Liebe ohne Bedingungen

Bedingslose Liebe

Also, letztens war ich bei Theresa es war einer dieser gemütlichen Nachmittage im Wohnzimmer. Ich schlendere so durch den Raum, und plötzlich fällt mir ein schwarzer Socken auf, der unter dem Sofa hervorlugt. Ich grinse breit und rufe spielerisch:

Sag mal, dein Mann ist ja offenbar doch kein Ordnungsheld!

Ich beuge mich runter, angel mir den Socken blitzschnell und lasse ihn im Zimmer herumwedeln wie ein Trophäe beim Angeln. Man würds ja nie denken! Immer so ein Bilderbuch-Typ als wäre er geradewegs aus einem Lifestyle-Magazin gefallen!

In dem Moment kommt Theresa aus der Küche, schnappt sich ein Geschirrtuch zum Abtrocknen und guckt mich verblüfft an.

Wie kommst du jetzt darauf?

Ich zeige ganz dramatisch stumm mit dem Zeigefinger auf den Socken. Die Beweislage könnte überzeugender kaum sein.

Theresa wird ein bisschen rot, wirkt leicht peinlich berührt und sagt schnell:

Ach, das war Paulchen unser kleiner Kater. Der schnappt sich alles aus dem Wäschekorb, was er tragen kann. So ein kleiner Räuber ist ja noch ein Baby.

Da leuchten mir natürlich sofort die Augen du weißt doch, ich liebe Katzen!

Paulchen? Ach, euer Kätzchen!, quietsche ich. Wo steckt er denn? Ich kenn ihn nur von Fotos, und da ist er einfach zuckersüß da schmilzt man doch dahin!

Innerlich frage ich mich, wie ich nach zehn Minuten bei Freundin Theresa noch keinen flauschigen Kater auf dem Arm hatte.

Theresa schmunzelt, sichtlich amüsiert über meine Begeisterung. Schau mal auf den Sessel neben der Heizung da liegt er fast immer. Aber vorsicht: Seine Krallen und Fremde sind gar nicht sein Ding. Wenn du ihn streichelst, und es juckt, die Hausapotheke steht im Bad. Ich koche uns derweil einen Kaffee.

Klar ich schleiche mich leise an den Sessel ran. Und da liegt er auch tatsächlich, dieser wuschelige weiße Fellball mit grauen Streifen, eingerollt auf einer Kuscheldecke und total versunken im Katzenschlaf. Die Ohren zucken ganz leicht, als würde er Traumgeräuschen nachlauschen. Ab und zu zuckt das Schwänzchen. Einfach goldig.

Ich flüstere: Du kleiner Herzbrecher, und strecke ganz vorsichtig die Hand aus. Paulchen öffnet ein Auge, checkt mich gefühlt in Sekundenschnelle ab und pennt weiter. Kaum hab ich ihn gerade angefasst, zuckt er blitzschnell mit dem Pfötchen. Zack, ein feiner Kratzer am Handgelenk.

Ich muss lachen: Na dann sind wir jetzt wohl offiziell bekannt, was? Ich bin nicht beleidigt im Gegenteil: Ich kraule ihm trotzdem vorsichtig hinterm Ohr. Er erstarrt einen Moment, schnurrt dann plötzlich leise und schläft gemütlich weiter.

Als Theresa mit zwei dampfenden Kaffeebechern und einer Schale Haribo zurückkommt, sitze ich völlig selig auf dem Boden und kraule Paulchens Bauchi. Ich grinse von einem Ohr zum anderen, während das Kätzchen so laut schnurrt, dass der ganze Sessel wackelt. Der feine Kratzer leuchtet rot auf meinem Arm aber das macht mir die Laune überhaupt nicht kaputt.

Er ist ja so ein Schatz!, rufe ich, wobei Paulchen sich gleich auf den Rücken rollt und das ganze Bäuchlein zum Kraulen präsentiert. Ich hätte auch gern so einen Mitbewohner dann wärs für meine Schneeflocke wenigstens nicht mehr so langweilig.

Theresa schaut verschmitzt und schlägt vor: Soll ich dir mal die Adresse vom Tierheim raussuchen? Da wartet bestimmt noch ein zweiter Paulchen auf dich. Sie stellt die Tassen ab und guckt mich ganz verzückt an, wie ich schier zum Kind werde über dem Kätzchen.

Ich bin kurz still und leicht wehmütig. Paulchen murrt leise, als ich kurz aufhöre, und miaut empört. Du weißt ja, ich will heiraten. Und ich fürchte, Arne kann mit mehr Tieren erstmal nicht viel anfangen. Sogar für Schneeflocke brauchts gefühlt zehn Argumente.

Theresa setzt sich zu mir, nimmt ihre heiße Kaffeetasse in die Hand und guckt neugierig: Echt? Mag er keine Tiere?

Ich zucke mit den Schultern und fange an zu erklären: Na ja es sind halt überall Haare, manchmal steht der Kratzbaum im Weg, oder das Katzenspielzeug rollt rum und Arne steht einfach total auf Ordnung. Alles muss immer blitzblank und am perfekten Platz sein, ständig. Kein Staubkörnchen darf irgendwo rumliegen.

Das Lächeln auf Theresas Gesicht verschwindet langsam. Sie fährt sich, ohne nachzudenken, übers rechte Handgelenk als würde da was unangenehm zwicken. Ihr Blick wird plötzlich richtig ernst fast abwesend, als hätte sie sich in eine andere Zeit versetzt.

Ich rücke nervös näher. Thereschen was ist denn? Was war jetzt das?

So habe ich Theresa in dreieinhalb Jahren Freundschaft noch nie erlebt: Ihr fröhliches Leuchten ist weg, so als hätte jemand das Licht auf dunkel gestellt. Normalerweise sorgt sie immer für gute Stimmung, ein richtiger Sonnenschein aber jetzt wirkt sie ganz blass und traurig.

Theresa braucht ein paar Sekunden, dann sagt sie mit angestrengtem Lächeln: Alles gut Es ist nur weißt du, ich geb dir mal einen Rat. Bevor du heiratest oder gar ein Kind bekommst, wohnt erst mal mindestens ein Jahr zusammen in einer Wohnung. Es ist etwas anderes, wenn du jeden Tag den Ansprüchen eines anderen gerecht werden musst, ständig Angst hast, aus Versehen was falsch zu machen.

Ich frage leise: Möchtest dus erzählen? Und dann sofort: Du musst nicht, wenn du nicht willst!

Theresa nickt langsam, atmet tief durch und sagt: Doch. Vielleicht ist es ganz gut, wenn dus weißt. Aus den Fehlern anderer lernt man ja manchmal doch schneller. Und sie beginnt ihre Geschichte

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Damals, als sie neunzehn war, hatte sie Bernd kennengelernt neun Jahre älter, souverän, charmant und so verliebt in Theresa, dass es ihr ein bisschen die Sprache verschlagen hatte. Er brachte Blumen mit, einfach so, wusste nach dem zweiten Treffen schon, dass sie Tee mit Zitrone liebt, und hörte ihr stundenlang beim Erzählen über die Uni zu. Sie war so berührt von dieser Aufmerksamkeit, dass sie nach nur drei Monaten Ja sagte. Ihr Vater lebte mit neuer Familie in Hamburg, von ihm kam zum Geburtstag eine Karte, wenn überhaupt. Die Mutter war nach der Abi-Feier im Grunde abgetaucht ins eigene Leben. Das war für Theresa okay, sie hatte nie das Gefühl, sich aufdrängen zu müssen.

Die ersten Monate nach dem Einzug ins frisch gemietete Apartment am Rande von München war alles wie im Film. Bernd war geduldig und fürsorglich. Doch nach und nach kam sein Ordnungstick durch. Erst wars nur beherztes Staubsaugen, mal ein Hinweis auf den Socken unterm Tisch. Dann aber wurde aus kleinen Kommentaren ständige Kritik am Haushalt. Theresa war mitten in ihrer Prüfungszeit, schläft zu wenig und lebt förmlich von Kaffee und Müsliriegeln.

Eines Abends will sie nur noch ins Bett, aber Bernd steht schon in der Diele und deutet auf ein Staubkorn auf dem Boden.

Schau mal, da ist schon wieder Dreck. Jetzt sofort wischen!

Sie versucht ruhig: Es ist halb eins nachts, ich muss um sieben raus Der Analysis-Test ist morgen. Kann ich das bitte nach dem Frühstück machen?

Sein Kommentar: Wenn du nicht stundenlang am Handy scrollen würdest, wäre jetzt alles längst erledigt. Also los.

Sie schleppt sich zum Putzschrank und fegt den Flur, bis ihr die Augen zufallen. Aber an Erholung ist nicht mehr zu denken.

Und es wurde nicht besser. Plötzlich war alles Thema eine Tasse, die falsch stand, ein Buch, das nicht exakt im Regal war. Einmal durchsucht er den ganzen Wäscheschrank und wirft alles raus, weil ein Kissenbezug nicht perfekt gebügelt ist.

Das ist schief! Merkst du das gar nicht? Bügel alles nochmal alles! Und morgen bitte auch besser falten!

Man fühlt sich wie in einem schlechten Witz. Theresa hebt das zerknautschte Laken auf und merkt zum ersten Mal, dass ihr Bauchweh macht. Sie beginnt, an ihrem Mann zu zweifeln.

Ein anderes Mal verbeißt sich Bernd in eine noch nicht gebügelte Bluse. Sie hat für ihre Hausarbeit bis tief in die Nacht gerechnet und geschrieben. Morgens fehlt die Energie; dabei hängen noch fünf andere, frisch gebügelte Blusen im Schrank. Doch Bernd sieht nur diese eine, die noch nicht drangekommen ist.

Sein Kommentar: Du wirst immer fauler! Soll ich jetzt im zerknitterten Hemd ins Büro?

Theresa will erklären, aber er lässt sie nicht. Plötzlich packt er sie am Handgelenk, drückt viel zu fest zu und reißt daran. Sie rudert mit dem Gleichgewicht, ihre Hand pocht.

Danach ziert ein riesiger blauer Fleck ihr Handgelenk. Sie trägt tagelang nur noch Pullis mit langen Ärmeln. Niemand merkt etwas, denn Theresa bleibt auf der Arbeit und bei Freunden immer freundlich.

An Gesicht und Körper fasst er sie nie da ist er zu schlau. Aber Handgelenk und Haare bekommen regelmäßig ab, wenn es um irgendwas Schmutziges geht.

Theresa ist irgendwann nur noch nervös. Sie schläft schlecht, kontrolliert alles zehnmal, fragt sich Tag und Nacht: Ist alles richtig? Fehlt irgendwo was? Sie zieht sich immer mehr zurück, trifft Freunde kaum noch. In der Uni übersieht man sie fast, so leise ist sie geworden.

Eines Tages bricht sie mitten im Seminar zusammen. Kreislauf null. Als sie auf der Krankenstation aufwacht, sitzt die Schwester daneben und ein Arzt klärt sie auf. Da, als sie ins weiße Deckenlicht starrt, taucht die Frage plötzlich in ihrem Kopf auf: Warum mach ich das eigentlich? Für wen? Wo ist mein Leben geblieben?

Dann kommt Bernd zu Besuch. Theresa freut sich kurz vielleicht fragt er ja ausnahmsweise, wies ihr geht?

Doch noch bevor er den Mantel ablegt, gehts schon los:

Kannst du dich bitte mal anschauen? Haare nicht gekämmt, und das Hemd sieht schmuddelig aus! Und dann hast du dich noch bekleckert so lässt man sich doch nicht in der Öffentlichkeit blicken!

Sie starrt ihn an. Läuft es dir eiskalt den Rücken runter? In dem Moment schaltet sich die resolute Stationshilfe ein so eine richtig bayrische Mama, grauhaarmurmelig und direkt:

Und jetzt raus hier sonst schwing ich gleich mein Wischmop über deinen Schädel! bellt sie durchs Zimmer.

Theresa muss fast lachen, vielleicht vor Aufregung und Erleichterung. Bernd verlässt, tief beleidigt, das Zimmer. Die Schwester streicht ihr die Decke zurecht, drückt fest und sagt: Du hast was Besseres verdient, Kind. Die Welt ist groß, und Männer gibts mehr als genug du musst niemanden ertragen, der dich schlecht behandelt.

In dem Moment Theresa spürt plötzlich ganz deutlich: Ich kann ja wirklich gehen. Also, weißt du, sie hatte zwar keine riesen Rücklagen, die kleine Wohnung in Augsburg von der Oma, aber: Das reicht! Ein paar Nachhilfestunden in Mathe, was dazuverdienen, und dann lieber Ruhe als so ein Leben

Sie schaut aus dem Fenster in die Sonne und denkt: Ich fang nochmal an. Ganz für mich.

Der Rest ist praktisch Formsache. Nach ein paar Wochen ist die Scheidung durch. Bernd lässt seinen Anwalt antanzen ein emotionsloser Mensch im Anzug, der nicht ein Mal Blickkontakt zu Theresa sucht. Als das Urteil fällt, ist da kein Triumph, aber ein Segen: Erleichterung. Richtig spürbar, tief bis in den Bauch.

Theresa tritt aus dem Gerichtsgebäude, atmet die Münchner Frühlingsluft, und zum ersten Mal seit Jahren lächelt sie einfach so. Tiere spielen im Park, Vögel zwitschern; sie denkt: Ich bin wirklich frei.

Die ersten Monate sind nicht leicht, aber sie tun gut. Sie bezieht Omas kleine Wohnung mit Blick in einen alten Lindenpark morgens glitzern goldene Sonnenstrahlen durchs Fenster, auf dem Balkon blüht der Flieder. Im Stillsein findet sie Frieden. Sie macht sich ihren Kaffee, schaut dem aufwachenden Augsburg zu und genießt die neue Unordnung die ihre eigene ist.

Im Bücherladen nebenan jobbt sie auf 450Euro-Basis. Ihr gefällt die Stimmung, das Rascheln beim Blättern, der frische Buchduft.

Und dann, eines Nachmittags, prallen in der Krimi-Abteilung zwei Köpfe aufeinander fast wie im Film! Erschrocken schaut sie auf, der Unbekannte grinst und meint: Wow, Sie sind aber schnell unterwegs!

Das ist Felix, ein Großer, mit fröhlichen Augen und diesen kleinen Grübchen beim Lächeln. Aus einem lockeren Gespräch über Kunstbände werden wöchentliche Besuche, dann laden sie sich gegenseitig auf Kaffee ein. Er hört ihr richtig zu und ist nie genervt, selbst wenn sie mal stundenlang redet.

Sie traut sich erst Wochen später, von ihrem alten Leben zu erzählen. Einmal sitzen sie zusammen im Café, eine Tür knallt laut im Nebenraum, und Theresa fährt erschrocken zusammen.

Felix nimmt sofort ihre Hand und sagt ganz ruhig: Alles gut bei dir?

Und dann bricht alles aus ihr heraus. Zum ersten Mal, von Anfang bis Ende. Felix hört nur zu, keine dummen Tipps, kein Das wird schon wieder. Nur Verständnis und Geduld.

Am Ende sagt er: Theresa, ich will dich einfach nur glücklich sehen. Wir können gern eine Reinigungskraft holen, wenn dir das hilft. Du musst mir nichts beweisen.

Da merkt Theresa, wie viel echter Respekt wert ist. Kein Schauspiel, kein Druck nur Wärme. Und zum ersten Mal beginnt sie an ein neues, gutes Leben zu glauben.

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So ist das eben gewesen, flüstert sie, als wir wieder im Wohnzimmer bei Paulchen sitzen. Es waren harte Jahre aber sie haben mich gelehrt, meine eigenen Grenzen zu setzen. Glück, das bedeutet, dass man so geliebt wird wie man ist, nicht weil man sich ständig verbiegen muss.

Paulchen reckt sich in dem Moment, stapft schnurrend auf Theresas Schoss und legt die Pfote an ihre Wange. Sie lacht.

Siehst du? Nicht mal Paulchen ist perfekt schleppt Socken durch die Bude, klettert an den Vorhängen Und ich liebe ihn trotzdem.

Ich nehme ein Taschentuch und reiche es ihr vorsichtig über den Tisch. Ich hab Gänsehaut, ehrlich. Du bist mutig. Und so stark. Ich hab dich noch nie so erlebt.

Theresa schaut aus dem Fenster am Himmel blitzen ein paar Sterne auf, es ist ruhig, das Kaminfeuer knistert im Hintergrund. Jetzt ist es gut. Und ich wünsche dir das auch. Lass dir Zeit. Schaut, wie das Leben im Alltag klappt. Liebe ist mehr als schöne Worte es braucht Respekt und erst recht Verständnis für den anderen.

Ich streichele Paulchens Fell, er schnurrt noch lauter, als wollte er sagen Genau!. Kameradschaft und Ruhe breiten sich im Zimmer aus.

Danke, dass du das geteilt hast. Ich nehme mir deinen Rat wirklich zu Herzen, sage ich leise, und sie lächelt zurück.

Sie nippt am mittlerweile fast kalten Kaffee und meint: Weißt du, Glück ist gar nicht kompliziert. Es ist, wenn du selbst sein kannst und trotzdem geliebt wirst.

Und in diesem Moment mit Freundschaft, schnurrendem Kätzchen, warmem Licht und tausend Sternen draußen in der Augsburger Nacht fühlt sich ihr kleines, neu gebautes Leben so richtig, so echt und einfach sicher an.

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Homy
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