Der Preis der Überheblichkeit

Der Preis der Arroganz

Klara, kannst du mir ein paar Sachen leihen? bat Anna flehend, als sie die gemütliche Wohnung ihrer Schwester betrat.

Ihr Blick verweilte unweigerlich auf dem großzügigen Flur mit den Designermöbeln, den eleganten Spiegelrahmen, dem aufgeräumten Hocker neben der Tür alles sah aus wie aus einem Wohnmagazin. In ihr regte sich das altbekannte, aber deswegen nicht weniger schmerzhafte Gefühl des Neids: Bei ihrer Schwester war einfach immer alles perfekt.

Klara erschien in der Tür zum Wohnzimmer und betrachtete Anna mit prüfendem Blick. Selbst in ihrem schlichten Hausanzug aus weichem Kaschmir wirkte sie so unaufdringlich stilvoll, wie Anna es seit Jahren vergeblich versuchte.

Na, was verbirgst du? fragte Klara gelassen und lehnte sich gegen den Türrahmen.

Anna zupfte an ihrem Mantelärmel schon etwas älter, aber noch ordentlich. Sie vermied es, das große Gemälde gegenüber, die tadellose Ordnung oder das wunderbare Aroma von frisch gebrühtem Kaffee allzu genau zu betrachten, das die Wohnung erfüllte.

Ach, es ist gar nicht so wichtig murmelte sie und versuchte, sich zu sammeln.

Doch Klara ließ nicht locker, und Anna wurde klar, dass sie um eine Antwort nicht herumkam. Sie seufzte tief und platzte heraus:

Am Samstag ist Klassentreffen. Ich muss da unbedingt hin! Und ich muss perfekt aussehen, verstehst du? Ich will, dass alle denken, mein Leben wäre ein einziges Märchen!

Und warum? erkundigte sich Klara und drehte sich um. Weshalb willst du Leuten etwas beweisen, mit denen du nichts mehr zu tun hast und die du vermutlich nie wiedersiehst? Du wohnst ja nicht mal mehr in der gleichen Stadt, sondern ganz woanders!

Anna fuhr sich fahrig durch die Haare. Plötzlich wünschte sie sich mit aller Macht, sie hätte so eine Küche wie Klara mit Bartresen, Einbaugeräten und diesen schicken Pendelleuchten. Dass ihr Morgen genauso ruhig und stilvoll begann, mit einer Tasse Kaffee inmitten des schönen Interieurs statt mit Hektik und Stress.

Du verstehst das nicht! entfuhr es ihr. Es ist einfach wichtig für mich. Ich will, dass sie sehen, dass ich es geschafft habe, dass ich mein Ziel erreicht habe. Keiner soll denken, ich hätte es zu nichts gebracht.

Sie verstummte, ertappte sich selbst dabei, Klara mit unverhohlenem Neid anzusehen. Doch Klara schien das gar nicht zu bemerken oder maß dem keine Bedeutung bei.

Willst du dich wirklich als jemand ausgeben, der du nicht bist? fragte Klara sanft und setzte sich auf einen Stuhl. Meinst du, das beeindruckt überhaupt jemanden?

Darum geht es nicht, schüttelte Anna den Kopf. Ich will einfach, dass die ehemaligen Mitschüler glauben, all meine Träume sind wahr geworden!

Na gut, seufzte Klara schließlich. Komm, wir schauen, was ich so habe. Aber versprich mir: Das ist das erste und letzte Mal, dass du anderen was vormachst! Ehrlich gesagt ist das ziemlich unfair.

Du verstehst mich einfach nicht!

Und Anna begann ihre Geschichte zu erzählen …

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In der Schulzeit war Anna der Star der Klasse das gaben alle zu. Die Jungen drängten sich um sie und hofften, wenigstens kurz ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Lehrerinnen und Lehrer wurden nachsichtiger, wenn sie ihr verträumtes Gesicht und diesen leicht melancholischen Blick sahen, der auf Erwachsene beinahe eine hypnotische Wirkung hatte. Zu Hause bekam Anna fast immer, was sie wollte ein leicht angehobener Augenbraue oder ein leises Seufzen genügten, und schon hielt sie den gewünschten Gegenstand in der Hand.

An diesen Luxus hatte sie sich gewöhnt. Wollte sie die neuesten Turnschuhe, die es gerade in der Stadt gab, brachte ihre Mutter sie am nächsten Tag in einer schicken Box mit. Gab es einen attraktiven Neuen in der Klasse, eskortierte dieser sie spätestens nach einer Woche nach Hause. Es wurde quasi ein Spiel zu testen, wie weit sie gehen, wie viele Wünsche sie erfüllt bekommen, wie viele Grenzen sie überschreiten konnte.

Weil ich es kann, wiederholte sie mantraartig für sich dieser Satz wurde ihr Motto, eine bequeme Entschuldigung für alles. Wenn eine Freundin plötzlich mit einem Jungen befreundet war, der Anna ebenfalls gefiel, zögerte sie nicht, ihn für sich zu gewinnen und meistens gelang es ihr auch. Oft ging es ihr gar nicht um echte Gefühle, sondern nur um den Nervenkitzel: Würde er sich wirklich ihr zuwenden? Und meistens war die Antwort ja.

Nach und nach zogen sich ihre alten Freundinnen zurück. Erst lud sie die eine nicht mehr zu Spaziergängen ein, dann fand die nächste neue Bekannte. Anna störte es nicht besonders es gab immer Mädchen, die ihre Bestätigung suchten und zu ihrem Kreis der Auserwählten gehören wollten. Für Anna war das selbstverständlich: Wer ihre Spielregeln nicht akzeptierte, war eben nicht würdig.

Am Abiturball fühlte sie sich tatsächlich wie eine Königin. Der festlich geschmückte Saal, die Luftschlangen und Ballons bildeten ihr kleines Reich. Die Mitschülerinnen und Mitschüler versammelten sich wie ihre Höflinge um sie, an jeder noch so kleinen Bewegung von Anna schienen alle zu hängen. Im Mittelpunkt zu stehen, war ihre eigentliche Heimat.

Auf diesem Rausch der Bewunderung, dem Gefühl, die Kontrolle in ihrer kleinen Welt zu haben, überschritt sie an jenem Abend die Grenze. Als das Gespräch auf Schulzeit und alte Streitereien kam, sprudelten plötzlich böse Worte aus ihr heraus: über frühere Konflikte, verstreute sie giftige Bemerkungen über das Aussehen der Mädchen. Die Worte kamen ganz von selbst, in ihren Augen flackerte der Reiz: Mal sehen, wie sie reagieren, wie sie sich verteidigen.

Mein Leben wird einfach großartig sein! proklamierte Anna voller Hochmut und strich sich stolz ihr Haar zurück, zog die Blicke ihrer Mitschülerinnen auf sich. Ihre Stimme klang laut und selbstsicher, als hätte sie das gelobte Leben schon in der Tasche.

Sie machte eine Pause, kostete den Moment aus, dann legte sie nach:

Ich sehe es schon vor mir: ein wohlhabender Ehemann, der mir jeden Wunsch erfüllt, eine Villa mit Gärtner Vielleicht sogar mein eigenes Geschäft. Obwohl arbeiten werde ich nie, wozu auch? Das Geld kommt von selbst zu mir, versteht ihr? Luxus, Aufmerksamkeit, das alles wird mir gehören.

Der Reiz stand ihr ins Gesicht geschrieben, ein überheblicher Zug um ihre Lippen. Es war, als erlebe sie es schon funkelnde Kronleuchter, teure Autos, Abende in den besten Restaurants der Stadt.

Euch aber erwartet ein ganz anderes Schicksal! wechselte sie abrupt den Ton und richtete sich an eine der Mitschülerinnen eine bescheidene Musterschülerin, die immer in der ersten Reihe saß und fleißig mitschreibt.

Die zuckte leicht zusammen unter Annas prüfendem Blick, aber sie konnte nicht mehr aufhören:

Du wirst Lehrerin an irgendeiner Dorfschule, oder hilfst im Supermarkt aus. Warum? Weil du eine graue Maus bist! Sieh dich doch an! schloss sie höhnisch ab. Und dein Mann, ein einfacher Arbeiter, wird spät nach Hause kommen, trinken und dich vielleicht sogar schlagen.

Die Worte, als hätte Anna sie lang vorbereitet, kamen wie aus der Hüfte. Aus ihrem Tonfall sprach nicht nur Spott, sondern ein echter Hochmut, das Bewusstsein von Einzigartigkeit.

Ohne eine Reaktion abzuwarten, wandte sie sich der nächsten Mitschülerin zu:

Und du? Du wirst in irgendeinem Büro hocken, jeden Cent umdrehen und von Kleidern träumen, die du dir nie leisten kannst!

So setzte sie es fort, verteilte Prophezeiungen” eine finsterer als die andere. Für irgendeine sagte sie das Leben in einer WG voraus, für andere nur Alltagsstress und Hoffnungslosigkeit in Sachen Karriere. Ihre bissigen Kommentare zu Aussehen, Auftreten und Fähigkeiten fehlten nie.

Die Mädchen schauten zu Boden, einige versuchten verlegen zu lächeln, als ob alles nur ein Scherz sei. Doch die Atmosphäre war angespannt Annas Worte trafen, ungeachtet der scheinbaren Lockerheit.

Anna lachte über die betretenen Gesichter, genoss die Wirkung. Ihr Lachen schallte durch den Saal, die Jungs, die draußen auf ihre Königin warteten, lachten aus Solidarität mit.

Sie wertete diese Zustimmung als Bestätigung. Sie fühlte sich mächtig als stünde ihr wirklich zu, über Schicksale zu bestimmen.

Für ihr Studium wählte Anna eine deutsche Großstadt nicht wegen ihrer Fachrichtung, sondern weil ihr das klug erschien: der Status, die Chancen. Hier, so glaubte sie, würde sie einen angemessenen Partner finden Söhne aus wohlhabenden Familien, junge Unternehmer, ehrgeizige Karrieristen. Außerdem hatte sie von der verstorbenen Großmutter eine kleine Eigentumswohnung geerbt ein klares Plus, nicht im Wohnheim leben zu müssen.

Die ersten Wochen erfüllten ihre Erwartungen: Anna richtete ihr neues Zuhause nach eigenem Geschmack ein, lernte viele Leute kennen, besuchte Partys. Noch immer stand sie im Mittelpunkt ihr Lächeln, gepflegtes Äußeres und ihre Souveränität öffneten ihr viele Türen. Komplimente beflügelten sie, und sie war sich sicher: bald würde jemand kommen, der sie auf Händen trägt.

Doch dann begann der Studienalltag, und die Wirklichkeit sah anders aus als erwartet. Die Inhalte waren anspruchsvoll, die Seminare forderten Vorbereitung, die Prüfungen Disziplin. Anna war es nicht gewohnt, sich anzustrengen, und kam schnell an ihre Grenzen. Sie schwänzte Vorlesungen, schob Aufgaben vor sich her, in der Hoffnung, dass ihr Charme und Grundlagenwissen reichten.

Doch bei der ersten Prüfungsphase wurde ihr das zum Verhängnis: Sie fiel durch fast alle Fächer. Die Dozenten, anfangs noch nachsichtig, machten ihr unmissverständlich klar: Entweder Sie reißen sich zusammen oder Sie sind raus. Zum ersten Mal begann ihr Selbstvertrauen zu bröckeln.

Nach und nach wurde ihr klar das Leben war kein Wunschkonzert mehr. Um sie herum gab es so viele hübsche, kluge, zielstrebige junge Frauen; Annas einstige Strahlkraft verblasste. Viele schafften es, Studium, Nebenjob und Pläne fürs Leben unter einen Hut zu bringen. Sie hing dagegen an den alten Vorstellungen von sich selbst.

Das schockierte sie aber nicht so, dass es sie wachrüttelte. Statt sich zu bemühen, beschloss sie, möglichst rasch einen Mann zu finden bevor die Jugend vergeht, rechnete Anna sich insgeheim aus, wie viele Jahre als Anna noch blieben.

Sie nahm immer mehr Einladungen zu Dates an, traf sich auch mit älteren Männern, präsentierte sich von ihrer besten Seite. Immer häufiger sprach sie über ihre Vorstellungen von Familie und einem verlässlichen Partner. Je mehr sie jedoch auf die Tube drückte, umso spürbarer wurde ihre innere Unruhe und das schreckte die ab, die sie eigentlich hätte gewinnen können.

Ein Mann, Valentin, ließ sie besonders aufhorchen auch er war offenbar nicht abgeneigt an einer richtigen Beziehung.

Das Schicksal aber hatte anderes vor.

Valentin war für sie zumindest in Annas Augen ein idealer Kandidat. Sein Vater betrieb in München eine renommierte Anwaltskanzlei, die Familie lebte in einer Villa in Schwabing, war bestens vernetzt. Valentin war Einzelkind, hatte im Ausland studiert, stand inzwischen im Familienunternehmen und wirkte, als hätte er alles im Griff.

Attraktiv war er nicht unbedingt: nicht besonders groß, rundliches Gesicht, eine leicht gebeugte Haltung. Doch Anna sah großzügig darüber hinweg. Was bringt mir ein Schönling, der nichts vorzuweisen hat?, redete sie sich ein. An Valentins Seite würde sie alles bekommen: Haus, Status, finanzielle Unabhängigkeit. Sie malte sich schon aus, Gastgeberin in Schwabing zu sein, auf Galas zu erscheinen, durch die Welt zu reisen.

Sie hatte einen Plan: Erst einmal zufällig auf Valentins Radar erscheinen. Sie fand heraus, in welchen Cafés oder Fitnessstudios er nach Feierabend war, und war zufällig auch dort. Dann: ihre besten Seiten zeigen Charme, Humor, Gesprächigkeit. Sie achtete auf jedes Detail, wählte Garderobe und Formulierungen mit größter Sorgfalt.

Nach und nach nahmen die Treffen zwischen ihnen zu, sie gingen spazieren, essen, verstanden sich gut. Anna spürte, dass er interessiert war. Allmählich lenkte sie die Gespräche auf feste Beziehungen Familie, gemeinsame Zukunft.

Was sie jedoch nicht ahnte: Für Valentins Familie zählten Herkunft und Biografie über alles. Seine Eltern hatten eine ganz andere Schwiegertochter im Sinn eine aus ihrem Stand, mit den richtigen Kontakten.

Als Valentin schließlich Anna in einem Gespräch mit seiner Mutter erwähnte, zog diese lediglich die Augenbrauen hoch:

Und wer ist diese Anna? Was macht ihre Familie?

Valentin zuckte mit den Schultern:

Sie studiert. Ihre Eltern sind ganz normale Leute aus einer Kleinstadt.

Normale Leute? die Mutter verzog das Gesicht. Unsere Familie steht für Ansehen, Traditionen, Kontakte. Willst du, dass man über uns sagt: Der Sohn des Anwalts heiratete ein Mädchen ohne Herkunft??

Valentin hielt vorsichtig dagegen:

Aber sie ist klug, interessant

Klug gibts viele, unterbrach seine Mutter. Wir brauchen jemanden, der passt! Mach dir keinen Ärger.

Anna träumte unterdessen weiter. Im Kopf stellte sie sich schon das erste Zusammentreffen der Familien vor, das Aussuchen der Wohnung Dann eines Tages rief Valentin an und bat um ein offenes Gespräch.

Im Café wirkte er angespannt. Nach einigem Zögern erklärte er schließlich:

Meine Eltern sie sind gegen eine Beziehung mit dir. Sie sagen, wir leben in anderen Welten.

Anna zwang sich zu einem Lächeln, obwohl alles in ihr schmerzte:

Ist das denn relevant? Wir sind doch erwachsen.

Für sie ist es relevant, seufzte Valentin. Sie haben schon eine richtige Kandidatin für mich ins Auge gefasst. Ich will keinen Familienstreit. Es tut mir leid.

Anna blieb noch lange mit ihrer leeren Tasse sitzen. Sie weinte nicht, sie fühlte nur dumpfen Ärger.

Warum? dachte sie. Ich hab doch alles richtig gemacht! Warum hängt er so an Mutters Meinung? Schade, dass ich nicht schnell schwanger geworden bin dann hätte er nicht abhauen können!

Doch es wurde noch schlimmer: Nach ein paar Wochen erfuhr sie, dass bereits böse Gerüchte kursierten. Es hieß, Anna würde gezielt reiche Männer jagen, Valentin nur wegen seines Geldes ausnutzen. In diesen Kreisen verbreiteten sich solche Geschichten innerhalb kürzester Zeit.

Wenn Anna abends auf Feiern oder im Lieblingscafé auftauchte, hagelte es verstohlene Blicke, leises Tuscheln, künstlich höfliche Floskeln. Einige Herren, die vorher noch Interesse gezeigt hatten, hielten sich auf Abstand. Einer von ihnen würdigte sie in einem Restaurant nicht mal mehr eines Gesprächs, sondern nickte nur stumm.

Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Doch sie spürte, wie ihre Reputation immer mehr Schaden nahm ein vorteilhaftes Heiraten war jetzt wohl ausgeschlossen.

Heimkehren wollte sie nicht das käme einer Bankrotterklärung gleich. Sie hatte den Eltern so viel vorgemacht: das tolle Leben in München, die erfolgreiche Uni, der wundervolle, vermögende Freund. Am Telefon erzählte sie von grandiosen Projekten, Komplimenten der Chefs, und wie ihr Verlobter sie verwöhne.

Die Eltern hörten es stolz, erzählten selbst im Bekanntenkreis von Annas Erfolgen. Anna stellte sich ihre strahlenden Gesichter dabei vor, und konnte das Lügen nicht lassen. Sie wollte ihren Eltern nicht in die enttäuschten Augen sehen, hatte keine Antworten auf die stillen Fragen.

Nur Klara kannte die Wahrheit. Sie war zufällig vorbeigekommen und erfuhr alles.

Komm einfach zurück nach Hause, das wird hier nichts mehr, erklärte Klara ruhig. Gestehs den Eltern und fang neu an.

Anna richtete sich auf, trocknete ihre Tränen und sagte fest:

Die Wahrheit gestehen? Niemals! Ich schaffe das schon noch. Irgendwann klappts, ich geb nicht auf.

Damals glaubte sie es wirklich. Sie ging weiter auf Dates, lernte bei jeder Gelegenheit neue Leute kennen, versuchte auf Biegen und Brechen, wieder in die oberen Kreise zu kommen. Doch die Zeit verging, und der reiche Traummann kam und kam nicht. Die, die sie sich mühsam angelacht hatte, stiegen schnell aus, sobald sie Annas unrealistische Ansprüche bemerkten.

Währenddessen schrumpfte das Erbe der Oma das verbleibende Geld. Erst sparte Anna ambitioniert, dann strich sie weitere kleine Annehmlichkeiten: kein Café-Besuch mehr, keine neuen Klamotten, kein Fitnessstudio. Doch Miete, Strom und Lebensmittel wollten trotzdem bezahlt sein.

Eines Morgens, nach dem Blick auf ihren viel zu leeren Geldbeutel, wurde ihr klar: Ohne Job gings nicht mehr. Sie suchte, hoffte, etwas ihrer Würde Entsprechendes zu finden. Doch ohne Abschluss und relevante Berufserfahrung wurde sie stets höflich abgelehnt.

So landete die frühere Königin der Schule als Kassiererin bei Edeka. Das erste halbe Jahr war besonders schwer. Hinter der Kasse fühlte sie sich entblößt, hörte, wie manche Kunden raunten, wie gut sie doch für diesen Job aussah. Sie lächelte tapfer, scannte Ware, verabschiedete sich höflich und wiederholte innerlich: Das ist nur vorübergehend.

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Und gestern habe ich die Einladung zum Klassentreffen bekommen! beendete Anna ihre Geschichte mit finsterer Miene. Ich kann da doch unmöglich fehlen! Sonst denken alle gleich, dass es mir schlecht geht und ich mich schäme!

Klara legte den Löffel ab. Ihr Blick blieb ruhig, nachdenklich.

Und hast du daran gedacht, dass vielleicht längst alle Bescheid wissen und dich vielleicht nur einladen, um sich über dich lustig zu machen? So als kleine Retourkutsche? Glaubst du, alle haben deine Sprüche von damals vergessen?

Annas Kopf schoss nach oben, die Wangen glühten.

Ach was! fauchte sie, wehrte ab wie eine lästige Fliege. Ich kann das bestens verbergen. Niemand weiß es sicher. Ich muss einfach nur perfekt erscheinen, dann bin ich wieder die Hauptperson!

Klara lehnte sich zurück, tappte sinnend auf die Tischkante. Weshalb sollte man ausgerechnet jene einladen, die zu Schulzeiten so genussvoll alle andere herabgesetzt hatte? Als hätte es die verletzenden Prophezeiungen und die Überheblichkeit nie gegeben? Eher unwahrscheinlich, dass viele tatsächlich Lust hatten auf ein Wiedersehen.

Laut sprach sie es aber nicht aus. Klara hatte gelernt, Anna ihre eigenen Fehler machen zu lassen.

Also gut, nickte sie. Falls du hingehen willst, geh halt. Aber überleg dir gut, ob du darauf vorbereitet bist, was da passieren könnte.

Was soll schon passieren? runzelte Anna die Stirn. Es wird alles bestens. Ich bereite mich vor, suche das perfekte Kleid, mache die Frisur Niemand wird meine Lage merken.

Okay. Wenn du Hilfe bei Outfit oder Styling brauchst sag Bescheid. Ich helf dir.

Anna schien sich sofort zu entspannen, als hätte sie darauf gewartet.

Danke, hauchte sie. Deine Meinung ist mir echt wichtig. Ich muss einwandfrei aussehen. Damit nur ja keiner merkt, was los ist.

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Anna stürmte aus dem Restaurant, Tränen liefen über ihr Gesicht. Die kalte Abendluft traf sie hart, doch sie bemerkte es kaum die Beine führten sie einfach nur weg, immer weiter. Klara hatte so recht!, hämmerte es im Kopf. Ich hätte nie herkommen dürfen!

Doch alles hatte zunächst traumhaft begonnen. Als sie den Saal betrat, wandten sich sofort alle zu ihr. Anna hatte alles einstudiert: der lässige Schritt, das freundliche Lächeln, der flüchtige Blick auf die Uhr sie wollte wie jemand wirken, der einen vollen Kalender, aber für alte Freunde noch Zeit hat.

Sie schloss sich rasch einer Gruppe an, die sie nicht gut aus der Schule kannte. Und dann legte sie los: Der Ehemann, Manager bei Siemens, gerade auf Geschäftsreise in Shanghai; das große Haus mit Rosengarten; vier Urlaube im Jahr am Mittelmeer. Anna lügte sich geradezu in einen Rausch und bemerkte nicht, wie ihre Gesprächspartner tuschelten, wie die Blicke spöttisch wurden, wie ein süffisanter Zug über das Gesicht der einstigen Mitschülerinnen huschte.

Anna fühlte sich wie die Königin des Abends bis es passierte:

Sagt mal, ich habe Anna neulich getroffen der ehemalige Mitschüler, an den sie kaum Erinnerungen hatte, sprach ungewohnt laut.

Alle drehten sich um. Anna zwang ihr Lächeln auf, doch die Lippen gehorchten ihr nicht.

Ja, ja, mischte sich eine Mitschülerin ein und holte das Handy heraus. Ich hab sogar Fotos. Bin ihr letzten Monat begegnet.

Und dann begann es. Auf großer Leinwand irgendjemand hatte geistesgegenwärtig das Handy verbunden liefen die Fotos ab.

Da stand Anna an der Kasse bei Edeka, ein gequältes Lächeln für einen unfreundlichen Kunden, in der Einheitskleidung, mit Namensschild. Da kramte sie nach güstigen Angeboten, wog den Einkauf ab, was sie sich wohl gerade noch leisten konnte. Da stieg sie in den Bus, eine Einkaufstasche im Arm. Und ganz besonders peinlich: Wie sie mit schweren Tüten in den Hauseingang ihres eher schäbigen Blocks verschwand.

Jemand lachte leise. Dann ein zweiter lauter und noch lauter. Das ist also ihre Villa?, war aus einer Ecke zu hören. Und der Ehemann etwa auch bei Edeka?, eine andere Stimme.

Anna stand wie vom Blitz getroffen, die Wangen glühten, die Knie wurden weich. Im Grunde war nichts davon ungewöhnlich viele leben so. Doch noch wenige Minuten zuvor hatte sie mit ihrer tollen Story geprahlt. Und jetzt hielt die Wirklichkeit allen die Wahrheit vor, so schonungslos wie es eben nur Fotos können.

Ohne abzuwarten, rannte Anna hinaus. Sie hörte nicht mehr, was gerufen wurde, sah nicht, ob jemand sie aufhalten wollte. Nur die Kälte, die Tränen, die sie verwischte, um sich auf eine schäbige Bank zu setzen und zu überlegen, was jetzt geschehen würde.

Sie stieß versehentlich mit der Schulter gegen einen Passanten, wäre beinahe hingefallen.

Alles in Ordnung? fragte er ernsthaft, voller Mitgefühl. Anna stockte einen Moment.

Sie hob den Kopf ein Unbekannter stand da, ganz normal, in Jacke, mit einer Einkaufstasche in der Hand. Sein Blick voller ehrlicher Anteilnahme ließ die letzten Fetzen Fassade einstürzen.

Nein … flüsterte sie. Mein Verlobter hat mich direkt vor der Hochzeit verlassen

Irgendwie lernt man es nie, dachte ich, als ich diese Zeilen in mein Tagebuch schrieb. In Deutschland streben wir oft nach äußerem Schein, weil wir Angst vor der Wahrheit haben. Doch Hochmut und Lüge zerstören letztlich nicht nur das eigene Glück, sondern auch das Vertrauen der anderen. Echte Stärke zeigt sich, wenn man sich selbst eingesteht, dass es auch anders hätte laufen können und den Mut hat, genau das zuzugeben.

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Homy
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