Kleiner Spaß

Ein kleiner Spaß

Hannah! Hanna! Lass mal abschreiben!

Lisas Flüstern schallte durch die ganze Klasse und Frau Bachmann, die gerade im Klassenbuch schrieb, blickte auf.

Lisa Fischer! Beruhig dich mal, ja? Schreib deinen Test selber!

Aber Frau Bachmann, das ist echt schwierig! Lisa ließ wie immer die passende Antwort nicht lange auf sich warten.

Wer hat gesagt, dass es einfach sein soll? Und außerdem hat Hannah eine andere Version. Es nützt also gar nichts, sie zu fragen.

Hä? Sie sitzt doch ganz vorne!

Eben! Frau Bachmann zog die Mundwinkel hoch und ahmte Lisas Tonfall nach. Ich habe ihr eine Extraaufgabe gegeben.

Ach nee, das ist doch ungerecht! Lisa schmollte kurz in ihr Heft, fing dann aber direkt an, andere Wegen zum Überleben zu suchen.

Niemand bemerkte, wie Hannah an ihrem Tisch zusammenzuckte, verängstigt und darauf bedacht, weiterhin stoisch auf ihr Heft zu starren.

Jeder Lehrer wusste, dass Hannah die rettende Hand der Klasse war. Das Mädchen hatte einfach einen wachen Kopf! Und alle nutzten das, wie es ihnen gefiel. Wenn man ablehnte, musste man gleich mit Ärger rechnen.

Hannah war wirklich keine Spielverderberin. Sie half beim Abschreiben aber auf Mamas Rat hin so unauffällig wie möglich, damit die Lehrer sie nicht tadelten.

Mein Schatz, ich weiß, dass du ein sehr freundliches Mädchen bist, sagte ihre Mutter abends, aber du musst auch auf dich achten. Damit du das Abitur schaffst und dahin gehen kannst, wo du willst. Da solltest du dein Zeugnis nicht ruinieren, nur weil andere zu faul sind, ein paar Regeln zu lernen.

Die Worte ihrer Mutter klangen immer vernünftig aber Hannah seufzte trotzdem. Wenn Mama wüsste, wie schwer es ist, als Klassenbeste durchzuhalten in einer Klasse, der eh alles egal zu sein scheint …

In diese Schule war Hannah erst gewechselt, nachdem ihre Eltern sich getrennt hatten. Es gab viele Gründe, doch einer war ausschlaggebend: Hannas kleiner Bruder war unterwegs, und der war schon geboren, als ihre Eltern noch zusammen waren.

Natürlich erklärte ihr das niemand. Die Erwachsenen klärten ihre Angelegenheiten, während Hannah im Kinderzimmer saß, mit einem Malblock und schwarzen Buntstiften. Seite für Seite malte sie alles tiefschwarz aus, sorgfältig, ohne einen hellen Streifen zu lassen.

Als erste entdeckte Oma Ruth ihre Kunstwerke.

Was macht ihr mit dem Kind?! Ganz so weit habt ihr es also kommen lassen!

Oma Ruth war zwar die Mutter ihres Vaters, aber sie hielt trotzdem zu Hannas Mutter.

Ganz die Art von deinem Vater! Auch der hat mir all die Jahre Kummer gemacht. Es liegt wohl in der Familie … Aber immerhin kam mein Mann immer zurück ohne fremde Kinder.

Und Sie haben das immer verziehen?

Was blieb mir übrig, Marion? Ich hab ihn geliebt. Und ich wusste, dass auch er mich geliebt hat. Wäre er sonst immer wiedergekommen?

War es schwer zu vergeben?

Schwer zu sagen. Ich glaube, ich hab ihm nie wirklich alles verziehen. Ich habe gelitten. Heute frage ich mich nur: Wofür das Ganze? Jetzt kann ich nichts rückgängig machen. Vielleicht klingt das komisch, aber du kannst sogar dankbar sein, dass dein Mann ein Kind bei einer anderen bekommen hat. Ich seh dich, Marion. Und ich war genauso … Du hättest ihm sicher auch verziehen. Stimmt’s?

Ich weiß nicht … Es tut einfach weh.

Das verstehe ich. Aber Hannah ist jetzt zwischen euch wie der Amboss zwischen Hammer und … schau auf das Kind, nicht auf den Mann! Mein Sohn wird nicht hören. Aber du kannst klüger sein. Tu etwas, damit Hannah nicht leidet sie ist nicht schuld …

Ja, Sie haben recht … Wir sind schuld.

Und Hannas Mutter tat schließlich etwas, was niemand erwartet hatte. Sie setzte sich zu ihrer sechsjährigen Tochter und erklärte ihr alles, so gut sie konnte.

Hannah, Papa und ich werden nicht mehr zusammenleben.

Wieso?

Wir lassen uns scheiden. Du und ich wohnen zusammen und du triffst Papa am Wochenende oder wann es eben geht. Hannah, bitte weine nicht! Schau mich an Papa ist und bleibt dein Papa! Er verschwindet nicht, versprochen!

Und du?

Was denn, Schatz?

Geh du nicht weg …

Da verstand Marion endlich, wovor sich ihre Tochter so fürchtete als sie Seite um Seite schwarz ausmalte.

Und es dauerte lange, ihr zu erklären, was passiert war, und diesen düsteren Schatten aus Hannahs Herz zu vertreiben. Es war nicht leicht, aber irgendwann beruhigte sich ihre kleine Welt. Hannah sah ihren Vater, wenn auch seltener als sie wollte. Doch es reichte, um zu verstehen: Ihr Vater hatte nicht sie verlassen sondern ihre Mutter. Er verwöhnte sie weiter, suchte mit Marion eine Lösung, bei der Hannah nicht verlor. Sie fuhr mit Papas neuer Familie sogar ans Meer, spielte mit dem Bruder, verstand sich mit Papas neuer Frau. Irene war freundlich, mochte Kinder sie haderten also nicht miteinander.

Und trotzdem blieb ein Schatten. Manchmal fragte sich Hannah: Hatte ihr Vater die Familie verlassen, weil bei ihr etwas fehlte? Weil sie nicht richtig war? Mit Irene war er schließlich ganz zufrieden, zog den Sohn groß, plante weitere Kinder. Aber sie, Hannah, gehörte wohl nicht dazu. Vielleicht war sie falsch?

Die Mutter und Oma beteuerten immer wieder, dass das Unsinn sei doch dieses winzige Zweifelchen nagte weiter, kroch hervor, sobald Hannah Zweifel hatte oder dringend Zuversicht brauchte.

Am Anfang merkte man das kaum. Denkste, in der ersten Klasse zitterten die Knie, als Hannah beim Schulanfang das Gedicht aufsagen sollte.

Eine Woche übte sie mit Mutter ihren kurzen Vers, trug ihn vorm Spiegel mit Ausdruck vor und war total sicher, sie würde das schaffen. Schon im Kindergarten bekam sie die schwierigsten Rollen, weil sie alles auswendig lernte und perfekt aufsagte.

Diesmal klappte es nicht. Sie ergriff das Mikro, suchte ihre Familie unter den Zuschauern, und plötzlich alles weg. Kein Wort fiel ihr mehr ein. Tränen liefen übers Gesicht, sie brachte kein einziges Wort heraus.

Die Konrektorin, die ihr das Mikro hielt, ging in die Hocke, strich ihr sanft eine Träne weg und fragte leise:

Erzählst du mir das Gedicht einfach später?

Hannah nickte traurig.

Zum Glück dachte Frau Bachmann nach dem Unterricht noch an Hannah. Sie wartete am Schuleingang auf ihr Schützling.

Da bist du ja! Willst du mir jetzt dein Gedicht aufsagen? Ich wollte es so gerne hören!

Für andere mag das belanglos erscheinen aber Hannah war es in diesem Moment das Wichtigste der Welt. Sie trat einen Schritt vor, ließ Mamas Hand los, sagte das Gedicht fehlerfrei auf und die Erwachsenen drumherum klatschten.

Sehr schön! Ich wusste, dass du das kannst!

Aber … ich hab es doch nicht geschafft … Und schon standen Hannah wieder die Tränen in den Augen.

Was heißt nicht geschafft? Klar hast du es geschafft! Sieh nur, wir sind alle da und klatschen! Es ist egal, ob du das eben oder jetzt gemacht hast. Du bist toll das sage ich dir als Lehrerin! Verstanden?

Ich glaube schon …

Diese Begebenheit war Hannah noch lange präsent. Später wurde Frau Bachmann ihre Klassenlehrerin was Hannah sehr freute, weil sie merkte: Sie konnte dieser Frau vertrauen.

Frau Bachmann achtete wirklich auf ihr Wohl.

Hannah ist ein sehr feines Mädchen klug, aber auch sehr verletzlich. Sie sollten sie behüten! Haben Sie mal überlegt, sie auf ein Mathe-Gymnasium zu schicken? Hannah hat so viel Talent, und sie hätte es besser unter Gleichgesinnten. Unsere Schule ist gut, aber … wie sage ich es … normal halt. Die meisten unserer Schüler wollen nicht unbedingt mehr. Hannah hat es da schwer. Sie tut alles, um nicht aufzufallen als würde sie sich in drei Decken einwickeln. Verstehen Sie?

Marion verstand, aber sie konnte nichts ändern. Das Gymnasium lag weit weg, niemand hätte Hannah dorthin bringen können. In Papas neuer Familie war ein weiteres Baby unterwegs, Oma war gesundheitlich angeschlagen und Marion arbeitete auf zwei Stellen, um eine größere Wohnung für sich und Hannah finanzieren zu können. Das Einzimmerappartement war einfach zu klein geworden.

Hannah, halte noch durch, ja? Ich bringe erst alles wieder in Ordnung und dann sehen wir weiter wegen der Schule, okay? Und dann legte Marion den Arm um das aufgeweckte Kind und schloss für einen Moment die Augen.

Mach dir keine Sorgen, Mama. Ich halte durch.

Wie läufts in der Schule?

Geht so! sagte Hannah möglichst tapfer, doch die Wahrheit war: Es fiel ihr zunehmend schwerer.

Geht so heißt gar nichts! Marion begann, ihr Kind kitzelnd zu necken. Jetzt erzähl mir alles und zwar in Einzelheiten!

Hannah lachte, wälzte sich auf dem Sofa und beichtete schlussendlich alles.

Offen wurde Hannah zwar nicht gemobbt, aber ständig tuschelte jemand hinter ihrem Rücken:

Die Hanna hat wieder so aufgeschlaut bei Geschichte! Klar, dass wir nach ihrer Antwort gar keine Eins mehr bekommen können. Konnte sie nicht ein bisschen blöder antworten?

Direkt sagte ihr das keiner ins Gesicht bis zu dem Tag, als alles anders wurde.

Hanna! Zehn Minuten noch! Ich schaff das nie! Lisas wütendes Flüstern brachte Hannah dazu, ihren Schmierzettel näher zu ziehen.

Frau Bachmann, abgelenkt durch eine neue Nachricht auf dem Handy, achtete diesmal nicht auf Lisas Aktionen.

Felix, der Sitznachbar, schob Hannah stumm sein Heft hin, damit sie besser erkennen konnte, wie die Aufgaben in Lisas Variante gestellt waren.

Danke, flüsterte Hannah und zeigte wortlos auf einen Fehler.

Mehr war nicht nötig. Sie und Felix verstanden sich seit der Grundschule auch ohne viele Worte. Ein paar Zahlen auf dem Schmierzettel, ein kleiner Blick, und Felix begann, seine Fehler zu korrigieren.

Hannahs Zettel landete bei Lisa und bis zum Gong herrschte Ruhe.

Danach brach das Chaos aus.

Sag mal, tickst du noch ganz sauber?! Da sitzt du und bewegst dich nicht! Es ist das Quartalsende! Ich bin noch überhaupt nicht fertig Freundschaft, ja?! Lisa schlug erst gegen den Tisch, dann gegen Hannahs Bank.

Du bist unfair! Hannahs Stimme war ruhig, aber sie spürte, wie ihr Ärger wuchs.

Warum bitte, soll ich immer alles für alle machen?!

Von Oma Ruth hatte Hannah ein ganz anderes Fluchen gelernt Was zum Kuckuck!, sagte Oma, anstatt der schlimmeren Kraftausdrücke, die sie Hannah strikt verboten hatte.

Du bist ein Mädchen! Keine Hafenarbeiterin! Benimm dich anständig!

Du doch auch, Oma! Ich hab dich gehört!

Ich bin schon eine alte Dame. Da darf ich manchmal einen Ausrutscher und eine Zigarette haben. Aber du nicht! Das schickt sich nicht! In deinem Alter sollte man nicht Seife in den Mund nehmen wollen!

Jungen fluchen aber auch!

Das ist was anderes. Und was Männern erlaubt ist, gilt noch lange nicht für dich. So ist das nun mal, Hannah. Willst du am Ende Kumpel für deinen Verehrer sein?

Warum nicht?

Weil normale Jungs ihre Kumpel nicht heiraten. Die sind nett aber Ehefrau sucht sich der Mann anders aus. Verstehst du?

Ich denke schon … Oma, war das bei Mama und Papa auch so?

Teilweise. Frag besser sie selbst ich mischte mich da nicht ein. Aber eins sag ich dir: Das mit dem Geheimnisvollen im Mädchen, das stimmt schon. Die meisten Männer mögen das so. Derb sein passt da nicht. Deine Flüche sind nicht das Salz in der Suppe sondern eher das Haar …

Was dann?

Das will ich jetzt nicht sagen. Hannah, zwing mich nicht!

Jetzt bist du wieder Dame geworden … Hannah lachte.

Ja! Manchmal muss man sich daran erinnern …

In diesem Moment hätte Hannah so gerne geflucht wie Lisa und Co aber irgendetwas hielt sie dann doch zurück.

Lass Hannah in Ruhe, Lisa! Felix packte sein Physikbuch in den Rucksack. Niemand hat ständig was gut bei dir!

Freunde helfen sich! schnaubte Lisa. Und du schummelst selbst ab!

Stimmt nicht! Hannah konnte nicht mehr anders und fuhr dazwischen. Was erzählst du da?! Felix macht alles selbst! Ich helfe nur, wenn ich was sehe. Außerdem ich hab dir geholfen, okay?! Was willst du noch?

Sie schnappte ihren Rucksack, schob Lisa aus dem Weg und rannte aus dem Klassenraum, bevor sie anfangen konnte zu weinen, während der Rest der Klasse das Spektakel genoss.

Lisa folgte ihr nicht, aber murmelte vor sich hin, kaum hörbar:

Alles klar, Meier. Du kriegst schon noch deine Quittung … Ein bisschen mehr Demut, Hanna, wäre mal angebracht.

Sie sprachen den Tag und auch die nächste Woche kein Wort miteinander.

Lisa stellte die ganze Kommunikation mit Hannah ein, und die Klasse wartete gespannt, was sie sich nun ausdenken würde.

Lisas Fantasie war legendär; sie wusste, wie man Unerwünschten das Leben richtig schwer machen konnte. Hannah fragte sich, was sie sich diesmal einfallen lassen würde, und Lisa überraschte sie tatsächlich.

Hanna, jetzt reichts! Wochenlang redest und atmest du vor dich hin Schluss damit! Friedensangebot! Lisa grinste plötzlich fast ehrlich, dass Hannah einen kurzen Moment schwach wurde.

Ich schmolle gar nicht.

Ach ja? Sieht man ja! Schwamm drüber! Erzähl lieber, wie du Silvester verbringst! Zuhause? Oder fährst du weg?

Lisa wirkte so, als sei nichts gewesen Hannah entspannte sich ein wenig. Aber das hätte sie nicht tun sollen. Lisa vergaß nie einen Kränkung, und diese hatte sie sich ausgedacht.

Als Hannah eines Tages eine merkwürdige Notiz in ihrem Rucksack fand, ahnte sie nicht, dass Lisa dahintersteckte.

Hannah! Ich mag dich sehr! Felix

Die Handschrift war Felix, ihrem Sitznachbarn, zum Verwechseln ähnlich und Hannah kam gar nicht erst die Idee, dass es ein anderer sein könnte.

Wie hätte sie wissen sollen, dass Lisa fast eine Woche lang Frau Grabowski, der Deutschlehrerin, half, Aufsätze zu tragen und einen der Parallelklassenschüler um eine Notiz bat, dessen Schrift Felix glich. Dann startete sie eine kleine Operation, in die Freundinnen aus der Parallelklasse eingeweiht waren, um die Notiz zu bekommen.

Jetzt bist du dran, Hannah Meier! Sollen ruhig mal andere was durchmachen! Lisa grinste und stopfte die Notiz in Hannas Rucksack.

In der Umkleide neben der Sporthalle war sonst niemand. Hannah trainierte schwungvoll Aufschläge beim Volleyball, während Lisas Freundinnen sie ablenkten.

Hannah, hau stärker zu! Sonst wird das nix!

Als Hannah die Notiz aus dem Rucksack zog, reagierte keine der Mädchen. Erst, als Lisa sie ihr aus der Hand riss:

Na so was! Hannah und Felix! Unser Felix ist ja schwer verknallt! Lisa tanzte mit der Notiz durch die Umkleide. Das gibt einen Plan für uns!

Gib her, Lisa!

Ach, sei nicht so oder doch, du hast recht. Keine Strategie diesmal! Felix! Felix! Lisa sprang zur Tür der Jungsumkleide und trommelte gegen die Tür.

Hannah wurde blass.

Dass Felix ihr gefiel, wusste nur ihr Tagebuch und ihre Mutter.

Ist das schlecht, Mama?

Warum?

Weil ich noch so jung bin …

Für Gefühle kann es nicht zu früh sein, Hannah.

Ist das Liebe?

Noch nicht. Das nennt man verliebt sein. Es ist schön ein Vorgeschmack auf Liebe.

Wie das?

Stell dir vor, du stehst an einer Tür. Tür ist einen Spalt geöffnet, du blickst hinein. Dahinter wartet alles: Freude, Schmerz, Glück auch Leid. Weil Liebe so stark ist, weckt sie jede Art Emotionen. Es ist kompliziert. Aber wunderschön. Jeder Mensch sucht danach. Warum? Vielleicht, weil wir Angst vor Einsamkeit haben. Wir wollen jemanden finden, der uns versteht, der die Hand hält schwierig genug! Noch schwieriger ist, das zuzulassen. Den Schritt über die Schwelle zu machen. Aber schon an der Tür zu stehen, ist etwas Großartiges! Die Vorfreude auf die Liebe ist herrlich!

Und dann?

Es gibt nichts Schöneres. Außer vielleicht, als ich dich geboren habe.

Heißt das, das ist gut?

Ja, das ist prima! Solange du bedacht bleibst.

Mama …

Ich sage jetzt nichts mehr. Ich vertraue dir. Und verrate mir mal, wer der Junge ist. Kenn ich ihn?

Ja …

Hannah bewahrte ihr Geheimnis, zart wie Porzellan. Sie wollte sich bloß nicht verraten. Und war doch glücklich damit.

Und jetzt?

Lisa durchschaut natürlich alles. An der Bewegung, mit der Hannah die Notiz zusammenrollte, am ängstlichen Blick zur Tür. Hätte Lisas Gezeter nicht so laut alle übertönt, wäre Hannah vielleicht klar geworden, dass Felix gar nicht unbemerkt hätte an ihren Rucksack gelangen können, weil er ja ebenfalls beim Volleyballspielen war.

Die Jungs stolperten grinsend aus der Kabine und kringelten sich vor Lachen, als Lisa die Notiz wild herumwirbelte, und Hannah vor Scham im Eck verschwand.

Was ist hier los?

Frau Bachmann tauchte wie aus dem Nichts auf. Die Klasse verstummte. Sie wusste sofort, dass Ärger drohte.

Frau Bachmann, wir haben Neuigkeiten! Lisa küsste die Notiz, hielt sie in die Luft. Hannah und Felix das neue Traumpaar!

Lisa, was erzählst du? Frau Bachmann runzelte die Stirn. Was ist das in deiner Hand?

Ein Brief! Den unser Felix an Hannah geschrieben hat! Dass er sie mag!

Die siebte Klasse wollte schon loskichern.

Ruhe jetzt! Frau Bachmann sah Hannah an. Hannah?

Plötzlich erinnerte sich Hannah an das Septembermorgen, ihren verpassten Gedichtvortrag und Frau Bachmanns aufmunternden Blick.

Du musst keine Angst haben. Ich weiß, du kannst das.

Wie von alleine trat Hannah vor, stellte sich gegenüber Frau Bachmann und antwortete fest, fast wie zu ihrer Mutter:

Lisa hat mir die Notiz weggenommen. Ich wollte sie niemanden zeigen.

Verstehe. Felix? Sie wandte sich an die Jungs, und nun geschah etwas Unerwartetes.

Ja, das hab ich geschrieben, sagte Felix.

Felix schob die kichernden Freunde beiseite, ging zu Lisa und riss ihr die Notiz aus der Hand.

Man liest keine fremden Briefe, Lisa!

Lügner! kreischte Lisa, die begriff, dass ihr Plan nicht aufging.

Kein Spott, keine Häme Hannah würde weiter stolz durch die Schule gehen.

Tatsächlich stand Hannah heute ganz aufrecht da nicht, weil sie Angst hatte. Nein, weil sich an diesem Tag etwas wandelte. Es kribbelte ihr im Rücken, als hätte sie Flügel bekommen Unsinn, Menschen können nicht fliegen. Oder doch? Warum fühlte sie sich sonst so leicht? Sie hätte abheben können über das alte, abgetretene Schulparkett hinweg.

Lisa? Frau Bachmann war kurz angebunden.

War doch nur ein Spaß … und er lügt …

Gib her, Felix nahm den Brief, legte ihn Hannah vorsichtig in die Hand. Das ist für dich! Und lass niemanden mehr lesen, was ich dir schreibe, abgemacht? Frau Bachmann, haben wir heute einen Aufsatz bei Frau Grabowski? Ich bin echt nicht vorbereitet!

Wenigstens bist du ehrlich! Doch, heute gibts einen Aufsatz. Aber das Thema bekommen alle ein anderes tagesaktuell. Und jetzt aber flott! Der Gong hat längst geläutet, ihr seid immer noch nicht umgezogen!

Der siebte Jahrgang stob los. Niemand beachtete mehr die wütend-rote Lisa. Hannah und Felix warfen sich ein Lächeln zu und Hannah hielt die kleine weiße Notiz fest in ihrer Hand.

Sie wird sie später in ihr Tagebuch einkleben und aufbewahren wie einen Schatz bis sie sie an Felix bei der eigenen Hochzeit überreicht.

Hier, mein Mann!

Was ist das, Frau?

Unser Anfang …

Und du vertraust mir so, dass ich es lesen darf?

Du kennst sowieso schon alles!

Nicht alles.

Was ist dann noch geheim? Hannah lehnt sich bei Felix an, ignoriert das Johlen der Gäste und das Küsschen!-Rufen aus der Menge.

Erinnerst du dich, wie du mir von Verliebtheit erzählt hast? Von der Tür und dem Schwellenübertritt?

Klar!

Bist du über die Schwelle getreten?

Hannas Augen strahlen. Ihr leises Flüstern versteht Felix ganz deutlich, trotz Musik und Stimmengewirr:

Natürlich! Und ich hab die Tür fest hinter mir zugemacht! Ich bin nicht mehr verliebt.

Wie meinst du das? Felix schaut erstaunt.

Na eben: Ich liebe dich! Verstanden?

Na jetzt aber! Ein Kuss, Hannah?

Unbedingt!

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Homy
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Kleiner Spaß
Ich werde immer an deiner Seite sein