Die Verstoßenen

Ausgestoßene

He, schaut mal! Da, da vorne Da ist ein Kind! Ein Kind, Mensch Hallo! rief ich nach dem Lokführer, winkte hektisch und konnte den Blick nicht abwenden von dem, was ich eben sah.

Ich saß auf dem knarrenden, abgenutzten Holzboden, die Beine von der Treppe baumelnd. Draußen rauschten die dunklen Fichtenwälder an den vorbeihuschenden Masten vorbei, die Felder lagen schon abgeerntet in regelmäßigen Parzellen da.

Der wind blähte meine Hose, kühlte das am Feuer glühende Gesicht angenehm. In solchen Momenten fühlte ich mich fast wie im Flug stark, mächtig, lebendig.

Ich, Friedrich der Heizer, liebte meine kleine Verschublok. Hier auf diesem Streckenabschnitt konnte man tatsächlich auch mal rasten.

In Kassel legst du sowieso noch mal nach, jetzt genieße die Pause, meinte der alte Lokführer, Paul Sandmann, immer gern, wenn er mich so sitzen sah: mit nachdenklichem, rußverschmiertem Gesicht.

Ich schätzte den Lokführer sehr, seinen Gehilfen den eingebildeten Jens hingegen konnte ich nicht leiden. Ein hochnäsiger, spöttischer Typ.

Wollen wir was essen? schlug Jens vor, kramte in seinem Rucksack und holte ein in Zeitungspapier gewickeltes Paket hervor.

Auch Paul zog sein belegtes Brot heraus. Ich hatte dieses Mal verschlafen, war zu spät losgerannt, hatte nichts mehr eingepackt.

Na los, hol dir was. Iss was, rief Jens.

Ich winkte ab. Noch drei Stunden bis zum Schichtwechsel. Gestern Abend hatte ich zu Hause noch Kohl geschnippelt. Vielleicht könnte ich später zu Gertrud, meiner Nachbarin, rübergehen.

Nur, der Gedanke daran stimmte mich seltsam melancholisch. Zwischen mir und Gertrud lag ein unsichtbarer Schatten, irgendetwas Dunkles und Beklemmendes, das mich in meinen eigenen Augen klein und unzuverlässig machte.

Selbst jetzt, beim Blick auf den sonnenüberfluteten Birkenhain, wurde mir schwer ums Herz, wenn ich an Gertrud dachte.

Und plötzlich

He, schaut mal! Da, da vorne Da ist ein Kind! Ein Kind! Hallo! Ich winkte dem Lokführer, meine Stimme überschlug sich, und der Blick blieb gefangen von dem, was sich da zeigte.

Das Kind saß auf dem Boden, den Rücken an einen Kiefernstamm gelehnt, die nackten Beinchen nach vorne ausgestreckt, das Gesicht tief gesenkt. Aber ich hatte genau gesehen, wie es den Kopf nach unserem Zug drehte ganz eindeutig: lebendig

Wo? Was hast du gesehen? Jens lehnte sich weit aus dem Fenster, doch mittlerweile hatte das Gebüsch das Kind schon verschlungen.

Ich sprang zu Paul Sandmann, zog an der Glocke.

Wir müssen das melden! Sofort dem Bahnhof Bescheid geben.

Du machst gleich so ne Welle wegen nix.

Da ist ein Kind mutterseelenallein.

Ach was, ist jetzt Pilzsaison, die sind bestimmt Pilze sammeln.

Sah nicht so aus. Es war alleine.

Vielleicht ist die Mutter oder Oma in der Nähe.

Glaube ich nicht, beharrte ich.

Jetzt fang nicht wieder an: Glaube ich nicht, glaube ich nicht knurrte Jens. Wer weiß, wer hier alles rumläuft. Und du schlägst gleich Alarm.

Ich schwieg. Am liebsten hätte ich Jens ordentlich die Meinung gesagt, aber mir fehlten die Worte, und das wurmte mich noch mehr. Warum wusste ich einfach, dass dieses Kind in Not war? War es die Körperhaltung, oder hatte ich im Blick des Jungen etwas erkannt?

Paul Sandmann, lass uns in Kassel nachfragen. Nicht, dass jemand ein Kind sucht. Der hat zum Zug geschaut wie, als ob er Hilfe erwartet. Ich hab das gesehen.

Fragen wir, klar. Haben sowieso Zeit. Wasser müssen wir dort eh nachfüllen.

Mit einer merkwürdigen, inneren Kränkung schwang ich die eiserne Feuertür auf und schaufelte Kohle in den Schlund. Roter Schein flackerte auf mein Gesicht.

Das Kind hat mich an mich selbst erinnert

***

Friedrich! He, Friedrich! Du Nichtsnutz! Überlasser! Warum hast du die Hühner nicht gefüttert? Schuft! Mörder

Damals war ich sechs. Vor Hunger trank ich rohe Eier, pflückte Vogelbeeren, schlief in der leeren Scheune, wenn ich wieder bestraft wurde. Und das passierte häufig. Einmal stellte mich meine Mutter beinahe nackt in die Kälte. Ich weiß noch, wie ich heulte, das gefrorene Stroh vom Boden zupfte und versuchte, mich damit zuzudecken, bis ich dann barfuß übers verschneite Feld zu den Nachbarn gelaufen bin. Ich wusste, Mama würde mich für diese Flucht noch mehr hassen, aber ich lief trotzdem.

Sie tötete mich nicht. Zwei Tage lebte ich bei den Nachbarn, dann kam ich ins Krankenhaus, und von dort ins Waisenhaus. Die Nachbarin erzählte immer, wie ich bei ihr eine vertrocknete Scheibe Zwieback unter dem Tisch fand und sich nicht davon trennen ließ.

Komisch: Meine Mutter kam später oft ins Heim, weinte, flehte, mich zurückzugeben. Willst du heim? fragte man mich. Ich schüttelte nur den Kopf und sah auf den Boden, wich ihr aus. Sie hat nie getrunken. Etwas Defektes war einfach in ihr eine Mischung aus Verbitterung und Dummheit.

Und dann begann das Heimleben. Hart war das. Ich zog mich zurück, versteckte mich im Spind, um in Ruhe gelassen zu werden, nicht verprügelt zu werden von den Älteren. Ich war sommersprossig ein Wunderpunkt, einer von denen, die man ständig schlug.

Mit der Zeit lernte ich, mich zu wehren. Meine Fäuste waren oft blutig. Immer war ich schuld.

Nur gegen Frauen konnte ich nie die Hand heben. Sie schon mir. Da war etwa eine, Frau Schuster, und die hat mich mal böse getreten, weil ich gepetzt hatte. Sie ließ mich für sie Mittagessen holen ins Lehrerzimmer, bis mal der Direktor sie fragte: Wohin mit dem Essen? Und ich habs aus Angst vor seinem Blick zugegeben.

Später hat sie mich Ich wusste, wenn ich sie jetzt schlage, knallt sie gegen die Wand. Aber ich konnte nicht sie war eine Frau. Ich spuckte Blut und heulte auf der Toilette.

Alles erlebt

Nach dem Heim wurde ich zur Bahn versetzt. Lebte erst im Wohnheim, zehn Mann auf dem Zimmer. Aber das war schon Freiheit!

Nach der Wehrpflicht bekam ich einen Posten als Heizer auf dem Knotenbahnhof in Eichenstedt. Eine kleine Sozialwohnung wurde mir zugewiesen. Ich war selig. Endlich mein eigenes Zuhause!

Eichenstedt das war ein winziger Bahnhof mit dem Haus vom Fahrdienstleiter, zwanzig Häusern, teils alt, teils modern, mit Asbestdächern bedeckt, eine kleine Schule aus grünen Brettern, ein Kindergarten im Nachbarhaus.

Dass meine Bude aus Sperrholz war, der Sand durch die Fenster zog und Ratten am Boden nagten, schreckte mich nicht. Nicht aus Mut, sondern weil ich keine Probleme kannte nie jemand da, der mich hätte bemitleiden oder lehren können. Außer Gertrud, geschieden, Schrankenwärterin, allein mit ihrem Sohn.

Ach, du Jammerlappen, geh zum Vorarbeiter, hol dir Lehm oder Zement, sonst erfrierst du noch in dem Loch, schimpfte Gertrud.

Sie half mir vielleicht aus Mitleid, vielleicht, weil auch sie Nähe brauchte.

Müssen wir jetzt heiraten, oder? fragte ich nach der ersten gemeinsamen Nacht trottelig.

Gertrud lachte sich schlapp. Ach Gott, heiraten! Hab lang genug gesucht, und dann dich gefunden

Ich zog mich an, grinste verlegen, um nicht komplett dämlich zu wirken. Offenbar wars nicht nötig zu heiraten. Das war mir ein bisschen peinlich, aber auch eine Erleichterung ich wollte eigentlich gar nicht heiraten.

Nein, Friedrich, ein Kind hab ich! Noch eins brauch ich nicht. Aber den Februar solltest du schon über bei mir bleiben, sonst erfrierst du in deiner Hütte. Ich weiß gar nicht, was die euch in eurem Heim beigebracht haben!

Unsere Beziehung war on-off, schwankte mit Gertruds Launen, und mittlerweile empfand ich sie eher als Belastung.

***

Inzwischen dampfte unsere Lok über den Hügel, und wir sahen das Dorf. Ankunft im Bahnhof Kassel.

Paul Sandmann, du gehst fragen? Ich lehnte mich über das Geländer.

Ja, mache ich

Paul und Jens verschwanden in den Dienstraum, ich schnappte mir eine Blechkanne und Seife, sprang auf den Bahnsteig und schlich unter den Waggons zum Wasserturm. In den Dienstraum musste ich nicht. Wenns was gab, würde Paul das schon berichten.

Ich zog mein Unterhemd aus, drehte den Hahn auf und wusch mich. Die Seife prickelte, das Wasser tat gut. Noch tropfnass lief ich zurück, stieg in die Lok.

Paul und Jens kamen kurz darauf hastig zurück. Bahnhofswechsel stand an.

Nachgefragt?

Was denn?

Na, das Kind

Ach Friedrich, jetzt lass gut sein! Die Rangierfahrt muss los, Güterwagen verschieben Feuer machen!

Ich warf die Stoker an, das Feuerwerk rauschte los.

Freies Signal, brüllte Jens.

Fahren wir nicht mehr zum Bahnhof? rief ich gegen das Tuten an.

Nee Ab zur Hauptstrecke. Willst du etwa nicht nach Hause? antwortete Jens für Paul.

Ich sah Jens streng an, sagte nichts. So einer wie er kann doch nicht verstehen, wie es mir geht. Oder wie dem Kerlchen unter der Kiefer

Während wir warteten, fragte ich Paul:

Paul, ich hab da schon aufgelegt. Ich würd fix wieder zurück zum Bahnhof laufen, kurz fragen. Es dauert nicht lang.

Wo willst du hin, was, wenn dus nicht rechtzeitig schaffst? Hier ist viel los!

Das schaff ich, bin gleich zurück

Nein

Doch die Wartezeit zog sich. Paul sah, dass ich schon auf der Lippe kaute und winkte ab:

Aber komm bloß sofort zurück. Warten tun wir nicht!

Im Laufschritt über die Gleise, stürmte ich ins Revier:

Grüezi, ich bin vom Rangierdienst. Da war ein Kind im Wald habt ihr hier jemand Vermisstes? Sucht vielleicht jemand?

Die junge Frau und der alte Fahrdienstleiter wechselten einen Blick. Nein, bisher keine Meldung. Ich beschrieb, wo ich das Kind gesehen hatte falls jemand was suchte und rannte zurück. Gerade rechtzeitig.

Wir schoben uns auf der Rückfahrt mit dem Zug gemächlich auf die Nebenstrecke.

Paul, schmeiß mich bei Kilometer hundertsechsunddreißig raus, sagte ich leise, als Jens draußen war. Sonst würde der wieder alles besser wissen.

Du bist verrückt, Junge! Warst den ganzen Tag unterwegs wie willst du heimkommen?

Ich finde schon was. Per Anhalter, irgendwas

Du spinnst. Hast dir was eingebildet, wegen dem Kind

Ich hab was aufgelegt und der Hang Ach, Paul!

War da echt ein Kind?

Ja. Und ihm schiens nicht gut zu gehen. Ich kann nicht schlafen, wenn ich den allein lasse.

Ach, Friedrich, du Dussel! Na gut. Nimm wenigstens ein Butterbrot mit, sonst lass ich dich nicht raus.

Jens schimpfte ohnehin genug.

Der Zug hielt an, ich sprang mit meiner Stofftasche ab, drehte mich noch mal zu den rußigen Rädern um. Ein Schwall Dampf, dann ratterte der Zug davon, und bald übernahm die Stille des Waldes.

Vogelgezwitscher, Grillen zirpten als hätte es die Lok nie gegeben.

Ich lief am Waldrand entlang Richtung der Stelle, an der ich das Kind gesehen hatte. Der Weg war bekannt. Über einen kleinen Damm, den Hügel hinauf, voran über Gräser und Äste. Da: die Kiefer, der Graben in den Wald das Kind war nicht zu sehen.

Ich stiefelte herum, rief leise niemand antwortete. Nur der Waldboden war an der Stelle platt gedrückt, ein Loch mit einem Stock ausgekratzt.

Ich hockte mich, ruhte kurz aus. Jens hatte wohl recht. Irgendwelche Pilzsammler Ich hatte mir das unnötig schwer gemacht. Jetzt blieb nur noch der Weg durchs Dickicht bis zum Dorf, das irgendwo abseits lag, von da zur Straße und nach Chancen auf eine Mitfahrgelegenheit suchen.

Zu Fuß hier war ich nie unterwegs gewesen, kannte das Gebiet nur von der Karte. Am leichtesten ging es dem Graben entlang.

Es war ein kühler Sommertag. Trotz Hunger war ich froh über die Waldfrische, stellte mir vor, das Butterbrot erst später zu essen. Nach der Hitze in der Lok war es wie ein Rausch, so klar war die Luft.

Die Bäume ragten in das Himmelsblau, Vögel stoben auf, Wasser plätscherte. Ein kleiner Bach floss zwischen Schilf hindurch das war gut. Ich suchte eine Stelle, um Hände und Gesicht zu waschen, vielleicht das Butterbrot zu verspeisen.

Ich war schon in Gedanken, ganz woanders, als das Schilf sich plötzlich bewegte.

Ich ging zurück, da stand wirklich ein Kind im Schilf. Genau das, was ich gesucht hatte.

Es war ein Mädchen. Das Kopftuch hing ihr über die Schultern, die Zöpfe fielen wirr ins Gesicht, sie trug einen grauen Pullover, zu große Leggings, war barfuß. Wahrscheinlich hatte sie gerade Wasser getrunken. Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Lippen, sah mich erschrocken an.

Na sieh mal einer an! Dich hab ich gesucht, ich legte mir die Hand auf die Brust.

Sie regte sich nicht. Aus dem Schilf konnte man sie kaum sehen.

Komm raus. Bist du verlaufen?

Sie schwieg, senkte den Kopf. Ich stieg zu ihr hinunter, doch sie wich aus, schlug sich am Bach entlang durchs Schilf.

Was ist los? Keine Angst, ich bring dich nach Hause. Warte!

Ich beeilte mich, packte sie am Arm. Sie spannte sich an, runzelte die Stirn. Ihre Füße waren ganz nass sie war im Wasser umhergelaufen.

Du erkältest dich sonst, komm mit!

Ich holte sie raus, setzte sie ins Gras, nahm sie auf den Schoß. Mit Kindern kannte ich mich aus, im Heim mussten wir oft auf die Kleinen aufpassen.

Warum bist du barfuß? Hier im Wald barfuß, das geht doch schief. Da schneidest du dir die Füße auf und kalt ists auch.

Ich zog ihr die nassen Leggings aus, nahm ihre kalten Füße in die Hände, wärmte sie ganz wie Paul Sandmann.

Schau dir das an Eiszapfen hast du an den Beinen, Mädel Nur Geduld, wir kriegen das wieder hin.

Ich wollte nicht, dass sie wieder weglief, nahm meine dicken Socken, zog sie ihr bis über die Knie an. Sie spendeten ihr warm, aber rutschten runter.

So kommen wir nicht weit, du Schönheit

Seit ich das Mädchen gefunden hatte, fühlte ich mich merkwürdig sicher. Ich war förmlich stolz auf die Verantwortung.

Hier, nimm das.

Ich packte das Butterbrot aus Zeitungspapier ein, reichte es ihr. Doch ich konnte an nichts anderes mehr denken als an dieses Kind.

Der Käse rollte aus dem alten Brot, doch das Mädchen packte es fest, kaute mit solchem Hunger, dass ich an die Geschichte mit meinem Zwieback denken musste. Wer hätte ihr jetzt das Butterbrot wegnehmen wollen? Krümel sammelte sie von meiner noch rußigen Hand auf.

Lass dir Zeit

Sie wurde nicht satt, schaute mich mit großen Augen an.

Mehr ist nicht da. Und das reicht für dich erst einmal. Glaub mir.

Ich wusste das aus Erfahrung. Einmal waren zwei Jungs aus dem Heim abgehauen, monatelang auf der Straße, und nach ihrer Rückkehr fütterte man sie in der Heimküche ohne Ende beide bekamen eine schwere Magenumkehr, einer wurde sogar operiert und überlebte nur knapp.

Mit meinem Taschenmesser schnitt ich die Henkel von meiner Stofftasche ab und band ihr die Socken an, damit sie nicht mehr rutschten.

Los, ich trag dich ein Stück, dann läufst du selbst weiter, einverstanden?

Ich nahm sie auf den Arm, aber durch das unebene Gelände wurde es bald zu schwer. Ein bisschen lief sie nun auch selbst. Nach wie vor schwieg sie, antwortete nicht auf Fragen, schüttelte nicht einmal den Kopf. Ich fragte mich schon, ob sie taubstumm sei?

Halt mal, bei einem gefallenen Stamm, jetzt steig auf den Buckel.

Sie verstand. Kletterte flink auf meinen Rücken, schlang die dünnen Arme um mich. So ließ es sich leichter aushalten. Wir pausierten wieder. Ich wollte zur nächsten Ortschaft und mich durchfragen.

Wir hielten am Bach. Ich wollte trinken, hatte Durst, auch Hunger.

Würde sie weglaufen? Ich lauschte. Ein Ast knackte sie kam mir nach, sprang zu mir runter an den Bach.

Nicht schon wieder nasse Füße! Pass auf, sagte ich streng, spritzte sie dann zum Spaß mit Wasser nass.

Sie zuckte zusammen, rannte ein Stück, drehte sich aber um, und ein Hauch von Lächeln erschien auf ihrem Gesicht sie hatte es als Scherz verstanden.

Wir hatten das eigentliche Dorf übergangen, erreichten ein kleines Feld, auf der einen Seite eine winzige Siedlung, auf der anderen die Landstraße. Ich entschied mich fürs Dorf vielleicht kannte man sie. Und wir beide brauchten eine Pause, etwas Warmes.

Ich klopfte am nächsten Gartenzaun, ein Hund bellte. Eine freundliche Frau im schmutzigen Schürze öffnete, Schweine grunzten dahinter.

Ich schilderte kurz unser Anliegen.

Sind Sie auch wirklich kein Betrüger? musterte mich die Bäuerin.

Nein, ich bin Heizer von der Rangierlok. Wir fahren hier ständig vorbei.

Donnerwetter, ist ja ein Stück. Kommen Sie rein! Warum läuft das Kind ohne Schuhe?

Sie hieß Marianne und starrte, wie ich, das Mädchen beim Essen an. Mit der Hand schöpfte das Mädchen die letzten Nudeln aus dem Teller und nuckelte an den Fingern.

Heiliges Blechle Bleiben Sie hier, ich frag mich mal durch, ob irgendwo ein Kind fehlt. Da auf dem Schlafboden kann sie ruhen. Sieh mal an, schläft schon.

Ihre Finger blieben noch im Mund, sie war überm Teller eingeschlafen. Ich hob sie sachte hoch, legte sie an den Ofen und aß selbst noch von der Suppe, lehnte mich an die warme Ofenbank und nickte ein.

Wir wurden durch die zuschlagende Tür geweckt. Marianne war zurück, und sie war nicht allein: Neben ihr eine uralte Frau am Stock. Wir begrüßten uns.

Sie kam zu dem Mädchen, sah es sich lange an.

Ja, das ist sie. Und den Stall kenne ich auch Vielleicht irre ich mich, aber diese Augen…

Wer ist sie? fragte ich.

Da gibt es ein ganz verlassenes Fleckchen, Altenhain, drei Häuser, dorther kommt die Apollonia, erzählte Marianne, die Bäuerin. Eigentlich gibt es den Ort gar nicht mehr, Häuser verfallen, drei alte Menschen. Kein elektrisches Licht, keine Brunnen, nur der Bach. Das Mädchen ist bestimmt von dort. Die Mutter ist längst weggezogen, hat ihre Tochter bei der Oma gelassen. Das ist dieses Kind, sie zeigte auf die Kleine. Und die Oma ist alt, senil bestimmt. Sonst gibts niemanden meer.

Wie weit ist das noch? Der Tag neigte sich und ich wurde nervös.

Es wird bald dunkel. Wir fragen Victor, den Nachbarn, er bringt Sie auf dem Mofa rüber. Das Kind abliefern, und er fährt Sie zur Straße oder wohin Sie wollen.

Marianne kam mit zum Nachbarn. Er war in meinem Alter, unkompliziert.

Ich holte das Mädchen, während die alte Apollonia sie am Kopf streichelte das Mädchen schlief tief.

So, ich nehme sie, vielleicht wacht sie gar nicht auf, ich hob sie auf und trug sie hinaus.

Ihr seid beide Ausgestoßene murmelte die Greisin leise.

Wie meinen Sie?

Nichts, nur Mitleid, sonst nichts…

Ich verstand nicht, was sie meinte. Draußen in die Seitenwagen gesetzt, das Mädchen kuschelte sich fest an mich. Nach ein paar Kurven schlief sie wieder.

Bald senkte sich die untergehende Sonne. Der Wind fegte durch die Baumwipfel, ich genoss das Tempo, das Ziel vor Augen. Es gab nichts Besseres, als diesen Moment im Fahrtwind, das Gefühl, etwas bewirkt zu haben. Dass ich für das Mädchen da war und nicht einfach nur an mir dachte.

Wir rasten einen schmalen Feldweg entlang, durchquerten wuchernde Felder, rollten über eine kleine Brücke und erklommen den Hügel. Das war Altenhain die letzten drei windschiefen, dem Erdboden entgegenfallenden Häuschen.

Ein krummer Kerl kam den Weg hinuntergewankt.

Ei, ei, von wo denn ihr? Ach, da ist sie ja! Die Oma hat schon geschrieen und sie, jetzt

Hallo, ist das Ihre Tochter? fragte Victor streng.

Unsere, unsere…, nickte er, ein bisschen verwirrt.

Haben Sie die Polizei informiert?

Wir haben ja keine Polizei hier Was für ein Theater

Ihr sucht nicht mal nach dem Kind?

Suchen doch! Die Liesel auch, und ich Wir haben alles abgesucht. Da drüben im Gehölz Pilze gesammelt Und Liesel ist da, na

Wer ist Liesel?

Die Frau da hinten. Aber die schläft, hat sich was gegönnt, verstehen Sie? Die Apollonia wohnt im anderen Haus, aber die ist schon ganz durcheinander…

Er sprang von einem Thema zum nächsten. Schwer zu verstehen, der Mann.

Und wie lebt man hier so?

Victor und ich schoben das Mofa näher ans Haus.

Aufwachen, angekommen!

Ich weckte das Mädchen. Aufwachen, du Findelkind. Zu Hause, bei Oma.

Das Haus war schief, die Tür verklemmt, der Dreck stank, Lehmboden.

Wie überlebt man hier den Winter? fragte Victor.

Da ertönte hinter dem Ofen ein wilder Schrei. Das Mädchen klammerte sich an Victor. Auf dem Bett lag eine Greisin, das Zimmer war voll Gerümpel, aus dem alten Bettzeug quollen Fetzen.

Die Alte hievte den Arm, schrie wieder los.

Ruhig, Oma, ruhig, Victor fasste sich zuerst, Ihre Enkelin ist zurück. Sehen Sie, wir haben sie gebracht.

Das Mädchen ging zu ihr, kletterte aufs Bett, legte sich dazu. Der steife Arm der Alten legte sich auf das Kind, und sie schloss die Augen.

Die Sonne verschwand, das Kind war Zuhause.

Ich lernte, dass Ausgestoßene sich manchmal finden müssen. Manchmal ist das Einzige, was sie haben, nur Mitleid und manchmal reicht das, um einander durchs Leben zu helfen.

Ich fuhr zurück, müde, hungrig, aber zufrieden wusste jetzt, dass Verantwortung einem Sinn schenkt, den sonst nichts ersetzen kann.

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Homy
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