Merlin, der zauberhafte Fahrgast: Wie eine Busfahrerin, ein herrenloser Kater und ein Lottoschein ihr Leben und ihr Herz veränderten – Eine Berliner Alltagsmärchen zwischen Katzenpfoten, Großstadtbussen und dem Zauber des kleinen Glücks

Der Kater sah mich schweigend an. Nach einem tiefen Atemzug und mit etwas Mut griff ich Annalena nach ihm, in der Hoffnung, dass die Ärmel meiner Lederjacke meine Hände vor den Krallen dieses flauschigen Schwarzfahrers schützen würden…

Meine Schicht im Bus war vorbei, wie immer zog ich am Ende durch den hinteren Teil und warf einen prüfenden Blick unter jede Sitzbank.

Dieser Bus war längst zu meinem zweiten Zuhause geworden. Und zu Hause hatte ich es gern sauber. Das lag wohl auch daran, dass niemand da war, der Unordnung machen konnte?

Annalena, du solltest dir endlich einen Mann suchen, neckten mich die älteren Kolleginnen aus der Leitstelle oft. Du bist fast dreißig und trotzdem allein. Und als Frau in deinem Job na, Respekt! Die meisten Männer haben nicht mal genug Geduld für diese nervigen Fahrgäste!

Ich lachte meist und entgegnete: Ich habe eigentlich immer freundliche Gäste. Und meine Arbeit macht mir Spaß. Einen Mann na, den kann man doch nicht einfach wie einen Hund oder Kater anschaffen!

Die Frauen tauschten vielsagende Blicke. Sie wussten genau: Mit manchen Männern war wesentlich mehr Aufwand verbunden als mit einem Haustier.

Dann hol dir doch wenigstens eine Katze, rieten sie mir immer. Damit du nicht alleine bist!

Ich lächelte und sagte: Das mit der Katze hat bisher nicht geklappt, verabschiedete mich und ging nach Hause, stellte Musik an, machte mir ein Abendessen, las noch ein wenig und legte mich schlafen.

Die Tage glichen einander. Freie Tage mochte ich nicht sonderlich. Dann hatte ich plötzlich zu viel Zeit. Oft fuhr ich dann einfach als Passagier mit dem Bus durch München.

Mir gefiel die Vorstellung, dass mich jemand an einen schönen, glücklichen Ort bringen könnte

Auch dieser Tag unterschied sich nicht von den anderen. Am Schichtende kontrollierte ich noch einmal gründlich den Wagen, kümmerte mich um die Sauberkeit.

Als ich unter die letzte Sitzbank blickte, zuckte ich plötzlich zurück. Zwei leuchtende Augen starrten mich an!

Na, wer bist du denn? Miez-miez! Wie bist du denn hier gelandet? Ich ging in die Hocke. Hast du dich verlaufen?

Der Kater antwortete nicht, sah mich nur weiterhin forschend an.

Wieder holte ich tief Luft, packte meinen Mut zusammen und griff vorsichtig nach ihm, hoffend, dass die Lederjacke meine Hände schützte.

Der Kater ließ es geschehen, und ich konnte ihn endlich aus der Dunkelheit ziehen.

Er war wunderschön.

Mit Katzenrassen hatte ich wenig am Hut, aber irgendwie ließ die besonders flache Schnauze und das viele Fell auf eine Perserkatze schließen. Um sein Halsband hing ein Anhänger.

Merlin, las ich, während ich das Halsband drehte. Etwa DER große Zauberer?

Der Kater gähnte, als würde er es nicht ausschließen.

Und was mache ich jetzt mit Ihnen, Eure Magie? Wo soll ich denn deine Menschen suchen?

Merlin blickte mich an und gähnte bedeutet woher sollte ich das wissen? Nebenbei, vielleicht gibts erst mal was zu futtern, schlafen wär auch nett

Ich kapierte, dass es eigentlich nur eine Option gab. Klar, es gäbe auch noch die andere, aber was wäre ich für ein Mensch, wenn ich diesen Streuner jetzt vor die Tür setzen würde?

Also, sagte ich entschlossen, du schläfst heute bei mir. Morgen drucke ich ein paar Zettel aus mit deinem Foto. Sicher vermisst dich jemand!

Merlin protestierte nicht weiter. Doch kaum machte ich mich auf den Heimweg, begann er, in meinen Armen zappelig zu werden.

Was ist los? Ich verstand natürlich nicht katzisch. Er befreite sich selbst, verschwand wieder unter die Sitzbank und kam zurück, etwas im Maul.

Was hast du denn da? Ich beugte mich.

Merlin ließ einen Lottoschein in meine offene Hand gleiten.

Ach, das ist ja interessant! Hat dein Besitzer dich jetzt samt Lottoschein verloren?

Er blickte mich an, gähnte noch einmal. Sag mal, könnten wir dann jetzt nach Hause gehen?

Ich eilte heim, und grübelte währenddessen: Sollte ich wohl in den Steckbrief schreiben, dass ich auch einen Lottoschein gefunden habe? Aber was, wenn sich dann jemand als Besitzer ausgibt, der es gar nicht ist, nur wegen dem Schein?

Besser, ich erwähne das nicht. Und jetzt erst mal Leckerli für den Gast kaufen.

Worauf hast du Appetit? fragte ich ihn im Supermarkt, während ich durch die Regale mit Katzenfutter starrte.

Merlin inspizierte erst stumm, streckte dann entschieden die Pfote aus und deutete auf genau einen Beutel.

Wirklich den? frage ich zur Sicherheit.

Da packte er entschlossen mit den Zähnen zu. Keine Zweifel mehr

Du bist schlau!, lobte ich ihn.

Merlin gab einen Laut von sich, der eindeutig bedeutete: Weiß ich.

Nachdem ich für uns beide etwas eingekauft hatte, gingen wir nach Hause.

Hier kannst du es dir gemütlich machen, sagte ich, und setzte Merlin ab.

Er inspizierte ausgiebig die Wohnung, während ich in der Küche das Abendessen vorbereitete. Katzen-Geschirr hatte ich keines, also musste ich zwei Untertassen zweckentfremden.

Nach dem Fressen knipste ich ein Foto, bastelte ein Suchplakat ohne Angabe von Katzenname und Lottoschein.

Als alles ausgedruckt war, zeigte ich Merlin stolz das erste Suchblatt.

Schau, wie hübsch du aussiehst! Morgen hänge ichs im Bus auf vielleicht findet sich dein Mensch! Mist!

Ich erstarrte: Morgen war meine Schicht, wohin bloß mit Merlin?

Ihn mitnehmen? Das ginge nicht. Ich würde mich ablenken lassen und eine Busfahrerin, die nicht aufpasst, gefährdet ihre Passagiere. Aber alleine lassen, nach so einer Odyssee? Furchtbar!

Da fiel mir mein Nachbar ein Klaus. Klaus wohnte eine Etage über mir und arbeitete immer daheim. Programmierer, glaube ich. Er brauchte nur Internet, alles andere war unwichtig.

Ab und zu sahen wir uns im Treppenhaus, wenn ihm mal wieder der Kaffee ausging. Groß, etwas schüchtern, schlaksig und immer mit Brille.

Wir nickten und jeder ging seiner Wege. Doch ich war mir sicher, Klaus konnte auf Merlin achtgeben.

Mit klopfendem Herzen klingelte ich. Er öffnete verschlafen, in Pantoffeln und ausgebeulten Jogginghosen, und war sichtlich überrascht, mich zu sehen.

Ich erklärte ihm alles, so überzeugend ich konnte. Aber Überreden war gar nicht nötig; Klaus nickte nur und nahm meinen Ersatzschlüssel entgegen.

Für einen Moment war ich fast gekränkt, dass mein Nachbar mich sonst kaum zu registrieren schien. Seufzend rief ich nach meiner Katze:

Miez-miez, Merlin, wo bist du?

Er saß schon an der Balkontür und schaute mich auffordernd an als wolle er unbedingt raus.

Ich zögerte kurz, aber so ein kluger Kater würde kaum vom achten Stock springen. Ich öffnete die Tür und ging mit ihm hinaus.

Merlin sprang behände auf die Brüstung, ich zuckte erschrocken und wollte ihn festhalten.

Er schenkte mir einen etwas herablassenden Blick, wandte sich gen Himmel, und ich folgte seinem Blick da: die Sterne.

Der klare Nachthimmel blickte mit tausenden kleinen Augen auf uns. Plötzlich sah ich eine Sternschnuppe. Merlin schmiegte sich an meine Hand, als wolle er sagen: Schnell! Wünsch dir was!

Ich tat es

Kaum lag ich später im Bett, schlief ich tief und fest. Wahrscheinlich, weil nebenan der schnurrende Merlin lag und mich in den Schlaf begleitete.

Am Morgen wies ich den verschlafenen Klaus noch ein, dann rannte ich zur Arbeit.

Den ganzen Tag fuhr ich kreuz und quer durch München, das Suchplakat im Bus, doch niemand interessierte sich für meinen zotteligen Findling.

Es war mir fast peinlich, aber tatsächlich war ich froh darüber. Nach Hause flog ich wie auf Flügeln da warteten sie doch.

Die Wohnung roch nach frischem Kaffee. Nicht nach dem Instantzeug, das ich sonst nutzte, sondern wirklich gutem, handgemachtem. Ein Unterschied, der gleich auffiel beziehungsweise, sofort in die Nase stieg.

Ich hab ein bisschen den Haushalt übernommen, gestand Klaus, als ich mich umschaute. Nicht böse sein, aber dein Kaffee ist wirklich schlecht. Ich hab meinen mitgebracht. Willst du eine Tasse?

Sehr gern! Wo ist Merlin?

Da stand er schon im Flur und sah sehr zufrieden aus. Zu meiner Freude schmiegte er sich an mein Bein.

Merlin ist topfit, meinte Klaus und kniete sich hin, um ihn zu streicheln. Weißt du, ich habe heute fast gar nicht gearbeitet. Ich wollte wie immer programmieren, aber irgendwie haben meine Finger plötzlich angefangen, eine Geschichte zu tippen. Über einen Kater.

Darf ich sie lesen? fragte ich neugierig.

Klaus wehrte etwas ab, aber ich sah ihm an, dass er es doch gern zeigen wollte. Im Ernst, würdest du das lesen?

Natürlich! Ich liebe Märchen. Oder sagen wir: Fantasy! Fast dasselbe!

Er gab schließlich nach.

Den Abend verbrachten wir mit wunderbar schmeckendem Kaffee und Klaus Kater-Märchen, während Merlin mit halbgeschlossenen Augen so tat, als seien wir beide Jungkatzen.

Die Geschichte gefiel mir sehr. Als Klaus irgendwann in seine Wohnung hinüberging, war ich ein klein wenig traurig. Aber nur ein bisschen schließlich blieb mir ja Merlin.

Und dann klingelte es. Merlin spitzte die Ohren und stolzierte zur Tür. Ich fragte:

Wer ist da?

Wegen des Aushangs, kam eine Stimme von draußen, und mir wurde plötzlich ganz heiß ums Herz.

Mein erster Impuls: Nicht aufmachen! Aber fair war das nicht. Also öffnete ich. Vor mir stand ein stattlicher älterer Herr im schwarzen Mantel, er lächelte freundlich.

Keine Sorge, Kindchen. Ich bin wirklich wegen des Katers hier und damit Sie es glauben sage ich gleich: Er heißt Merlin. Da kommt er ja auch schon.

Der Kater sprang wie der Blitz in seinen Arm es gab keine Zweifel mehr.

Kommen Sie herein, bat ich mit belegter Stimme.

Plötzlich hätte ich am liebsten losgeheult. Wie schnell man sich doch an einen Kater gewöhnen kann! Der alte Herr trat ein, musterte die Wohnung, Merlin und mich. Mir schien, die beiden verstanden sich wortlos.

Vielleicht einen Kaffee? bat er freundlich.

Dank Klaus hatte ich guten Kaffee im Haus. Während ich aufbrühte, sahen sich der alte Mann und Merlin an, als führten sie ein Gespräch ohne Worte.

Haben Sie sonst noch etwas gefunden? fragte der Herr schließlich.

Mir schossen die Wangen heiß hoch. Ich holte den Lottoschein und reichte ihn. Doch er winkte ab.

Der ist für Sie, sagte er sanft.

Aber der gehört doch Ihnen!, protestierte ich.

Er schmunzelte nur: Doch Sie haben ihn gefunden und Merlin ist einverstanden, lächelte er weiter.

Aber was, wenn er etwas gewinnt? Überrascht und ein wenig überfordert rang ich nach Worten.

Manchmal sollte man sich die Chance auf ein kleines Glück nicht entgehen lassen, sagte der Herr leise.

Ich blickte zu Boden. Genau das hatte ich mir doch im Stillen bei der Sternschnuppe gewünscht!

Lassen Sie dem Glück Raum, meine Liebe, meinte der alte Mann noch. Und keine Sorge wir sehen uns bestimmt wieder. Wenn Sie zurückkehren…

Zurückkehren wovon? hätte ich gerne gefragt, als er schon aus der Tür trat und sie leise hinter sich schloss.

Der Schlüssel drehte sich fast wie von selbst im Schloss, ich wurde müde, schleppte mich ins Bett und träumte von Klaus Märchen

Über einen mächtigen Zauberer, der nie an andere gedacht hatte und zur Strafe in einen Kater verwandelt wurde solange, bis sich sein Zauber in Liebe wandelte.

Am nächsten Morgen fuhr ich wie immer zur Arbeit aber heute schien die Sonne heller, die Fahrgäste waren freundlicher, der Bus rollte fröhlich durch die Straßen.

Ich löste den Lottoschein ein und traute meinen Augen kaum: Ich hatte eine Reise an die Ostsee gewonnen! Noch mehr überraschte mich, dass mein Chef sagte:

Fahr ruhig mal weg, Annalena. Hast du dir verdient. Die Kollegen vertreten dich!

Und so führte mich der Weg ans Meer, unter den Sternenhimmel, mit dem Gefühl, dass in mir etwas ganz Neues erwacht war.

Glücklich kehrte ich heim, brachte Muscheln mit, und das Meer rauschte jetzt in meiner Seele.

Als ich die Wohnungstür aufsperrte, begegnete mir Klaus im Hausflur. Groß, schlaksig und zerzaust wie immer.

Du hattest gestern Besuch, sagte er verlegen. Er bat mich, dir etwas zu übergeben Er zögerte, musterte mich. Du bist irgendwie anders. Und besonders schön.

Danke, lächelte ich. Was sollte ich bekommen?

Klaus schlug sich an die Stirn, verschwand und kam mit einem grauen, flauschigen Katerchen im Arm zurück. Das Gesicht kam mir sehr bekannt vor.

Eigentlich typisch Perser ein bisschen stolz.

Das ist der Sohn deines Katers Also, von Merlin. Er heißt Artur. Der alte Herr meinte, nur du oder, besser wir kämen für ihn als Familie in Frage.

Wie bitte? Mein Herz schlug bis zum Hals.

Er sagte, wir beide wären richtig für Arthur, gestand Klaus leise.

Miau! bestätigte Arthur und kuschelte sich an meine Hand.

Ich streckte meine Hand nach Arthur aus und traf dabei Klaus Hand. In diesem Moment war die Welt ein bisschen wärmer, heller einfach glücklicher.

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Homy
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Merlin, der zauberhafte Fahrgast: Wie eine Busfahrerin, ein herrenloser Kater und ein Lottoschein ihr Leben und ihr Herz veränderten – Eine Berliner Alltagsmärchen zwischen Katzenpfoten, Großstadtbussen und dem Zauber des kleinen Glücks
Leben wie der Mond: Mal ganz, mal am Schwinden Ich glaubte, unsere Ehe sei unerschütterlich und ewig wie das Universum. Leider irrte ich… Meinen zukünftigen Mann lernte ich während des Medizinstudiums kennen – wir heirateten im fünften Semester. Als Hochzeitsgeschenk bekamen wir von meiner Schwiegermutter eine Reise nach Jugoslawien (heute Slowenien) und die Schlüssel zu einer Wohnung. Und das war erst der Anfang. Kaum verheiratet, zogen wir in eine großzügige Dreizimmerwohnung. Schwiegereltern unterstützten uns nach Kräften. Jedes Jahr erkundeten mein Mann und ich dank seiner Eltern Europa. Wir waren jung, verliebt und voller Hoffnung. Dima, der Virologe, ich die Internistin. Arbeiten, helfen, lieben. Unsere Söhne Daniel und Klaus wurden geboren. Heute, nach so vielen Jahren, erkenne ich, dass mein Leben damals wie ein sich mächtig schlängelnder Fluss war. Zehn Jahre lang lebte ich im Überfluss. Alles brach von einem Moment auf den anderen zusammen… Ein Klingeln an der Tür. Da stand sie: eine hübsche, etwas niedergeschlagene junge Frau. „Wen suchen Sie?“ frage ich gelassen. „Sind Sie Sophia? Dann bin ich hier richtig. Darf ich reinkommen?“ zagt sie. Ich ließ sie eintreten und bemerkte, dass sie schwanger war. „Sophia, ich heiße Tanja. Es ist mir peinlich, aber ich liebe Ihren Mann sehr. Dmitri liebt mich auch. Wir erwarten ein Kind“, platzte es aus ihr heraus. „Aha. Überraschend. War das alles?“ kochte ich innerlich. „Nein.“ Sie holte eine edle Schachtel hervor. „Bitte nehmen Sie – das ist für Sie.“ Drin lag ein goldener Ring. „Was soll das? Wollen Sie etwa meinen Mann kaufen? Dima steht nicht zum Verkauf! Nehmen Sie das zurück!“ „Ich will Sie nicht verletzen, Sophia. Ich schäme mich so. Aber ich liebe Dima! Nehmen Sie wenigstens den Ring, dann fühlt es sich für mich besser an.“ Tanja begann aufrichtig zu weinen. Für einen Moment tat sie mir leid. Doch wer hat Mitleid mit mir? Sie stahl mein Glück, und ich bemitleide sie… Ich schob ihr den Ring zurück und warf sie hinaus. Mit diesem Moment begann mein Leben zu bröckeln… Die Schwiegermutter rief an: Dima verlässt die Familie. Sie kam, packte für ihn, nahm alles mit. „Sophia, wir bleiben trotzdem deine Familie“, sagte sie beim Abschied, „aber Dimi und Tanja – wie Kälber, die gehen, wohin ihr Herz sie führt!“ Ein halbes Jahr später kam Dimas Tochter zur Welt. Kurz darauf hörte ich, dass er auch Tanjas Tochter aus erster Ehe adoptierte. Unsere Söhne besuchte er nie. Die „Alimente“ kamen nur noch über die Schwiegermutter an. Es waren die wilden 90er. Ich landete mit Nervenzusammenbruch im Krankenhaus, die Kinder nahm die Schwiegermutter auf und verwöhnte sie nach Strich und Faden. Nach meiner Entlassung weigerten sich Daniel und Klaus, zu mir zurückzukommen: „Oma ist viel netter!“ „Sophia, lass die Jungs doch bei uns. Du musst eh die große Wohnung aufgeben“, bat mich meine Schwiegermutter. „Du schaffst eine Einzimmerwohnung auch allein.“ So blieb ich allein. Erst den Mann verloren, dann die Kinder. Ich musste die komfortable Wohnung eintauschen und fand mich in einer winzigen, baufälligen Einzimmerwohnung wieder. Die Kinder durfte ich nur an großen Feiertagen sehen. „Sophia, bitte störe die Jungen nicht allzu oft. Kümmere dich besser um dein eigenes Leben“, seufzte die Schwiegermutter. Meine Jungs entfremdeten sich immer mehr. Die Verbindung brach ab, ich verfiel in tiefe Traurigkeit. Meine Oma sagte immer: „Das Leben ist wie der Mond – mal voll, mal nimmt es ab.“ So konnte es nicht weitergehen. Ich war kurz davor, den Verstand zu verlieren – wollte endlich nicht mehr das Fußabtreterchen für alle sein. Immerhin hatte ich mein Medizinstudium mit Auszeichnung abgeschlossen! Bei einer beruflichen Konferenz in Frankreich lernte ich Jovan, einen serbischen Arzt, kennen. Wie wir uns verstanden haben, weiß ich bis heute nicht – Worte brauchten wir kaum. Es war die große Leidenschaft. Doch nach zehn Tagen hieß es Abschied nehmen. Das kurze Glück hauchte mir neues Leben ein. Von da an gab es wechselnde Bekanntschaften und Liebschaften. Nichts Ernstes. Eines Tages stellte meine Schwiegermutter fest: „Sophia, du blühst regelrecht auf – wie der Frühlingsanfang!“ Doch ich blieb allein. Meine beste Freundin Olga wanderte nach Griechenland aus: „Ich heirate einen Griechen. Unsere Typen hier taugen nichts. Zeit für ein neues Leben! Mit 40 geht alles erst richtig los!“, erklärte sie mir unter Tränen. „Was weinst du denn? Freu dich doch!“ „Ich will, dass du meinen Alexander kennenlernst. Vielleicht passt ihr zusammen – ich schenke ihn dir quasi!“ Also nahm ich Olgas Mann. Alexander war bald mein zweiter Ehemann. Er hatte nur einen Makel – er trank. Aber wie heißt es so schön: Liebe macht blind. Ich konnte nicht anders – ich liebte diesen Trunkenbold. Und so begann das Drama… Entgiftungen, Rehakliniken, viele Tränen. Alles half nichts. „Sophia, du willst doch bloß einen Abstinenzler aus mir machen. Aber das will ich nicht!“, erklärte er mir. Trotzdem kam Trennung nie infrage – lieber ein kümmerlicher Ehemann als keine Familie, dachte ich. Sieben Jahre kämpfte ich – wie einst Tanja um meinen ersten Mann. Aber dann stoppte Schurik! Er fand Arbeit als Fahrer im Leichenschauhaus. Die Erfahrungen dort prägten ihn. Seitdem habe ich endlich einen Ehemann, wie ich ihn mir wünsche: ruhig, nachdenklich und vor allem nüchtern. Olga staunte bei ihrem Besuch aus Griechenland: „Alexander trinkt nicht mehr? Unglaublich!“ Ich lache: „Kein Umtausch, keine Rückgabe!“ Meine Söhne sind inzwischen über 30, beide unverheiratet. Nach allem, was sie mit uns Erwachsenen durchgemacht haben, ist Freude an der eigenen Familie nicht groß. Und der Ex-Mann? Seine zweite Frau Tanja ist dem Alkohol verfallen, ihre gemeinsame Tochter zieht allein ein Kind groß. Dima heiratete zum dritten Mal – diesmal seine Praxis-Kraft. Kurz vor der Hochzeit fragte er noch unsere Söhne: „Ob eure Mutter nochmal von vorn mit mir anfangen will?“ Meine klare Antwort: „Nur über meine Leiche. Also – niemals!“