Wohnung für drei – Zusammenleben in einer deutschen Großstadt

Wohnung für drei

Du verstehst das nicht, sie ist für mich wie eine Schwester. Ich kann ihr nicht einfach nein sagen.

Annika, sie wohnt jetzt schon seit drei Wochen bei uns. Drei Wochen Sebastian schrie nicht, er sprach leise, und das war schlimmer als jeden Streit. Wir haben vor zwei Monaten geheiratet. Zwei. Nennt sich Flitterwochen, falls dus vergessen hast.

Sie hatte doch niemanden mehr. Du kennst doch ihre Situation.

Ich weiß. Ich weiß es ganz genau. Jeden Abend weiß ich es, weil sie es uns ja auch jeden Abend wieder erzählt. An unserem Tisch. In unserer Wohnung. Die, nebenbei bemerkt, meine Wohnung ist.

Ich schaute ihn an und wusste nicht, was ich sagen sollte. Nicht, weil er Unrecht hatte. Genau das Gegenteil war das Problem er hatte vollkommen Recht, und das machte das Gespräch so unerträglich.

Maren war in unser und damit in mein und Sebastians frisches Eheleben am fünften Tag nach der Hochzeit eingezogen. Sie rief mich nachts um halb zwölf an und sagte, dass es ihr schlecht ging. Ihre Stimme klang so, dass ich sofort aus dem Bett stieg. Sebastian sah mir nach, sagte damals nichts. Er sagte damals überhaupt noch nichts.

Maren und ich waren seit 22 Jahren befreundet. Seit der ersten Klasse. Sie saß immer vor mir, drehte sich ständig um. Sie hatte rotblonde Zöpfe und eine kleine Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen und konnte überhaupt nicht still sein. Ich selbst war ein ruhiges Mädchen, das gut zeichnete, aber schlecht mit fremden Leuten sprach. Maren füllte absichtlich all den Raum mit Leben, den ich freiließ. Wir wurden sofort Freundinnen, ohne großes Annähern, ohne Prüfungen. Einfach, weil sie sich einmal umdrehte und fragte:

Gibst du mir einen Stift? Einen rosa?

Ich gab ihr den Stift und von diesem Moment an gab ich ihr fast alles, worum sie mich bat.

Das muss man richtig verstehen. Ich war nie schwach oder unterdrückt. Ich konnte einfach nur sehr gut geben. Eine Eigenschaft, die lange wie eine Tugend wirkt bis man merkt, dass man nicht das hingegeben hat, was man geben wollte, sondern das, was man hätte schützen sollen.

Maren war mit 38 bereits zweimal verheiratet beide Male unglücklich, beide Male war ich an ihrer Seite. Ihr erster Mann suchte nie einen richtigen Job, hatte aber immer Ideen, wie er an das Geld anderer kam. Beim zweiten Mann war zuerst alles okay, doch nach drei Jahren wurde Maren langweilig, und sie verließ ihn. Kinder gabs keine, Wohnung auch nicht. Sie lebte ihr ganzes Erwachsenenleben zur Untermiete oder bei Verwandten. Mal war sie Projektmanagerin irgendwo, dann Koordinatorin in einer Agentur, dann heuerte sie bei irgendeinem Start-up an, das nach wenigen Monaten wieder schloss. Sie war ein Mensch der Stimmungen. Wenn es ihr gut ging, wollte man mit ihr leben, lachen. Ging es ihr schlecht, war die ganze Welt schuld.

Ich wusste das. Ich wusste es und sagte Sebastian trotzdem, dass Maren kurz bei uns wohnen würde. Er fragte:

Wie kurz ist kurz?

Ich sagte: eine, höchstens zwei Wochen.

Etwas mehr als drei Wochen später standen wir an einem späten Abend in der Küche, Maren schlief bereits im Gästezimmer. Sebastian hielt eine kalte Teetasse in der Hand.

Annika, ich verlange nicht, dass du die Freundschaft aufgibst. Ich will nur, dass wir unser Zuhause haben. Unser Leben. Unseren Raum. Weißt du, was ich meine?

Ja, ich weiß.

Dann erklär mir bitte, warum sich nichts ändert.

Ich konnte es ihm nicht erklären. Nicht, weil ich keine Antwort wusste. Ich wusste sie aber sie war hässlich. Ich hatte Angst, Maren zu verletzen. Angst vor ihrem Blick, ihren Tränen am Telefon, ihren Worten du bist die Einzige, die mich versteht. Ich hatte Angst, eine schlechte Freundin zu sein. Sebastian wartete eine Erklärung und ich schwieg.

Er stellte die Tasse ab und ging schlafen.

Ich blieb allein in der Küche stehen. Hinter der einen Wand schlief Maren, hinter der anderen mein Ehemann. Und ich stand irgendwie dazwischen, ohne irgendwo dazuzugehören.

Sebastian und ich hatten uns vor vier Jahren auf dem Geburtstag eines gemeinsamen Freundes kennengelernt. Er kam spät an, suchte lange nach einem Platz, setzte sich dann mir gegenüber und erzählte stundenlang amüsante Geschichten von seinen Dienstreisen. Er war Bauingenieur, hatte halb Deutschland gesehen und konnte erzählen. Ich lachte ehrlich. Später hat er gesagt, genau das habe ihn von mir überzeugt weil mein Lachen so echt war.

Wir waren zwei Jahre zusammen, lebten dann eineinhalb Jahre gemeinsam, dann heirateten wir. Hochzeit klein, 30 Leute, Restaurant in der Innenstadt, alles ruhig und nett. Maren war Trauzeugin. Sie kaufte ein fuchsienfarbenes Kleid, das fast auffälliger war als meins, und tanzte die ganze Nacht durch. Sebastian sah sie an wie jemand, der versucht, eine Aufgabe zu lösen, von der er die Regeln nicht kennt.

Nach der Hochzeit wollten wir eine kleine gemeinsame Reise machen, quer durchs Land, in Gasthäusern übernachten, ohne Stress. Das wurde verschoben wegen Maren. Sebastian sagte kein Wort dazu, fragte nur leise, ob wir auf nächsten Monat verschieben. Der nächste Monat kam auch nicht.

Am nächsten Morgen saß Maren mit gutem Laune beim Frühstück. Sie konnte das ganz wunderbar: gestern Abend Tränen und Klagen, heute Parfum und ein frisches Lächeln.

Das riecht lecker sagte sie, als ich Pfannkuchen machte. Annika, du verwöhnst mich.

Sebastian trank Kaffee am Fenster. Drehte sich nicht um.

Sebastian, bist du heute lange bei der Arbeit? fragte Maren.

Wie immer, antwortete er.

Ich dachte nur, vielleicht könnten wir später zusammen Abend essen? Ich kann auch was kochen, ehrlich.

Er stellte seine Tasse ab, sah sie an und dann mich.

Ich bleibe heute länger im Büro, sagte er und verließ die Küche.

Maren sah ihm nach.

Ist er sauer auf mich? flüsterte sie.

Nein, sagte ich schnell.

Annika. Ich merke es doch. Es ist ihm unangenehm, dass ich hier bin.

Alles gut, Maren.

Sei ehrlich. Ich verstehs.

Hier hätte ich ja sagen müssen. Einfach zugeben: Ja, es ist etwas komisch, ja, wir müssen reden, wie es weitergehen soll. Das wäre ehrlich und reif gewesen. Aber ich schwieg. Stattdessen legte ich ihr einen warmen Pfannkuchen auf den Teller und fragte, ob sie Quark oder Marmelade wolle.

Maren entschied sich für Marmelade.

Ich habe später viel nachgedacht, warum es mir so schwerfiel, mit ihr Klartext zu reden. Sie war meine Freundin seit 22 Jahren, fast meine Schwester. Sie wusste, dass ich bei Tierfilmen weine, dass ich keine Menschenmengen mag und in fremden Betten schlecht schlafe. Ich wusste, dass sie bei Kleinigkeiten lügt, ohne Absicht, dass sie panische Angst vor dem Alleinsein hat, dass sie unter all ihrer Lautstärke doch nur möchte, dass man sie wahrnimmt.

Aber eben dieses Wissen machte es so schwer. Ihr direkt etwas Unangenehmes zu sagen, fühlte sich an, als würde man einem Menschen, den man durch und durch kennt, absichtlich wehtun. Man sieht den Schmerz voraus, weiß wie jedes Wort ankommt und schweigt.

Sebastian kam an dem Tag wirklich erst spät nach Hause. Ich lag schon im Bett und las. Maren schaute im Gästezimmer Fernsehen, ich hörte die Stimmen.

Er zog sich schweigend um, legte sich zu mir.

Wie gehts dir? fragte ich.

Müde.

Sebastian.

Ja?

Ich muss mit ihr reden. Ich weiß. Gib mir noch etwas Zeit.

Er schwieg kurz. Dann sagte er:

Annika, ich sags dir ehrlich. Das ist schwer für mich. Jeden Tag nach Hause zu kommen, zu wissen, wir sind nicht allein immer freundlich sein, sich zusammenreißen… Ich will nicht so leben. Das ist keine Wut auf Maren. Es ist einfach nicht das, was ich mir für uns vorgestellt habe.

Ich hör dich.

Aber tust du auch was?

Er wartete keine Antwort ab. Schloß die Augen. Nach ein paar Minuten atmete er ruhig.

Ich lag da und starrte die Decke an. Im Nachbarzimmer verstummte der Fernseher endlich. Die Wohnung war ruhig, aber in mir war alles laut. Ein ständiges Hintergrundrauschen, das nie ganz verschwindet.

Die nächsten Tage verliefen wie immer. Maren besichtigte einmal ein freies Zimmer, kehrte aber zurück wie jemand, dem man etwas völlig Unzumutbares gezeigt hatte.

Nicht mal ein richtiges Fenster, sagte sie. Und die Vermieterin, eine, die garantiert ständig kontrollieren würde.

Es war ja nur ein erstes Angebot, sagte ich. Es gibt noch andere Wohnungen.

Natürlich, natürlich. Nur der Wohnungsmarkt, so verrückt zurzeit, nichts Gutes zu bezahlbaren Preisen.

Soll ich helfen suchen? Ich könnte online schauen.

Nein, nein. Ich schaff das allein. Lass mich nur ein wenig zur Ruhe kommen.

So ähnlich wiederholte sich das Gespräch. Immer gab es einen Grund, warum es nicht klappte: zu weit weg, zu laut, zu teuer, Kaution zu hoch, sie musste erst das Gehalt abwarten. Das kam, verschwand aber für anderes. Ich fragte nicht mehr wofür. Es war mir unangenehm.

Einmal hörte ich einen Anruf, der nicht für meine Ohren bestimmt war. Ich hing Wäsche auf dem Balkon auf, Maren telefonierte im Zimmer, wusste nicht, dass ich nah war.

Ach, alles gut ich wohne bei Annika. Die Wohnung ist top, ihr Mann stört nicht… Wie? Nein, der ist still, mischt sich nicht ein… Logo, alles ok. Annika würde nie nein sagen, kennst sie doch.

Ich machte die Wäsche fertig. Trat wieder in die Wohnung. Maren sah mich, wechselte kurz den Ton am Telefon.

Gut, meld mich später.

Wir schauten uns an.

Wer war das? fragte ich.

Lena, eine aus der Agentur.

Ach so.

Mehr sagte ich nicht. Ich räumte Wäsche weg. Maren erzählte irgendwas über Arbeit, über Lena. Aber zwischen uns standen ihre Worte: Sie wird nie nein sagen, kennst sie doch.

Ich wusste das schon immer. Ich habe es nur noch nie beim Namen genannt.

Am Ende der vierten Woche rief Sebastians Mutter an. Unsere Beziehung war höflich, nicht herzlich, aber ohne Spannung. Sie war eine direkte Frau, kein großes Gerede.

Annika, entschuldige, dass ich mich einmische, aber Sebastian hat mir von eurem Gast erzählt. Schon lange?

Fast einen Monat.

Bist du nicht erschöpft?

Nein, erwiderte ich automatisch.

Annika.

Ein wenig schon.

Er macht sich Sorgen. Er redet nicht viel, aber ich sehs. Ihr habt gerade erst geheiratet. Ihr braucht eure Zeit zu zweit.

Ich weiß.

Nimm es mir nicht übel. Ist eigentlich nicht meine Sache. Aber du bist eine Vernünftige regel das bitte.

Nach dem Telefonat dachte ich lange nach. Sebastian hatte mit seiner Mutter gesprochen. Es ging ihm offenbar so schlecht damit, dass er es nicht nur mit sich selbst ausmachen konnte. Und ich hatte das in seinem ruhigen Schweigen nicht gesehen.

Am gleichen Abend bat ich Maren um ein Gespräch. Sie nahm ihre Tasse, saß wie immer mit den Beinen auf dem Sofa.

Maren, wir, Sebastian und ich, brauchen unseren eigenen Raum. Für uns als junge Familie. Ich will dich nicht rausschmeißen, aber wir müssen eine feste Frist ausmachen. Irgendein Datum.

Sie sah mich genau an.

Du willst, dass ich ausziehe.

Ich will, dass du eine eigene Wohnung hast. Das ist normal.

Klar. Das hat Sebastian dir eingeredet.

Wir beide haben das entschieden.

Ich such doch, du siehst ja, dass ich suche.

Deshalb will ich ein Datum ausmachen. Zwei Wochen. Sagen wir, bis zum Ersten nächsten Monats.

Maren schwieg. Dann stellte sie langsam ihre Tasse weg.

Du meinst es ernst.

Ja.

Und es ist dir egal, dass ich jetzt gerade nirgends hin kann?

Es ist mir nicht egal. Deshalb sage ich ja zwei Wochen nicht sofort.

Also zählt zwanzig Jahre Freundschaft weniger als ein Jahr Ehe.

Das ist nicht fair.

Und du rausschmeißen ist fair?

Ich schmeiße dich nicht raus. Ich gebe dir ein Ziel, damit du loslegst. Du kannst bei Lena fragen, andere Stadtteile probieren. Wenn es am Geld scheitert, helfe ich dir mit der Kaution.

Jetzt kaufst du dich mit Geld frei?

Nein ich biete einfach Hilfe.

Sie stand auf und ging ins Gästezimmer. Leise, nicht wütend.

Ich blieb sitzen und starrte ihre halbvolle Tasse an. Dachte, wahrscheinlich hätte ich es netter und anders sagen sollen. Sebastian kam, solange ich noch dasaß.

Was ist?

Hab mit Maren geredet.

Er blieb stehen.

Und?

Sie ist traurig.

Er setzte sich zu mir.

Hast du das mit der Frist gesagt?

Ja, der Erste.

Das ist gut, Annika.

Sie leidet darunter.

Sie, nicht wir?

Sebastian, sie ist meine Freundin.

Und ich mein Mann.

Das war ruhig gesagt, kein Druck. Nur eine Tatsache: Ich bin dein Mann. Das zählt auch etwas.

Ich legte meine Hand auf seine.

Ich weiß.

Maren blieb die nächsten drei Tage fast nur im Zimmer. Aß kaum, redete wenig. Das war ihre Art, Druck zu machen nicht böse, sie konnte ihre Verletzlichkeit einfach immer zeigen. Ihr Leben lang war das so: Ging es ihr schlecht, sollten es alle sofort spüren. Nicht, weil sie uns strafen wollte. Sie konnte es einfach nicht anders.

Am vierten Tag kam sie anders aus dem Zimmer frisiert, Parfum.

Annika, ich hab ein Zimmer gefunden. Am Freitag gehe ichs anschauen.

Okay. Soll ich mitkommen?

Nein, ich geh allein.

Freitag abends kam sie spät zurück.

Zimmer ist okay. Man kanns aushalten. Aber soll drei Monatsmieten Kaution zahlen.

Wie viel? fragte ich.

Sie nannte den Betrag ziemlich hoch.

Ich gebe dir die Hälfte, bot ich sofort an.

Nein, lass mal.

Doch, Maren.

Lass, Annika. Ich mach das.

Am nächsten Morgen bat sie aber doch um Geld, sogar etwas mehr man müsse noch Bettwäsche und Kleinigkeiten kaufen. Ich gab es ihr. Fragte nicht weiter.

Sebastian merkte es erst Tage später. Fragte dann:

Hast du ihr Geld gegeben?

Ja. Damit sie das Zimmer nehmen kann.

Aus unserem Haushaltsgeld?

Aus meinem Ersparten.

Er schwieg einen Moment.

Okay.

Mehr sagte er nicht. Aber da war im Gesicht etwas, als wäre da ein feiner Riss entstanden, unsichtbar für andere.

Maren zog drei Tage vor Monatswechsel aus. Wir halfen beim Tragen der Kisten. Sebastian trug schweigend, verabschiedete sich höflich. Maren umarmte mich an der Tür.

Du bist die Einzige, die normal ist, sagte sie.

Ruf mal an.

Klar.

Als wir zurückkamen und die Tür schlossen, spürte ich zum ersten Mal seit anderthalb Monaten: Die Wohnung war unsere. Einfach unsere, ohne Klammern, ohne Ausnahmen. Sebastian nahm im Flur meine Hand.

Es ist vorbei, sagte er. Jetzt wirklich vorbei.

Ja, antwortete ich.

Wir buchten endlich eine Reise und fuhren los. Eine kleine Stadt vier Stunden entfernt, altes Hotel mit Holzfenstern und hohem Bett. Wir spazierten am Fluss entlang, aßen Fischsuppe im Café und ich schlief wieder ohne das Gefühl, dass jemand Fremdes nebenan wohnt.

Sebastian fragte eines Abends am Ufer:

Vermisst du sie?

Wen?

Maren.

Ich überlegte.

Nein. Es geht mir gut.

Ehrlich?

Ehrlich.

Es war wahr. Seltsam, ungewohnt, aber wahr.

Maren rief einmal pro Woche an, manchmal seltener. Erzählte von ihrer Wohnung, der Arbeit, einem neuen Bekannten, den sie immer anders nannte. Es waren leichte Gespräche, wie sie es werden, wenn Abstand entsteht. Ich stieß sie nicht weg, ich trat nur einen Schritt zurück.

Im Herbst rief sie an. Sie müsse reden. Persönlich. Kommt am Samstag vorbei, okay? Ich sagte ja. Sagte Sebastian Bescheid. Er war einverstanden.

Sie kam gut gekleidet, neuer Haarschnitt, neues Mantel. Über den Sommer war irgendwas anders geworden in ihrem Gesicht. Ich merkte erst später: Sie hatte endlich mal ausgeschlafen.

Du siehst gut aus, sagte ich.

Findest du? Ich fühle mich auch wieder besser. Die neue Wohnung tut gut.

Gefällt es dir?

Naja, nicht direkt toll, aber ich hab mich eingewöhnt. Die Vermieterin ist okay.

Sebastian kam nur kurz dazu, saß ein Weilchen mit uns, ging dann diskret, das wusste ich zu schätzen.

Maren erzählte lange und viel. Dann wurde sie still, schaute mich an wie jemand, der einen vorbereitet Satz herausholen will.

Annika, ich brauche Hilfe. Wieder.

Was ist los?

Die Vermieterin erhöht die Miete. Ich kann das nicht mehr zahlen. Muss wieder suchen. Und dachte… weiß nicht. Vielleicht auf Zeit…

Ich sah sie an. Sie sprach nicht aus, aber ich verstand.

Nein, Maren.

Sie war erstaunt, vermutlich weil ich das so einfach sagte.

Nein?

Nein. Es geht nicht.

Aber nur für zwei Wochen, wirklich nur, bis ich was finde.

Maren. Wir haben das schon mal probiert.

Damals war alles anders. Da kam ich ja gerade da raus.

Ich weiß. Aber das hier ist unser Zuhause. Unsere Familie. Ich kann das nicht noch mal machen.

Sie sah mich lange an. In ihren Augen verschiedene Emotionen: Enttäuschung, dann Ärger, dann etwas wie Einsicht.

Du hast dich verändert, sagte sie.

Möglich.

Früher hättest du nie einfach nein gesagt.

Wahrscheinlich.

Wegen ihm?

Nein. Meinetwegen.

Sie schwieg kurz. Nippte an ihrem Tee.

Schon gut. Ich finde was.

Ich helfe dir zu suchen, bei den Anzeigen oder so.

Nein, ich schaff das.

Nach kurzer Zeit verstummte unser Gespräch einfach. Nach zwei Stunden ging sie. Die Verabschiedung war höflich, beinahe wie unter Bekannten.

Ich schloss die Tür hinter ihr und blieb im Flur stehen. In mir herrschte ein seltsames Gefühl: Kein schlechtes Gewissen, keine Freude, irgendwas zwischen befreit und leer, als hätte man zu lange eine schwere Tasche getragen und merkt erst nach dem Absetzen das Gewicht.

Sebastian kam aus dem Wohnzimmer.

Ist sie weg?

Ja.

Wie wars?

Normal. Sie wollte wieder einziehen.

Und?

Ich hab nein gesagt.

Er sah mich lange an.

Von dir aus?

Ja.

Er sagte nichts weiter. Umarmte mich. Wir standen einfach da, im Flur.

Aber das war nicht das Ende. Ich dachte lange, jetzt wäre alles klar, geordnet, aber das Schwerste kam noch.

Ende November kam Maren unangekündigt. Einfach am Sonntagmittag. Sebastian kochte, ich las im Zimmer.

Ich öffnete, sah sie und spürte sofort, dass etwas anders war. Sie war gut angezogen, aber ihre Augen wie nach langem innerem Ringen.

Darf ich rein?

Klar, sagte ich, machte Platz.

Ist Sebastian da?

Ja, in der Küche.

Ich würde kurz allein mit ihm sprechen.

Das war merkwürdig. Sie merkte es, wurde etwas weicher.

Fünf Minuten, ehrlich. Ich muss ihm was erklären. Er soll mich richtig verstehen.

Ich holte Sebastian.

Sebastian, Maren ist da. Sie möchte kurz mit dir sprechen.

Er sah mich überrascht an. Legte den Kochlöffel ab und ging ins Wohnzimmer. Ich blieb in der Küche, rührte im Topf. Hören konnte man trotzdem fast alles, die Wohnung ist nicht groß.

Sebastian, ich will dich um eines bitten. Lass Annika selbst entscheiden, was sie tut. Beeinflusse sie nicht.

Was meinst du?

Sie hat das letzte Mal nein gesagt. Ich glaube nicht, dass das von ihr selbst kam. Du hast sie beeinflusst.

Maren, ich rede meiner Frau nichts ein.

Merkst du gar nicht, wie du das machst?

Ich mach das nicht.

Sie hat mir noch nie einen Wunsch abgeschlagen. 22 Jahre lang. Dann kamst du.

Schon länger, zweieinhalb.

Egal. Seitdem ist sie anders.

Vielleicht ist sie einfach erwachsen geworden.

Stille.

Du verstehst nicht, was sie mir bedeutet, sagte Maren, fast tonlos.

Doch. Sie ist deine beste Freundin. Und meine Frau. Das ist kein Widerspruch. Aber sie darf nein sagen.

Ich sprech mit ihr.

Gerne, sie ist in der Küche.

Ich hörte ihre Schritte und drehte mich schnell wieder zum Herd. Maren trat ein.

Hast du was gehört?

Einiges.

Annika, ich muss dir was sagen. Aber du musst versprechen, nicht böse zu werden.

Sag einfach.

Ich finde, Sebastian hat zu viel Einfluss auf dich. Du bist nicht mehr du selbst.

Ich schaltete langsam den Herd ab. Drehte mich um.

Maren. Du redest gerade mit meinem Mann, ohne mich, darüber, wie er mich beeinflusst.

Ich wollte das klären.

Warum?

Damit er versteht.

Was sollte er verstehen?

Sie schwieg. Ich sah sie an und plötzlich sah ich sie zum ersten Mal anders als eine Person, die versucht, meinem Mann zu erklären, dass mein nein nicht ehrlich gemeint ist.

Maren, ich sag dir was. Ich habe mich nicht wegen Sebastian verändert. Ich habe mich verändert, weil ich müde war, immer nur ja zu sagen. Weil ich mein ganzes Leben lang allen ja gesagt habe, ohne es immer zu wollen. Das ist nicht Sebastians Verdienst. Das ist mein eigener Weg.

Du bist verletzt.

Nein. Ich erkläre es nur.

Annika, ich mache mir Sorgen um dich.

Ich weiß. Aber du machst dir Sorgen, dass ich dich ablehne. Das ist etwas anderes.

Sie schaute mich an. Ihr Gesicht zeigte, dass sie eigentlich eine andere Geschichte erwartet hatte.

Du schmeißt mich raus, sagte sie.

Nein. Du bist Gast. Du kannst gerne zum Essen bleiben, wenn du willst.

Das klingt aber kühl.

Vielleicht. Aber es ist ehrlich.

Maren nahm ihre Tasche. Ich brachte sie zur Tür. Am Ausgang drehte sie sich um.

Du rufst mich also nicht mehr als Erste an, oder?

Doch, aber nicht heute.

Tür zu.

Sebastian sah aus dem Wohnzimmer.

Weg?

Weg.

Wie gehts dir?

Geht. Bin einfach nur müde.

Er kam her, wir standen wieder einfach wortlos im Flur unsere stille Art nach schweren Gesprächen.

Nach einer Woche rief ich sie an. Fragte, wie es läuft. Sie hatte eine neue Unterkunft gefunden, ohne Kaution, kleine Kammer, aber die Vermieterin angenehm. Wir telefonierten zehn Minuten, nichts Besonderes. Verabschiedeten uns okay.

Es vergingen wieder Monate. Wir trafen uns ab und zu im Café. Die Treffen waren anders. Ohne Enge. Ohne dass sie dauernd etwas wollte, außer reden. Oder mir kam es so vor. Vielleicht war das jetzt echte Freundschaft wie ich sie nie kannte, weil immer ein Zuviel dabei gewesen war.

Im Frühjahr gab es eine Situation, an die ich lange nicht erinnern mag.

Sebastian war fünf Tage beruflich weg. Ich war allein. Maren erfuhr davon, schlug einen gemeinsamen Abend vor. Ich stimmte zu. Sie kam mit Essen, wir schauten einen Film, lachten, alles war schön. Als es spät wurde, trank sie Zitronenwasser und wurde wieder zu der Maren, die mit ihrer guten Laune einen normalen Abend in eine kleine Feier verwandeln konnte. Sie erzählte Geschichten, plante Urlaube, sprach davon, endlich ans Meer zu fahren, nicht als Pauschaltour, sondern ein kleines Haus zu mieten und einfach einen Monat dort zu leben.

Komm doch mit, sagte sie. Du, ich. Wie früher.

Wie früher?

Weißt du noch, mit 25, Ostsee, das Gästezimmer bei dieser alten Dame? Und die dicke Katze, die immer ans Fenster kam?

Klar, die hieß Lotte.

Genau! Fett und süß.

Wir lachten. Das war echt. Kein Hintergedanke, einfach zwei Freundinnen, die so lange zusammen sind, dass sie dicke Katzen beim Namen kennen.

Dann wurde sie plötzlich ernst.

Annika, bist du glücklich?

Ja.

Mit ihm?

Ja, Maren.

Wirklich?

Wirklich. Warum fragst du?

Manchmal hab ich das Gefühl, dir fehlt was.

Du meinst, ich hätt was falsch gemacht?

Natürlich. Du bist meine beste Freundin.

Maren, lass das.

Was?

Nicht nach Problemen suchen, wo keine sind. Meine Familie ist gut. Sebastian ist ein feiner Mensch. Ich bin gern mit ihm.

Sie schwieg.

Du hast Recht. Sorry.

Schon okay.

Sie fuhr später heim. Ich räumte auf, legte mich hin, dachte an damals an der Ostsee, an Katze Lotte, an die Rückfahrt im Zug, als wir bis vier in der Früh quatschten, bis ich im Gespräch einschlief. Das war echte Freundschaft. Nur wurde irgendwann aus der Freundschaft eine Last.

Als Sebastian wiederkam, erzählte ich ihm von dem Abend, fast alles bis auf die eine Frage nach dem Glück, nicht weil ich etwas verheimlichen wollte, aber weil ich wollte, dass er nicht überflüssig nachdenkt.

Wars okay? fragte er.

Ja. Wir haben uns an alte Zeiten erinnert.

Gut.

Glaubst du das wirklich?

Ja. Mir ist nur wichtig, dass du glücklich bist. Wenn du die Freundschaft brauchst, dann bleib bei ihr. Aber zu anderen Bedingungen.

Welche?

Auf Augenhöhe. Geben und nehmen. Es funktioniert nie, wenn immer nur einer trägt.

Ich dachte lange drüber nach. Er hatte Recht, wie oft, wenn Dinge noch unausgesprochen in mir waren.

Das Verhältnis zu Maren änderte sich. Es brach nicht ab aber es war anders. Wir telefonierten, trafen uns ab und zu. Aber sie kam nie mehr, um bei uns zu wohnen. Ich weiß nicht, ob sie das selbst für sich beschlossen hatte oder ob sich wirklich etwas verändert hatte. Vielleicht suchte sie andere Wege. Sie wechselte den Job, fand endlich was Festes auch ihr Ton wurde ruhiger, ohne diese immer lauernde Traurigkeit.

Eines Tages erzählte sie, da wäre ein neuer Mann. Sie erzählte vorsichtig, ohne Begeisterungsstürme, ganz sachlich: Mal sehen, vielleicht ergibt sich was.

Das freut mich, sagte ich.

Willst du ihn nicht mal kennenlernen?

Vielleicht, schauen wir mal.

Wir trafen uns zu viert allerdings nie. Der Mann verschwand nach ein paar Monaten, ohne Drama. Maren war traurig, aber sie hielt durch.

Ich beobachtete sie aus der Distanz, die nun zwischen uns bestand keine kalte, keine feindselige, einfach eine Distanz. Ich glaube, die Freundschaft war echt. Sie hatte sich nur verändert weil wir anders geworden waren.

Einige Jahre sind seither vergangen. Ich denke daran, weil Sebastian neulich fragte, wie es Maren gehe. Ich sagte, wohl gut. Neue Wohnung im guten Stadtteil, eigenes Zimmer.

Freust du dich für sie?

Ja.

Ehrlich?

Ja.

Und es stimmt. Ich freue mich, dass sie ihren Platz gefunden hat. Solange sie den nicht fand, wohnte sie immer nur auf Probe bei anderen. Nicht böse, sie konnte es einfach nicht anders und irgendwer ließ es immer zu.

Ich frage mich, was ich aus all dem gelernt habe. Keine Moral, kein Lehrsatz, einfach: Was weiß ich jetzt mehr als damals?

Ich weiß, dass man auch zu geliebten Menschen nein sagen kann. Sogar zu jemandem, den man zwanzig Jahre kennt. Sogar zu jemandem, der weint und fleht Du bist die Einzige. Dieses Nein zerstört keine Freundschaft. Es kann sie sogar retten. Es verändert sie, vielleicht erkennt man sie kaum wieder aber irgendwann entdeckt man hinter all dem ständigen Ja auch das Eigentliche.

Ich weiß, dass Familie und Freundschaft nicht gegeneinander antreten. Es gibt da keine Waage. Alles hat seinen Platz, seinen Raum, und wenn das eine zuviel vom anderen wegnimmt, dann stimmt etwas nicht mehr.

Ich weiß, dass Sebastian mir nie gesagt hat: Entscheide dich. Er sagte nur, wie es ihm geht und wartete. Das ist wichtig bei einer Entscheidung: Manchmal gibt es keine Wahl, sondern eben nur Klarheit.

Nur eines weiß ich nicht: Ob Maren irgendwann wirklich glücklich war nicht nur in Sachen, in denen sie mit Witz im Mittelpunkt stand. Sondern an einem normalen Tag, einfach so, ganz gewöhnlich. War sie da in Ordnung?

Manchmal denke ich daran ich weiß es nicht.

Letzten Sommer trafen wir uns zufällig im Café, ich mit Sebastian. Sie saß allein mit einem Buch am Tisch, trank Kaffee. Lächelte, als sie uns sah. Wir setzten uns für ein paar Minuten dazu.

Und euch gehts? fragte sie.

Gut, sagte Sebastian. Und dir?

Auch. Ich lese.

Was liest du?

Sie zeigte das Cover. Irgendwas über Reisen.

Ich will ans Meer. Vielleicht dieses Jahr. Allein, einfach losfahren.

Mach das doch, sagte Sebastian einfach.

Ja, vielleicht dieses Jahr.

Wir saßen 20 Minuten, verabschiedeten uns herzlich. Sie winkte uns noch. Sebastian nahm meine Hand.

Alles okay? fragte er.

Ja. Alles okay.

Draußen war es warm, die Leute schlenderten, irgendwo kam Musik aus einem offenen Fenster.

Glaubst du, sie fährt? fragte ich.

Wohin?

Ans Meer. Allein.

Er dachte nach.

Weiß nicht. Möchtest du, dass sie fährt?

Ich schaute zurück sie war schon weg. Das Café wie jedes andere. Einfach so.

Ja, sagte ich. Ich glaube, es würde ihr guttun.

Dir würde das auch guttun, meinte er. Wir waren ewig nicht weg.

Ein Wink?

Ein Angebot.

Ich lachte, er auch. Wir gingen weiter und unterhielten uns über Alltägliches, den nächsten Tag, den Einkauf.

Aber Maren ging mir noch durch den Kopf. Ob sie wirklich einfach fährt, ohne Grund, nur weil sie es will.

Ich hoffe es.

Ich hoffe, sie sitzt gerade in einem kleinen Café am Meer, liest, ist allein und gehts ihr gut. Dass sie endlich den Raum für sich hat, den sie immer suchte, in fremden Wohnungen.

Und ich habe längst meinen gefunden. Ich habe nur lernen müssen, wie ich ihn schütze.

Annika, ruft Sebastian vor mir und dreht sich um. Kommst du?

Ich komme, sage ich. Ich komme.

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Homy
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Das facettenreiche Glück