Ich sage die Hochzeit ab – Warum ich mich entscheide, einen neuen Weg im Leben einzuschlagen

Ich sage die Hochzeit ab
Du fängst schon wieder mit der Sitzordnung an, sagte er und legte die Gabel zur Seite. Wir sind im Urlaub, Laura. Am Meer. Schau dich doch mal um.

Laura ließ den Blick schweifen. Die Restaurantterrasse hing direkt über dem Wasser, unten plätscherten kleine Wellen, und irgendwo in der Ferne blinkte das Licht eines Segelbootes. Der Himmel war tiefblau, beinahe violett, und die ersten Sterne glitzerten bereits am Horizont. Schön. Das sah sie. Das hatte sie alles schon gesehen.

Ich wollte nur mit dir klären, wie wir Tante Heike setzen, sagte sie. Sie sollte nämlich nicht neben Viktor sitzen, du weißt ja, die reden seit ’98 kein Wort mehr miteinander.

Laura.

Was?

Du bist eine Erbsenzählerin.

Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er das laut ausgesprochen hatte. Dachte erst, sie hätte sich verhört. Am Nebentisch lachte ein Paar, laut und unbeschwert, und ihr Lachen füllte die Pause aus, die zwischen ihnen entstand.

Was hast du gesagt?

Ich habe gesagt, dass du eine Erbsenzählerin bist. Markus griff zum Weinglas, trank einen Schluck und sah sie nicht böse an, sondern beinahe ruhig was noch schlimmer war als Wut. Wir sind seit drei Tagen hier. Drei Tage! Und du hast bisher keinen Moment Urlaub gemacht. Immer am Handy, immer am Planen, immer am Organisieren der Hochzeit. Menü, Budget, Blumendeko, Tante Heike. Laura, die Hochzeit ist erst in vier Monaten.

Eben deshalb muss jetzt alles geregelt werden, solange es nicht stressig ist.

Stressig. Er grinste. Das nennst du wohl nicht stressig.

Laura faltete die Serviette ordnungsgemäß und legte sie auf den Tisch. Ihre Hände zitterten nicht das hätte sie nie zugelassen.

Markus, irgendwer muss sich doch kümmern. Der Saal kostet Geld. Das Catering muss in drei Monaten bestätigt sein. Der Fotograf will schon eine Anzahlung.

Ich weiß das alles.

Warum nennst du mich dann eine Erbsenzählerin?

Seine Antwort ließ auf sich warten. Sein Blick blieb auf dem Wasser haften. Dann sagte er:

Weil du verlernt hast, einfach mal zu sitzen. Einfach mal zu essen. Einfach mal auf das Meer zu schauen. Du bist immer irgendwo anders in Listen, Tabellen, alten Konflikten aus ’98.

Das ist nicht irgendein Konflikt, das ist deine Familie.

Laura, ich bitte dich um eines. Leg das Handy weg. Trink ein Glas Wein. Schau dir den Himmel an. Wenigstens diesen Abend lang.

Sie steckte das Handy in die Tasche. Nahm ihr Glas. Trank. Der Wein war gut, trocken, mit einer feinen Bitterkeit. Am Nebentisch wurde weiter gelacht.

Fünf Minuten lang schwiegen sie. Dann konnte sie doch nicht anders:

Zum Menü noch: Wir müssen noch über die Fischgerichte sprechen, weil Carolines Frau eine Fischallergie hat. Wenn wir ein Buffet machen, sollte sie gewarnt werden

Markus stand auf.

Ich geh mal spazieren, sagte er.

Das Abendessen ist noch nicht vorbei.

Ich geh jetzt einfach, wiederholte er. Frische Luft schnappen.

Sie sah zu, wie er von der Terrasse ging. Breite Schultern, lockerer Gang, das helle Hemd locker über der Hose. Er konnte immer so aussehen, als hätte er keine Probleme. Vielleicht, dachte sie, weil er wirklich keine hatte. Die Probleme hatte sie.

Laura trank ihr Glas leer, bat um die Rechnung, zahlte. Sie kehrte aufs Zimmer zurück, duschte, legte sich hin. Schaute lange an die Decke und lauschte dem Meeresrauschen.

Markus kam nicht zurück.

Sie merkte es gegen zwei Uhr nachts, als sie aufwachte und die leere Hälfte des Bettes sah. Sie schrieb ihm eine Nachricht. Dann noch eine. Keine Antwort. Sie trat auf den Balkon. Unten am Pool lief noch Musik, jemand lachte laut. Warme Nachtluft, mit Salz und Blütenduft. Die Nacht so schön wie eine Postkarte.

Laura legte sich wieder und konnte lange nicht einschlafen.

Am Morgen kam eine Nachricht. Bin mit Freunden nach Lübeck. Habe sie gestern an der Promenade kennengelernt. Bin abends zurück. Warte nicht auf mich. Kein Erklären, keine Entschuldigung. Nur ein Fakt, wie der Abfahrtsplan eines Busses.

Sie las es dreimal. Legte das Handy umgekehrt hin.

Sie erhob sich, machte sich einen Kaffee mit der lauten, billigen Kapselmaschine auf dem Schränkchen. Trank im Stehen und schaute aufs Meer. Es war heute grau, obwohl der Himmel schon blau wurde. Früher Morgen das Meer schien immer etwas verschlafen, wie jemand, dem ein wenig Schlaf fehlt.

Laura war 34. Sie arbeitete als Finanzanalystin bei einer mittelgroßen Hamburger Firma im Bereich Logistik. Die Arbeit war nicht ihr Traumberuf, aber nachvollziehbar und sicher. Laura schätzte Sicherheit. Sie konnte planen, Risiken erkennen, dort, wo andere nur Chancen sahen. Das war beruflich. Aber das alles hatte sich, wie sie merkte, klammheimlich in ihr Privatleben geschlichen.

Markus lernte sie vor drei Jahren kennen. Musiker war er. Nicht hauptberuflich er verdiente sein Geld als Texter in einer Werbeagentur, schrieb Jingles und Sounddesign, aber im Herzen war er Musiker. Am Wochenende spielte er mit Freunden in kleinen Clubs, schrieb Songs, hörte seltsame Musik, blieb manchmal mitten auf der Straße stehen, wenn ihn das Licht faszinierte oder er das Gurren der Tauben auf alten Dächern hörte. Er konnte staunen. Das zog sie an.

Beim ersten Date kam er zwanzig Minuten zu spät. Sie wollte schon gehen, als er verschwitzt angerannt kam, mit einem Strauß Gänseblümchen, halb zerdrückt, weil er sie fest in der Faust gedrückt hatte. Sein Grund: Er war einem Straßenmusiker gefolgt und hatte sich verlaufen. Sie hätte beleidigt sein sollen. Stattdessen lachte sie.

Das erste halbe Jahr war leicht. Er hatte immer Ideen, sie ließ sich manchmal darauf ein, das war ungewohnt und aufregend. Dann zogen sie zusammen und die Leichtigkeit verteilte sich nicht mehr gerecht.

Es stellte sich heraus: Markus zahlte keine Rechnungen rechtzeitig. Nicht aus Geiz, sondern weil er sie schlicht vergaß. Er achtete nicht darauf, ob noch genug zu essen im Kühlschrank war. Die Miete musste sie immer im Kopf behalten. Über die Steuererklärung hatte sie dreimal gesprochen nichts passiert. Wenn sie die Tickets nicht rechtzeitig kaufte, landeten sie im überfüllten Regionalzug; zum Arzt musste sie ihn anmelden, weil er es sonst vergaß. All das blieb nach und nach an ihr hängen. Nicht, weil er sich verweigerte. Er dachte einfach nicht daran. Sie schon. Und irgendwann merkte sie, dass nur sie daran dachte.

Sie beschwerte sich nie offen. Oder wenn, dann beiläufig, und er sagte: Du hast Recht, tut mir leid, ich werde mich bessern, hielt das eine Weile und dann war alles wie zuvor. Es war keine böse Absicht. Das war einfach seine Art zu leben. Er lebte für heute, sie immer schon für übermorgen.

Den Antrag machte er. Unerwartet, rührend. Im Dezember, bei Schnee im Park, blieb er stehen und sagte: Heirate mich. Ohne Ring, ohne Drama. Den Ring kaufte er später, eine Woche später, schön ausgesucht dafür hatte er Geschmack. Sie sagte ja. Freude und Angst hielten sich die Waage, die Freude überwog.

Doch dann fing das Organisieren an. Und wie immer lag alles bei ihr. Markus war ideenreich, redete gern mit. Live-Band statt DJ. Hochzeit im Landhausstil. Torte in Gitarrenform. Tolle Vorschläge, wirklich. Aber Preise vergleichen, Caterer recherchieren, Gästeliste mit alten Fehden abstimmen, Menü wegen Allergien abklären, Vorauszahlungen, Fristen das machte sie. Allein. Neben dem Job. Abends. Am Wochenende. Und im Urlaub, wie sie feststellen musste.

Am Fenster mit dem kalten Kaffee dachte sie darüber nach. Ruhig, ohne Tränen das war schon fast unheimlich. Sie war sonst eine Macherin. Doch jetzt war da etwas, das ihr übliches Muster bremste.

Sie nahm ihr Handy und schaltete es aus. Einfach so, den Knopf gedrückt, bis das Display dunkel war. Das erste Mal seit Jahren, dass sie das außer im Kino oder Flugzeug tat.

Dann öffnete sie den Kleiderschrank und betrachtete ihre Sachen. Da hingen die praktischen Leinenhosen, extra für den Urlaub. Bequeme Sandalen. Eine leichte Jacke für abends. Vernünftig, durchdacht. Und dann das Kleid, das sie in letzter Minute eingepackt hatte ein Zufallsgriff. Seide, in tiefem Terrakotta, mit feinen Trägern und leicht ausgestelltem Rock. Gekauft vor einem halben Jahr in einem kleinen Laden, einfach weil sie es im Fenster gesehen hatte. Das Kleid war unpraktisch. Zu lang zum Spazierengehen; es zerknitterte schnell, brauchte bestimmte Schuhe. Sie wusste selbst nicht, warum sie es mitgenommen hatte.

Jetzt wusste sie es.

Laura zog das Kleid an. Fand in ihrer Tasche passende Sandaletten, hatte sie für den Notfall eingepackt. Schminkte sich leicht. Nahm eine kleine Handtasche, steckte Portemonnaie, Pass und etwas Bargeld ein. Verließ das Zimmer.

An der Rezeption fragte ein freundlicher junger Mann nach einem Taxi. Sie sagte, sie wolle in die nächste Kleinstadt. Er erklärte, Bus ab Marktplatz, stündlich, Fahrt ca. zwanzig Minuten. Sie bedankte sich und ging zu Fuß zur Haltestelle. Der Bus kam rasch.

Die Stadt hieß Wiesenberg, kleiner noch als der Kurort, in dem das Hotel lag. Enge Gassen, helle Häuser mit roten Ziegeldächern, Katzen auf den Fensterbänken, Kaffeeduft und Gebäck. Praktisch keine Touristen. Das war angenehm.

Laura schlenderte ziellos. Das Kleid streifte über unebene Pflastersteine; sie hielt es vorsichtig fest. Die Sonne war warm, aber nicht heiß. In der Ferne schlug eine Kirchturmuhr. Zehn Uhr.

In einer Seitenstraße entdeckte sie eine kleine Galerie. Eher eine offene Tür, aus der Ölfarbengeruch strömte. Über der Tür ein Handschild: Atelier offen.

Laura zögerte kurz, dann trat sie ein. Ein heller, kleiner Raum. An den Wänden Bilder, vor allem Landschaften: das Meer zu verschiedenen Zeiten, Hügel, Straßen. An einem Eichentisch saß eine alte Frau. Um die siebzig, vielleicht älter. Zierlich, kerzengerade, kurzes graues Haar, riesige runde Brille. Sie schrieb in ein Notizbuch und bemerkte Laura erst nach ein paar Sekunden.

Kommen Sie ruhig herein, sagte sie plötzlich auf Deutsch, nach einem prüfenden Blick. Ich tue Ihnen nichts.

Ich komme aus Deutschland, stammelte Laura. Mein Deutsch ist also, ich spreche Deutsch.

Reicht doch völlig, lächelte die Frau. Ihr Lächeln war überraschend jung. Ich heiße Annemarie. Das ist mein Atelier. Schauen Sie sich bitte um.

Laura betrachtete die Bilder. Das Meer war lebendig, echt, nicht wie auf Postkarten. Auf einem Gemälde tobte ein Sturm, aber ohne Pathos dunkles Wasser, niedrige Wolken, irgendwo ein weißes Segel. Auf dem nächsten ruhte das Wasser spiegelblank; das Blau von Himmel und See ununterscheidbar.

Gefällt es Ihnen? fragte Annemarie.

Sehr, sagte Laura, besonders das mit der Windstille.

Warum genau das?

Laura überlegte.

Weil es keine Grenze gibt. Himmel und Wasser verschwimmen, und das macht keine Angst. Es ist einfach schön.

Annemarie schaute sie interessiert an.

Sind Sie allein hier?

Heute ja.

Setzen Sie sich doch, sagte sie und wies auf einen alten Stuhl. Möchten Sie Kaffee?

Laura wollte sagen nicht nötig, brachte aber nur ein sehr gerne heraus.

Während Annemarie an der kleinen Herdplatte in der Ecke hantierte, betrachtete Laura die Gemälde. Im Atelier war es still. Keine Stadtgeräusche, kein Verkehr, keine Stimmen, kein Türenschlagen. Nur Stille, wie man sie sonst nie erlebt. So dass man das eigene Atmen hört.

Annemarie brachte zwei Espressotassen.

Sie machen Urlaub? fragte sie.

Ja. Im Hotel in Baltsee.

Mit Ehemann?

Mit meinem Verlobten.

Wo ist er?

Weggefahren, antwortete Laura schlicht. Mit neuen Bekannten. In eine andere Stadt.

Annemarie sagte kein wie schade oder er kommt sicher zurück. Sie nickte nur und nippte an ihrem Kaffee.

Und Sie sind dann einfach hierher gekommen, sagte sie.

Ich bin einfach in den Bus gestiegen. Ohne Plan.

Eine gute Entscheidung.

Sie schwiegen. Laura wärmte die Hände am Tässchen.

Wie lange malen Sie schon? fragte sie.

Mein Leben lang. Vierzig Jahre habe ich Malerei unterrichtet. Grundschule, später an der Universität. Im Ruhestand habe ich dieses Atelier eröffnet. Annemarie verzog die Lippen zu einem kleinen Lächeln. Ich dachte, dann würde ich nur noch für mich malen. Aber es kommen immer Leute, schauen, reden. Das ist in Ordnung.

Kommt das oft vor? Dass Menschen einfach nur reden wollen?

Oft. Touristen. Besonders, wenn sie allein sind. Sie betrachtete Laura aufmerksam. Wer allein ist, sieht offene Türen, Farbdüfte, hört die Stille.

Laura wusste keine Antwort.

Haben Sie sich gestern gestritten? fragte Annemarie.

Er hat mich eine Erbsenzählerin genannt. Laura war überrascht, wie nüchtern das klang, ohne Verletzung, fast als Teil der Bilanz.

Und warum?

Weil ich beim Abendessen die Hochzeit organisiert habe.

Stille.

Sind Sie eine Erbsenzählerin? fragte Annemarie.

Laura wollte spontan nein sagen, hielt inne.

Ich weiß nicht, gab sie zu. Ich tue nur, was getan werden muss. Sonst passiert nichts. Von selbst passiert nichts.

Das stimmt, sagte Annemarie. Aber wissen Sie, was ich in langen Jahren gemerkt habe? Wenn in einer Partnerschaft einer alles macht und der andere nichts, wird der Fleißige irgendwann wütend. Nicht auf den Partner. Auf sich selbst. Weil er oder sie es so hat werden lassen.

Laura stellte die Tasse langsam ab.

Ich bin nicht wütend.

Nein, bestätigte Annemarie. Sie sind heute in einem schönen Kleid hierher gekommen, das Handy ist aus. Das ist etwas anderes als Wut.

Draußen lief eine Frau mit Korb am Fenster vorbei, Annemarie nickte kurz zurück.

Nachbarin, erklärte sie. Jeden Morgen auf den Markt. Seit dreißig Jahren derselbe Weg.

Das ist langweilig, meinte Laura.

Oder zuverlässig, sagte Annemarie. Kommt drauf an, wie man es sieht.

Sie schwiegen wieder einige Zeit. Dann ging Annemarie zu einer Staffelei in der Ecke. Darauf ein unfertiges Bild: Meer, diesmal von oben, man sah Wasser, Felsen, den fernen Horizont.

Daran arbeite ich seit drei Wochen, sagte sie. Ich bekomme den Horizont nicht hin. Zu scharf, zu fad. Wenn ich ihn verschwimmen lasse, verliere ich das Licht.

Laura trat dazu.

Und wenn Sie ihn so lassen? Aber im Vordergrund ein Detail hinzufügen, das das Auge erst einmal fesselt?

Annemarie musterte Laura.

Malen Sie?

Nein. Ich bin Finanzanalystin.

Aber Sie denken in Bildern.

In Strukturen. Manchmal sehen die aus wie Bilder.

Annemarie lachte leise.

Wissen Sie, sagte sie, ich war einmal verheiratet. Netter Mann, freundlich. Aber er konnte nie mehr als eine Sache gleichzeitig im Kopf haben. Ich organisierte alles. Geld, Kinder, Haus, seine Ausstellungen, meine. Er sagte, ich denke zu viel. Ich dachte, er hat recht, ich müsste lockerer werden.

Und? Sind Sie lockerer geworden?

Nein, sagte Annemarie. Ich kann nicht anders sein. Aber ich habe lange gedacht, das wäre ein Fehler. Ein Jahr vor seinem Tod, fuhr sie fort, sagte er: Ohne dich ginge ich längst unter. Du bist mein Ufer.

Laura blickte auf das Gemälde.

Das ist schön.

Vielleicht. Aber damals dachte ich: Ist es gut, jemandes Ufer zu sein? Das Ufer bleibt stehen. Die anderen legen an, wann sie Lust haben. Oder segeln weg.

Langes Schweigen.

Hatten Sie Kinder? fragte Laura.

Zwei. Jetzt längst erwachsen, leben in München und Bremen. Kommen an Feiertagen zu Besuch.

Sind Sie einsam?

Manchmal. Annemarie zuckte mit den Schultern. Es gibt verschiedene Arten von Einsamkeit. Eine, die schmerzt. Und eine, in der man endlich sich selbst hört.

Haben Sie nochmal geheiratet?

Nein. Ich wollte mal, fünf Jahre nach dem Tod meines Mannes. Es gäbe da jemanden Aber ich merkte, ich müsste wieder das Ufer sein. Ich war müde davon. Ich wollte endlich auch mal ein bisschen treiben.

Sie lächelte, setzte sich wieder an den Tisch.

Wie lange bleiben Sie noch?

Weiß ich nicht, meinte Laura ehrlich. Rückflug ist übermorgen.

Kommen Sie morgen nochmal. Ich zeige Ihnen einen kleinen Markt um die Ecke. Da verkauft ein älterer Herr Keramik. Wunderschöne Sachen.

Laura nickte.

Ich komme, sagte sie.

Sie verließ das Atelier gegen Mittag. Die Sonne stand hoch, die Schatten waren kurz. Ein Motorroller fuhr über das Kopfsteinpflaster, die Katze auf der Fensterbank zuckte kaum.

Laura ging zurück zur Haltestelle, dachte dabei nicht an Markus, sondern ans Ufer. Daran, dass Ufer sein nicht schlecht oder gut ist sondern eine Rolle. Die Frage ist nur, ob man sie selbst gewählt hat.

Im Bus blickte sie aus dem Fenster. Die Küste tauchte auf und verschwand wieder zwischen Feldern. Jetzt war das Meer tiefblau, mit weißen Schaumkronen. Ganz anders als morgens.

Im Hotel war sie kurz nach eins, an der Rezeption hieß es, Herr Brandt sei seit einer Stunde zurück und liege am Pool.

Sie zog sich im Zimmer um die praktischen Leinenhosen, schlichtes weißes Shirt und ging zum Pool.

Markus lag auf der Liege, das Handy in der Hand. Als er sie sah, setzte er sich auf.

Hi, sagte er. Wo warst du?

Im Nachbarstädtchen.

Allein?

Allein.

Er schwieg.

Ich war gestern grob zu dir. Tut mir leid, sagte er schließlich.

Ja, stimmte sie zu.

Ich wollte dich nicht verletzen es hatte sich einfach aufgestaut. Ich dachte, wir machen Urlaub, aber es ist alles wie immer.

Wie immer?

Naja Er suchte nach Worten. Du bist immer in Gedanken bei der Arbeit. Sogar die Hochzeit behandelst du wie einen Projektplan.

Sie sah ihn an. Er war immer noch schön, gebräunt, leicht zerzaust, mit dieser ihm eigenen Leichtigkeit, die sie einst fasziniert hatte.

Markus, sagte sie. Darf ich dich ehrlich was fragen?

Sicher.

Hast du je in diesen drei Jahren die Miete ohne Erinnerung bezahlt?

Er runzelte die Stirn.

Doch, bestimmt mal

Kein einziges Mal. Ich habs überprüft. Immer musste ich daran denken, immer habe ich das Geld überwiesen.

Das heißt noch lange nichts

Warte. Hast du je selbst einen Arzttermin gemacht? Oder von dir aus eingekauft, ohne meine Liste, einfach, weil der Kühlschrank leer war?

Laura, das sind Kleinigkeiten.

Für dich. Für mich Alltag. Sie sprach ruhig, ohne Lautstärke. Du kommst mit Hochzeitsideen. Live-Band, Landhaus, Torte als Gitarre. Toll. Aber wer vergleicht die Locations? Wer ruft das Catering an? Wer liest die Verträge? Wer denkt daran, dass Carolines Frau eine Allergie hat?

Du hast das doch übernommen.

Ja, weil, wenn ich es nicht mache, niemand daran denkt.

Markus stand auf, lief ein paar Schritte, kam zurück.

Du hast recht. Ich sollte mehr helfen. Aber du lässt mich auch nicht. Am Ende machst du eh alles selbst.

Vielleicht kann ich wirklich nicht anders. Aber du auch nicht. Du kannst dich nicht kümmern. Ich kann nicht abschalten. Wir dachten, das gleicht sich aus. Aber es hat sich nur auf mich verlagert.

Er sagte nichts.

Gestern Nacht bist du nicht heimgekommen, sagte sie.

Ich habe geschrieben.

Ja. Bin abends da, warte nicht auf mich. Wir sind im Urlaub, Markus. Zusammen. Und du fährst mit Unbekannten weg, weil ich die Sitzordnung bespreche.

Ich musste einfach raus.

Und ich? Jetzt war da eine andere Betonung in ihrer Stimme. Wann komme ich mal raus? Drei Jahre lang habe ich keinen Moment entspannt. Ich plane, rechne, erinnere, zahle, organisiere. Ich mache im Urlaub die Hochzeit nicht, weil ich will, sondern weil spätestens im September alles schiefgeht, wenn ichs nicht tue.

Er sank zurück in die Liege und schwieg lange.

Laura, ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst.

Das weiß ich, antwortete sie. Das ist das Problem.

Sie stand auf, nahm ihr Handtuch.

Ich geh schwimmen.

Er schaute ihr nach. Sie spürte es. Drehte sich nicht mehr um.

Das Meer war warm. Sie schwamm weit hinaus, weiter als sonst. Drehte sich auf den Rücken, ließ sich treiben und sah in den Himmel. Wolkenlos, hell, klar. Kinderstimmen am Strand.

Sie dachte an Annemarie. An das Ufer. Daran, dass ein Ufer nie schwimmt.

Sie war drei Jahre lang nicht geschwommen. Sie war das Ufer gewesen.

Abends aßen sie gemeinsam zu Abend, fast schweigend. Markus versuchte, die Stimmung zu lockern, erzählte von Lübeck, den Leuten, die er kennengelernt hatte Künstler aus Berlin, die ohne Plan durch die Gegend reisen, bleiben, wo es ihnen gefällt. So möchte ich leben, meinte er lachend, und bemerkte nicht, wie Laura ihn in diesem Moment ansah.

Sie wusste nun, etwas ganz Einfaches: Er wollte so leben. Ohne Plan. Ohne Sitzordnung. Ohne Allergien, ohne Deadlines. Er hatte sie ausgesucht, weil er gehofft hatte, dass mit ihr dieses Leben irgendwie trotzdem funktionieren würde. Weil er sicher war, dass jemand anderes für das Übermorgen sorgt, während er für das Heute lebt.

Nichts davon war böse gemeint. Er war kein schlechter Mensch. Er war nur anders gestrickt. Und sie auch. Vielleicht passten sie auf dem Papier zusammen. In Wirklichkeit trug sie und er tanzte.

Nachts lag sie lange wach und lauschte dem Meer, während Markus ruhig schlief. Schön, leicht, verantwortungslos wie immer.

Sie betrachtete ihren Ring Silber, mit blauem Stein, von ihm ausgesucht, schön. Im Licht des Mondes schimmerte er.

Sie dachte: Was ist in einem Jahr? In fünf? Sie würde Kindergeburtstage und Elternabende planen, während er von Berliner Künstlern erzählt? Die Finanzen für die Wohnung organisieren, während er seine Hälfte vergisst? Sie würde Mahnungen, Pläne, Geld, Termine jonglieren bis sie zur Managerin seines Lebens geworden war?

Oder würde sich etwas ändern? Menschen ändern sich. Vielleicht.

Vielleicht. Aber drei Jahre hatte sie vergeblich auf Veränderung gewartet. Sie sah nur den guten Willen. Der am nächsten Morgen verflogen war.

Irgendwann in der Morgendämmerung schlief sie kurz ein. Als sie aufwachte, war es hell, Markus schlief noch, und sie wusste, was sie wollte.

Vielleicht hatte sie es gestern schon am Pool entschieden, vielleicht im Atelier, vielleicht sogar vor drei Jahren ohne es zuzulassen.

Sie stand leise auf, so dass er nicht wach wurde, ging auf den Balkon. Das Morgenmeer war grau-blau, verträumt. Ein Boot zog eine weiße Spur durch die Ferne.

Ein Ufer schwimmt nicht, dachte sie. Aber Ufer können Wasser werden.

Sie ging wieder hinein. Markus wachte auf, sah sie an, lächelte.

Morgen, murmelte er schläfrig.

Guten Morgen, sagte sie. Markus, ich muss was sagen.

Er richtete sich auf.

Was?

Ich sage die Hochzeit ab.

Lange Pause. Er starrte sie an, verstand nicht.

Was?

Ich sage die Hochzeit ab, wiederholte sie. Wir müssen nicht heiraten.

Laura ist das wegen vorgestern? Wegen dem, was ich sagte?

Nein. Deswegen nicht. Wegen allem.

Wegen allem?

Sie trat ans Bett und zog den Ring vom Finger. Legte ihn ihm auf die Hand. Er starrte ihn an, als wäre das ein Fremdkörper.

Laura, warte. Lass uns reden. Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe, aber

Markus, sagte sie sanft. Du bist ein guter Mensch, ehrlich. Du kannst dich freuen, du siehst das Schöne, du lebst für den Moment. Das ist selten und kostbar. Sie sprach langsam. Aber diese drei Jahre waren für mich anstrengend nicht, weil du schlecht bist, sondern weil wir verschieden auf das Leben blicken. Du siehst darin ein Abenteuer, das sich selbst entwickelt. Für mich ist es etwas, für das man Verantwortung tragen muss. Keiner ist schuld, wie er ist. Aber gemeinsam macht das die Sache nicht leichter.

Wir könnten das ändern.

Wir haben es drei Jahre versucht.

Aber

Markus, sie hob die Hand. Ich will nicht nochmal drei Jahre nur hoffen, dass sich etwas ändert. Ich will leben. Mein Leben, nicht das Management deines dazu.

Er schwieg. Sah das Ringchen an.

Bist du dir sicher?

Ja.

Nichts bringt dich davon ab?

Sie dachte nach.

Ich weiß es nicht. Vielleicht mache ich einen Fehler. Vielleicht bereue ich es in einem Jahr. Aber jetzt weiß ich nur, ich will dich nicht heiraten. Nicht, weil ich dich nicht liebe. Weil sie stockte kurz, weil Liebe nicht so erschöpfen soll.

Er schwieg lang. Dann nickte er kaum merklich.

Gut, sagte er leise.

Sie packte ihre Sachen. Er saß nur da am Bett und starrte hinaus, störte sie beim Packen nicht, stritt nicht. Vielleicht verstand er doch etwas. Oder wusste nicht, wie man mit so einer Entscheidung umgeht.

Bevor sie ging, fragte sie noch:

Bleibst du hier?

Bis zum Ende der Buchung, sagte er. Drei Tage noch.

Gut. Sie zog den Koffer. Mach’s gut, Markus.

Du auch.

Sie ging.

An der Rezeption ließ sie den Rückflug umbuchen. Der nächste Flug war in vier Stunden. Sie bestellte ein Taxi zum Flughafen, parkte den Koffer ein und ging in das Café, in das sie am ersten Tag gegangen waren. Sie holte sich einen Kaffee und ein Croissant, setzte sich ans Fenster.

Sie schaltete das Handy an. Nachrichten trudelten ein, von der Arbeit, Freundinnen, von ihrer Mutter diese wollte etwas wegen Stoff für die Brautjungfern wissen. Laura las alles ruhig. Wie Zuschauerin ihres eigenen Lebens.

Dann schrieb sie ihrer Mutter: Die Hochzeit findet nicht statt. Einzelheiten am Telefon, wenn ich zurück bin. Mir geht es gut. Die Antwort kam sofort ein Anruf. Laura reagierte nicht. Steckte das Handy weg.

Sie trank Kaffee, aß eine halbe der Croissants. Der Rest blieb einfach liegen. Es war genug.

Draußen ging das Leben weiter. Eine Frau trug einen Korb vom Markt. Zwei Männer besprachen etwas vor einem Laden. Eine Katze döste auf der Parkbank, wie ein kleiner Löwe.

Laura blickte hinaus und fühlte etwas Seltsames. Kein Schmerz, nicht mal große Erleichterung. Etwas wie Stille. So wie im Atelier von Annemarie. Wenn man das eigene Atmen hört.

Sie erinnerte sich an das Versprechen, morgen wiederzukommen. Morgen wäre sie schon daheim. Sie nahm ihr kleines Notizbuch, das sie immer dabeihatte, und notierte die Adresse des Ateliers. Vielleicht würde sie ja wiederkommen. Nicht ins Hotel von Baltsee. Nach Wiesenberg. Allein.

Das Taxi kam pünktlich, der Fahrer war älter, wortkarg, genau richtig. Die Fahrt dauerte vierzig Minuten, immer das Meer zur Rechten, blau, ruhig, weit.

Am Flughafen gab sie das Gepäck ab, suchte sich einen Platz im Wartebereich. Neben ihr eine junge Frau mit kleinem Sohn, der mit einem Spielzeugauto spielte und leise vor sich hinredete. Gegenüber schlief ein Mann mit Strohhut. Aus den Lautsprechern Durchsage: Flug nach Berlin verzögert sich. Die Stimme fast musikalisch wie ein Lied, nicht wie Ärger.

Laura nahm ihr Handy, fand den Kontakt zum Caterer. Dann den Fotografen. Dann die Hochzeitsplanerin, Nina, mit der sie oft gesprochen hatte. Schrieb allen drei kurze Absagen. Höflich, sachlich, fragte nach Rückzahlung der Anzahlungen. Abgeschickt.

Sie öffnete die Budget-Tabelle der Hochzeit. Location, Blumen, Kleid, Menü, Musiker, Einladungen alles übersichtlich aufgelistet. Mit Beträgen und Fristen.

Sie schloss die Datei. Überlegte, löschte sie dann.

Der kleine Junge ließ sein Auto fallen, die Mutter hob es auf, er lächelte sofort und spielte weiter.

Laura sah sie an.

Sie war jetzt ein wenig einsam. Keine dramatische Einsamkeit, eher so, wie wenn man etwas Schweres trägt und dann endlich ablegt. Die Hände erinnern sich noch an das Gewicht, aber es ist nicht mehr da.

Das Boarding begann.

Sie stand auf, schulterte ihre Tasche, reihte sich in die Schlange ein. Vor ihr eine Frau mittleren Alters im gepunkteten Sommerkleid, Hut in der Hand, am Telefon.

Ja, alles gut! Ja, bin allein geflogen. Hat super geklappt, erzähl ich dir später. Liebe Grüße!

Sie beendete das Gespräch, bemerkte Lauras Blick, lächelte.

Zum ersten Mal allein im Ausland, vertraute sie ihr an. Die Kinder wollten mich abhalten, mein Mann konnte nicht mit. Ich hab’s einfach gemacht. Sie grinste. Ich bin zweiundsechzig, dachte, ich hätte Angst. Aber es war toll.

Es war toll, wiederholte Laura.

Sie reisen auch allein?

Ja.

Nach Hause?

Ja.

Gut so, meinte die Dame überzeugt. Nach Hause ist immer richtig. Nicht nach Hause auch manchmal. Hauptsache nach eigenem Willen.

Sie schoben sich nach vorn. Sicherheitskontrolle, Boarding, Fensterplatz.

Das Flugzeug war nahezu voll. Neben ihr ein Mann mit Zeitung, der sich gleich einlas. Ruhe. Sie musste nicht reden.

Das Flugzeug startete. Laura sah am Fenster zu, wie die Küste kleiner wurde, wie das Meer zum schmalen Streifen schmolz, bis alles von Wolken verschluckt wurde.

Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Was sie zu Hause erwartete, wusste sie: Die Mutter, die sie ausfragte; ihre Freundin Klara, die sofort anrufen und sagen würde: Ich hab’s doch immer gespürt! Arbeitskollegen, die nichts wissen und nichts fragen. Die Wohnung, die sie mit Markus geteilt hatte und für die jetzt eine Lösung her musste. Das würde alles kommen.

Aber jetzt, auf zehntausend Meter Höhe, zwischen dem Gestern und dem, was kommt, war sie im Niemandsland. Nicht mehr dort, noch nicht hier.

Und da war es still, wie nie.

Sie dachte ans Bild im Atelier, das Meer und der verschwommene Horizont. Was hatte Annemarie gesagt? Sie wisse nicht, ob sie ihn deutlich oder verschwommen lassen solle. Zu klar, zu langweilig, zu verschwommen, da fehlt die Luft.

Und Laura hatte gesagt: Etwas im Vordergrund hinzufügen, damit das Auge nicht immer nur in die Ferne schaut.

Vielleicht muss man das auch im Leben so halten. Nicht immer nur auf den Horizont blicken, der existiert oder nicht. Sondern auf das Nahe. Auf den heutigen Tag. Auf den Kaffee und das halbe Croissant. Auf den Jungen mit dem Spielauto. Auf die Frau im gepunkteten Kleid, die mit 62 zum ersten Mal allein verreist und sagt: Es war schön.

Ob sie richtig entschieden hatte, wusste Laura nicht. Vielleicht bereute sie es irgendwann. Vielleicht war es genau richtig. Wer weiß das schon? Sie, die Finanzanalystin, wusste bestens, dass Pläne selten aufgehen.

Aber eines wusste sie ohne Zweifel.

Im Moment war es nicht schwer.

Das war so ungewohnt, dass sie in sich hineinhörte, vorsichtig wie auf eine wunde Stelle drückt, um zu prüfen, ob sie noch schmerzt. Nichts tat weh.

Das Flugzeug flog weiter Richtung Deutschland. Draußen das weiße Wolkenmeer. Der Mann neben ihr blätterte mit leisem Rascheln. Weit hinten weinte ein Kind.

Laura holte das Notizbuch heraus, suchte Annemaries Adresse, schrieb daneben: Zurückkommen. Irgendwann. Allein.

Schloss es. Steckte es weg.

Schaute wieder aus dem Fenster.

Da war plötzlich eine Lücke im Wolkenmeer: grüne und braune Felder, von dünnen Straßen durchzogen, winzig, wunderschön von oben.

Dann wieder Wolken.

Die Flugbegleiterin kam mit dem Wagen vorbei, fragte nach Getränken.

Einen Kaffee, bitte, sagte Laura.

Mit Milch?

Nein, schwarz.

Sie nahm den Becher, umfasste ihn mit den Händen. Wärme. Kleine, einfache Wärme.

Ein paar Reihen vor ihr saß die Frau im gepunkteten Kleid, der Hut lag hell und lebendig auf der Ablage.

Laura dachte an ihr Kleid. Das Terrakotta-Seidenkleid, das so unpraktisch war jetzt lag es im Koffer, im Gepäck. Sie würde es zu Hause behalten, nicht ewig in den Schrank hängen. Sie würde eine passende Gelegenheit finden.

Die würde kommen.

Der Kaffee war nicht besonders, wie immer. Aber sie trank langsam, schaute aus dem Fenster und dachte nur: In Hamburg ist jetzt wohl schon Abend, es wird frisch, sie sollte die Jacke gleich aus dem Koffer nehmen.

Dann dachte sie: Sie wird sie vergessen. Und das ist nicht schlimm.

Das Flugzeug flog vorwärts. Draußen Wolken, Weiß, endlos ruhig. Irgendwo unten Land, Straßen, Städte, Menschen mit Geschichten, Koffern, Gründen für ihre Reise.

Laura schloss die Augen.

Jetzt war es gut.

Nicht glücklich, nicht in Frieden, nicht sicher einfach gut. Einfach so. Ohne Grund, ohne Plan, ohne dass dieses gut für irgendetwas stehen müsste.

Einfach, wie es ist, wenn man endlich für sich selbst entscheidet.

Die Stewardess sammelte Gläser. Laura gab ihren Becher ab.

Wie lange noch? fragte sie.

Etwa zwei Stunden, antwortete die Stewardess.

Danke.

Laura lehnte sich zurück. Draußen wurden die Wolken heller. Oder kam ihr das nur so vor?

Noch zwei Stunden. Man kann schlafen. Man kann einfach sitzen. Man kann nachdenken oder es lassen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste sie nicht, ganz genau, was sie in den nächsten zwei Stunden tun würde.

Und das war sehr gut so.

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Homy
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