Verrat hinter der Maske der Freundschaft
Der Winter jenes Jahres schien all seine Pracht entfalten zu wollen: So viel Schnee fiel, dass die Innenhöfe und Straßen aussahen, als seien sie einem alten Märchen entsprungen. Die Flocken tanzten sanft und stetig durch die Luft, legten sich weich auf die Dächer der Fachwerkhäuser und auf die Gehwege. Die klare Kälte ließ jeden Atemzug frisch und belebt wirken.
In der Wohnung von Anna und Tobias aber herrschte eine andere Stimmung Wärme, Geborgenheit, ein Gefühl des Angekommenseins. Ein großes Fenster gab den Blick auf die weiß-verhangene Straßenecke in Hamburg frei, drinnen aber blieb das Leben ruhig und ungestört. Die altmodische Stehlampe warf einen sanften Kreis aus goldenem Licht, der die winterliche Kälte draußen vergaßen ließ.
Die Eheleute saßen eng aneinander auf ihrem alten, bequemen Sofa, in eine wollene Decke gehüllt. Im Fernseher lief gerade eine harmlose Familienkomödie, das brabbelnde Lachen nur ein Hintergrundrauschen. Anna verfolgte die Szenen mit halbem Ohr, ihre Gedanken beschäftigten sie anderes, was nur ein kaum wahrnehmbares Lächeln auf ihre Lippen huschen ließ. Tobias schien dem Film weniger Beachtung zu schenken, schaute häufiger hinaus zu den fallenden Schneeflocken das Schauspiel draußen barg eine ganz eigene Schönheit.
Die Stille in ihrem Heim wurde jäh unterbrochen vom Klingen von Tobias Handy. Zunächst reagierte er nicht, fast als wollte er diesen friedlichen Abend nicht stören lassen, doch das Klingeln kam erneut. Seufzend griff er schließlich zum Telefon, warf einen Blick aufs Display und schüttelte leicht den Kopf.
Schon wieder Sebastian, murmelte er an Anna gewandt. Das dritte Mal schon heute.
Anna sagte nichts, sah weiterhin auf den Bildschirm und zuckte leicht mit den Schultern.
Wahrscheinlich will er uns wieder zum Feiern überreden. Seitdem er die Hütte im Schwarzwald hat, sucht er jeden Vorwand. Der Mann kennt das Wort ‘Nein’ einfach nicht.
Tobias nahm das Gespräch schließlich entgegen.
Seb, hey, grüß dich!
Sebastians Stimme überschlug sich sogleich vor Vorfreude. Tobias! Wann kommt ihr endlich? Ich wiederhole mich, ich weiß! Aber alles ist vorbereitet: Der Kamin brennt, ich habe extra frisches Bier, viele Freunde sind schon da ihr müsst vorbeikommen! Ihr verpasst was!
Tobias zögerte, warf einen schnellen Blick auf Anna. Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf, doch das reichte. Lautes Gelächter, Musik, ständiges Gerede beides war ihnen heute fern. Sie wollten diesen Winterabend allein verbringen, eingekuschelt in ihre Welt, ohne Termine oder Verpflichtungen.
Tobias zögerte einen Moment, dann schlich sich eine Ausrede in seine Gedanken.
Weißt du, Seb, begann er mit gesenkter Stimme, Anna ist für ein paar Tage nach Lübeck zu ihrer Mutter gefahren. Ohne sie komm ich nicht du kennst das doch. Wer weiß, was dann wieder erzählt wird … Das führt nur zu unnötigen Spannungen. Ein anderes Mal, versprochen!”
Kurze Stille in der Leitung, dann meldete sich Sebastian überrascht zurück.
Nach Lübeck? Und wann ist sie wieder da?
Morgen Abend, wenns gut läuft. Es war sehr spontan von ihr, wir hatten eigentlich Pläne … Kino, Spaziergang im Park, vielleicht Schlittschuhlaufen am Rathausplatz. Aber ist nun mal so. Lass uns nächstes Wochenende schauen, okay?
Sebastian räusperte sich, dann klang er zwar enttäuscht, aber gefasst. Na gut Meld dich einfach, ja? Ich würde euch wirklich gern beide sehen.
Tobias war erleichtert. Klar, sag ich Bescheid, wenn wir es einrichten können.
Er beendete den Anruf, legte das Handy auf den Couchtisch und schnaufte hörbar aus.
Puh, gerade so noch die Kurve gekriegt, sagte er schmunzelnd und wandte sich an Anna. Warum muss der immer so hartnäckig sein? Ich habe doch schon so oft deutlich gesagt, dass ich keine Lust auf das Gesaufe da draußen habe. Sollen sie doch ohne uns feiern. Mir ist das hier viel lieber nur du und ich.
Er zog sie fester an sich heran. Das leise Ticken der alten Wanduhr, das Licht der Lampe, der Schnee draußen alles war wieder still und behaglich. Kein Gedanke mehr an Partys, das Rauschen draußen, ihre kleine Welt war wieder hergestellt.
Anna lehnte sich an ihn, spürte sein ruhiges Atmen. Die sanfte Stimmung der Wohnung umhüllte sie: Weiches Licht, schwarz-weiße Bilder auf dem Schirm, leises Uhrenticken. Hier war alles friedlich und sicher ein Geschenk im Alltagstrubel.
Mir gehts genauso, sagte sie leise, sah ihm tief in die Augen. Lass uns den Film schauen und danach schlafen gehen. Ich brauche wirklich nichts anderes heute Nacht.
Tobias lächelte und zog die Decke enger um sie. Schon stellte er sich vor, wie sie später das Licht löschen, zusammen unter dem warmen Federbett liegen und dem fernen Heulen des Windes hinter alten Fensterscheiben lauschen würden. Doch da erklang das Handy erneut es war wieder Sebastian.
Tobias Stirn legte sich in Falten. Er griff widerwillig zum Hörer.
Sebastian, ich habe doch eben …, begann er, die Anspannung war jetzt deutlich hörbar.
Tobias, Sebastians Stimme war plötzlich ernst, ja fast gehetzt. Ich sitze gerade mit den Jungs im Elbpavillon und rate mal, wer hier eben hereingeschneit ist? Deine Anna sie sitzt da, mit irgendeinem Fremden, Arm in Arm, trinkt Sekt. Sie sagte dir, sie fährt zu ihrer Mutter, oder? Aber hier ist sie und zwar sehr ausgelassen.
Tobias erstarrte, starrte Anna an, wartete auf irgendein Zeichen, dass das ein Scherz sei.
Was? fragte er zögerlich. Du bist sicher, dass es Anna ist? Vielleicht verwechselst du sie? Ich weiß ganz genau, dass sie hier neben mir sitzt …
Ganz sicher, erwiderte Sebastian hart. Ihr Verhalten ist eindeutig, sie lacht, stößt an, sie schämt sich nicht mal vor mir! Möchtest du, dass ich sie ans Telefon hole?
Tobias schloss die Augen. Im Kopf wogte es Unsicherheit, Zweifel, Ärger alles auf einmal. Was war hier los?
Mach mal, sagte er gepresst und drehte den Lautsprecher lauter.
Durch das Rauschen hörte man Musik, Gedränge, Lachen. Dann schließlich eine Frauenstimme und der Klang war tatsächlich dem von Anna zum Verwechseln ähnlich.
Ja, hallo? Wer ist denn da? klang es stockend.
Tobias schwieg einen Moment, suchte nach Worten, warf Anna einen Blick zu, die nur fragend und erschrocken schaute.
Anna? Ich bins, Tobias. Was geht da vor?
Am anderen Ende ein spöttisches Lachen.
Ach Tobias, lass mich doch! Ich will Spaß haben, verstehst du? Ich hab genug von deinem langweiligen Alltag. Ich genieße mein Leben!
Anna fuhr wie gestochen hoch, blickte panisch zu Tobias. Sie legte eine Hand auf ihr Herz, ihre Wangen waren blass.
Was soll das? Wie kann eine andere sich als ich ausgeben? Und woher weiß sie so viel über uns? Wer steckt dahinter?”
Und, wo bist du jetzt?
Das geht dich gar nichts an! Ich bin deine Frau, klar. Aber ich mache, was ich will!
Im Hintergrund Gelächter und Klirren von Gläsern dann wieder Sebastian: Hörst dus, Tobias? Ich habe es doch gesagt
Tobias unterbrach scharf, bemüht um Fassung.
Stopp. Ich kläre das morgen ruf mich nicht mehr an.
Schnell beendete er das Gespräch, schob das Handy kraftlos beiseite. Hätte Anna nicht neben ihm gesessen er hätte es geglaubt!
Sie ließen sich erschöpft zurück auf das Sofa sinken. Anna war fassungslos, der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben.
So ein Wahnsinn, murmelte sie. Wer war das? Und wie kommen sie darauf, sich als ich auszugeben? Wer weiß alles über uns?”
Tobias fuhr sich ratlos durch die Haare. Keine Ahnung. Aber die Stimme es klang wirklich wie du. Das ist kein Zufall. Und Sebastian klang, als hätte er keinen Zweifel
Stell dir mal vor, ich wäre wirklich nicht zuhause gewesen! Du hättest mir das vielleicht wirklich geglaubt
Tobias wurde sanfter, nahm Annas Schulter, zog sie an sich.
Nein, ich hätte das überprüft. Ich weiß, wie du bist. Wir werden herausfinden, was dahintersteckt. Ich wette, wir lassen uns vom Elbpavillon die Videoaufnahmen zeigen dann wissen wir mehr.
Anna nickte erleichtert. Mit jedem Moment wich die Fremde, die sie eben noch erwischt hatte, wieder der vertrauten Nähe zwischen ihnen.
Irgendjemand will uns auseinanderbringen Aber wieso?
Sie sahen sich ratlos an, doch Tobias Blick war jetzt entschlossen. Er drückte ihre Hand was immer passiert, wir halten zusammen.
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Am nächsten Tag saß Anna spät am Vormittag mit Tee in der Küche, las die Mails ihres Verlages. Das Klingeln ihres Handys ließ sie hochschrecken. Sebastian. Die Erinnerung an den gestrigen Abend ließ sie zögern, dann aber siegte ihre Neugier.
Hallo, sagte er vorsichtig, habt ihr gesprochen, du und Tobias?
Anna ließ sich auf ein Spiel ein sie wollte ihn aus der Reserve locken, die Wahrheit erfahren.
Wir ja, wir hatten ordentlich Streit. Er wirft mir Lügen vor, will nichts hören. Er meint, ich spiele ihm was vor.
Stille. Dann ein hörbares Seufzen und Sebastians Stimme bekam einen merkwürdigen, fast zufriedenen Klang.
Siehst du, was ich immer gesagt habe? Tobias war noch nie gut genug für dich. Er hat dich nie richtig verstanden.
Anna spürte Zorn aufsteigen, hielt sich aber zurück. Sie wollte wissen, wie weit er gehen würde.
Was willst du eigentlich, Sebastian?
Jetzt sprach er noch vertraulicher, fast verschwörerisch, als müsse etwas besonders Behutsames gesagt werden.
Anna … du verdienst mehr! Ich liebe dich, schon lange. Wenn du dich je von ihm lösen willst ich wäre da. Für immer.
Jetzt wurde ihr alles klar. Wie lange hatte er so über sie gedacht? Warum nach all dem? Hatte er das Ganze allein inszeniert?
Sie atmete tief durch. Das überrascht mich. Ich liebe Tobias, und wir werden herausfinden, wen du für mich im Club ausgegeben hast. Misch dich bitte nicht weiter ein.
Tut mir leid, wenn ich zu direkt war. Aber du kannst dich immer auf mich verlassen. Tobias ist unfair zu dir. Ich hab so meine Informationen Der sucht schon lange einen Grund, dich zu verlassen! Ich will nur, dass dir nichts passiert!
Anna umklammerte das Handy. Sie rang um Fassung.
Weißt du, Sebastian: Erstens war ich gestern zuhause. Zweitens wir hatten keinen Streit. Drittens ich weiß inzwischen, dass du alles eingefädelt hast. Jetzt ist mir endlich klar, weshalb.
Kurze Stille. Dann druckste er. Was redest du …?
Du hast eine Frau gefunden, die wie ich klingt, hast ihr die passenden Sätze souffliert und wolltest uns auseinanderbringen. Gibs zu!
Nach einer längeren Pause atmete Sebastian aufgebracht aus. Dann fast trotzig: Ja, ich habe das getan! Weil ich dich liebe, Anna! Du hast etwas Besseres verdient als ihn! Mit mir wärst du glücklicher !
Anna schloss die Augen. Bitterkeit stieg in ihr auf, doch sie behielt die Kontrolle.
Mit dir? Ernsthaft? Niemals! Du hast Vertrauen missbraucht und eine gute Freundschaft zerstört für was, Sebastian? Für nichts.
Sie sprach ruhig, jedes Wort war endgültig.
Anna, es tut mir leid , kam es gehaucht zurück.
Aber Anna hatte genug. Es gibt kein Verzeihen, Sebastian. Keine Freundschaft mehr. Ruf mich nie wieder an! Tobias wird dieses Gespräch hören, darauf kannst du dich verlassen.
Sie drückte auf ‘Beenden’, legte das Telefon beiseite, nahm ein paar tiefe Atemzüge. Draußen tanzte weiter der Schnee, als wäre nichts geschehen.
Tobias betrat die Küche, erkannte an ihrem Gesichtsausdruck, dass das Gespräch alles verändert hatte.
Und? fragte er leise.
Anna drehte sich zu ihm um. Er hat alles inszeniert und gestanden, dass er mich liebt und dich loswerden wollte. Vielleicht hätte ich es früher merken müssen. Aber so weiß ich wenigstens Bescheid.
Tobias setzte sich zu ihr, nahm ihre Hand. So, wie er sie hielt, wusste sie, dass sie gemeinsam alles würden stemmen können.
Dann war er nie wirklich ein Freund. Er sagte es ruhig. Vergiss ihn wir schulden ihm keine Gedanken mehr. Ehrlich gesagt, war mir sein Verhalten schon länger suspekt.
Anna lehnte sich an ihn.
Das Wichtigste ist, dass wir einander vertrauen, Tobias. Jetzt weiß ich, auf wen ich zählen kann.
Für einen Augenblick war da nur Stille. Anna atmete tief ein, sog den vertrauten Duft von Holzmöbeln, Tee und ihrem Lieblingsparfüm ein.
Weißt du, eigentlich ist es sogar ein Segen. Jetzt brauchst du nicht aus Rücksicht auf ihn zu irgendwelchen Feiern. Wenn du willst, sag einfach, du willst keinen Abend mit Leuten verbringen, die mir Unrecht getan haben.
Sie lächelte, ein wenig verlegen, aber mit einer neuen Gelassenheit. Endlich gab es keinen Grund mehr, sich gegenseitig Schonung zu unterstellen.
Tobias lachte, diesmal unbeschwert.
Wahre Worte. Dann bleiben wir bei Tee und alten Filmen.
Und gehen nicht mehr raus , fügte sie augenzwinkernd hinzu, zog die Decke fester um sich.
Perfekt, bestätigte er und schloss sie in die Arme.
Während draußen weiter der Schnee fiel, wurde ihre kleine Welt noch geschlossener und sicherer. Behaglich, warm, vertraut nur für sie zwei, die gelernt hatten, dass einzig Vertrauen und Zusammenhalt zählten.
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Sebastian saß in seiner kleinen Küche, glotzte in die lauwarme Tasse Tee. Die Worte hallten nach: Ruf mich nie wieder an, nie.
Doch Reue kam nicht hoch nur ein dumpfer, schwerer Ärger. Er ballte die Fäuste, drückte die Handflächen fest auf die Tischplatte.
Warum ist alles schiefgegangen? schrie er ins Leere, fegte mit einer plötzlichen Geste Krümel vom Tisch.
Sein Plan lief in Gedanken noch einmal ab: Wie er Maren, eine junge Frau mit Annas Stimme, überredet hatte, diese Rolle im Club zu spielen. Sie hatte willig mitgemacht, warf sich in Pose, telefonierte, wie er es ihr vorgesagt hatte. Damals war er voller Hoffnung überrascht, dass alles so echt klang.
Doch jetzt, nach dem Desaster, blieb ihm nichts.
Nicht ich habe versagt sie sehen es einfach nicht! Anna hätte mir gehören sollen! Er stand auf, sah durch das Fenster. Der Schnee lag weiß und sanft auf den Dächern, die Welt wirkte ruhig und heil.
Warum hat er alles und ich nichts? Warum Tobias? Ich wär viel besser!
Er wusste, dass er nicht nur Anna verloren hatte auch die Freundschaft zu Tobias war für immer dahin. Aber es rumorte kein Trotz, sondern Bitterkeit in ihm. Das Handy lag still auf dem Tisch, Sebastian rührte es nicht mehr an.
Sollen sie doch in ihrer kleinen Welt bleiben, dachte er grimmig. Irgendwann wird sie merken, dass ich immer der Richtige war. Vielleicht viel zu spät …
Er drehte sich weg vom Fenster, entdeckte auf dem Tisch noch das Blatt Papier: sein schlampig gekritzelter Plan. Wütend zerknüllte er es, warf es fort. Ein Symbol für seinen gescheiterten Traum.
Draußen fiel weiter der Schnee, wie schon seit Tagen in diesem Hamburger Winter.
Was blieb, war nur diese nagende Leere und ein Gedanke, der sich tief in ihm festbiss:
Das hätte mein Glück sein können. Das hätte mein Leben sein sollen …





