Ich war damals fünf oder sechs Jahre alt, noch im Vorschulalter, ganz zu Beginn der neunziger Jahre. Es war die Zeit, als zwei Rentner aus der Stadt in unser Dorf zogen Oma Hannelore und Onkel Karl. Sie kauften das kleine Häuschen genau gegenüber von unserem, niedrig und nur zwei Fenster zum Weg hin, aber der Garten war riesig. Doch wegen ihres Alters wollten sie das Land nicht mehr selbst bewirtschaften. Täglich machten sie Spaziergänge, mal in den Wald, mal ans Flüsschen, und nur selten gingen sie ins nächste Städtchen, um einzukaufen. Sie lebten bescheiden und fast unauffällig. Zu uns kamen sie nie zu Besuch, nur zwei Mal in der Woche kamen sie am frühen Abend und fragten nach frischer Milch. Wir hatten damals noch viele Tiere, aber trotzdem lebten wir recht einfach. Oftmals steckte mir Oma Hannelore heimlich kleine Geschenke zu mal eine Tafel Schokolade, mal ein Notizheft, sogar manchmal eine kleine Münze, einen Fünfmarkschein vielleicht. Eigene Kinder hatten die beiden nie gehabt.
So vergingen etwa drei Jahre, da lebten sie schon bei uns im Dorf, bis eines Abends im späten Winter der Fernseher war gerade ausgeschaltet, wir lagen schon im Bett jemand leise an unser Fenster klopfte. Es war Oma Hannelore. Leise sagte sie nur: Karl ist gestorben.
So gut wir konnten, halfen wir ihr beim Begräbnis.
Oma Hannelore litt sichtlich nach dem Tod ihres Mannes, wurde krank, verließ kaum mehr das Haus. Fast täglich besuchten wir sie nun, und jedes Mal erzählte sie von ihren 52 Jahren mit Onkel Karl, wie sie in schwerer Arbeit in einer Fabrik geschuftet hatten, und schließlich nach der Pension ihrer Nichte die Wohnung in Frankfurt überließen, um aufs Land zu ziehen, zurück zur Natur.
Der Frühling kam. Oma Hannelore hatte sich langsam ans Alleinsein gewöhnt, kam wieder etwas zu Kräften. Eines Tages rief sie mich zu sich ins Haus und zeigte mir in einem Karton einen kleinen, grauen Welpen, der dort herumkrabbelte. Eigentlich hatte ich nie viel für Hunde übriggehabt. Aber als ich diesen Welpen sah, schlug mein Herz auf einmal schneller und ich verliebte mich augenblicklich.
Nach all den Jahren sehe ich mich noch, wie ich auf dem Teppich saß, den Welpen mit dem Finger streichelte, während Oma Hannelore mich und ihn freundlich anschaute das erste Mal nach langer Zeit lächelte sie wieder, wenn auch zahnlos.
Karl und ich, wir hatten nie Katzen oder Hunde. Und Kinder das sollte wohl auch nicht sein. Aber so allein, das ist schwer. Den kleinen Grauen hab ich heute beim Marktplatz im Kreisstädtchen aufgelesen, er saß am Müll. Sie seufzte. Wie kann man so einen putzigen Kerl auch zurücklassen?
Ich starrte den Welpen an und wagte kaum zu atmen.
Was frisst der denn? Der hat sicher Hunger!, fragte ich fast unter Tränen.
Ich hab ihm warme Milch gemacht, aber aus dem Napf kann er noch nicht trinken, der braucht wohl eine Flasche. Aber ich hab keine. Morgen kaufe ich eine, flüsterte Oma Hannelore entschuldigend.
Sofort rannte ich nach Hause und nahm meiner fünf Monate alten Schwester die Nuckelflasche aus dem Mund.
Der Welpe war noch winzig, erst wenige Tage alt. Umständlich fütterte ich ihn mit warmer Milch, drückte sorgsam die Flasche, in ständiger Sorge, dass ihm etwas zustoßen könnte.
Über eine Woche suchten wir Oma Hannelore und ich ohne Erfolg nach einem passenden Namen. Sie lachte immer und wollte ihn wegen seiner rötlichen Ohren Fuchs nennen, ich jedoch war dagegen und schlug Stiller vor, weil er so brav und ruhig war, kaum einmal bellte und immer ganz still in seiner Kiste lag. So war unser Welpe Stiller, Stilli, Stillchen.
Wochenlang, fast bis zum Sommer, päppelten wir unser Stillchen gemeinsam auf wärmten Milch, kochten kleine Mahlzeiten. Als die Sonne stärker wurde, durfte er endlich in den Garten. Stiller war, wahrscheinlich weil ihn niemand gewollt und er nie bei seiner Mutter gesaugt hatte, ein schwacher, kränklicher kleiner Hund, aber wir kümmerten uns aufopferungsvoll um ihn. Nach der Schule lief ich immer direkt zu Oma Hannelore, schaute nach Stiller, machte danach die Hausaufgaben, half Mutter auf dem Hof und verbrachte schließlich die Abende wieder bei ihr. Ich spielte mit Stiller, als wäre er ein Kätzchen, während Oma Hannelore vom Sofa aus lächelnd zusah.
Stiller wuchs über den Sommer kräftig, blieb aber trotzdem klein, nicht größer als dreißig Zentimeter. Morgens ging ich mit ihm angeln, trieb die Kühe mit ihm auf die Weide. Wenn ich keine Zeit hatte, blieb Stiller bei Oma Hannelore, wich ihr nicht von der Seite. Mit seinem Einzug blühte sie richtig auf; sie wurde fürsorglicher, ihre Gesundheit besserte sich sogar. Für Stiller kochte sie getrennt, bürstete ihn, las viele Bücher über Hundeernährung und Pflege.
Ein Jahr zog ins andere, bis zum fünften Jahr waren Stiller und Oma Hannelore unzertrennlich. Jeden Morgen wartete er an unserer Haustür, begleitete mich drei Kilometer zu Fuß bis zur Schule, kam nachmittags zum Abholen. Ob Frühlingstaumel oder Winterkälte, Stiller wich mir nie von der Seite. So vergingen neun Jahre.
Da unsere Schule im benachbarten Dorf nur bis zur neunten Klasse ging, musste ich danach entweder auf das Internat in der Kreisstadt oder aufs Technikum in die große Stadt. Am Familientisch wurde entschieden: Ich sollte nach München.
Am Morgen der Abreise saß ich lange auf Oma Hannelores Stufen, hielt Stiller im Arm und konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Nimm ihn doch mit, wenn du ihn so ungern zurücklässt, schluchzte auch Oma Hannelore.
Wohin denn? Stiller ist doch Ihr Hund. Passen Sie gut auf sich auf. Mama kommt jetzt jeden Tag. Und ich rufe an, so oft ich kann.
Als das Ausflugsschiff ablegte, stand ich auf dem Deck unter Tränen. Stiller rannte auf dem alten, morschen Steg hin und her, die Zunge heraushängend, und starrte mich an, als wollte er nicht verstehen, warum ich ihn zurückließ.
Das Studium am Agrartechnikum nahm mich voll in Anspruch. Tagein, tagaus verschlang ich Bücher über Tiermedizin und Landwirtschaft. Freundschaften pflegte ich kaum, nur manchmal besuchte ich einen ehemaligen Schulkameraden im Nachbarwohnheim.
Kurz vor Weihnachten, als ich gerade die Heimfahrt plante, rief meine Mutter an: Oma Hannelore ging es sehr schlecht, sie lag schon eine Woche im Bett, und Stiller wich keinen Moment von ihrer Seite das Futter wurde ihr ans Bett gestellt.
Ich kam früher als geplant nach Hause. Tatsächlich saß Stiller auf einem Stuhl am Bett und wich ihr nicht von der Seite, blickte sie mit traurigen, feuchten Augen an. Auch Oma Hannelore, abgemagert und schwach, streichelte ihm mit letzter Kraft das Köpfchen, berührte den Ledernasen. Beide waren sichtlich ausgezehrt. Es war ein Bild, das mir das Herz zerriss eine sterbende, einsame Frau, und ihr treuer Hund, letzter Trost im kinderlosen Leben.
Als ich unmittelbar nach Weihnachten zurück in die Stadt fuhr, war mir klar: Ich würde Oma Hannelore nicht mehr lebend sehen. Stiller brachte mich nur noch bis zur Tür er wollte sie keine Sekunde allein lassen. Ich spürte in meinem Herzen den Schmerz dieser kleinen, tapferen Hundeseele, die versuchte, für ihre kranke Herrin zu sorgen, wie ein Kind für seine Mutter.
Im Februar starb Oma Hannelore.
Was hat wohl ein Sechzehnjähriger zu trauern um eine alte Frau und ihren Hund? Das wird so mancher fragen. Doch nicht jeder kann verstehen, wie schmerzhaft der Abschied vom einzigen Menschen ist, an den man wirklich gebunden war und wie tröstlich ein Hund ist, der einen überlebt und dann selbst unter dem Verlust leidet.
Ich konnte heimkommen erst nach den Prüfungen im Mai. Von Stiller fehlte jede Spur. Mutter erzählte, wie er bei der Beerdigung um das Grab rannte, sogar hinein springen wollte; die Männer mussten ihn mit Spaten zurückhalten. Vom Friedhof trugen ihn Nachbarn nach Hause, und Vater zimmerte ihm eine Hütte, innen mit Decken ausgelegt. Aber Stiller wollte auf keinen Fall bei uns bleiben, tagelang schlich er um das leere Haus von Oma Hannelore bis er eines Tages verschwand, ohne auf meine Rückkehr zu warten.
Den halben Sommer suchte ich ihn, ging von Dorf zu Dorf, fragte nach, zeigte sein Foto, durchkämmte die Straßen bis ins Kreisstädtchen. Nichts. Ich dachte mir, er hatte nach der Beerdigung vielleicht geglaubt, sie käme nach Hause zurück, hatte gewartet und als sie nicht kam, war er selbst losgezogen, um sie zu suchen irgendwo, immer unterwegs, unglücklich auf der Suche nach seinem Menschen.
Der August kam.
Eines Tages fuhr unsere Familie zum Friedhof in der Lindenallee bei Nossen. Das war fünfzig Kilometer vom Heimatdorf. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, Stiller dort zu suchen.
Gerade stiegen wir aus dem Auto, als ich schon sah, wie mein Stiller auf mich zurannte die Ohren nach hinten, die Zunge aus dem Maul, im vollen Sprint.
Ich fiel vor ihm auf die Knie und fing an zu weinen.
Stiller, Stillchen, mein Gott, ich hab dich den ganzen Sommer gesucht, Dummerchen, und du warst hier
Er stellte sich auf die Hinterbeine, leckte mir das Gesicht auch er hatte Tränen in den Augen, das konnte man sehen.
Als ich wieder stand, sprang er bis zu meinem Kopf hinauf und wedelte mit dem Schwanz.
Stiller war schmutzig und abgemagert. Aus dem Kofferraum holte ich sofort all unsere mitgebrachten Brote und Braten, Kuchen und Würstchen. Er fraß gierig, und währenddessen ließ er mich nicht aus den Augen.
Ich wischte mir die Tränen ab.
Ist das Ihr Hund?, fragte eine Frau, die aus der kleinen Kapelle kam.
Ja, das ist unser Stiller, antwortete Mutter und tupfte sich die Augen trocken.
Ich arbeite hier in der Kirche und habe den kleinen Hund schon seit dem Frühjahr bemerkt. Er lebt dort am Grab, gräbt wie wild immer wieder. Ich muss das Loch jedes Mal wieder zuschütten, sonst kippt ja bald das Kreuz.
Schnell war allen klar es war das Grab unserer Oma Hannelore.
Wir gingen zum Familiengrab. Stiller wich keinen Schritt von meiner Seite, sein Blick immer auf mich gerichtet, völlig vergessen wo er war.
Das Grab von Oma Hannelore und Onkel Karl war voller Kratzspuren von Stiller, besonders von der Seite, an der Oma lag. Vater richtete das Holzkreuz, Mutter legte Blumen, ich beugte mich nieder und nahm Stiller in den Arm. Er blickte erst zum Grab, dann zu mir, mit still trauernden Augen, und leckte mein Gesicht.
Du solltest ihn nicht zwingen mit uns zu fahren. Vielleicht will er hierbleiben, sagte Vater neben mir auf den Knien.
Ich will ihn nicht hier zurücklassen. Es kommt der Herbst, dann der Winter, und Stiller ist kein junger Hund mehr, fast zehn Jahre alt.” Ich wusste aber, wenn er hierbleiben wollte, würde er ohnehin wieder loslaufen die fünfzig Kilometer, das hält ihn nicht auf.
Als wir das Grab verließen, war Stiller hin- und hergerissen erst lief er zum Grab, dann zu uns. Beim Auto stand er lange, schaute zurück zum Grab, dann sprang er plötzlich zu mir in den Wagen, direkt auf meinen Schoß.
Stiller, mein Bester, nie mehr lasse ich dich allein, schluchzte ich.




