Drei in der Ehe

Drei in der Ehe

Fährst du jetzt oder nicht? fragt Paul, ohne sich vom Fenster abzuwenden.

Marlene steht in der Mitte der Küche, eine Tasse in der Hand, und betrachtet seinen Rücken. Die Schultern angespannt, der Hals gestreckt. Sie kennt diese Silhouette in- und auswendig. So steht er immer, wenn das Gespräch auf seine Mutter kommt.

Nein, sagt sie ruhig.

Marlene.

Nein.

Jetzt dreht er sich um. Zweiundvierzig, kräftig gebaut, mit klugen grauen Augen, die sie gerade mit jenem besonderen Blick ansehen, der gleichermaßen um etwas bittet und dabei ärgerlich ist.

Es ist ihr Geburtstag. Fünfundsechzig Jahre. Sie wartet auf uns beide.

Sie wartet auf dich. Mich erwartet sie nie, Paul. Ich bin da nur das fünfte Rad am Wagen. Wir wissen das beide.

Du übertreibst.

Marlene stellt die Tasse ab. Ohne Knall, ganz leise, obwohl in ihr alles zittert.

Sieben Jahre übertreibe ich schon? Das wäre ziemlich lang zum Übertreiben.

Paul fährt sich mit der Hand durch die Haare, eine alte Geste. Sie bedeutet: Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber aufgeben werde ich nicht.

Sie ist Mutter, Marlene.

Und ich bin deine Frau.

Das Wort steht im Raum, kein Vorwurf, eher eine Erinnerung als müsste man diesen simplen Fakt nach all den Jahren wieder aussprechen.

Sie sind beide keine Zwanzig mehr. Marlene ist achtunddreißig, Paul zweiundvierzig. Sie leben bei München, in einer Fünfzimmerwohnung mit Blick auf den Park. Marlene arbeitet als Landschaftsarchitektin, hat ein kleines Büro, einige feste Kunden. Paul plant Häuser, leitet ein Architekturatelier, fährt zu den Baustellen, verhandelt mit Handwerkern, zeichnet bis spät in die Nacht. Kennengelernt haben sie sich auf einer Party, zu der beide nur widerwillig gingen und am liebsten nach einer halben Stunde schon wieder weg wollten. Sie kamen ins Gespräch an der Garderobe und blieben bis zum Morgen.

Sieben Jahre Ehe. Die ersten beiden, so dachte Marlene, waren vielleicht die besten ihres Lebens. Nicht, weil alles einfach war, sondern weil sie zum ersten Mal sie selbst sein konnte.

Dann kam der erste Besuch bei seinen Eltern.

Ingrid Sommer, Pauls Mutter, lebt in Würzburg. Früher stellvertretende Schulleiterin, eine Frau mit Prinzipien, mit Tagesplänen und einer sehr klaren Vorstellung davon, was richtig ist. Damals zweiundsechzig, kräftig, aufrechte Haltung, die Stimme durchdringend, wie es nur Lehrerinnen haben. Pauls Vater ist früh gestorben; sie hat ihn allein großgezogen. Das war ihr Stolz, ihre Ausrede und zugleich ihre Waffe.

Marlene erinnert sich an diesen Besuch. Die lange Zugfahrt im Juli, der staubige Geruch am Bahnsteig. Ingrid Sommer empfängt sie mit einem Blumenstrauß für sich selbst, den sie am Morgen gekauft hat und der schon verwelkt. Sie umarmt Paul endlos, Marlene reicht sie nur knapp die Hand, die Fingerspitzen, als sei sie eine Fremde.

Also, du bist Marlene, sagt sie, mustert sie von oben bis unten, als ob sie einen Gegenstand für eine Schätzung taxieren müsste.

Ja, Marlene lächelt höflich.

Bisschen dünn. Paul, füttert ihr sie nicht ordentlich?

Paul lacht, als sei das ein Scherz.

Damals entscheidet Marlene, es als Scherz zu behandeln.

Doch in den nächsten drei Tagen gibt es viele solche Scherze. Ingrid blickt in Marnenes Teller und kommentiert die Portionsgröße ihres Breis. Sie fragt nach der seltsamen Nagelfarbe, sorgt sich, ob es nicht zu kalt sei in Hausschuhen zu laufen, klingt fürsorglich, doch der Ton ist ein anderer. Nicht: Ist dir nicht kalt?, sondern Weißt du nicht, wie es sich gehört?

Am zweiten Tag platzt Ingrid ohne Anklopfen ins Zimmer, während Marlene die Tasche ausräumt.

Ich lege das Bettzeug ins unterste Fach, da ist mehr Platz, sagt sie und macht sich direkt daran, den Schrank umzuräumen.

Danke, aber das ist nicht nötig, sagt Marlene.

Bin doch gleich fertig.

Abends sagt sie zu Paul:

Sie ist einfach reingekommen und hat alles umsortiert.

Sie ist halt die Gastgeberin. Will helfen.

Das ist keine Hilfe. Das ist Grenzüberschreitung.

Fang nicht an. Bitte. Drei Tage.

Sie fängt nicht an. Aus drei Tagen werden Jahre Gewohnheit, zu ertragen. Eine Gewohnheit, die sich leicht ausdehnt.

Am dritten Tag wird Marlene krank. Zugluft überall. Das Fenster im Bad schließt gar nicht. Sie bittet Paul, es zu reparieren er vergisst es, und am Abend hat sie Halsschmerzen und Schnupfen.

Am nächsten Morgen platzt Ingrid um acht in ihr Zimmer:

Raus aus den Federn, wir putzen Fenster. Das ist hier jeden Monat so.

Frau Sommer, ich habe Fieber, sagt Marlene.

Ach, siebenunddreißig? Das ist kein Fieber. Bisschen Frischluft und sauber machen, dann ist alles wieder gut.

Paul schweigt. Später, als Marlene mit schmerzender Kehle und Lappen vorm weit offenen Fenster steht, kommt er zu ihr.

Hauptsache, du lässt dich nicht ärgern. Sie ist so zu allen.

Ich lass mich nicht ärgern. Ich werde nur krank.

Marlene.

Paul.

Mehr sagen sie nicht. Sie macht sauber zu Ende. Er hilft in der Küche.

Ein Muster. Es wiederholt sich bei jedem Besuch in Würzburg. Alle paar Monate, Geburtstage, Weihnachten, weil Mama Sehnsucht hat. Ingrid kritisiert Marnenes Aussehen, das Essen, ihre Gewohnheiten. Schüttet ihr das Shampoo weg, weil billig Zeug ruiniert die Haare, stellt ihres hin. Sagt Marlene, sie sei gegen bestimmte Inhaltsstoffe allergisch, schaut Ingrid wie zu einem Kind, das Krankheiten erfindet, um nicht in die Schule zu müssen.

Nach einem der Besuche, schon wieder zu Hause bei München, versucht Marlene ein ehrliches Gespräch.

Ich kann da nicht mehr hin. Es ist nicht körperlich, sondern von innen schlimm.

Er sieht von seinen Entwürfen auf und mustert sie aufmerksam.

Was genau?

Alles: wie sie mich ansieht, was sie sagt. Dass du nie etwas zu ihr sagst.

Was soll ich sagen?

Dass ich deine Frau bin. Dass es Grenzen gibt. Dass man nicht einfach ohne Anklopfen unsere Sachen umräumt.

Er schweigt.

Sie ist alt. Sie wird sich nicht ändern.

Ich verlange keine Änderung. Ich will, dass du zu mir stehst.

Ich stehe zu dir.

Nein. Du bist immer in der Mitte. Zwischen ihr und mir. Das ist nicht das Gleiche.

Er schaut wieder auf seine Pläne. Das Gespräch verstummt.

Marlene denkt: Vielleicht will sie einfach zu viel. Vielleicht gibt es solche Schwiegermütter überall und jede Frau lernt, damit umzugehen. Vielleicht ist das ihre Schwäche zu glauben, dass Geduld Liebe sei.

So vergehen Monate. Ingrids Anrufe häufen sich. Jeden Tag, morgens und abends, manchmal zweimal abends, redet Paul leise, geduldig durchs Telefon als müsste er ihre Stimmung pflegen. Vorsichtig, einfühlsam.

Einmal ruft Ingrid während des Abendessens an. Paul geht sofort ran.

Paul, bist du allein? Besuch da?

Nein, Mama. Wir essen zu zweit.

An einem Werktag?

Ja. Was ist denn?

Nichts, dachte nur, du wärst allein. Sonst hast du immer alleine gegessen.

Mama, ich bin verheiratet.

Ich weiß. Na gut, ich will euch nicht stören beim Essen.

Sie legt auf. Paul isst weiter. Marlene sieht ihn an.

Sonst hast du immer allein gegessen, wiederholt sie.

Mama sagt, was sie denkt.

Ja. Genau das ist das Problem.

Er legt die Gabel hin.

Marlene, sie ist Mutter. Nicht perfekt, aber Mutter.

Und ich? Bin ich was anderes?

Er antwortet nicht sofort. Dann sagt er:

Du bist meine Frau. Das ist anders.

Anders, wiederholt Marlene. Aber nicht weniger.

Im vierten Ehejahr kommt es zu etwas, das Marlene lange aus der Erinnerung herauszupfen muss, wie einen Splitter.

Sie fahren über Silvester hin. Ingrid hat den Tisch festlich gedeckt. An der Wohnzimmerwand hängt ein großes gerahmtes Foto. Es dauert, bis Marlene merkt: Es ist ihr Hochzeitsbild aber nur mit Paul darauf.

Sie tritt näher: Das Foto ist sorgfältig beschnitten. Ihre Hälfte fehlt.

Frau Sommer, fragt Marlene ruhig, wo bin ich denn?

Ingrid dreht sich langsam um, schaut aufs Bild.

So sieht man Paul besser. Der Rahmen ist zu klein.

Aber Sie haben mich von unserem Hochzeitsfoto abgeschnitten.

Musste ich etwas abschneiden. Der Rahmen eben.

Marlene sucht Paul auf, der in der Küche steht.

Paul, schau dir das Foto im Wohnzimmer an.

Er kommt, sieht es. Sagt nichts.

Mama, warum hast du das gemacht?

Rahmen war zu klein.

Mama.

Paul, sei nicht so pingelig. Ich hab mich bemüht, hab den Tisch gemacht.

Wieder zurück zur Küche. Marlene bleibt im Flur.

Sie sagt, es war nur der Rahmen, sagt Paul leise.

Ich habs gehört.

Marlene, mach keine Szene. Es ist Silvester.

In jener Nacht kann Marlene nicht schlafen. Sie denkt an das Bild, daran, wie Ingrid mit der Schere die Schwiegertochter aus deren beider Leben geschnitten und den Rest an die Wand gehängt hat.

Am Morgen, während Paul noch schläft, nimmt Marlene das Foto ab, dreht es um. Auf der Rückseite, in akkurater Lehrerschrift:

Abgeschnittene Scheibe passt nie mehr zum Brot.

Marlene steht lange so da. Dann hängt sie das Bild verkehrt an die Wand, Schrift nach vorn.

Sie sagt Paul nichts. Erst zu Hause, nach ein paar Tagen, holt sie das Foto aus ihrer Tasche. Sie hat es mitgenommen die Rückseite konnte sie nicht in fremder Wohnung hängen lassen.

Lies die Rückseite, zeigt sie Paul.

Er liest, schweigt.

Das hat sie geschrieben, sagt er schließlich.

Ja.

Ich wusste das nicht.

Das weiß ich. Aber jetzt weißt du es.

Er sieht sie lange an. Da ist etwas, das sie nicht benennen kann. Nicht Schuld, nicht Wut. Etwas Dazwischen.

Ich spreche mit ihr.

Das sagst du immer.

Marlene.

Paul, du fährst hin, lässt alles geschehen, als gäbe es mich nicht. Du lässt es zu. Nicht aus Bosheit du kannst es nur nicht anders. Oder willst nicht. Ich weiß es nicht.

Er schweigt. Wieder ist das Gespräch vorbei.

Monate vergehen. Ingrid ruft weiter an, kommt einmal sogar unangemeldet für drei Tage und nimmt Marlenes Arbeitszimmer in Beschlag. Drei Tage arbeitet Marlene auf dem Fensterbrett im Schlafzimmer stumm, weil Paul sie bittet, keinen Stress zu machen.

Im fünften, sechsten Ehejahr merkt Marlene, dass sie Paul weniger von ihrer Arbeit erzählt. Früher wie aus dem Fluss jetzt nur noch kurz. Nicht, weil er nicht zuhört, sondern weil sie müde ist, sich bei jemandem zu öffnen, der, wenn es darauf ankommt, immer in der Mitte steht.

Siebtes Jahr. April. Paul kommt an einem Mittwoch nach Hause:

Mama wird fünfundsechzig. Sie möchte uns beide zum Fest. Große Tafel, ganze Familie.

Marlene sitzt am Tablet, arbeitet an einer Pflanzskizze für einen Garten in Fürstenfeldbruck.

Wann?

Nächsten Freitag. Am Wochenende.

Ich fahre nicht.

Paul hängt die Jacke auf, kehrt ins Zimmer zurück.

Marlene.

Nein, Paul.

Es ist ein runder Geburtstag.

Ich habe es gehört.

Sie ist meine Mutter.

Ich höre es.

Er setzt sich ihr gegenüber. Blick wie damals am Fenster bittend, ärgerlich.

Du könntest doch ausnahmsweise

Ich habe es oft gemacht. Immer wieder. Jedes Mal war es nur ein Mal.

Wenn du nicht kommst, ist sie beleidigt.

Sie ist immer beleidigt. Paul, hör mir zu, bitte. Ich sage jetzt etwas und ich möchte, dass du zuhörst. Nicht konterst, nicht erklärst zuhörst.

Er nickt.

In dieser Ehe sind wir zu dritt. Immer waren wir zu dritt. Du, ich und deine Mutter. Und wenn du wählen musst, wählst du immer sie. Nicht, weil du sie mehr liebst. Sondern aus Gewohnheit, vielleicht Angst. Aber das Ergebnis bleibt: Du entscheidest dich für sie.

Das ist unfair.

Mag sein. Es ist trotzdem wahr.

Ich wähle sie nicht. Ich bitte dich nur um Geduld.

Sieben Jahre, Paul.

Du weißt doch, was sie aufs Foto geschrieben hat. Hast es gesehen. Trotzdem bittest du mich, bei ihrem Fest zu lächeln.

Er steht auf, läuft durchs Zimmer.

Sie ist alt. Sie ist allein. Sie versteht nicht, was sie tut.

Sie versteht es genau. Sie war immer Lehrerin, sie weiß, wie Menschen reagieren. Mit dem Lineal geschnitten, Paul das ist kein Versehen.

Er hält inne.

Was willst du von mir?

Wähle. Nicht mich gegen sie. Sondern das hier: unser Leben. Uns zwei.

Ihr seid beide meine Familie.

Nein. Sie ist deine Mutter. Das ist anders. Du musst sie lieben aber du musst nicht dulden, was sie mir angetan hat, all die Jahre. Und musst nicht verlangen, dass ich weiter mitkomme.

Er schweigt lange. Dann leise:

Ich kann nicht einfach zu ihrem Geburtstag fernbleiben.

Du kannst fahren. Allein.

Allein?

Ja. Du bist ihr Sohn. Aber ich fahre nicht. Und wenn du das nicht akzeptieren kannst dann weiß ich nicht, wie es weitergeht.

Er sieht sie an. Es ist still. Draußen fährt ein Auto vorbei.

Dein Ernst?

Voll und ganz.

Er holt wortlos seinen Koffer aus dem Schrank, packt. Es dauert zwanzig Minuten. Marlene rührt sich nicht. Es fühlt sich eigenartig an kein Schmerz, keine Erleichterung, sondern wie das Ablegen einer schweren Last.

Ich fahre zu Mama, sagt er an der Tür.

Ich weiß.

Marlene.

Paul. Fahr. Ich werfe dich nicht raus. Aber ich kann nicht länger so tun, als sei alles in Ordnung, wenn es seit sieben Jahren nicht stimmt.

Die Tür fällt ins Schloss.

Marlene bleibt noch lange allein in der Wohnung, dann steht sie auf, schenkt sich Wasser ein, setzt sich wieder an ihr Tablet. Pflanzskizze: Flieder am Zaun, Heckenkirsche entlang des Wegs, drei Hortensien beim Eingang. Sie arbeitet bis in die Nacht; anders weiß sie nichts mit der Stille anzufangen.

Ingrid Sommer empfängt ihren Sohn am Abend vor dem Haus. Sie steht auf der Treppe, den Mantel geschlossen, die Hände gefaltet. Als Paul mit dem Koffer aus dem Taxi steigt, atmet sie schwer.

Paul. Du bist allein.

Ja, Mama.

Sie ist nicht mitgekommen.

Nein.

Ingrid presst die Lippen zusammen, macht einen betrübten Blick.

Nun ja, ich habs mir gedacht. Ich habe immer gespürt, wie sie ist.

Mama, bitte.

Ich sage doch nichts. Ich bin froh, dass du da bist, mein Junge.

Sie umarmt ihn fest, als hätte sie ihn endlich wieder.

Oben angekommen sorgt sie auf der Küche, stellt den Wasserkocher an, schneidet Brot, erzählt vom geplanten Fest, wer kommt, welchen Kuchen sie bestellt hat. Paul sitzt am Tisch und starrt in die Tasse.

In dieser Nacht kann er nicht schlafen. Er liegt im alten Kinderzimmer, alles wie vor zwanzig Jahren, Bücherregal und Teppich. Die Mutter hat alles konserviert als hätte die Zeit hier Halt gemacht, bei dem Jungen, der nur ihr gehörte.

Er denkt an Marlene. An das, was sie gesagt hat. Drei in der Ehe. Immer wählt er die Mutter. Er möchte widersprechen, einen Beweis finden, aber es gibt keinen.

Am Morgen steht er spät auf. Ingrid ist schon fit, mit Schürze in der Küche.

Ich habe deinen Koffer ausgeräumt, sagt sie. Die Sachen hängen im Schrank.

Paul bleibt mitten in der Küche stehen.

Warum?

Damit nichts zerknittert. Und was gewaschen werden muss, hab ich gleich gemacht.

Mama. Ich habe dich nicht gebeten.

Habs einfach gemacht.

Er schweigt, setzt sich.

Paul, ich habe dein Foto gefunden, Ingrid kommt herein und legt das Hochzeitsbild auf den Tisch. Das, das Marlene eingesteckt hatte und das Paul, ohne zu wissen warum, mitgenommen hat.

Ingrid legt es wortlos hin.

Paul blickt darauf, hebt dann den Blick.

Du hast das geschrieben.

Ach, das ist doch nur ein Sprichwort.

Du hast das auf das Foto geschrieben, das wir dir zur Hochzeit geschenkt haben. Und du hast Marlene mit der Schere entfernt.

Der Rahmen war zu klein.

Mama. Schau mir in die Augen. Sag, dass das ein Versehen war.

Ihr Blick wird für einige Sekunden ganz ehrlich. Dann schiebt sie schnell das übliche beleidigte Selbstbild davor.

Ich habe nichts falsch gemacht. Ich habe dich nur beschützt.

Wovor?

Vor ihr. Sie liebt dich nicht. Nie hat sie das getan.

Mama.

Ich hab es vom ersten Tag an gesehen. Sie ist kalt, berechnend.

Mama, stopp.

Ich bin Mutter. Ich weiß es.

Nein. Du hast damals entschieden, und seither alles so gemacht, damit du Recht behältst. Ihr Shampoo weggeschüttet, ihre Sachen umgeräumt, sie krank putzen lassen, das Hochzeitsbild beschnitten, das Sprichwort drauf geschrieben das alles ist keine Fürsorge.

Er hält inne. Ingrid blickt ihn an, dann steigen ihr Tränen in die Augen. Leise, würdevoll.

Ich habe dir alles gegeben. Allein.

Ich weiß.

Und jetzt?

Ich liebe dich, Mama. Aber ich werde jetzt nicht mehr schweigen, wenn du danebenliegst. Ich fahre jetzt nach Hause.

Der Geburtstag ist übermorgen.

Ich weiß.

Du bleibst nicht?

Er geht ins Zimmer, öffnet den Schrank ordentliche Stapel, alles aufgeräumt, als gäbe es nie ein anderes Leben. Er packt schweigend.

Paul! Ingrid steht in der Tür. Was machst du?

Ich gehe.

Aber das Fest, alle kommen. Die Torte hat drei Etagen.

Mama, ich rufe dich an. Wir reden in Ruhe. Jetzt muss ich fahren.

Wegen ihr. Du tust das wegen ihr.

Ich tue das, weil es richtig ist. Ein Unterschied.

Er packt, während sie redet, hört jedes Wort. Über Dankbarkeit, Opfer, dass sie allein geblieben ist. Zum ersten Mal fühlt er sich nicht mehr von ihren Worten zurückgezogen nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil er sie endlich sieht, wie sie sind.

Keine Liebe. Ein Seil.

Geflochten aus echter Liebe und echter Angst, aber eben ein Seil.

Er geht hinaus. Auf der Treppe bleibt er stehen, kehrt um, öffnet die Tür noch einmal.

Alles Gute, Mama. Pass auf dich auf.

Und schließt.

Die Zugfahrt dauert vier Stunden, dann noch eine Stunde mit der S-Bahn. Paul sieht auf die Felder, kleine Wälder, vereinzelte Lichter in der Dämmerung. Er denkt an das, was Marlene über die drei in der Ehe sagte. Es ist wahr und er wusste es immer.

Er kommt eine halbe Stunde nach Mitternacht nach München zurück. Fünfte Etage, er klingelt.

Lange nichts, dann Schritte.

Marlene öffnet in einem alten Pullover. Sie sieht ihn an den Koffer, ihn, wieder den Koffer.

Der Geburtstag ist übermorgen, sagt sie.

Ich weiß.

Du bist zurück.

Ja.

Sie macht nicht Platz.

Marlene, darf ich rein?

Ja, sie tritt zur Seite.

Er stellt den Koffer ab. Es riecht nach Kaffee und etwas Vertrautem. Das Tablet mit Pflanzplänen liegt auf dem Tisch.

Du hast gearbeitet?

Ja.

Er setzt sich aufs Sofa, sie bleibt stehen.

Ich muss dir etwas sagen.

Gut.

Das Foto. Ich weiß, du hast die Aufschrift schon zu Neujahr gesehen und nichts gesagt.

Marlene nickt langsam.

Warum hast du damals nichts gesagt?

Du hättest es erklärt.

Er schließt kurz die Augen.

Ja. Sicher.

Hast du mit ihr gesprochen?

Ja. Sie hat geweint, von Opfern gesprochen. Ich bin trotzdem gegangen.

Marlene sieht ihn an. Er erkennt nicht, was sie denkt das konnte er nie.

Paul, sagt sie schließlich, ich wollte nie, dass du deine Mutter verlierst. Ich wollte immer nur dich. An meiner Seite.

Ich weiß. Jetzt höre ich es.

Du hörst.

Ja.

Zu spät.

Das Wort fällt leise, ohne Groll.

Ich weiß. Ich bitte dich nicht, so zu tun, als wär nichts gewesen. Ich bitte um eine Chance, es besser zu machen. Ich will die Mauer sein, die ich von Anfang an hätte sein sollen.

Marlene setzt sich ihm gegenüber.

Eine Mauer, wiederholt sie.

Zwischen dir und allem, was dich verletzt.

Sie sieht ihn lange an, steht dann wieder auf, geht in die Küche, holt Wasser, setzt sich.

Ich verspreche dir nicht, dass alles gleich gut wird.

Erwart ich nicht.

Und ich vergesse nicht.

Musst du nicht.

Dann. Geh schlafen. Du bist müde.

Er nickt, geht zur Tür. Dreht sich noch einmal um.

Marlene, verzeih.

Sie antwortet nicht sofort. Dann:

Geh schlafen, Paul.

Das ist kein Ich verzeihe, aber es ist etwas.

Ein Jahr vergeht.

Sie kaufen ein kleines Haus dreißig Kilometer außerhalb von München. Marlene findet es selbst, durch einen befreundeten Makler mit wildem Garten, einer alten Apfelbaumreihe am Zaun. Den ganzen Frühling verbringt sie mit Umgraben, Sträucher setzen, Pläne direkt auf den Boden zeichnen. Am Eingang drei Rispenhortensien, frisch aus der Baumschule in Erding, in Jute gewickelt. Nachbarin, Frau Katharina Bergmann, beugt sich über den Zaun:

Was für Sträucher sind das?

Hortensien. Blühen im Juli.

Welche Farbe?

Erst weiß, dann creme, später bisschen rosa.

Sehr schön, sagt die Nachbarin überzeugt. Richtig tüchtig.

Marlene lächelt und arbeitet weiter.

Paul lernt, Nein zu sagen. Nicht sofort und nicht leicht. Beim ersten Mal, als seine Mutter anruft und um Besuch bittet, kontaktiert er die Nachbarn, bittet, nach ihr zu sehen, bietet an, einen Arzt zu schicken. Als klar ist, dass Ingrid gesund ist, nur Gesellschaft wollte, sagt er:

Mama, ich komme wie abgemacht nächsten Monat.

Sie legt auf. Ruft eine Stunde später wieder an. Das Gespräch ist schwer, voller Vorwürfe und Tränen. Paul hört zu, wiederholt:

Mama, ich komme nächsten Monat.

Marlene sitzt daneben, hört absichtlich nicht mit. Später sagt er:

Sie war sehr wütend.

Ich weiß, antwortet Marlene.

Hast du es gehört?

Nein. Ich weiß es einfach.

Ingrid wird Marlene nicht herzlich. Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Sie ruft weiter an, erzählt von der Frau und wie sich Paul verändert hat. Manchmal schickt sie ihm Artikel, wie Schwiegertöchter Söhne entfremden. Paul liest sie nicht. Nicht, weil er es sich verbietet sondern weil sie ihn nicht mehr berühren.

Ein Abend auf der Terrasse: Marlene trinkt Tee, Paul sitzt mit einem Buch, das er nicht liest. Das Telefon bimmelt. Er blickt aufs Display.

Mutter schickt eine Architektenkarte zum Tag des Architekten.

Schreib ihr zurück.

Schon erledigt. Er legt das Telefon weg, schaut in den Garten. Wie gehts den Hortensien?

Knospen kommen, in einer Woche blühen sie.

Weiß?

Zuerst weiß, dann creme.

Und dann?

Im Herbst rosig.

Er nickt. Frau Bergmann winkt mit einem Eimer, Marlene winkt zurück.

Paul, sagt sie leise.

Ja?

Glaubst du nicht auch, wir haben ein paar Jahre verloren?

Er schweigt.

Doch, wahrscheinlich schon.

Ich auch.

Pause. Sanft, ohne Druck.

Aber wir haben nicht alles verloren, sagt er.

Marlene schaut zu den Hortensien, dann zu ihm.

Nein. Nicht alles.

Ihr Handy bimmelt. Ein Kunde fragt nach dem Budget. Sie antwortet kurz, legt das Handy weg, nimmt die Tasse.

Paul.

Ja?

Sie wird anrufen.

Weiß ich.

Heute oder morgen. Sie findet einen Grund.

Wahrscheinlich.

Gehst du ran?

Er sieht sie an. Etwas Neues ist jetzt in seinem Blick; keine Erschöpfung und keine Sturheit, beides zusammen.

Ja. Ich sage, was gesagt werden muss.

Und dann?

Das wars.

Marlene stellt die Tasse ab. Im Nachbargarten rauscht der Wind. Die Hortensien schwanken. Die Knospen sind prallgrün, und es besteht kein Zweifel, dass sie aufblühen werden weil das ihre Natur ist: sich öffnen, wechseln von weiß zu creme, von creme zu rosa, immer aufs Neue, immer mit dem Wechsel der Jahreszeiten.

Marlene schaut auf die Büsche und denkt, dass sieben Jahre lang sind. Dass manches einfach anders wird, nicht heil. Dass sie noch immer zusammenzuckt, wenn unangekündigt jemand klingelt. Vertrauen, das weiß sie, ist kein Entschluss für immer, sondern etwas, das man jeden Tag wieder Stein auf Stein baut, ohne zu wissen, was daraus wird.

Ob Ingrid heute oder morgen anruft, weiß sie nicht. Sie weiß nicht, wie Paul in einem Jahr sein wird, ob das alles wächst oder sie nur gelernt haben, mit einer Narbe zu leben.

Aber die Hortensien stehen vorm Haus. Und das weiß sie ganz sicher.

Paul, sagt sie.

Ja?

Schenk mir noch ein bisschen Tee ein.

Er steht auf, nimmt ihre Tasse und geht ins Haus. Sie hört die Tür, den Wasserkocher, ein leises Murmeln vermutlich zu sich selbst.

Draußen bleibt es still. Nur der Wind und die Hortensien.

Nach ein paar Minuten kommt er zurück, bringt ihre Tasse.

Hier.

Danke.

Sie sitzen nebeneinander. Sagen nichts.

Irgendwo in Würzburg sitzt Ingrid Sommer wahrscheinlich am Fenster, denkt an ihren Sohn, wählt seine Nummer und legt doch wieder auf. Oder sie erzählt der Nachbarin, was für eine Frau Paul geheiratet hat, oder sie schaut alte Fotos an, auf denen er klein ist und nur ihr allein gehört.

Ob, Marlene weiß es nicht. Und will es auch nicht wissen.

Sie hält die heiße Tasse mit beiden Händen und sieht, wie der Himmel über dem Garten dunkler wird.

Morgen lege ich den Weg neben dem Zaun an, sagt sie. Da muss noch Kies drauf.

Soll ich helfen?

Nein. Das mache ich.

Gut.

Er schlägt das Buch auf, sie trinkt Tee.

Und alles ist genau so, wie es ist.

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Homy
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