Die Verstoßenen

Ausgestoßene

He, schaut mal! Da, da vorne Da ist ein Kind! Ein Kind, Mensch Hallo! rief ich nach dem Lokführer, winkte hektisch und konnte den Blick nicht abwenden von dem, was ich eben sah.

Ich saß auf dem knarrenden, abgenutzten Holzboden, die Beine von der Treppe baumelnd. Draußen rauschten die dunklen Fichtenwälder an den vorbeihuschenden Masten vorbei, die Felder lagen schon abgeerntet in regelmäßigen Parzellen da.

Der wind blähte meine Hose, kühlte das am Feuer glühende Gesicht angenehm. In solchen Momenten fühlte ich mich fast wie im Flug stark, mächtig, lebendig.

Ich, Friedrich der Heizer, liebte meine kleine Verschublok. Hier auf diesem Streckenabschnitt konnte man tatsächlich auch mal rasten.

In Kassel legst du sowieso noch mal nach, jetzt genieße die Pause, meinte der alte Lokführer, Paul Sandmann, immer gern, wenn er mich so sitzen sah: mit nachdenklichem, rußverschmiertem Gesicht.

Ich schätzte den Lokführer sehr, seinen Gehilfen den eingebildeten Jens hingegen konnte ich nicht leiden. Ein hochnäsiger, spöttischer Typ.

Wollen wir was essen? schlug Jens vor, kramte in seinem Rucksack und holte ein in Zeitungspapier gewickeltes Paket hervor.

Auch Paul zog sein belegtes Brot heraus. Ich hatte dieses Mal verschlafen, war zu spät losgerannt, hatte nichts mehr eingepackt.

Na los, hol dir was. Iss was, rief Jens.

Ich winkte ab. Noch drei Stunden bis zum Schichtwechsel. Gestern Abend hatte ich zu Hause noch Kohl geschnippelt. Vielleicht könnte ich später zu Gertrud, meiner Nachbarin, rübergehen.

Nur, der Gedanke daran stimmte mich seltsam melancholisch. Zwischen mir und Gertrud lag ein unsichtbarer Schatten, irgendetwas Dunkles und Beklemmendes, das mich in meinen eigenen Augen klein und unzuverlässig machte.

Selbst jetzt, beim Blick auf den sonnenüberfluteten Birkenhain, wurde mir schwer ums Herz, wenn ich an Gertrud dachte.

Und plötzlich

He, schaut mal! Da, da vorne Da ist ein Kind! Ein Kind! Hallo! Ich winkte dem Lokführer, meine Stimme überschlug sich, und der Blick blieb gefangen von dem, was sich da zeigte.

Das Kind saß auf dem Boden, den Rücken an einen Kiefernstamm gelehnt, die nackten Beinchen nach vorne ausgestreckt, das Gesicht tief gesenkt. Aber ich hatte genau gesehen, wie es den Kopf nach unserem Zug drehte ganz eindeutig: lebendig

Wo? Was hast du gesehen? Jens lehnte sich weit aus dem Fenster, doch mittlerweile hatte das Gebüsch das Kind schon verschlungen.

Ich sprang zu Paul Sandmann, zog an der Glocke.

Wir müssen das melden! Sofort dem Bahnhof Bescheid geben.

Du machst gleich so ne Welle wegen nix.

Da ist ein Kind mutterseelenallein.

Ach was, ist jetzt Pilzsaison, die sind bestimmt Pilze sammeln.

Sah nicht so aus. Es war alleine.

Vielleicht ist die Mutter oder Oma in der Nähe.

Glaube ich nicht, beharrte ich.

Jetzt fang nicht wieder an: Glaube ich nicht, glaube ich nicht knurrte Jens. Wer weiß, wer hier alles rumläuft. Und du schlägst gleich Alarm.

Ich schwieg. Am liebsten hätte ich Jens ordentlich die Meinung gesagt, aber mir fehlten die Worte, und das wurmte mich noch mehr. Warum wusste ich einfach, dass dieses Kind in Not war? War es die Körperhaltung, oder hatte ich im Blick des Jungen etwas erkannt?

Paul Sandmann, lass uns in Kassel nachfragen. Nicht, dass jemand ein Kind sucht. Der hat zum Zug geschaut wie, als ob er Hilfe erwartet. Ich hab das gesehen.

Fragen wir, klar. Haben sowieso Zeit. Wasser müssen wir dort eh nachfüllen.

Mit einer merkwürdigen, inneren Kränkung schwang ich die eiserne Feuertür auf und schaufelte Kohle in den Schlund. Roter Schein flackerte auf mein Gesicht.

Das Kind hat mich an mich selbst erinnert

***

Friedrich! He, Friedrich! Du Nichtsnutz! Überlasser! Warum hast du die Hühner nicht gefüttert? Schuft! Mörder

Damals war ich sechs. Vor Hunger trank ich rohe Eier, pflückte Vogelbeeren, schlief in der leeren Scheune, wenn ich wieder bestraft wurde. Und das passierte häufig. Einmal stellte mich meine Mutter beinahe nackt in die Kälte. Ich weiß noch, wie ich heulte, das gefrorene Stroh vom Boden zupfte und versuchte, mich damit zuzudecken, bis ich dann barfuß übers verschneite Feld zu den Nachbarn gelaufen bin. Ich wusste, Mama würde mich für diese Flucht noch mehr hassen, aber ich lief trotzdem.

Sie tötete mich nicht. Zwei Tage lebte ich bei den Nachbarn, dann kam ich ins Krankenhaus, und von dort ins Waisenhaus. Die Nachbarin erzählte immer, wie ich bei ihr eine vertrocknete Scheibe Zwieback unter dem Tisch fand und sich nicht davon trennen ließ.

Komisch: Meine Mutter kam später oft ins Heim, weinte, flehte, mich zurückzugeben. Willst du heim? fragte man mich. Ich schüttelte nur den Kopf und sah auf den Boden, wich ihr aus. Sie hat nie getrunken. Etwas Defektes war einfach in ihr eine Mischung aus Verbitterung und Dummheit.

Und dann begann das Heimleben. Hart war das. Ich zog mich zurück, versteckte mich im Spind, um in Ruhe gelassen zu werden, nicht verprügelt zu werden von den Älteren. Ich war sommersprossig ein Wunderpunkt, einer von denen, die man ständig schlug.

Mit der Zeit lernte ich, mich zu wehren. Meine Fäuste waren oft blutig. Immer war ich schuld.

Nur gegen Frauen konnte ich nie die Hand heben. Sie schon mir. Da war etwa eine, Frau Schuster, und die hat mich mal böse getreten, weil ich gepetzt hatte. Sie ließ mich für sie Mittagessen holen ins Lehrerzimmer, bis mal der Direktor sie fragte: Wohin mit dem Essen? Und ich habs aus Angst vor seinem Blick zugegeben.

Später hat sie mich Ich wusste, wenn ich sie jetzt schlage, knallt sie gegen die Wand. Aber ich konnte nicht sie war eine Frau. Ich spuckte Blut und heulte auf der Toilette.

Alles erlebt

Nach dem Heim wurde ich zur Bahn versetzt. Lebte erst im Wohnheim, zehn Mann auf dem Zimmer. Aber das war schon Freiheit!

Nach der Wehrpflicht bekam ich einen Posten als Heizer auf dem Knotenbahnhof in Eichenstedt. Eine kleine Sozialwohnung wurde mir zugewiesen. Ich war selig. Endlich mein eigenes Zuhause!

Eichenstedt das war ein winziger Bahnhof mit dem Haus vom Fahrdienstleiter, zwanzig Häusern, teils alt, teils modern, mit Asbestdächern bedeckt, eine kleine Schule aus grünen Brettern, ein Kindergarten im Nachbarhaus.

Dass meine Bude aus Sperrholz war, der Sand durch die Fenster zog und Ratten am Boden nagten, schreckte mich nicht. Nicht aus Mut, sondern weil ich keine Probleme kannte nie jemand da, der mich hätte bemitleiden oder lehren können. Außer Gertrud, geschieden, Schrankenwärterin, allein mit ihrem Sohn.

Ach, du Jammerlappen, geh zum Vorarbeiter, hol dir Lehm oder Zement, sonst erfrierst du noch in dem Loch, schimpfte Gertrud.

Sie half mir vielleicht aus Mitleid, vielleicht, weil auch sie Nähe brauchte.

Müssen wir jetzt heiraten, oder? fragte ich nach der ersten gemeinsamen Nacht trottelig.

Gertrud lachte sich schlapp. Ach Gott, heiraten! Hab lang genug gesucht, und dann dich gefunden

Ich zog mich an, grinste verlegen, um nicht komplett dämlich zu wirken. Offenbar wars nicht nötig zu heiraten. Das war mir ein bisschen peinlich, aber auch eine Erleichterung ich wollte eigentlich gar nicht heiraten.

Nein, Friedrich, ein Kind hab ich! Noch eins brauch ich nicht. Aber den Februar solltest du schon über bei mir bleiben, sonst erfrierst du in deiner Hütte. Ich weiß gar nicht, was die euch in eurem Heim beigebracht haben!

Unsere Beziehung war on-off, schwankte mit Gertruds Launen, und mittlerweile empfand ich sie eher als Belastung.

***

Inzwischen dampfte unsere Lok über den Hügel, und wir sahen das Dorf. Ankunft im Bahnhof Kassel.

Paul Sandmann, du gehst fragen? Ich lehnte mich über das Geländer.

Ja, mache ich

Paul und Jens verschwanden in den Dienstraum, ich schnappte mir eine Blechkanne und Seife, sprang auf den Bahnsteig und schlich unter den Waggons zum Wasserturm. In den Dienstraum musste ich nicht. Wenns was gab, würde Paul das schon berichten.

Ich zog mein Unterhemd aus, drehte den Hahn auf und wusch mich. Die Seife prickelte, das Wasser tat gut. Noch tropfnass lief ich zurück, stieg in die Lok.

Paul und Jens kamen kurz darauf hastig zurück. Bahnhofswechsel stand an.

Nachgefragt?

Was denn?

Na, das Kind

Ach Friedrich, jetzt lass gut sein! Die Rangierfahrt muss los, Güterwagen verschieben Feuer machen!

Ich warf die Stoker an, das Feuerwerk rauschte los.

Freies Signal, brüllte Jens.

Fahren wir nicht mehr zum Bahnhof? rief ich gegen das Tuten an.

Nee Ab zur Hauptstrecke. Willst du etwa nicht nach Hause? antwortete Jens für Paul.

Ich sah Jens streng an, sagte nichts. So einer wie er kann doch nicht verstehen, wie es mir geht. Oder wie dem Kerlchen unter der Kiefer

Während wir warteten, fragte ich Paul:

Paul, ich hab da schon aufgelegt. Ich würd fix wieder zurück zum Bahnhof laufen, kurz fragen. Es dauert nicht lang.

Wo willst du hin, was, wenn dus nicht rechtzeitig schaffst? Hier ist viel los!

Das schaff ich, bin gleich zurück

Nein

Doch die Wartezeit zog sich. Paul sah, dass ich schon auf der Lippe kaute und winkte ab:

Aber komm bloß sofort zurück. Warten tun wir nicht!

Im Laufschritt über die Gleise, stürmte ich ins Revier:

Grüezi, ich bin vom Rangierdienst. Da war ein Kind im Wald habt ihr hier jemand Vermisstes? Sucht vielleicht jemand?

Die junge Frau und der alte Fahrdienstleiter wechselten einen Blick. Nein, bisher keine Meldung. Ich beschrieb, wo ich das Kind gesehen hatte falls jemand was suchte und rannte zurück. Gerade rechtzeitig.

Wir schoben uns auf der Rückfahrt mit dem Zug gemächlich auf die Nebenstrecke.

Paul, schmeiß mich bei Kilometer hundertsechsunddreißig raus, sagte ich leise, als Jens draußen war. Sonst würde der wieder alles besser wissen.

Du bist verrückt, Junge! Warst den ganzen Tag unterwegs wie willst du heimkommen?

Ich finde schon was. Per Anhalter, irgendwas

Du spinnst. Hast dir was eingebildet, wegen dem Kind

Ich hab was aufgelegt und der Hang Ach, Paul!

War da echt ein Kind?

Ja. Und ihm schiens nicht gut zu gehen. Ich kann nicht schlafen, wenn ich den allein lasse.

Ach, Friedrich, du Dussel! Na gut. Nimm wenigstens ein Butterbrot mit, sonst lass ich dich nicht raus.

Jens schimpfte ohnehin genug.

Der Zug hielt an, ich sprang mit meiner Stofftasche ab, drehte mich noch mal zu den rußigen Rädern um. Ein Schwall Dampf, dann ratterte der Zug davon, und bald übernahm die Stille des Waldes.

Vogelgezwitscher, Grillen zirpten als hätte es die Lok nie gegeben.

Ich lief am Waldrand entlang Richtung der Stelle, an der ich das Kind gesehen hatte. Der Weg war bekannt. Über einen kleinen Damm, den Hügel hinauf, voran über Gräser und Äste. Da: die Kiefer, der Graben in den Wald das Kind war nicht zu sehen.

Ich stiefelte herum, rief leise niemand antwortete. Nur der Waldboden war an der Stelle platt gedrückt, ein Loch mit einem Stock ausgekratzt.

Ich hockte mich, ruhte kurz aus. Jens hatte wohl recht. Irgendwelche Pilzsammler Ich hatte mir das unnötig schwer gemacht. Jetzt blieb nur noch der Weg durchs Dickicht bis zum Dorf, das irgendwo abseits lag, von da zur Straße und nach Chancen auf eine Mitfahrgelegenheit suchen.

Zu Fuß hier war ich nie unterwegs gewesen, kannte das Gebiet nur von der Karte. Am leichtesten ging es dem Graben entlang.

Es war ein kühler Sommertag. Trotz Hunger war ich froh über die Waldfrische, stellte mir vor, das Butterbrot erst später zu essen. Nach der Hitze in der Lok war es wie ein Rausch, so klar war die Luft.

Die Bäume ragten in das Himmelsblau, Vögel stoben auf, Wasser plätscherte. Ein kleiner Bach floss zwischen Schilf hindurch das war gut. Ich suchte eine Stelle, um Hände und Gesicht zu waschen, vielleicht das Butterbrot zu verspeisen.

Ich war schon in Gedanken, ganz woanders, als das Schilf sich plötzlich bewegte.

Ich ging zurück, da stand wirklich ein Kind im Schilf. Genau das, was ich gesucht hatte.

Es war ein Mädchen. Das Kopftuch hing ihr über die Schultern, die Zöpfe fielen wirr ins Gesicht, sie trug einen grauen Pullover, zu große Leggings, war barfuß. Wahrscheinlich hatte sie gerade Wasser getrunken. Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Lippen, sah mich erschrocken an.

Na sieh mal einer an! Dich hab ich gesucht, ich legte mir die Hand auf die Brust.

Sie regte sich nicht. Aus dem Schilf konnte man sie kaum sehen.

Komm raus. Bist du verlaufen?

Sie schwieg, senkte den Kopf. Ich stieg zu ihr hinunter, doch sie wich aus, schlug sich am Bach entlang durchs Schilf.

Was ist los? Keine Angst, ich bring dich nach Hause. Warte!

Ich beeilte mich, packte sie am Arm. Sie spannte sich an, runzelte die Stirn. Ihre Füße waren ganz nass sie war im Wasser umhergelaufen.

Du erkältest dich sonst, komm mit!

Ich holte sie raus, setzte sie ins Gras, nahm sie auf den Schoß. Mit Kindern kannte ich mich aus, im Heim mussten wir oft auf die Kleinen aufpassen.

Warum bist du barfuß? Hier im Wald barfuß, das geht doch schief. Da schneidest du dir die Füße auf und kalt ists auch.

Ich zog ihr die nassen Leggings aus, nahm ihre kalten Füße in die Hände, wärmte sie ganz wie Paul Sandmann.

Schau dir das an Eiszapfen hast du an den Beinen, Mädel Nur Geduld, wir kriegen das wieder hin.

Ich wollte nicht, dass sie wieder weglief, nahm meine dicken Socken, zog sie ihr bis über die Knie an. Sie spendeten ihr warm, aber rutschten runter.

So kommen wir nicht weit, du Schönheit

Seit ich das Mädchen gefunden hatte, fühlte ich mich merkwürdig sicher. Ich war förmlich stolz auf die Verantwortung.

Hier, nimm das.

Ich packte das Butterbrot aus Zeitungspapier ein, reichte es ihr. Doch ich konnte an nichts anderes mehr denken als an dieses Kind.

Der Käse rollte aus dem alten Brot, doch das Mädchen packte es fest, kaute mit solchem Hunger, dass ich an die Geschichte mit meinem Zwieback denken musste. Wer hätte ihr jetzt das Butterbrot wegnehmen wollen? Krümel sammelte sie von meiner noch rußigen Hand auf.

Lass dir Zeit

Sie wurde nicht satt, schaute mich mit großen Augen an.

Mehr ist nicht da. Und das reicht für dich erst einmal. Glaub mir.

Ich wusste das aus Erfahrung. Einmal waren zwei Jungs aus dem Heim abgehauen, monatelang auf der Straße, und nach ihrer Rückkehr fütterte man sie in der Heimküche ohne Ende beide bekamen eine schwere Magenumkehr, einer wurde sogar operiert und überlebte nur knapp.

Mit meinem Taschenmesser schnitt ich die Henkel von meiner Stofftasche ab und band ihr die Socken an, damit sie nicht mehr rutschten.

Los, ich trag dich ein Stück, dann läufst du selbst weiter, einverstanden?

Ich nahm sie auf den Arm, aber durch das unebene Gelände wurde es bald zu schwer. Ein bisschen lief sie nun auch selbst. Nach wie vor schwieg sie, antwortete nicht auf Fragen, schüttelte nicht einmal den Kopf. Ich fragte mich schon, ob sie taubstumm sei?

Halt mal, bei einem gefallenen Stamm, jetzt steig auf den Buckel.

Sie verstand. Kletterte flink auf meinen Rücken, schlang die dünnen Arme um mich. So ließ es sich leichter aushalten. Wir pausierten wieder. Ich wollte zur nächsten Ortschaft und mich durchfragen.

Wir hielten am Bach. Ich wollte trinken, hatte Durst, auch Hunger.

Würde sie weglaufen? Ich lauschte. Ein Ast knackte sie kam mir nach, sprang zu mir runter an den Bach.

Nicht schon wieder nasse Füße! Pass auf, sagte ich streng, spritzte sie dann zum Spaß mit Wasser nass.

Sie zuckte zusammen, rannte ein Stück, drehte sich aber um, und ein Hauch von Lächeln erschien auf ihrem Gesicht sie hatte es als Scherz verstanden.

Wir hatten das eigentliche Dorf übergangen, erreichten ein kleines Feld, auf der einen Seite eine winzige Siedlung, auf der anderen die Landstraße. Ich entschied mich fürs Dorf vielleicht kannte man sie. Und wir beide brauchten eine Pause, etwas Warmes.

Ich klopfte am nächsten Gartenzaun, ein Hund bellte. Eine freundliche Frau im schmutzigen Schürze öffnete, Schweine grunzten dahinter.

Ich schilderte kurz unser Anliegen.

Sind Sie auch wirklich kein Betrüger? musterte mich die Bäuerin.

Nein, ich bin Heizer von der Rangierlok. Wir fahren hier ständig vorbei.

Donnerwetter, ist ja ein Stück. Kommen Sie rein! Warum läuft das Kind ohne Schuhe?

Sie hieß Marianne und starrte, wie ich, das Mädchen beim Essen an. Mit der Hand schöpfte das Mädchen die letzten Nudeln aus dem Teller und nuckelte an den Fingern.

Heiliges Blechle Bleiben Sie hier, ich frag mich mal durch, ob irgendwo ein Kind fehlt. Da auf dem Schlafboden kann sie ruhen. Sieh mal an, schläft schon.

Ihre Finger blieben noch im Mund, sie war überm Teller eingeschlafen. Ich hob sie sachte hoch, legte sie an den Ofen und aß selbst noch von der Suppe, lehnte mich an die warme Ofenbank und nickte ein.

Wir wurden durch die zuschlagende Tür geweckt. Marianne war zurück, und sie war nicht allein: Neben ihr eine uralte Frau am Stock. Wir begrüßten uns.

Sie kam zu dem Mädchen, sah es sich lange an.

Ja, das ist sie. Und den Stall kenne ich auch Vielleicht irre ich mich, aber diese Augen…

Wer ist sie? fragte ich.

Da gibt es ein ganz verlassenes Fleckchen, Altenhain, drei Häuser, dorther kommt die Apollonia, erzählte Marianne, die Bäuerin. Eigentlich gibt es den Ort gar nicht mehr, Häuser verfallen, drei alte Menschen. Kein elektrisches Licht, keine Brunnen, nur der Bach. Das Mädchen ist bestimmt von dort. Die Mutter ist längst weggezogen, hat ihre Tochter bei der Oma gelassen. Das ist dieses Kind, sie zeigte auf die Kleine. Und die Oma ist alt, senil bestimmt. Sonst gibts niemanden meer.

Wie weit ist das noch? Der Tag neigte sich und ich wurde nervös.

Es wird bald dunkel. Wir fragen Victor, den Nachbarn, er bringt Sie auf dem Mofa rüber. Das Kind abliefern, und er fährt Sie zur Straße oder wohin Sie wollen.

Marianne kam mit zum Nachbarn. Er war in meinem Alter, unkompliziert.

Ich holte das Mädchen, während die alte Apollonia sie am Kopf streichelte das Mädchen schlief tief.

So, ich nehme sie, vielleicht wacht sie gar nicht auf, ich hob sie auf und trug sie hinaus.

Ihr seid beide Ausgestoßene murmelte die Greisin leise.

Wie meinen Sie?

Nichts, nur Mitleid, sonst nichts…

Ich verstand nicht, was sie meinte. Draußen in die Seitenwagen gesetzt, das Mädchen kuschelte sich fest an mich. Nach ein paar Kurven schlief sie wieder.

Bald senkte sich die untergehende Sonne. Der Wind fegte durch die Baumwipfel, ich genoss das Tempo, das Ziel vor Augen. Es gab nichts Besseres, als diesen Moment im Fahrtwind, das Gefühl, etwas bewirkt zu haben. Dass ich für das Mädchen da war und nicht einfach nur an mir dachte.

Wir rasten einen schmalen Feldweg entlang, durchquerten wuchernde Felder, rollten über eine kleine Brücke und erklommen den Hügel. Das war Altenhain die letzten drei windschiefen, dem Erdboden entgegenfallenden Häuschen.

Ein krummer Kerl kam den Weg hinuntergewankt.

Ei, ei, von wo denn ihr? Ach, da ist sie ja! Die Oma hat schon geschrieen und sie, jetzt

Hallo, ist das Ihre Tochter? fragte Victor streng.

Unsere, unsere…, nickte er, ein bisschen verwirrt.

Haben Sie die Polizei informiert?

Wir haben ja keine Polizei hier Was für ein Theater

Ihr sucht nicht mal nach dem Kind?

Suchen doch! Die Liesel auch, und ich Wir haben alles abgesucht. Da drüben im Gehölz Pilze gesammelt Und Liesel ist da, na

Wer ist Liesel?

Die Frau da hinten. Aber die schläft, hat sich was gegönnt, verstehen Sie? Die Apollonia wohnt im anderen Haus, aber die ist schon ganz durcheinander…

Er sprang von einem Thema zum nächsten. Schwer zu verstehen, der Mann.

Und wie lebt man hier so?

Victor und ich schoben das Mofa näher ans Haus.

Aufwachen, angekommen!

Ich weckte das Mädchen. Aufwachen, du Findelkind. Zu Hause, bei Oma.

Das Haus war schief, die Tür verklemmt, der Dreck stank, Lehmboden.

Wie überlebt man hier den Winter? fragte Victor.

Da ertönte hinter dem Ofen ein wilder Schrei. Das Mädchen klammerte sich an Victor. Auf dem Bett lag eine Greisin, das Zimmer war voll Gerümpel, aus dem alten Bettzeug quollen Fetzen.

Die Alte hievte den Arm, schrie wieder los.

Ruhig, Oma, ruhig, Victor fasste sich zuerst, Ihre Enkelin ist zurück. Sehen Sie, wir haben sie gebracht.

Das Mädchen ging zu ihr, kletterte aufs Bett, legte sich dazu. Der steife Arm der Alten legte sich auf das Kind, und sie schloss die Augen.

Die Sonne verschwand, das Kind war Zuhause.

Ich lernte, dass Ausgestoßene sich manchmal finden müssen. Manchmal ist das Einzige, was sie haben, nur Mitleid und manchmal reicht das, um einander durchs Leben zu helfen.

Ich fuhr zurück, müde, hungrig, aber zufrieden wusste jetzt, dass Verantwortung einem Sinn schenkt, den sonst nichts ersetzen kann.

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Homy
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Die Verstoßenen
Das Herz des Katers schlug dumpf in seiner Brust, Gedanken wirbelten umher, seine Seele schmerzte. Was konnte nur passiert sein, dass die Besitzerin ihn fremden Menschen übergeben und verlassen hatte? Als Olesja zur Einweihung ihrer bescheidenen Altbau-Einzimmerwohnung, die sie mühsam zusammengespart hatte und die noch kaum eingerichtet war, einen pechschwarzen British-Kurzhaarkater geschenkt bekam, stand sie minutenlang unter Schock. Andere Probleme forderten ihre Aufmerksamkeit und nun plötzlich auch dieser Kater. Nachdem Olesja sich gefasst hatte, blickte sie in die bernsteinfarbenen Augen des schwarzen Katerchens, seufzte, lächelte und fragte denjenigen, der ihr den Gast gebracht hatte: – Ist das ein Kater oder eine Katze? – Ein Kater! – Na gut, Kater, ab jetzt bist du Barsek, – sagte sie zum Kätzchen. Das öffnete brav das kleine Mäulchen und krächzte leise „Miau“… ***** Bald stellte sich heraus, britische Katzen sind ganz unkomplizierte Wesen. Und so lebten Olesja und Barsek bereits drei Jahre lang harmonisch zusammen. Im Alltag schenkte Barsek Trost, Wärme und Freude – vom Begrüßen nach Feierabend über gemeinsame Filmabende bis zum sanften Schnurren neben dem Bett. Das Leben erstrahlte in neuen Farben. Es ist schön, jemanden zuhause zu haben, mit dem man lachen und sich auch mal ausweinen kann, vor allem wenn man verstanden wird, ohne viele Worte. Doch das Glück wurde getrübt. Olesja bemerkte Schmerzen in ihrer rechten Seite, erst dachte sie an Muskelzerrung oder schweres Essen. Als die Beschwerden stärker wurden, ging sie zum Arzt. Nach der Diagnose weinte sie sich in ihr Kissen, Barsek kuschelte sich an sie und versuchte sie mit melodischem Schnurren zu beruhigen. Unbemerkt schlief Olesja ein. Am Morgen beschloss sie, ihrer Familie nichts zu sagen, um mitleidige Blicke und hilflose Ratschläge zu vermeiden. Ein Rest Hoffnung auf Heilung blieb. Die Frage blieb: Was sollte mit Barsek geschehen? Im Innersten, im Angesicht des drohenden Schicksals, beschloss Olesja, ein neues gutes Zuhause für Barsek zu suchen. Sie stellte eine Anzeige ins Internet: „Purer British Kurzhaarkater in gute Hände abzugeben.“ Als der erste Anrufer nach dem Grund fragte, warum sie sich von ihrem ausgewachsenen Tier trennt, erfand Olesja aus Versehen die Geschichte, sie sei schwanger und hätte überraschend eine Katzenhaarallergie entwickelt. Drei Tage später zog Barsek samt Zubehör zu seinen neuen Besitzern, Olesja wurde ins Krankenhaus eingeliefert… Nach zwei Tagen rief sie die neuen Besitzer an und fragte nach Barsek. Mit hundertfachen Entschuldigungen teilten sie ihr mit, dass der Kater noch am selben Abend entlaufen war und bis heute nicht gefunden wurde. Ihr erster Impuls war, aus dem Krankenhaus auszubüxen, um den Kater zu suchen – doch die diensthabende Schwester nahm sie streng in die Pflicht. Ihre Zimmernachbarin, eine zarte ältere Dame, bemerkte Olesjas Unruhe und fragte nach. Olesja brach in Tränen aus und erzählte alles. – Warte noch mit der Trauer, mein Kind, – sagte die Frau, – morgen kommt ein Spezialist aus Berlin. Mein Sohn, das ist ein erfolgreicher Unternehmer, wollte mich sowieso in eine bessere Klinik bringen, aber ich habe abgelehnt. Wie er das durchgesetzt hat, weiß ich nicht. Ich bitte ihn, dass der Spezialist dich auch untersucht. Vielleicht ist doch alles halb so schlimm, – sprach sie und streichelte Olesja liebevoll über die Schulter. **** Barsek, der sich aus der Transportbox befreit hatte, realisierte schnell, dass er sich in einer fremden Wohnung befand. Als eine fremde Hand nach ihm griff, knallten die Nerven durch: Er schlug mit der Pfote zu und raste in eine dunkle Ecke. – Pavel, lass ihn in Ruhe, er muss sich erstmal eingewöhnen, – sprach eine Frauenstimme, doch sie gehörte nicht seiner Besitzerin. Das Herz des Katers schlug dumpf in seiner Brust, die Gedanken wirbelten, die Seele schmerzte. Was konnte geschehen sein, dass die Besitzerin ihn fortgab, warum hat sie ihn verlassen? Mit angstvollen bernsteinfarbenen Augen suchte er das Zimmer ab – bis er ein offenes Fenster entdeckte. Wie ein schwarzer Blitz schoss er hinaus! Sein Glück: Das war nur der zweite Stock, und darunter lag ein gepflegter Rasen. Dort begann Barseks Rückweg nach Hause… ***** Der Spezialist entpuppte sich als gutaussehende Frau um die Vierzig, die sich als Dr. Maria Paulsen vorstellte. Nach eingehender Untersuchung und Auswertung sämtlicher Befunde erklärte sie Olesja freundlich, die Krankheit sei gut behandelbar; zwei Wochen Klinikaufenthalt und Therapie, und sie würde wieder gesund. Als die Ärztin gegangen war, sagte die Nachbarin lächelnd: – Na, siehst du! Ich bin froh, vor meinem Abschied noch einer jungen Frau helfen zu können. Sei glücklich, mein Kind! ***** Barsek hatte keinen Leitstern, er folgte einfach seinem Kater-Instinkt zurück nach Hause. Seine Reise voll Hindernissen, Gefahren und skurrilen Zwischenfällen verwandelte den einstigen Luxus-Kater in einen Überlebenskünstler. Nie zuvor die Straßen gesehen, verwandelte sich der noble Brite innerhalb eines Tages in einen furchtlosen Straßenkater. Barsek mied lärmende Straßen, schlich sich voran, sprintete, kletterte auf Bäume und verfolgte nur ein Ziel: heimkehren. In einem kleinen stillen Hinterhof, benommen vom Verkehrslärm, traf er auf einen erfahrenen Kater-Boss. Der machte mit lautem Miauen klar, wer hier das Sagen hatte, doch Barsek ließ sich nicht einschüchtern – eine kurze, aber energische Auseinandersetzung besiegelte den Sieg für den Heimat suchenden Kater. Sein Weg ging weiter. Wie seine Vorfahren schlief Barsek zwischen Astgabeln auf Bäumen. Oh je, wie peinlich: Barsek lernte, aus Mülltonnen zu fressen und anderen Straßenkatzen Futter zu stibitzen, das von mitfühlenden Nachbarn ausgelegt wurde. Einmal traf er auf eine Gruppe Straßenhunde, die ihn auf ein schwankendes Bäumchen jagten und versuchten, ihn zu erwischen. Menschen verscheuchten die Hunde; eine Frau lockte Barsek mit leckerer Wurst. Hunger und Angst ließen ihn sogar auf den Arm nehmen. Nachdem er sich gestärkt und etwas erholt hatte, erinnerte er sich wieder an sein Ziel und nutze eine günstige Gelegenheit, um aus der Wohnung herauszuwitschen und seinen Weg nach Hause fortzusetzen… ***** Nach der Entlassung fuhr Olesja nach Hause. Die Worte der alten Frau im Krankenhaus hallten noch nach: „Sei glücklich!“ Sie war unsäglich erleichtert, dass der schlimme Verdacht ausgeräumt war. Dennoch schmerzte ihr das Herz wegen Barsek. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie in ihre leere Wohnung zurückkehren sollte, ohne ihren schwarzen Gefährten. Kaum über die Schwelle getreten, rief sie die früheren Besitzer an, holte deren genaue Adresse ein und fuhr direkt dorthin. Sie fand heraus, wie Barsek entlaufen war und beschloss, auf seiner Spur weiterzusuchen. Man sagte ihr, dass das unrealistisch sei, zwei Wochen seien vergangen, vermutlich hätte ein Wohnungskater draußen nicht überlebt. Doch Olesja wollte das nicht glauben. Sie lief von Hof zu Hof, durchsuchte Parks, Garagen, dachte wie eine Katze, die niemals zuvor auf der Straße war. Sie rief Barsek, spähte in dunkle Kellerfenster. Als sie schon fast zuhause war, begriff sie: der Kater blieb verschwunden. Wie sollte er, der die Stadt nicht kannte, bis hierher finden? Mit traurigem Blick betrat sie ihren Hof, Tränen stiegen auf, ihr Herz war schwer. Durch den Schleier der Tränen erkannte sie auf der anderen Seite des Gehwegs einen schwarzen Kater auf sie zukommen. „Ein schwarzer Kater“ – fuhr es durch ihren Kopf. Olesja hielt inne, sah genauer hin – es war Barsek. Sie stürzte mit einem Aufschrei „Barsek!“ los. Doch der Kater lief nicht auf sie zu, er hatte keine Kraft mehr und setzte sich, blinzelte vor Glück und krächzte leise: „Geschafft.“