüße, Dankesworte. Sybille meldete sich auch, bedankte sich, sagte, Katrin kommt super klar, läuft alles. Ich beruhigte mich, dachte, so ists richtig gelaufen.

Bis im November Katrin wieder anrief. Ob sie ein paar Tage bei uns unterkommen könne sie habe Stress mit den Mitbewohnerinnen. Eine sei extrem laut, Freunde ständig ein und aus, feiern bis tief in die Nacht, unmöglich fürs Lernen jetzt, vor der ersten Prüfungssession. Was sollst du da machen? Klar, komm. Stellst du halt das Gästebett im Wohnzimmer auf.

Katrin kam abends mit dem großen Rucksack. Markus presste nur die Lippen zusammen, schwieg aber. Katrin war bescheiden, leise, entschuldigte sich ständig für die Umstände und meinte, sie bleibt wirklich nur eine Woche höchstens. Aber wie das halt so ist: Die Woche wurde zu zwei. Dann stand die Prüfungsphase an, Umziehen sei jetzt ungünstig. Klar, zu dieser Jahreszeit eine neue Bleibe suchen? Ich dachte, danach zieht sie bestimmt wieder aus.

Aber von da an wurde es immer krasser. Nach den Ferien sie war über die Feiertage in Hamburg Komm ich wieder, ich hab jetzt einen Job gefunden, Lokalzeitung, super Gelegenheit, ich will Geld sparen für ein Praktikum in Berlin Ohne Miete kann ich was zurücklegen. Mutter kann sie auch nicht finanziell unterstützen.

Tante Annemarie, wäre es okay, wenn ich noch ein bisschen bleibe? Ich zahle auch Anteil an den Nebenkosten, und ich besorge meine eigenen Sachen, ehrlich. Ich will euch nicht zur Last fallen.

Markus ist explodiert:

Annemarie, ich habs dir gesagt! Jetzt wohnt sie hier richtig! Und jetzt kommt das nächste holt am Ende noch eigene Möbel? Die zahlt uns ein bisschen Nebenkosten und meint, das reicht?!

Ich hab nicht gegengehalten. In mir drin habe ich gemerkt, er hat eigentlich recht. Aber was sollte ich tun? Das Mädchen rausschmeißen, die Studentin, die so bemüht ist? Ich habe dann nicht mehr mit Sybille darüber gesprochen. Ich wusste, sie würde nur sagen: Du hast doch zugesagt, klär das jetzt selbst.

Mit der Zeit wurde Katrin immer heimischer. Ihre Sachen nahmen irgendwann den halben Flurschrank ein, auf dem Balkon tauchten Kisten mit ihren Büchern und Uni-Kram auf. Im Kühlschrank hatte sie ihre eigenen Regale: Joghurt, Obst, vorbereitete Speisen in Dosen. Ja, sie hat selbst eingekauft, aber irgendwie manchmal war dann doch unser Zucker weg, oder das Öl leer, das Brot angeknabbert. Sie hat es nachgefüllt, trotzdem: Es fühlte sich nicht so an, als wäre das unsere Wohnung.

Mit Markus redete ich fast gar nicht mehr richtig. Oder halt nur noch knapp, distanziert. Er verschwand nach der Arbeit meist direkt in unser Schlafzimmer, angeblich zu müde fürs Fernsehen, dabei wusste ich: Er wollte Katrin einfach vermeiden. Und sie? Gab sich so viel Mühe, dezent zu sein. Fragte immer leise, ob sie stört, räumte alles weg hinter sich. Aber sie war halt doch fremd in unserem Zuhause. Höflich, gut erzogen aber eben nicht unsere Tochter.

Einmal abends ich schnipple Salat, Katrin kommt in die Küche, macht sich Wasser heiß. Und dann sehe ich, wie selbstverständlich sie ihre eigene Tasse nimmt, ihren eigenen Wasserkocher hinstellt, weil unser ihrer Meinung nach viel zu langsam ist. Auch ihr Tee irgendein Modemarke-Zeug, fruchtig, alles ganz eigen. Und in dem Moment dachte ich: Sie fühlt sich schon richtig wie zu Hause.

Katrin, fragte ich sie, suchst du denn nach einer anderen Wohnung? Haben sich deine Mitschülerinnen nicht wieder gefangen?

Sie schaute auf, lächelte etwas verlegen.

Ach, ich wohne mit denen nicht mehr, ehrlich. Ich halte aber die Augen offen. Nur, entweder ist alles teuer oder total weit von der Uni. Ich habs hier eben praktisch: Straßenbahn, Supermärkte, alles nah. Wenns bei euch echt ein Problem ist, dann suche ich aktiver, versprochen!

Was soll man da antworten? Sagen, jawohl, es stört, bitte pack deine Sachen? Konnte ich einfach nicht. So bin ich nicht.

Naja, murmelte ich nur, eigentlich ist es schon besser, wenn du dein eigenes Zimmer hast, mehr Freiheit. Der Schlafplatz auf der Couch ist doch auch nicht optimal.

Für mich ist das kein Thema, ehrlich, winkte sie ab und verschwand zurück in die Stube.

Und ich stand da, schaute ihr hinterher und dachte: Schön, dass sie meint, sie stört nicht. Aber wir verbringen mittlerweile ganze Abende in der Küche, weil wir in unserer eigenen Stube nicht mehr sitzen wollen. Schalten kaum mehr den Fernseher ein, reden nur noch flüsternd, um niemandem zur Last zu fallen. In den eigenen vier Wänden.

An dem Abend meinte Markus dann später im Schlafzimmer leise:

Annemarie, du meldest sie im Sommer ab, wenn das Jahr vorbei ist, ja? Nicht verlängern. Wollen wir wetten, sie fragt dann eh nach Verlängerung?

Okay, versprach ich. Ich meld sie ab.

Aber in mir drin wusste ich schon: So einfach wird das nicht. Katrin ist schon so heimisch geworden, dass sie vermutlich endlos bleiben könnte. Und ich hatte ehrlich Angst vor dem Gespräch was, wenn sie sauer ist? Was, wenn Sybille mich dann hinterher als geizig und kühl darstellt?

März und April zogen ins Land. Katrin lernte weiter, arbeitete in der Zeitung, kam manchmal spät heim. Oft saß sie abends noch mit dem Laptop in der Stube, tippte, und wir konnten ihren Rhythmus, ihre Welt spüren, auch wenn wir in unserem Schlafzimmer lagen. Das Geräusch machte mich wahnsinnig. Am liebsten wäre ich raus, hätte gesagt: Jetzt ist mal gut, gibt doch auch noch andere! Aber ich schwieg.

Und dann, im Mai, kippte alles.

Eines Abends brachte Katrin ihren Freund mit. Max, ein BWL-Student aus der Uni, jung, lässig, mit Lederjacke und konfrontierendem Blick. Sie sagte höflich:

Tante Annemarie, ist das okay, wenn Max ein bisschen hier bleibt? Wir müssen zusammen an einem Uni-Projekt arbeiten. Nur kurz.

Ich nickte. Was hätte ich machen sollen? Markus war noch unterwegs. Katrin und Max setzten sich in die Stube, lachten, fachsimpelten. Ich trank Tee und merkte, wie meine Wut innerlich brodelte. Jetzt bringt sie schon Männer mit, und das in UNSEREM Wohnraum! Unserem Sofa, unser Zeug! Und die benehmen sich, als wäre alles selbstverständlich.

Als Markus heimkam, sah er mein Gesicht und fragte, was los ist.

Da sitzt ihr Freund, presse ich hervor, im Wohnzimmer. Arbeiten angeblich. Zu zweit. Tür zu.

Markus schwieg, knallte Türen später. Die beiden verschwanden irgendwann, Katrin kam zu mir.

Tut mir leid, sagte sie kleinlaut. Wir haben nur was zusammen bearbeitet. Kommt nicht wieder vor.

Katrin, fing ich an und rang mit den Worten, du weißt, das ist nicht einfach für uns. Das ist UNSER Zuhause. Und du bist hier irgendwie Gast, hast aber ständig Besuch.

Da war ihr Gesicht ganz verunsichert, die Lippen zitterten.

Ich versteh das, wirklich, flüsterte sie. War nicht meine Absicht Max ist einfach jemand, mit dem ich zusammen lernen und arbeiten kann.

Sie verschwand. Ich fühlte mich fies, aber auch irgendwie gerechtfertigt. Markus sagte abends ganz knapp:

Es reicht jetzt. Im August ziehst du aus, basta. Sag ihr das ruhig.

Doch im August war der nächste Akt. Im Juni kam sie vorsorglich: die Anmeldung läuft ja bald ab, bitte, bitte noch mal verlängern, da die Prüfungen laufen, sie Zeit braucht, es für die Uni sein muss, sonst gefährden sie das Studium.

Ich rief Sybille an, beschwerte mich. Sie atmete seufzend ins Telefon.

Ach, Annemarie, halt noch kurz durch, ja? Sie ist so ein liebes Mädchen. Ich sprech noch mal mit ihr. Die Meldeadresse ist doch wirklich wichtig. Ohne sie gibts Theater mit der Uni, du weißt, wie das läuft.

Und ich Trottel habe es verlängert. Markus schwor sich, diesmal unterschreibt er gar nichts mehr. Also habe ich alleine alles gemacht. Dachte, okay, jetzt wirklich nur noch bis zum Abschluss. Tja, falsch gedacht.

Im Sommer war Katrin einen Monat weg bei den Eltern in Hamburg. Für uns ein Aufatmen. Es fühlte sich wieder wie UNSER Zuhause an. Wir guckten abends wieder Fernsehen in der Stube, redeten lauter, lachten frei. Markus wurde wieder lockerer. Ich dachte, vielleicht bleibt sie ja in Hamburg. Aber wie das so ist: Im September war sie wieder da. Mit einem ganzen Koffer mehr Sachen.

Im Oktober brachte sie Max immer wieder mit. Die beiden saßen stundenlang im Wohnzimmer, arbeiteten angeblich. Es wurde zur Routine. Markus kam abends immer später nach Hause, ich wusste, warum.

Im November war ich es leid:

Katrin, sagte ich, du hast jetzt über ein Jahr hier gewohnt. Wann suchst du wirklich eine Wohnung?

Sie senkt den Blick, wirkt kleinlaut.

Ich such doch! Aber es ist entweder zu teuer oder ganz schlimm. Ich kann nicht in irgendeine Absteige. Ich brauch Ruhe zum Lernen. Es ist doch total praktisch hier. Ich zahl auch alles. Ist es wirklich so unerträglich?

Ja, antworte ich ehrlich. Markus und ich wollen unser Leben, unsere Ruhe. Und ständig Freunde zu Besuch, das gehört sich einfach nicht.

Wir sind doch einfach nur Freunde, sagt sie empört. Und außerdem bin ich angemeldet ich habe das Recht, hier zu wohnen!

Und an dem Punkt wusste ich: Wir kommen aus der Nummer allein nicht mehr raus. Sie hat kein schlechtes Gewissen mehr, sie pocht auf Rechte.

Das ist trotzdem vorübergehend, sagte ich. Wir haben geholfen, nicht für immer.

Ich bin keine Schmarotzerin! fauchte sie. Ich zahl alles, mach keinen Dreck. Und ihr wollt mich jetzt rauswerfen, oder was?

Niemand wirft dich raus, sage ich müde. Aber das hier ist nicht dein Zuhause.

Danach wars endgültig frostig. Markus und ich sprachen kaum noch, Katrin grüßte nur noch beim Kommen und Gehen.

Der Dezember war grauenhaft. Wir hatten keine Lust auf Weihnachten. Eigentlich stellen wir immer einen Baum im Wohnzimmer auf, machen’s uns schön. Diesmal nur eine kleine Kunsttanne auf der Küchenanrichte Wohnzimmer war ja besetzt.

Katrin fuhr über Silvester nach Hamburg. Markus atmete auf.

Wenigstens Ruhe zu den Feiertagen.

Wir verbrachten Silvester allein in der Küche. Ein bisschen Sekt, ein alter Fernseher lief, wir prosteten uns zu. Markus meinte: Im neuen Jahr muss das geregelt werden. Gegebenenfalls mit Anwalt.

Katrin kam im Januar und verkündete gleich: Ich sages lieber sofort, Max zieht jetzt hier dazu. Im Studentenwohnheim ist es unerträglich, er hat sogar Kram verloren, Diebställe, Chaos. Ich dachte, vorübergehend ist ok er kann auch Nebenkosten zahlen, stört keinen.

Ich fiel aus allen Wolken, Markus wurde rot.

Er zieht HIER ein? donnerte er. NIEMALS! Das ist UNSERE Wohnung!

Ihr habt doch genug Platz. Und gesetzlich kann mir keiner verbieten, jemanden aus meiner Familieneinheit bei mir anzumelden, konterte Katrin erstaunlich ruhig.

Das war zu viel. Markus rief einen Anwalt an. Der meinte: Sie wohnt angemeldet, notfalls muss man auf Räumung klagen, gegen Max könnte man mit Ordnungsamt und Meldebescheinigung vorgehen.

Keine Woche später zog Max trotzdem ein. Markus holte tatsächlich das Ordnungsamt die kamen, nahmen die Daten auf, gaben Max eine Woche, dann müsse er weg, sonst Bußgeld.

Max zog fleißig wieder aus, etwas beleidigt. Katrin war richtig sauer. Ihre Argumentation dabei: Am liebsten würdet ihr mich auch rauswerfen!

Ende Februar hatten wir dann gleich zwei Gerichtsakte am Laufen: eine gegen Katrins weitere Nutzung als Meldeadresse und eine zur Verhinderung, dass Max sich anmeldet. Das zieht sich hin, Monate.

Katrin ließ sich davon nicht beeindrucken. Max kam ohnehin ständig. Sie kauften sich ihren eigenen Fernseher einen riesigen Flachbildschirm. Unseren alten räumten sie auf den Balkon.

Und irgendwann war uns alles zu viel.

Markus, sagte ich, sollen wir nicht die Wohnung verkaufen? Uns was Kleines suchen, mindestens wieder ein bisschen Freiheit?

Er sah mich lange an.

Dann geben wir denen nach Aber eigentlich ist es gar nicht so blöd. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Und so sitzen wir abends wieder da still, am kalten Tee nippend. Auf einmal kam Max aus dem Wohnzimmer, grüßt kurz, nimmt etwas aus dem Kühlschrank, verschwindet. Als wären WIR hier die Untermieter.

Und weißt du, so ist das, wenn das eigene Zuhause keine Heimat mehr ist. Wenn du merkst, dass selbst gut gemeinte Hilfe nach hinten losgehen kann. Mir war unmittelbar klar: Wir haben vor allem unser Vertrauen verloren. In die Familie, in die guten Absichten, in die Dankbarkeit. Und dann fühlt sich das eigene Zuhause plötzlich fremd an als hätten die eigenen Wände einem nichts mehr zu sagen.

Vielleicht ist das unsere Lektion Gutmütigkeit kommt uns in Deutschland teuer zu stehen. Man zahlt und merkt: Am Ende steht man mit leeren Händen und leerem Herzen da.

Ich weiß nicht, wies weitergeht Aber ehrlich? Manchmal habe ich das Gefühl, das alles ist eigentlich kein Wohnungsproblem, sondern das Ende einer Illusion. Der, dass Familie immer hält und sich das Gute irgendwann auszahlt.

Manchmal ist es eben nicht so.

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Homy
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