Mütterliches Mitgefühl – Die Kraft und Wärme deutscher Mutterliebe

Handy piepte der Wecker. Ich habe mich im Bett gestreckt.

Ach ja! Was für ein schöner Tag! Ich öffnete die Augen die neue Bettwäsche war ein Geschenk von meiner Tochter Annchen zum Geburtstag. Genau so eine schwarze hatte ich mir lange gewünscht. Danke, meine Tochter!

Draußen regnete es in Strömen. Na gut, Regen eben. Trotzdem ein guter Tag: Heute bis dreizehn Uhr Sprechstunde mit dem wunderbaren Dr. Alexander Seidel einem äußerst positiven Orthopäden. Er hält an mir als erfahrene Arzthelferin fest, weil die jungen Schwestern oft noch unbeholfen sind, beim Spritzen setzen und im Umgang mit Patienten. Danach Hausbesuche.

Ich arbeite in einer Gemeinschaftspraxis in Augsburg und nebenher im Sanitätsraum einer Grundschule. Oft mache ich auch noch private Besuche: Spritzen, Infusionen, kleine Behandlungen. Weil ich das schon viele Jahre mache, habe ich mittlerweile einen festen Kundenstamm. In unserem Stadtviertel bin ich bekannt und werde weiterempfohlen. So eine Nebenbeschäftigung ist für eine alleinstehende Frau wie mich Gold wert. Damit habe ich die Wohnung renoviert und kann Annchen, die ganz in der Nähe wohnt und von einer Elternzeit in die nächste schliddert, immer etwas helfen.

Die Beine gleiten in meine grauen Lieblingshausschuhe, dann lasse ich mich in meinen Sessel sinken. Eine Tasse Kaffee, ein bisschen Schminke, widerspenstiges Haar schnell mit etwas Spray fixieren, die Lieblingsjeans und der Gedanke, dass ich endlich abnehmen könnte… fliegt aus dem Kopf.

Mit dem Schirm und einem Lächeln laufe ich zur Arbeit. Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch.

Sie sind wie ein Sonnenstrahl, Frau Blume! Wenn Sie da sind, ist es gleich heller, und die Laune steigt. Da ist das Kranksein gar nicht mehr so schlimm. Sie müssen wirklich sehr glücklich sein, sagt eine Patientin.

Glücklich? Ich lache. Ja, vielleicht. Warum nicht?

Wer weiß schon, was Glück ist? Ich glaube daran, dass vor allem das Denken entscheidet, ob man glücklich oder unglücklich ist, und nicht die Umstände. Mein Leben war nicht immer leicht.

Als mein Sohn klein war, hatte er eine schwierige Geburt zu verkraften. Ich habe gelernt zu kämpfen und alles zu organisieren. Mein Mann hat mich in meiner Jugendzeit mehr überrascht: Er ging zu einer anderen. Drei Jahre lang lebten wir getrennt, und ich musste mit den beiden Kindern in einer fremden Stadt alleine klarkommen ich stamme eigentlich aus Dresden. Hier, in Augsburg, sind wir nach dem Studium hängen geblieben. Daheim, in Dresden, wohnen meine Mutter und mein Bruder. Die hatten auch ihre Sorgen Mutter hat den Bruder ständig vor seinem Trinken gerettet.

Aber ich bin nie zerbrochen, habe festgehalten und kam durch. Mein Mann bat ein Jahr lang um Verzeihung schließlich habe ich ihm verziehen. Die dunkle Erinnerung an diese Zeit habe ich verdrängt, indem ich an Gutes dachte.

Heute bin ich über fünfzig und seit vier Jahren Witwer. Mein Sohn arbeitet seit langem in Berlin, meine Tochter wohnt mit ihrer eigenen Familie gleich um die Ecke. Probleme haben wir genug, aber das ist halt das Leben. Ob man es happy oder traurig empfindet, entscheidet jeder selbst.

Guten Morgen, Herr Dr. Seidel!

Der Orthopäde betritt die Praxis, alles ist schon vorbereitet.

Na, heute ist das Wetter nur für Schnecken und Blumen gut, Frau Blume. Bei uns werden wohl wieder alle Patienten mit Rheuma auf der Matte stehen. Ob Regen wirklich zu Schüben führt, ist wissenschaftlich zwar nicht belegt, aber die Leute glauben fest daran.

Ich liebe meinen Beruf und denke kaum daran, wie nah die Rente rückt. Gelegentlich treffe ich mich mit meiner Freundin Brigitte; wir machen kurzweilige Treffen zuhause oder bummeln zusammen über den Stadtmarkt. Sie ist Grundschullehrerin, ebenso eingespannt und hilft oft bei ihren Enkelkindern unsere Treffen sind selten, aber immer herzlich.

***

Eines Tages gab es eine große Veränderung. Ich holte meine Mutter zu mir nach Augsburg. Mein Bruder war vor einigen Jahren gestorben, und Mama brauchte Unterstützung. Ihre Gesundheit ließ nach. Ich brachte sie mit viel Mühe im Zug aus Dresden zu mir.

Ach Anna, was sollen denn nun die Kinder ohne mich machen? Wer wird sich um sie kümmern? Die Armen, die Unglücklichen…

Ach Mama, die sind gesund und jung, die schaffen das! Denk lieber mal an dich. Bei mir wirst du dich erholen von allem.

Im Zugabteil schüttelte sie sorgenvoll den Kopf. Sie bemitleidete die Enkel ihres verstorbenen Sohnes, bedauerte ihren Sohn, alte Nachbarinnen, ihre geliebte Heimatstadt Dresden, einfach alles. Sie war es gewohnt, für andere zu sorgen auf sich selbst achtete sie kaum. Mama gehörte zu jener Generation, die nie gelernt hat, sich selbst zu pflegen. Sie braucht Sorge-Objekte. Ohne das fehlt ihr der Lebenssinn.

Ich habe mir extra frei genommen, also von gleich zwei Jobs, um sie zu holen. Jahrelang hatte Mama versucht, den Bruder vom Trinken abzuhalten, hat ihn nach jeder Krise aufgefangen bis sie selbst nicht mehr konnte. Er ist im Suff bei Angeln erfroren. Während sie ihn rettete, verlor sie ihre eigene Gesundheit. Und plötzlich kümmerte sie sich wie selbstverständlich um seine Söhne meine Neffen.

Stell dir vor, die Mutter von den Jungs ist den ganzen Tag beschäftigt, sie sind so hungrig. Mir macht das nichts. Ich koche morgens Suppe, mache Teig, dann gehe ich einkaufen. Wenn sie kommen, will Max immer Quark. Das freut mich.

Mama, ist dir das nicht zu viel? Sie essen doch fast jeden Tag bei dir!

Ach, aber es macht mir Freude…

Ich habe immer wieder versucht, ihr zu erklären, dass ihre Hilfe zur Last wird aber sie kann einfach nicht anders.

Du solltest sie zu dir holen!, sagte Brigitte jedes Mal, wenn ich von Mamas Lage erzählte.

Mama ist doch kein Koffer, den ich einfach umsiedeln kann… Sie will einfach nicht weg, Brigitte.

Jetzt ging es aber einfach gesundheitlich nicht mehr anders. Sie zog bei mir ein.

Anfangs war es für uns beide eine Umstellung. Sie musste sich an das neue Leben gewöhnen, und ich daran, mit der Mutter zusammen zu leben. Natürlich wurde sie gründlich durchgecheckt und bald besserte sich ihr Befinden.

Manchmal gab es Reibereien zwei Menschen, die gewohnt sind, selbst zu entscheiden! Es fühlte sich seltsam an, mit beinahe sechzig meine Mutter um Erlaubnis fragen zu müssen, wenn ich abends mit Brigitte ausgehen wollte.

Wohin willst du denn noch? Es ist doch schon dunkel! Bleib doch daheim.

Ich gehe trotzdem, Mama.

Sie schmollte, redete nicht mit mir.

Aber irgendwann fanden wir einen Rhythmus. Mama telefonierte oft mit Dresden, lange Gespräche mit Enkeln, Schwiegertochter, alten Freundinnen. Sie bat mich regelmäßig, den Enkeln Geld zu überweisen. Ich tat, wie sie es wollte.

Nach und nach merkte sie, dass ihre Enkel auch ohne sie zurechtkamen sie lebten mittlerweile recht unabhängig und riefen sie immer seltener an. Ich war jetzt für sie da. Sie lernte, auf mein Leben zu achten, meine Stimmungen zu bemerken, mein Äußeres, sogar meine Schritte richtig zu deuten.

Da wurde ihr klar, dass auch meine scheinbar so geordnete Welt ihre Sorgen hat. Und schon hatte sie ein neues Kümmer-Objekt nämlich mich.

Ich war erschöpft. Nach den langen Schultagen, den Hausbesuchen, Kinder abholen, Annchen helfen, war ich abends stumpf. Die Patienten wohnten nicht immer um die Ecke, und sie hatten vielfältige Charaktere, selbst wenn ich gut zurechtkam. Doch ich konnte es immer genießen, abends eine halbe Stunde einfach ruhig dazuliegen, ins Leere zu schauen, Kraft für die nächsten Aufgaben zu sammeln. Das habe ich an meinen ruhigen Abenden geliebt.

Am Anfang hatte Mama sofort Pläne parat, wenn ich nach Hause kam. Ganz nett gemeint, doch sie war einfach einsam und suchte Nähe.

Ich hab schon Kartoffeln geschält, schau, dass du sie kochst! Und da liegen Tabletten, lies mal die Packung … Max hat jetzt übrigens eine neue Freundin!

So bat ich sie schließlich, mir wenigstens eine halbe Stunde Pause zu lassen.

Bald legte ich mich und hörte, wie Mama aus dem Nebenzimmer zu Annchen murmelte: Sie ist schon wieder so ausgebrannt… ach, wenn wir nur einen Lottogewinn hätten… dann müsste sie nicht mehr so schuften… Wie lange sie wohl noch so durchhält…

Unter diesen Klageliedern legte sich eine Schwere auf mich. Ich bemitleidete mich plötzlich selbst. Sicher, ich war nicht mehr so jung… Die Bezahlung reicht auch nicht immer, manche Patienten zahlen schlecht… Ich tat alles für sie, und jeweils war die Dankbarkeit gering.

Mutters Mitleid ging mir unter die Haut.

Immer öfter war in ihrer Stimme dieser besorgte Ton.

Anna, bleib heute liegen! Endlich mal Sonntag!

Ich hab schon ausgeschlafen, Mama.

Ach, ruh dich aus, du bist die Woche genug gerannt. Willst du Frühstück? Soll ich dir was bringen?

Ich holte mir den Kaffee und landete zurück im Bett. Sie hatte recht ich hatte wirklich die ganze Woche geschuftet. Rief Annchen an und sagte ab. Ich bleib heute im Bett, genieße mal den Tag.

Und bei den Fenstern war es ähnlich. Mama stand hinter mir Warum willst du jetzt putzen? Warte, das läuft dir nicht weg! Und tatsächlich, die Fenster blieben dreckig. Sie laufen nicht weg.

Mama, ich nehme die Enkel am Wochenende, Annchen und ihr Mann sind auf einer Hochzeit.

Ach, Kind… wieder keine Pause für dich. Ich bin keine große Hilfe. Was für ein Leben du hast!

Ach Mama, es geht doch.

Geht? Stress pur ist das! Ruh dich lieber aus.

Nach und nach übernahm ich Mamas Sicht. Sie überzeugte mich, dass ich mich schonen sollte und müde war. Ich begann, Vieles schleifen zu lassen. Mir war es egal, ob die Wohnung nicht perfekt war oder das Essen nicht so besonders. Ich hatte immer weniger Motivation.

Schließlich kündigte ich sogar meinen Job in der Schule.

Bei meiner älteren Patientin Frau Breuer lag ich einmal selbst ganz schlapp auf der Couch.

Ach, Frau Blume, ich bin so erschöpft von all den Infusionen.

Meinen Sie, ich hab noch Kraft, ständig zu Ihnen in den vierten Stock zu keuchen? Niemand schätzt das ich bin auch keine Maschine, platzte ich heraus.

Sie sah mich erstaunt an. So kannte sie mich nicht.

Wie geht es Ihnen eigentlich selbst, liebe Anna?

Geht schon… in meinem Alter kann man ja eh nicht mehr voll fit sein.

Tja wenn Sie sich nicht selbst bemitleiden, macht es keiner!

Dieser Satz traf mich. Mit der Zeit ließ ich auch meine Privatkunden sausen.

Frau Blume? Sie haben doch unsere Mutter betreut. Könnten Sie nochmals kommen?

Ich mache das nicht mehr, sagte ich knapp immer der Versuchung ausweichend, doch wieder zuzusagen.

Sie haben recht, man kann nicht alles machen, kommentierte meine Mutter. Und ich fand immer neue kleine Wehwehchen.

Brigitte rief immer seltener an: Anna, kommst du zum Café?
Hab keine Lust, mein Magen spinnt auch, Brigitte.

Geld für den Friseur gab ich nicht mehr aus. Freizeit verbrachte ich im Bett und surfte durchs Netz, anstatt mein Leben zu zeigen, wie ich es früher tat.

Meine Mutter schützte meinen Schlaf zufrieden, Schlaf ruhig, Anna. Ich mache Pancakes.

Eines Morgens der Wecker. Ich strecke mich: Oh je, ein schwerer Tag! Die Bettwäsche immer noch die schwarze, schon lange nicht mehr gewechselt. Es regnet schon wieder!

Mama klagt aus dem Nebenzimmer: Hab gar nicht geschlafen, der Regen hat so getrommelt! Und du musst zur Arbeit armes Kind, wie sollst du da raus?

Die Sprechstunden sind mühsam, die neue HNO-Ärztin ist eine arrogante Person. Nie wünschte ich mir so sehr die Rente

So langsam verwandelte ich mich in das Bild einer leidenden Frau, das meine Mutter mir zugesprochen hatte: arm dran, überfordert, zu bedauern.

Mutters Sorge war ehrlich gemeint sie wollte, dass ich in Ruhe und Geborgenheit lebe, neben ihr. Ihr Fürsorge-Modus sprang an. Doch mich überkam eine wachsende Traurigkeit, es kam eine richtige Depression. Ich fühlte mich gefangen, unzufrieden, genervt von kleinen Dingen. Mama zog sich abends ins Zimmer zurück und das machte mich nur noch wütender.

Annchen spürte es zuerst: Mama, was ist los? Sogar meine Leni meinte, Oma ist nicht mehr lustig. Seit Oma da ist, hast du dich verändert. Stimmt das?

Ich begann nachzudenken und bekam fast Angst, als ich feststellte, dass Annchen recht hatte.

Meine Mutter hatte Zeit ihres Lebens meinen Bruder bemitleidet, ihn gerettet. Doch am Ende lag er bei ihr auf dem Sofa, sie bemitleidete ihn, er fand Ausreden, warum das Leben und die Menschen böse seien und kam nie richtig auf die Beine.

Kann es sein, dass diese Mutterliebe ihn ruiniert hat?
Wir blühen auf bei Menschen, die uns im besten Licht sehen. Wenn man uns nur bemitleidet, übernehmen wir das Bild und fangen an, uns ebenfalls zu bedauern.

Ich verstand, dass ich meine eigene Energie abgewürgt hatte, um dem Bild zu entsprechen, das meine Mutter brauchte: die bedauernswerte, ständig müde Tochter. Dieses Bild ist so leicht zu leben man kann einfach abwarten, dass andere Mitleid zeigen.

Mein Kopf wurde ganz heiß…

Glücklich macht einen nur das eigene Denken, nicht die Umstände. Hatte ich das nicht immer selbst geglaubt?

Am nächsten Tag, nach einem ernsten Gespräch mit Annchen, hörte ich die Kolleginnen im Gang tuscheln.

Früher war Anna so ein fröhlicher Mensch jetzt ist sie nur noch bedrückt. Ist sie vielleicht ernsthaft krank?

Ja, vielleicht ist es eine Krankheit… Selbstmitleid!

Dann, während einer Sprechstunde beim Proktologen, kam ein junger Patient, sichtlich nervös. Ich fand schnell den Draht zu ihm, wir lachten schließlich alle, als er sich nicht vorstellen konnte, dass ein Zäpfchen im Körper einfach verschwindet. Nach dem heiteren Moment fühlte ich plötzlich wieder Lebensfreude.

Nein ich darf nicht in Selbstmitleid versinken!

Ich rief einen Termin bei meinem Friseur aus, kontaktierte meine Patienten, schrieb Annchen: Ich mache wieder Hausbesuche! Und mir fehlten diese Menschen tatsächlich!

Brigitte, Treffen? Ich habe genug vom Zuhausebleiben!

Was? Das gibts ja nicht! Willkommen zurück!

Mama war beleidigt. Warum machst du das nur? Ist das nötig?

Es geht nicht um das Geld. Ich brauche das Leben.

Wenn du dich nicht selbst bemitleidest, tut es keiner für dich

Mama, das reicht. Freu dich für mich! Ich bin glücklich. Und ich wünsche dir, dass du auch solche Gedanken hast. Denn Gedanken haben Kraft und deine, Mama, ganz besonders!

Sie winkte ab und grummelte irgendetwas von überarbeitet und Alter. Sie konnte es nicht verstehen und vielleicht muss sie das auch nicht.

Für meine Mutter ist ihre Fürsorge die letzte Aufgabe im Leben. Vielleicht kann ich ihr helfen, darin einen neuen Sinn zu finden, ohne selbst darin unterzugehen.

Der Wecker klingelte. Ich strecke mich und dieser Tag ist schön. Neue Leoparden-Pyjama, Annchen hat sie mir geschenkt. Danke, Kind!

Ohhh… die ganze Nacht nicht geschlafen, Regen, furchtbar…, höre ich aus dem Nebenzimmer.

Regen eben. Ich schlüpfe in meine geliebten grauen Hausschuhe, setze mich in meinen Sessel. Kaffee, Schminke, ein Sprühstoß ins Haar, knallenge Jeans. Und den Gedanken ans Abnehmen heute nicht.

Mit Schirm und Lächeln gehe ich los.

Es wird ein schöner Tag.

Der Tag einer glücklichen Frau.

***

Manchmal ist Mitleid ein sanfter Tod für die Lebensfreude. Mein Glück ist eine Frage meines Denkens und niemand sonst kann das für mich tun.

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Homy
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Mütterliches Mitgefühl – Die Kraft und Wärme deutscher Mutterliebe
Ich bin aufgewachsen mit dem Versuch, meine Mutter niemals zu enttäuschen – und dabei habe ich unbemerkt meine Ehe verloren. Meine Mutter wusste immer, was richtig ist. Zumindest schien es so. Schon als Kind habe ich gelernt, ihre Stimmung an ihrer Stimme, an der Art, wie sie die Tür schloss, an ihrem Schweigen zu erkennen. Wenn sie zufrieden war, war alles gut. Wenn nicht… hatte ich etwas falsch gemacht. „Ich will doch gar nicht viel“, sagte sie. „Nur, dass du mich nicht enttäuschst.“ Dieses „nur“ wog schwerer als jedes Verbot. Als ich erwachsen wurde und heiratete, dachte ich, endlich gehöre mein Leben mir selbst. Mein Mann war ein ruhiger, geduldiger Mensch. Er mochte keinen Streit. Am Anfang mochte ihn meine Mutter. Doch dann hatte sie zu allem eine Meinung. „Warum kommst du so spät nach Hause?“ „Findest du nicht, dass du zu viel arbeitest?“ „Er hilft dir nicht genug.“ Anfangs lachte ich. Ich sagte meinem Mann, dass sie sich einfach Sorgen mache. Dann fing ich an, ihr alles zu erklären. Später begann ich, mich nach ihr zu richten. Ohne es zu merken, begann ich, mit zwei Stimmen zu leben. Die eine war die meines Mannes – leise, vernünftig, suchend nach Nähe. Die andere – die meiner Mutter, immer sicher, immer fordernd. Wenn er irgendwohin mit mir allein fahren wollte, wurde meine Mutter krank. Wenn wir Pläne hatten, brauchte sie mich. Wenn er mir sagte, dass er mich vermisste, antwortete ich: „Bitte versteh mich, ich kann sie nicht allein lassen.“ Und er verstand. Lange Zeit. Bis er eines Abends etwas sagte, das mich mehr erschreckte als jeder Streit. „Ich habe das Gefühl, ich bin der Dritte in unserer Ehe.“ Ich reagierte schroff. Ich verteidigte sie. Ich verteidigte mich. Ich sagte, er übertreibe. Dass es nicht fair sei, mich entscheiden zu lassen. Aber die Wahrheit war: Ich hatte längst gewählt, nur hatte ich es mir nie eingestanden. Wir begannen zu schweigen. Drehten uns beim Einschlafen die Rücken zu. Unterhielten uns über Alltägliches, aber nicht über uns. Und wenn wir stritten, wusste meine Mutter immer Bescheid. „Ich hab‘s dir gesagt“, wiederholte sie. „Männer sind eben so.“ Und ich glaubte ihr. Aus Gewohnheit. Bis ich eines Tages nach Hause kam und er war weg. Er war nicht laut gegangen. Er hatte die Schlüssel und einen Zettel dagelassen: „Ich liebe dich, aber ich weiß nicht, wie ich mit deiner Mutter zwischen uns leben soll.“ Ich setzte mich aufs Bett und wusste zum ersten Mal nicht, wen ich anrufen sollte. Meine Mutter oder ihn. Ich rief meine Mutter an. „Na, was hast du erwartet?“, sagte sie. „Ich hab‘s dir gesagt…“ Da zerbrach etwas in mir. Ich verstand, dass ich mein Leben lang Angst hatte, einen Menschen zu enttäuschen… und dabei den anderen verloren habe, der einfach nur wollte, dass ich bei ihm bin. Ich gebe meiner Mutter nicht die ganze Schuld. Sie hat mich geliebt, so gut sie konnte. Aber ich war es, die keine Grenze gesetzt hat. Ich war es, die Pflicht mit Liebe verwechselt hat. Jetzt lerne ich etwas, das ich viel früher hätte wissen müssen: Ein Kind zu sein, heißt nicht, für immer klein zu bleiben. Und eine Ehe überlebt nicht, wenn darin eine dritte Stimme spricht. Hast du auch schon einmal erlebt, dass du dich entscheiden musstest zwischen dem Wunsch, deine Eltern nicht zu enttäuschen und dem, deine eigene Familie zu retten?