Alles fing ganz harmlos an, wie es beim Planen des Sommerurlaubs eben so ist. Meine Frau und ich, unser treuer VW Tiguan und eine lange Strecke von fast zwölfhundert Kilometern in eine Richtung dazu dieses angenehme Gefühl der Freiheit, das uns bei Autoreisen immer so begeistert. Wir bestimmen das Tempo, halten an, wo wir Lust haben, machen Abstecher, wenn es uns überkommt. Kein Fahrplan, keine schreienden Kinder im Abteil nebenan, keine gestrichenen Flüge einfach grenzenlose Unabhängigkeit.
Diesmal jedoch leistete ich mir einen folgenschweren Fehler: Ich habe von unseren Plänen erzählt.
Auf einer gemeinsamen Grillparty, wo wieder einmal die verschiedensten Leute zusammenkamen, meinte ich beiläufig, dass wir in zwei Wochen Richtung Süden fahren. Natürlich mit unserem eigenen Auto.
Echt? Und wann genau?, fragte prompt das Pärchen gegenüber.
Es waren Jens und Annegret keine engen Freunde, aber Bekannte, denen man ab und zu auf Treffen begegnet.
Am fünfzehnten fahren wir los, antwortete ich arglos.
Jens war sofort Feuer und Flamme: Da hätten wir ja auch frei! Wollten eigentlich mit der Bahn fahren, aber die Sitzplatzreservierung ist nur noch am Klo möglich. Darf ich fragen könntet ihr uns mitnehmen? Spritkosten teilen wir natürlich, gemeinsam ists lustiger, und wir sind eher unkompliziert!
Ich schaute meine Frau an, der Blick war eindeutig: sie hielt gar nichts davon. Ich begann, mich herauszureden unser Auto sei schon ziemlich voll, wir reisen langsam, halten oft an.
Ach, das macht doch nichts! Wir haben nur einen Koffer für beide! Und was das Geld angeht ehrlich, Sprit ist ja so teuer, da sparen wir alle. Na, seid doch so nett wir sind doch keine Fremden!, ließ Jens nicht locker.
Wir ließen uns breitschlagen. Das Argument mit der Kostenersparnis und dass eine direkte Absage einfach zu unangenehm war, gaben schließlich den Ausschlag. Ein Fehler, den wir teuer bezahlen sollten.
Merke: Wer Gutes tut, ist selten sorgenfrei.
Treffpunkt war um fünf Uhr morgens vor unserem Haus. Wir waren wie abgesprochen pünktlich, der Kofferraum perfekt gepackt: unsere Sachen, Wasser, Werkzeug, Decken. Jens und Annegret kamen fast vierzig Minuten zu spät.
Das Taxi war schuld ewige Wartezeit, sagte Annegret ohne jede Entschuldigung, während sie einen Riesenkoffer fast wie ein halber Kleiderschrank und noch mehrere Taschen mit Essen heranschleppte.
Ich verlor die Geduld: Wir hatten doch abgemacht, mit möglichst wenig Gepäck zu reisen.
Ach, sie ist halt eine Frau, da braucht man Auswahl, scherzte Jens.
Es blieb nichts anderes übrig, als unsere Tetris-Künste zu bemühen, um alles irgendwie hineinzubekommen.
Bereits nach einer Stunde die ersten Komplikationen. Annegret fror, dann war es ihr zu warm also wurde die Klimaanlage rauf und runter geregelt. Unsere Musik gefiel nicht. Dann ständig Stoppwünsche Kaffee, Toilette, die Beine vertreten, Raucherpause.
Meine sorgfältig geplante Route, damit wir Staus umfahren, zerbröselte. Aus wenigen gezielten Pausen wurde eine gefühlte Taxifahrt.
Den Höhepunkt gabs an der Tankstelle.
Ich tankte voll 120 Euro! Komme zurück, Jens sitzt im Auto und knabbert an einem Fleischkäsebrötchen. Ich frage: Sollen wir die Spritkosten direkt aufteilen?
Er winkte ab: Ach, lass uns das nachher alles zusammenrechnen, dann müssen wir nicht mit Kleingeld hantieren.
Mir gefiel das nicht, aber meine Frau flüsterte mir zu: Reg dich nicht auf, am Zielort wird abgerechnet. Also zahlte ich. Die Gebühren der Mautstraßen übernahm ich auch direkt Jen und Annegret fragten nicht einmal nach dem Betrag.
Den ganzen Weg futterten sie ihre Brote, Krümel überall auf den Sitzen. Auf höfliche Bitte, doch darauf zu achten, kam nur ein grinsen: Ist doch nur ein Auto, saugst du halt mal durch.
Als wir tief in der Nacht am Gästehaus ankamen, waren wir beide fix und fertig nicht von der Strecke, sondern von den Mitfahrern.
Wir sind doch eh nur mitgefahren
Am nächsten Morgen, ausgeschlafen, trafen wir uns in der Gemeinschaftsküche. Ich holte meinen Notizblock raus die Ausgaben hatte ich detailliert notiert.
Also, sagte ich sachlich. Tank: 480 Euro, Maut: 85 Euro. Macht zusammen 565 Euro. Geteilt durch zwei, 282,50 Euro von euch.
Jens verschluckte sich am Kaffee, Annegret starrte mich ungläubig an.
Wie bitte? Du meinst das ernst?, fragte sie.
Absolut. Wir hatten so abgemacht: Kosten teilen.
Jens stellte seine Tasse ab und meinte: Du wärst doch sowieso gefahren! Das hättest du doch eh ausgegeben mit oder ohne uns. Das ist doch dein Auto, den Sprit hättest du ohnehin gebraucht. Wir haben doch nur zwei freie Plätze genutzt.
Mir platzte fast der Kragen. Halt, Moment mal! Wir hatten alles vorher abgesprochen. Wir haben uns eingeschränkt, eure Sachen mitgenommen, dauernd nach eurer Nase gehalten, und ihr könntet wenigstens euren Anteil zahlen.
Annegret schnaufte: Na, war doch nett, haben gequatscht, das war doch der Sinn! Hättest du vorher gesagt, wären wir mit BlaBlaCar gefahren günstiger.
Ein anderer Fahrer hätte euch mit dem Genörgel spätestens nach der zweiten Stulle rausgeworfen, mischte sich meine Frau ein.
Jens setzte nach: Wir geben dir maximal hundert, vielleicht hundertfünfzig Euro, mehr ist einfach nicht drin. Aber die Hälfte der Kosten find ich übertrieben. Unser Urlaubskonto ist schon am Anschlag.
Ich stand auf. Lasst stecken. Seht es als Einladung. Zurück fährt ihr allein.
Was?, Jens war fassungslos. Wir hatten doch für Hin- und Rückfahrt geredet!
Unsere Abmachung war: Kostenbeteiligung. Ab jetzt viel Spaß im Urlaub.
Den Rest der zehn Tage ging sich jeder aus dem Weg, dabei wohnten wir im gleichen Feriendorf. Ein paar Mal am Strand sie drehten demonstrativ den Rücken zu uns.
Vor der Abreise kam dann noch eine Nachricht von Jens: Na komm, sei nicht so. Wir geben euch jeweils 120 Euro für beide Strecken. Lass uns gemeinsam fahren, Annegret verträgt Busfahren nicht gut.
Ich habe nicht mehr geantwortet.
Wir packten in Ruhe, kontrollierten nochmal alles am Auto und fuhren im Morgengrauen ab. Endlich wieder alleine! Meine Musik, Stopps nach unserem Geschmack, diese herrliche Ruhe.
Später hörte ich von Bekannten, wie fies ich war. Ich hätte sie im Stich gelassen, nur wegen ein paar Hundertern. Jens und Annegret mussten dann mühsam mit Bussen und Umsteigen heimfahren, viel Stress und zusätzliche Ausgaben und nun schimpfen sie über uns.
Aber ehrlich? Wir haben daraus gelernt. Wenn jetzt einer fragt: Hey, fahrt ihr Richtung Bayern, könnt ihr uns mitnehmen? sage ich höflich, aber bestimmt: Tut mir leid, wir fahren am liebsten zu zweit.Wenn ich heute auf der Autobahn einen Mitfahrgelegenheit-Aushang sehe oder beim Grillen das Thema Urlaubsfahrt aufkommt, lächle ich still in mich hinein. Vielleicht bin ich seitdem ein bisschen vorsichtiger, ein kleines bisschen misstrauischer geworden. Aber diese Fahrt hat mir eines klargemacht: Es gibt Abenteuer, auf die kann man gut verzichten und wahre Freiheit im Urlaub bedeutet manchmal einfach, Stille zu genießen, den eigenen Rhythmus zu leben und den Rücksitz leer zu lassen.
So fuhren wir heim, das Fenster offen, die Haare im Wind, und lachten über jeden Umweg, jede Pause nach Lust und Laune. Zum ersten Mal seit langem fühlte sich die Strecke viel zu kurz an. Vielleicht, weil wir gelernt hatten, was wirklich zählt: Nicht, wie weit man fährt, sondern mit wem man reist und dass ein bisschen Egoismus manchmal der wahre Schlüssel zur Erholung ist.





