— Jürgen, diese Katzen haben hier schon gelebt, lange bevor wir uns überhaupt kannten. Warum sollte ich sie plötzlich weggeben? – fragte Anna mit eisiger Stimme. – Was du da vorschlägst, nennt man Verrat…

Jörg, diese Katzen haben hier gelebt, lange bevor wir uns kannten. Warum sollte ich sie plötzlich weggeben? fragte ich mit eisiger Stimme. Was du vorschlägst, nennt man Verrat

Ich wohne in einer kleinen Stadt in Süddeutschland, umgeben von dichtem Grün, in der Nähe vom Schwarzwald. Im Sommer bilden die Baumkronen ein schattiges Dach über den Straßen und seit den ersten Frühlingswochen blühen die Beete bis in den späten Herbst und erfüllen die Luft mit süßem Duft. Hier kann man leicht ins Nachdenken kommen über das Leben, über das Glück und das, was eigentlich zählt

Meine Mutter ist früh verstorben, ich war noch ein Kind. Großgezogen hat mich meine Cousine zweiten Grades Tante Marianne. Sie hatte nie das Glück einer eigenen Familie, zu zurückhaltend und mit einer leichten Gehbehinderung. Doch all ihre Wärme und Fürsorge schenkte sie mir. Für mich war sie Mama Marianne.

Mama Marianne, ich bin da! Mein Ruf hallte durch den Flur nach der Schule, nach Spaziergängen, später nach der Berufsschule.

Meine Kleine! Wie war dein Tag?

Lesen lernte ich früh. Mama Marianne las mir oft vor, am liebsten Tiergeschichten oder Bücher über Vögel und Käfer. Diese gemeinsamen Leseabende wurden zu unserem kleinen Ritual.

Mit etwa zwölf Jahren brachte ich einmal ein zitterndes Kätzchen nach Hause.

Mama Marianne, schau, die Kleine ist so armselig. Ganz allein, keiner will sie., meine Stimme brach fast vor Mitleid.

Leonie, wollen wir sie behalten?, Marianne nahm mich fest in den Arm.

So zog die erste Katze, Milla, bei uns ein. Ein paar Jahre später brachte Marianne eine zweite mit, aus ihrer Klinikarbeit:

Stell dir vor, Leonie, im Personalraum stand plötzlich ein Karton mit Katzenbabys. Wir Schwestern haben sie alle verteilt, erzählte sie erschöpft.

Mama Marianne, jetzt haben wir zwei Katzen! Wie wunderbar!

Ich begrüßte den Neuzugang freudig. Milla zeigte sich anfangs gleichgültig, schnupperte nur vorsichtig, packte das Kleine dann sanft im Nacken und sprang mit ihr aufs Sofa. Dort begann sie, die Neue fürsorglich zu putzen, als sei es ihre Tochter.

Die Jahre vergingen. Ich kümmerte mich immer mehr um Mama Marianne putzte, kochte, erledigte die Einkäufe. Ich wusste genau, welche Medikamente sie brauchte, kannte alle Ärzte beim Namen und begleitete sie regelmäßig in die Praxis. Wir hatten es schön zusammen, vertieften uns in Bücher, diskutierten Filme und blieben stundenlang im Gespräch.

Als ich Jörg kennenlernte, auf einer Ausstellung in Freiburg, erzählte ich ihm gleich von allem. Marianne war neugierig und ein klein wenig besorgt, konnte Jörg nicht ganz einschätzen. Doch sie warf ihre Zweifel beiseite, vielleicht war es auch eine Prise Eifersucht auf ihre Tochter.

Mein Glück bedeutete ihr alles. Als ich mit Jörg zusammenzog, ließ sie mich schweren Herzens los.

Zweimal wöchentlich besuchte ich sie: dienstags und samstags. Samstags wollte ich Jörg dabei haben, doch er fand stets Ausreden.

Leonie, da sind doch diese Katzen Bitte versteh mich: Geruch, Haare, Näpfe. Wie hast du das bloß ausgehalten?

Jörg verzog das Gesicht, presste die Lippen zusammen, und ich lachte, versuchte mit einem Scherz abzulenken.

Du glaubst gar nicht, wieviel Freude sie mir bringen!

Ach, was ist schon daran lustig?

Wenn sie spielen, sich aufplustern, die Hausschuhe durch die Gegend jagen oder mit den Bändchen spielen das ist so süß! Und wenn sie auf der Brust schnurren, vibriert das ganze Herz!

Ich kann sie nicht leiden, Leonie, sei mir nicht böse, war seine brummige Antwort. Bei euch ist es halt immer Frauenkram putzen, quatschen Ich bleib lieber daheim. Koch doch was Leckeres, dann vermisse ich dich wenigstens

Mit der Zeit ging es Marianne schlechter. Fast täglich kam ich direkt nach der Arbeit vorbei. Ich bot Jörg an, zu ihr umzuziehen, aber er lehnte strikt ab; ich fühlte mich zwischen zwei Welten hin- und hergerissen.

Der Haushalt wurde anstrengender: Wäsche, Böden schrubben mit Sagrotan gegen den schweren Geruch von Krankheit und Alter. Immer öfter hatte ich Angst vor dem nahenden Ende

Marianne starb leise, im Morgengrauen. Ich war die Nacht bei ihr geblieben. Wir flüsterten lange, dann las ich ihr vor, bis wir einschliefen.

Das Vogelgezwitscher weckte mich. Ich wusch mein Gesicht, trat ins Zimmer:

Mama Marianneoh Mama

Ich griff zum Handy.

Jörg, sie ist gestorben, meine Stimme war voller Tränen und riss ihn aus dem Schlaf.

Nach der Beerdigung fühlte ich mich hohl, leer. Mein einziger Mensch war fort. Neben dem Bett lag an jenem Morgen ein Umschlag. Drinnen das Testament für die Wohnung und ein Brief:

Meine liebe Leonie!

Ich weiß, wie weh es dir jetzt tut. Es gibt niemand mehr, der dich umarmt und küsst. Deine Mama ging früh, dein Vater war nie ein Teil unseres Lebens. Nur ich war da.

Meine Kleine, ich liebe dich von Herzen! Das darfst du nie vergessen. Wo immer du bist, ob du traurig bist oder glücklich ich begleite dich.

Die Wohnung gehört jetzt dir. Sie war immer deine, aber jetzt ist sie es wirklich. Es ist wichtig, dass ein Mädchen ein eigenes Zuhause hat auch wenn es alt und einfach ist.

Leonie, ich habe nur einen Wunsch kümmere dich um meine Lieblinge, Milla und Berta. Sie haben jetzt nur noch dich.

Und sei glücklich! Ich habe dich sehr lieb.

Deine Mama Marianne.

Ich las und weinte immer wieder. Ich streichelte die Katzen, nahm sie in die Arme und flüsterte ihnen meine Zuneigung zu. Sie waren mir ebenso wichtig wie Mama Marianne.

Ich beschloss, in die Wohnung zu ziehen. Sie musste auf Vordermann gebracht werden, die Katzen brauchten mich, und ich musste mir ein neues Leben aufbauen.

Jörg wollte nicht mitkommen.

Leonie, lass uns doch erstmal getrennt wohnen. Ich kann das mit den Katzen nicht. Und der Geruch Seine blauen Augen wurden dunkel.

Das tut weh, aber meine Trauer war größer.

Mit der Zeit kehrte ich langsam zurück ins Leben. Ich spielte mit den Katzen, las meine Lieblingsbücher, kaufte neue Gardinen, wusch alle Teppiche. Jörg kam immer seltener vorbei. Und ganz allmählich wurde es leichter.

Eines Abends klingelte es.

Jörg? Hallo, komm rein, sagte ich mit einem Lächeln.

Leonie, du glaubst nicht, wie sehr ich dich vermisst habe! Wie gemütlich du es hast! Und es riecht gar nicht mehr nach Katze! Du hast sie doch weggegeben, oder?

Ich trat einen Schritt zurück.

Wie meinst du das: weggegeben?

Na, die alten Katzen von deiner Tante. Die rochen doch so schlimm. Ich erinnere mich

Jörg ging ins Wohnzimmer.

Was? Die sind noch da?

Milla spielte mit ihrem Schwanz, Berta leckte sich verträumt die Pfote.

Jörg, diese Katzen waren hier lange vor uns. Warum sollte ich sie weggeben? sagte ich eisig.

Jetzt mach mal keinen Unsinn. Die Wohnung ist klasse ein schöner Umbau, neue Möbel, Bad renovieren. Und die Katzen müssen weg!

Er kam ganz nah, schaute mir tief in die Augen. Ich wich nicht zurück.

Was du verlangst, ist Verrat.

Leonie, das ist doch kein Verrat, sondern logisch! Ich meine ja nicht, sie auszusetzen. Bringen wir sie ins Tierheim. Ich geb dir sogar Geld für ihre Versorgung, Hauptsache, sie sind weg!

Du gibst mir Geld?! Du verstehst mich nicht. Ich kann sie nicht hergeben. Sie sind meine Familie.

Jetzt sei doch vernünftig. Denk mal an die Zukunft: Karriere, Ehe, Kinder. Die Zeit läuft Überlegs dir gut. Ich wohne nicht mit Katzen. Also: Entweder Familie mit mir oder ich bin weg.

Er sagte das mit dieser selbstsicheren, gönnerhaften Stimme, überzeugt, dass alles so laufen würde, wie er wollte. Für ihn war das logisch, einfach. Aber mein Schweigen machte ihn unsicher. Ich war weder begeistert noch traurig nur erschöpft und leer.

Für ihn waren es nur Tiere alt, nutzlos, lästig. Aber für mich waren sie meine Verbindung zu Mama Marianne, der letzte Teil meiner Kindheit, meines Zuhauses, meines Herzens.

Plötzlich war mir klar: Ich kann mit niemandem leben, der mit solchen Forderungen Druck ausübt. Die Liebe hält keine Ultimaten aus.

Wie könnte ich an Kinder denken mit jemandem, der verlangt, dass ich die zurücklasse, die mit mir gerettet und groß gezogen wurden?

Jörg, geh bitte. Ich muss erstmal klar kommen. Ich hab Mama Marianne gerade verloren, und du stellst solche Bedingungen. Geh.

Ich geh! Aber denk nach! Ich werd dir nicht nachlaufen du hast ja eh kein passendes Gesicht!

Er verließ die Wohnung mit einem Krachen, die Gläser im Schrank klirrten. Die Katzen sprangen erschrocken auf, mir zog es das Herz zusammen.

Es war schmerzhaft und zugleich befreitend. Ich setzte mich aufs Sofa, drückte meine alten Katzen an mich, vergrub mein Gesicht in ihrem Pelz:

Meine Kleinen, meine Liebsten! Ich geb euch nicht her! Ihr seid Familie. Mama Marianne, hörst du mich? Ich geb sie nie, nie, nie her!

Ein paar Tage später sah ich Jörg unten vor dem Haus stehen, den Blick sehnsüchtig zu den Fenstern gerichtet.

Als ich kam, machte er einen Schritt auf mich zu. Doch ich hob die Hand und ging wortlos vorbei:

Nein, Jörg, nein! Ich bleibe bei meinen Katzen. Ich verschwand im Hausflur.

Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Ein endgültiger Schlussstrich.

Die Katzen lebten glücklich weiter, solange es das Schicksal wollte. Jeder ihrer kleinen Schritte, jedes zufriedene Schnurren, jedes weiche Fell erinnerte mich an Mama Marianne, an eine unbeschwerte Kindheit, an Geborgenheit.

Denn Familie besteht nicht nur aus Blut. Es sind diejenigen, die man liebt, für die man da ist. Es ist echte Fürsorge, Treue und Verständnis. Es ist Liebe ohne Bedingungen und ohne Handel.

Denn wo geliebt wird, ist Platz für alle, die das Herz berühren.

Wo die Liebe schnurrt, wird das Zuhause niemals kalt.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

— Jürgen, diese Katzen haben hier schon gelebt, lange bevor wir uns überhaupt kannten. Warum sollte ich sie plötzlich weggeben? – fragte Anna mit eisiger Stimme. – Was du da vorschlägst, nennt man Verrat…
Schlüssel – Geheimnisse und Geschichten aus deutschen Städten