Schlüssel
Ich liebe ihn! Und du erzählst mir was von irgendwelchen Unsinn! Ich will davon nichts hören! Du bist doch einfach nur eifersüchtig, deshalb mischst du dich überall ein! Lass mich doch endlich in Ruhe! Kümmere dich mal um dein eigenes Leben!
Katrin schrie nicht einfach sie brüllte so laut, dass selbst der schwerhörige Nachbar Herr Meier, der gerade vor seiner Garage hantierte, sich umdrehte und horchte. Neugierig war Herr Meier eigentlich nie, was nur bedeuten konnte: Katrin war wirklich laut.
Dafür hatte sie … nun ja, wie sie fand, ausreichend Gründe.
Denn für Katrin war verliebt zu sein ein Zustand der Seele. Die Pausen dazwischen waren so kurz, dass sie nur von denen bemerkt wurden, die Katrin wirklich in- und auswendig kannten. Und solche Leute gab es nur noch zwei Katrins Mutter und ihre Schwester. Aber die Mutter war nicht mehr am Leben, und die Schwester, Anna, weigerte sich, Katrin zu verstehen.
Ohne dieses wundervolle Gefühl des Verliebtseins existierte Katrin nur noch, sie lebte nicht mehr. Ihr Blick wurde leer, die Gedanken schweiften unkontrolliert Konzentration war unmöglich. Die Kollegen gingen Katrin aus dem Weg und sagten:
Vielleicht solltest du ein Beruhigungsmittel nehmen? Es ist irgendwie anstrengend mit dir, Katrinchen…
Katrinchen presste die Lippen zusammen, knirschte leise mit den Zähnen und dachte schlecht über diese merkwürdigen Frauen.
Die haben es gut! Sicher warten zu Hause Ehemänner, und die Kinder tollen durchs Wohnzimmer… Und sie? Kein Zuhause, kein Mann! Und wird wohl auch nie einen bekommen! Der Sohn ja, den gibt es, aber gelungen kann man ihn wirklich nicht nennen. Sogar im Vergleich zu seinen Cousins und Cousinen, ihren Kindern, zog ihr Paul immer den Kürzeren. Annas Kinder waren viel cleverer und besser. Der Ältere, Lukas, spielte Fußball und brachte tolle Noten nach Hause, widerlegend das Klischee, dass Leute mit schnellen Beinen keinen Kopf zum Lernen hätten. Die Jüngere, Greta, sang und tanzte im Ensemble, das regelmäßig auf irgendwelche Wettbewerbe und Festivals fuhr. In ihren nicht einmal zehn Jahren hatte dieses Mädchen schon mehr von der Welt gesehen als ihre Tante im ganzen Leben.
Auch das tat weh! Warum war das so? Katrin war als Kind auch in allen möglichen Vereinen gewesen, aber nie hatte sie es irgendwo zu etwas gebracht; zu oft wechselte sie ihre Hobbys. Was hätte sie denn machen sollen? Dem Herzen kann man nicht befehlen! Sobald sie sich langweilte, ging sie wieder und suchte sich ein anderes Beschäftigungsfeld.
Man muss dem inneren Ruf folgen! Ein anderes Leben gibts nicht. Und niemand bringt Glück auf dem Tablett: Nimm, Katrinchen! Keine Scheu! Das ist alles für dich!
Diese Wahrheit hatte Katrin früh verinnerlicht. Sie beobachtete, wie ihre Schwester lernte und grinste, während sie sich für die Disco fertigmachte:
Pass auf, Anna, jetzt lernst du alles auswendig! Wer wird dich dann noch heiraten? Weißt du noch, was Oma gesagt hat, dass eine Frau nicht klüger als ein Mann sein sollte? Die Jungs schauen dich eh nicht an.
Macht doch nichts! Was soll ich denn jetzt mit denen? Und Oma hat das gar nicht so gemeint!
Wie denn?
Sie meinte, eine kluge Frau würde dem Mann ihr Überlegenheitsgefühl nie zeigen, wenn sie ihn liebt. Das ist ein Unterschied, findest du nicht?
Ach, red mir keinen Unsinn ein! Hilf mir lieber mit meiner Frisur! Viktor wartet schon!
Katrin eilte zum Date, Anna machte es sich mit einem neuen Buch auf dem Sofa bequem. Zwei Stunden Ruhe im Haus das war ein Fest.
Anna liebte ihre Schwester natürlich trotzdem. Wie denn auch nicht? Sie kannte Katrins Naturell fast wie ihr eigenes. Böse war Katrin nicht. Vielleicht etwas zerrissen in ihren Gefühlen, chaotisch und wenig selbstsicher, aber ganz sicher nicht böse. Im Gegenteil, sie hatte mehr Sanftheit und Güte in sich als Anna. Katrin schleppte immer wieder Tiere an, die sie draußen fand. Dank ihres Engagements lebten beide Katzen und der Hund, die sie aus Tränen und mit Bitten nach Hause brachte, ein schönes, langes Leben. Die Eltern waren nur einverstanden, wenn Katrin versprach, dass die Wohnung kein Tierheim werden sollte weitere Tiere gäbe es nicht. Sie kümmerte sich selbst um die Haustiere, bat Anna nie, mit dem Hund zu gehen oder das Katzenklo zu säubern. Manchmal hatte Anna sogar den Eindruck, dass Katrin Tiere mehr liebe als Menschen.
Katrin, Mama hat gesagt, wir sollen zu Oma fahren und beim Putzen helfen.
Mach das selbst, ja? Ich habe zu tun!
Was denn?
Ist doch egal! Wichtige Sachen! Felix humpelt, er muss zum Tierarzt.
Er hinkt schon seit einer Woche.
Na und?! Denkst du, das ist ein Grund, ihn gegen Omas Probleme zu tauschen? Sie ist noch fit genug! Aber Felix das ist ein Kater! Der kann nichts für sich entscheiden!
Die Schwestern stritten, gingen auseinander, Anna fuhr zu Oma und Katrin zog ihr schickstes Oberteil aus dem Schrank. Viktor wartete schon vor dem Haus; Felix war dabei nur ein Vorwand, um sich den ungeliebten Hausarbeiten zu entziehen.
Die Schulzeit verlief unterschiedlich. Anna mit Auszeichnung, Katrin … naja, es reichte. So wie bei vielen anderen auch.
Die Berufswahl stand für Katrin nie zur Diskussion. Sie wollte Konditorin werden. Die Liebe zu Törtchen und kunstvollen Torten hatte sie seit der Kindheit. Schon damals klebte sie an der Konditoreivitrine und weigerte sich, mit der Mutter zu gehen, bevor sie etwas gekauft hatte. Verzehrt hat sie die Leckereien kaum sie teilte sie gerne mit Anna, nachdem sie die Marzipanröschen bewundert und Eigenkreationen aus Knetmasse geformt hatte.
Und wieder trennten sich die Wege der Schwestern.
Anna zog zu Oma, um ihr zu helfen. Die war krank und brauchte Betreuung. Die Wohnung lag nahe bei Annas Uni, was für alle praktisch war. Oma bekam Fürsorge, Anna eine Stunde länger Schlaf und Ruhe… Die beiden verstanden sich, und Anna stellte ihrem Freund, Sebastian, zuerst ihrer Oma vor.
Lebt zusammen, Kinder! Platz ist genug da!
Bald feierten sie eine kleine, aber fröhliche Hochzeit, und Anna und Sebastian wohnten weiter bei Oma. Ihren Plänen für die Wohnung machte sie kein Geheimnis.
So ist es richtig, Anna. Für Katrin das Zimmer vom Opa, das in der Altbau-WG. Euch überlasse ich die Wohnung. Schade, dass ich eure Kinder wohl nicht mehr sehen werde Wie gerne hätte ich das!
Den ersten Urenkel sah die Oma dann doch noch und durfte ihn sogar auf dem Arm halten. Sie starb, als Lukas zwei Jahre alt wurde. Ein Jahr kämpfte sie tapfer gegen die Folgen des Schlaganfalls, wollte wieder sprechen, wieder aufrecht durchs Leben gehen. Ihr Herz aber hielt nicht, und Anna vergoss bittere Tränen beim letzten Abschied.
Annas Eltern stritten sich nicht um Omas Vermächtnis, sie fanden es nur gerecht, dass die Tochter, die sich gekümmert hatte, auch die Wohnung bekam.
Katrin hatte dagegen nichts einzuwenden. Sie war zu der Zeit ganz in einen neuen Flirt vertieft ihr war alles andere egal. Es gab ja die Liebe!
Wobei so richtig Liebe war das nicht. Katrin verzehrte sich in Leidenschaft, doch ihr Auserwählter schaute oft woanders hin, kaum je zu ihr. Ihm gefiel es, dass Katrin seine Wohnung putzte, kochte, wusch aber über Nacht bleiben durfte sie nie.
Ich bin nun mal ein alter Eigenbrötler, Katrin. Das ist nicht so einfach für mich.
Mit verdrehten Augen ließ er sich von ihr sein “Atelier” aufräumen und schickte sie dann charmant fort:
Die Kunst, Katrin, verlangt Opfer. Sie will mich ganz! Doch du weißt ja, ich kann nicht in meinem Leben gibts so viel: Liebe, Verantwortung, Arbeit … Es ist einfach zu viel…
Mitfühlend nickte Katrin, sie dachte dabei an das leicht schiefe Porträt von sich, das einsam in einer Ecke stand. Noch nie hatte jemand sie gemalt, und für sie war dieses Bild der Beweis, dass sie doch inspirierend sein konnte.
Das Porträt bekam sie zum Abschied geschenkt, als sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählte.
An jenem Tag lief Katrin durch die Straßen, blinzelte in die Sonne ihre Träume schwebten so leicht und hoch, dass sie kaum atmen konnte. Ein neues Leben entstand: ein Wunder!
Doch das Wunder zerplatzte, als ihr Geliebter ihre begeisterte Rede jäh unterbrach:
Was für ein Kind? Bist du verrückt?!
Das Ende der Beziehung war banal und leer, wie das Loch in Katrins Seele danach. Ihre Träume zerbrachen leise unter dem Schlag des Schicksals, zerfielen in so feine Splitter, dass sie kein Restaurator mehr hätte zusammenfügen können. Ihren verletzten Stolz versuchte sie nicht einmal zu heilen. Sie bat nur, das Bild behalten zu dürfen:
Als Erinnerung
Sie durfte es behalten. Und am selben Abend zerriss Katrin das Porträt in Stücke, murmelnd:
Ich werde trotzdem noch alles haben! Du dagegen kaum!
Was aus dem Ex wurde, weiß Katrin nicht und es interessiert sie auch nicht. Sie hatte auch so genug Sorgen. Das ersehnte Kind kam zur Welt, wurde aber nicht zu ihrer großen Freude. Sie suchte im Sohn Züge des Vaters, seine “Genialität” fand aber nichts davon. Paul wuchs ruhig und still heran, zeigte kein Talent für Malerei oder anderes Künstlerisches. Er spielte Fußball auf dem Hof und Schach. Ganz von selbst fand er einen Schachklub und ging dorthin. Auf die Frage der Mutter:
Was findest du bloß daran? Das ist doch todlangweilig!
Paul fand es überhaupt nicht langweilig. Diese komplexe Partie erinnerte ihn an einen überraschend einfachen und schönen Tanz. Manchmal, wenn er eine besonders spannende Schachpartie nachspielte, tanzte er mit den Figuren über das Brett, wie zu einer ganz eigenen Musik aber nur, wenn die Mutter nicht zusah. Katrin war von solchen “Tänzen” nicht begeistert. Sie machten ihr Angst.
Tanzen ist nichts für Jungs! Hör auf damit!
Die einzige, die Paul in seiner Sicht auf die Welt verstand, war seine Cousine Greta. Die schwierige Beziehung zwischen Mutter und Tante war ihm unklar. Aber die Oma sagte immer: Familie ist Familie, man lehnt sie nicht ab. Warum dann die Mutter ihr Glück mit Anna nicht sieht, verstand er zwar nicht, aber die Worte der Oma blieben hängen. Mit Lukas verstand Paul sich gut, aber Greta liebte er wirklich sehr. Das Mädchen fand immer eine feine Verbindung zu seinem Herzen und hörte ihm zu, wenn er von der Musik der Logik und seinen Träumen erzählte.
Hörst du sie auch? fragte Greta ehrfürchtig.
Ja. Ganz leise, aber wunderschön…
Ich auch. Sag, ich zeigs dir!
Greta wirbelte durch das Zimmer, versuchte zu zeigen, was sie fühlte und Paul wusste: Er ist nicht allein. Es gibt jemanden, der ihn immer versteht und unterstützt.
Doch Kinder bestimmen selten, mit wem sie Kontakt haben. Das entscheiden meist die Launen der Eltern. Und bei Katrin wechselten solche Launen oft. Nach jedem Streit mit Anna, auch über Kleinigkeiten, verbot sie Paul, seine Cousins zu sehen.
Paul war diesem Willen machtlos ausgeliefert und kämpfte gegen seine Mutter so gut wie er konnte mit den wenigen Mitteln, die er hatte: Wutausbrüche, Essenstreik, Sturheit. Er wusste genau: Die Mutter würde irgendwann entnervt sagen:
Ach, mach doch, was du willst! Dein Gejammer nervt!
Warum seine Mutter ständig mit Anna stritt, wusste Paul lange nicht. Er ahnte nichts davon, dass Anna seiner Mutter nach der Geburt half, aber verbannt wurde, als Katrins nächste Beziehung zu Ende ging und sie von der Erbschaft erfuhr.
Das ist unfair! Ich bin doch auch Enkelin!
Ich habe Oma nie darum gebeten! Komm, dann verkaufen wir die Wohnung und teilen das Geld! Ich will keinen Streit!
Nein! Ich will keine Almosen! Oma hat dich immer lieber gehabt, deshalb hat sie dir alles gelassen! Mich hat niemand je wirklich geliebt!
Katrin, du irrst dich! Und was ist mit mir? Mit Mama und Papa?
Was für eine Liebe ist das, wenn ihr mich nicht versteht? Denkst du, mir geht es um die Wohnung? Nein! Ich will nur wissen, ob man mich wenigstens in der Familie liebt!
Katrin…
Ach, lass es! Ich will nichts mehr hören!
Ein Groll nistete sich zwischen den Schwestern ein. Ein Nest, aus Erinnerungen gebaut, mal aus der einen, mal aus der anderen Seele gezupft aus alten Kränkungen.
Na, Katrinchen, schau! Erinnerst du dich, wie Anna damals die Puppe in dem rosa Kleid bekam? Deine war grün… Du wolltest doch die rosa! Schon vergessen? Ich erinnere dich! Anna wollte nicht tauschen. Gemein! Und solche Kleinigkeiten vergisst man nicht! Sie sind die Bausteine des Lebens: Puppen, Klamotten, die Mascara, die du wolltest, aber Anna bekam sie. Sebastian, die eigene Wohnung, ein guter Job, Kinder, die deinem ruhigen Paulchen nicht ähneln… All das sind die Ziegel deines Hauses aus Hoffnung und Träumen. Schief, unfertig, leer. Alles, was es hätte richten können, bekam deine Schwester! Ist sie besser als du? Nein! Ihr fehlt das Wichtigste: der Flug! Der Wunsch, das Leben bis zum Letzten zu genießen! Sie weiß nichts von Liebe, nicht diese erdachte, in der Sebastian der Einzige fürs ganze Leben ist. Nein, die wirkliche, die du, Katrin, kennst! Liebe ist Flug! Liebe ist Leben! Die Liebe kennt die Schlüssel zum Glück und gibt sie nicht jedem! Anna weiß davon nichts.
Auch Anna ärgerte sich hin und wieder, doch bei ihr waren es eher einzelne Zweige, kaum zu einem Nest verknüpft. Bei Katrin schien das Nest dicht und fest gebaut, bei Anna konnte ein Windstoß die Äste auseinanderwehen, das Herz der Schwester offenlegen. Und Anna blies jedes Mal, nach einer neuen Beschuldigung von Katrin:
Du bist doch keine Schwester mehr! Wer macht so etwas?! Das ist doch nicht normal zwischen Verwandten!
Der Atem stockte Anna bei so viel Ungerechtigkeit, sie fühlte sich wie ein Fisch am trockenen Ufer. Das Wasser war zum Greifen nah, aber doch unerreichbar… Sie brauchte so viel Kraft, um wieder zu dem Guten zu springen, das sie mit Katrin verband. Denn solch ein Band zu lösen, ist leicht; es wiederherzustellen fast unmöglich.
Die Eltern starben … Beide im selben Jahr, als hätten sie sich verabredet. Die Verzweiflung verschlang die Schwestern.
Anna, warum?! Sie waren doch noch so jung! Es ist so unfair!
Katrin, das Leben fragt nicht. Und Gesundheit das lässt sich nicht immer retten. Wir haben getan, was wir konnten, der Rest lag nicht in unseren Händen… Anna nahm die schluchzende Schwester in den Arm.
Es ist nicht fair! Nicht gerecht!
Ich glaube, das Leben ist nie fair. Man erwartet Gerechtigkeit, kriegt sie aber selten.
Stimmt … In Wirklichkeit ist alles anders…
Der Verzicht auf das Erbe zugunsten der Schwester brachte Anna etwas Erleichterung. Katrin beruhigte sich, kümmerte sich um die Formalitäten zur Elternwohnung.
Ich dachte, du würdest auch die nehmen.
Das entfuhr Katrin, als sie an der Jacke zupfte, ohne Anna anzuschauen.
Sie standen am Eingang zum Notar, warteten auf Sebastian.
Warum bist du so, Katrin? Sind wir Fremde?
Ich weiß nicht, Anna. Wir sind Schwestern. Aber verstanden hast du mich nie.
Und du mich … Aber ist das so wichtig?
Na klar! rief Katrin aufgebracht. Warum soll man zusammen sein, wenn man sich nicht versteht?
Um vielleicht doch irgendwann zu verstehen? Nichts fällt einem einfach so in den Schoß, solltest du doch wissen!
Das weiß ich besser als du! Bei dir ist alles einfach: Mann, Haus, Kinder. Ich bin immer allein! Immer!
Katrin, das stimmt nicht… Und Paul?
Paul? Der macht sein eigenes Ding. Ich sehe ihn kaum noch. Ich arbeite nur noch, er lebt praktisch bei dir!
Er fühlt sich bei uns wohl. Ganz ruhig…
Siehst du! Du bist unerträglich, Anna! Warum nennst du mich eine schlechte Mutter? Was habe ich dir denn getan?!
Katrin, beruhig dich! Wann bitte habe ich dich je so genannt? Das bildest du dir nur ein!
Doch! Die ganze Zeit! Du bist die Beste! Deine Kinder sind perfekt! Und ich… ich bin es nicht! Paul ist es auch nicht! Statt zu Hause zu bleiben, nervst du mich!
Was redest du bloß? Hörst du dir überhaupt zu?!
Sebastian fand seine Frau weinend im Treppenhaus.
Warum ist sie so zu mir? Was habe ich ihr getan?
Sebastian versuchte sie zu beruhigen:
Sie hat eben einen schwierigen Charakter. Bis jetzt ist das Leben ihr noch nicht die Stirn geboten.
Anna hörte das, wischte sich die Tränen weg:
Sag das nicht! Bitte! Was, wenn ihr wirklich mal was passiert? Sebastian, mir tut sie so leid…
Das ist gut so!
Wie bitte?
Dass sie dir leid tut. Sie hat noch nicht begriffen, wer sie wirklich liebt. Vielleicht kapiert sie es nie.
Egal! Sie bleibt meine Schwester! Und lieben werde ich sie auch weiterhin! Anna wischte sich die Tränen ab. Es bleibt ja sonst niemand! Paul ist noch zu jung.
Ein schlechter Frieden ist besser als ein guter Streit. Anna tat alles, um sich mit der Schwester zu versöhnen. Das letzte Band zwischen ihnen war dünn, fadenscheinig, farblos geworden aber noch da! Und Anna wollte es nicht zerreißen lassen.
Männer kamen und gingen in Katrins Leben, hinterließen nichts außer Bitterkeit und Unverständnis. Was war so schlimm an ihr, dass ihre Bereitschaft zu geben nur ein müdes Lächeln auslöste?
Katrinchen, entspann dich! Wir führen doch eine offene Beziehung, oder nicht? Wir hatten uns doch geeinigt. Erinnerst du dich?
Das war die Wahrheit. Jeder Mann, der in Katrins Leben auftauchte, warnte sie meist schon zu Beginn:
Ich bin nicht bereit für etwas Festes, alles kompliziert. Du verstehst mich doch?
Klar, Katrin nickte verständnisvoll und spielte mit. Aber genau so schnell, wie sie anfänglich zustimmte, vergaß sie die Regeln wieder. Und verstand wieder nicht, warum sie einfach abserviert wurde teils ohne ein Wort des Abschieds.
Ihr Herz litt. Katrin war bereit, für jemanden alles zu sein. Sie wollte ihrem Partner alles geben: passte sich an, bemühte sich, interessant zu sein. War der Auserwählte Jäger, lernte sie schießen, kannte sich plötzlich mit Jagdhunden aus. Ging es um Angeln, mixte sie Futter und bastelte Köder.
Mit aller Kraft wollte sie jemandem endlich die Schlüssel zu ihrem Glück geben aber niemand wollte diese Schlüssel annehmen…
Während Katrins Beziehungen wohnte Paul oft bei seiner Tante. Weder Sebastian noch Anna hatten Einwände. Sie behandelten ihn längst wie einen eigenen Sohn. Im Zimmer von Lukas stand ein Hochbett, auf dem Schreibtisch, den Sebastian gebaut hatte, standen zwei Computer, und die Jungs spielten abends aufgeregt gegeneinander, riefen lautstark ins Treppenhaus:
Greta! Das ist unfair! Du bist viel zu schnell! Lass uns Team spielen! Gegen dich zu spielen ist wirklich schwer!
Anna seufzte, als sie Katrin regelmäßig von Pauls Erfolgen erzählte:
Er ist so klug, Katrin! Man sollte ihn in eine mathematische Spezialschule geben.
Ach, passt schon! Mir ist wichtig, dass er mit Lukas zusammen in die Schule geht. Da kann ich immer hören, wie es läuft. Und du passt ja auch auf!
Aber Paul muss weit fahren. Wenn er daheim schläft, kommt er kaum zu Ruhe.
Lass ihn doch ein Weilchen bei dir wohnen. Du kennst doch meine Lage. Bei mir wirds gerade erst wieder besser.
Ich weiß. In Ordnung, er kann bleiben.
Danke! Martin ist toll! Er akzeptiert Paul ganz, will mit uns eine Familie gründen!
Hat er dir einen Antrag gemacht?
Noch nicht. Aber es läuft darauf hinaus! Jetzt lasst mich bitte in Ruhe, helft mir lieber. Es ist meine Chance auf Glück!
Katrin, was redest du? Natürlich…
Anna log ein bisschen. Der neue Freund gefiel ihr nicht. Etwas zu arrogant, mit seltsamem Humor. Seine Witze waren manchmal so zweideutig, dass Anna verunsichert war. Was meinte der Kerl? Ein Scherz? Oder verletzend? Bei sich oder Sebastian war es egal. Aber bei Paul? Und Katrin? Sie atmete Martin förmlich ein und überhörte, dass der Sohn immer weniger Kontakt zu ihr wollte, die Zeit bei Anna suchte.
Anna schonte ihren Neffen und vermied Streit mit der Schwester, doch die Katastrophe ließ nicht lange auf sich warten, war doch von Beginn an klar: Martin wollte etwas von ihr.
Dass Martin verlangte, Katrins Wohnung zu verkaufen, erfuhr Anna zufällig.
Als sie abends erschöpft nach Hause kam, lag der Flur voller Kinderschuhe. Die dreckigen Schuhe von Lukas neben Pauls Anna schimpfte:
Jungs! Wer ist zu Hause? Was soll das hier?
Greta lugte aus dem Zimmer der Jungs und schloss schuldbewusst die Tür.
Mama…
Was ist los? Anna erschrak, die Tochter wirkte merkwürdig.
Mama, bitte reg dich nicht auf … Paul…
Was denn?! Greta! Red endlich! Sonst dreh ich durch!
Paul … Greta schluchzte plötzlich und umklammerte ihre Mutter. Wir haben ihm Eis auf die Wange gelegt, aber es hilft nicht wirklich…
Anna hörte nicht weiter zu. Sie drückte Greta an sich und stürmte in das Zimmer der Jungs.
Paul lag oben auf der Etage, das Gesicht zur Wand, eine Tüte Eis an der geschwollenen Wange.
Paulchen! rief Anna leise. Was ist passiert?
Nichts…
Die Stimme klang dumpf, gekränkt Anna wusste: Es war etwas Ernstes. Paul konnte eigentlich immer sagen, was ihn störte. Vor Anna, die ihm Mutter teilweise ersetzte, hatte er nie Geheimnisse.
Anna stieg die Leiter zum Oberbett hinauf, legte sich zu ihm und strich sanft über seinen dicken blauen Fleck.
Komm runter, reden wir… bitte…
Ich mag nicht!
Jetzt wurde es ernst. Anna seufzte, stieg runter und winkte den anderen Kindern:
Geht in die Küche, räumt die Einkäufe in den Kühlschrank. Ich komme gleich nach.
Anna zog sich um, dann wieder ins Kinderzimmer Tür zu.
Platz da! rief sie, kletterte hoch, kuschelte sich an Paul und berührte vorsichtig das schmerzende Auge. Martin?
Die Antwort war klar. Paul weinte, drückte sich an Anna und schämte sich nicht. Er wusste: Anna würde ihn verstehen. Denn gerecht ist es nicht, wenn du für deine Mutter einstehst, und ein erwachsener Mann dich dafür schlägt, während er sagt:
Du willst mich was lehren? Mich?! Wer bist du überhaupt? Schnaub dir die Nase und misch dich nicht ein, wenn die Großen reden!
So hatte Paul Martin noch nie erlebt. Die angebliche Freundlichkeit fiel ab, da stand nur noch ein kalter, grober Mann vor ihm den seine Mutter genauso wenig liebte, der nichts Gutes für sie wollte. Wie hatte Greta gesagt?
Wenn man liebt, sieht man es. So einfach, oder Paul?
Schwierig…
Komisch. Du spürst Musik, ich weiß das.
Wirklich?
Mir fällt kein anderes Wort ein! Du hörst sie und Liebe ist auch wie Musik. Siehst du sie, weißt du, wie der nächste Tanzschritt geht…
Scheint nicht jeder zu verstehen…
Glaubst du, deine Mutter hört sie nicht?
Nein. Sie will das zwar, aber es klappt nicht.
Schade um sie…
Mir auch!
Paul versuchte, für seine Mutter zu kämpfen man hielt ihn zurück. Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen und als er wieder zu sich kam, sah er nur noch die erschrockenen Augen der Mutter, ihren Flüsterton:
Paul, warum hast du das gemacht?
Weiter sagte sie nichts. Paul hätte auch nicht zugehört. Zu sehr schmerzte der Kummer, wie Millionen Splitter aus gehärtetem Glas. Mühsam stand er auf, ging in sein Zimmer und versuchte, seine Tränen zu bändigen. Ein Junge sollte schließlich nicht weinen. Martin wiederholte bei jedem Tränenanflug:
Bist du kein Kerl? Heul nicht rum! Mach sauber!
Nach einer Weile packte Paul Schulzeug und die neue Jacke von der Tante in den Rucksack und zog zu Anna. Dort musste er sich nicht schämen. Dort wurde er verstanden.
Natürlich meldete sich Anna danach sofort bei Katrin. Während das Handy ewig klingelte, sammelte sie sich. Ein Streit half niemandem, und die Beziehung musste gerettet werden. Paul liebte seine Mutter, und dass sie ihm wegen Martin den Rücken zukehrte das ging gar nicht.
Ohne Antwort rief Anna Sebastian an.
Wo bist du? Super! Warte unten. Bring mich zu Katrin. Ich komme sofort.
Die Kinder schickte sie zu Paul und befahl: Nicht alleine lassen! Dann lief Anna huschend aus dem Haus.
Was ist los? Sebastian runzelte die Stirn, als Anna ins Auto stieg.
Ich erzähle dir alles unterwegs. Fahr los!
Das Gespräch verlief schlecht. Katrin schluchzte im Hof, verfluchte ihr Leben. Martin hatte sich wütend verabschiedet und alle beschimpft.
Du verstehst eben gar nichts! Ich liebe ihn! schrie sie auf Annas Fragen, wollte keine Antwort geben und fand keinen Grund, sich zu entschuldigen.
Wen, Katrin?! Einen, der dein Kind schlägt?! Schaltet dein Verstand denn nie mal ein? Reicht es nicht, ewig deinem Glück hinterherzurennen, während es direkt neben dir steht? Was kann Paul dafür, so von dir verraten zu werden? Er ist dein Sohn!
So lange schon ist er nicht mehr mein, sondern deiner! Er lebt ja kaum noch bei mir! Das liegt alles an dir! Du hast alles bekommen!
Was habe ich bekommen?!
Mein Leben! Meine Schlüssel!
Welche Schlüssel?
Anna verstummte, weil sie Katrin plötzlich mit Abstand sah: Zwei Schwestern, die sich auf dem Hof anschrieen … Ob die Eltern das gewollt hätten? Ob Oma das so gewünscht hätte? Wo war das alles, was sie zusammenband?
Sanfter, leiser fragte Anna erneut:
Was meinst du mit Schlüsseln, Katrin?
Die Schlüssel zum Glück… Katrin wurde leiser und wischte wütend ihre Tränen weg. Du hast sie! Ich nicht.
Jetzt begann Anna zu begreifen, was Katrin meinte. Sie atmete ein, trat zu ihr und zog sie fast gewaltsam an sich, wie es früher die Mutter getan hatte.
Komm her! Ach, Katrin! Warum bist du nur so…
…dumm? Willst du das sagen? Katrin wand sich, doch Anna ließ nicht los.
Nein! Das nicht! Das bildest du dir ein! Ich wollte sagen: Du bist so sensibel. So verletzlich … und hast immer das Gefühl, dass Liebe dir fehlt… Das kann ich ja verstehen. Aber wie kann man dafür sein eigenes Kind hintenanstellen? Das ist falsch, Katrin, und das weißt du! Was die Schlüssel angeht ich habe dir nichts genommen! Ich muss schon mit meinen klarkommen. Und vielleicht liegt einfach darin der Unterschied.
Welcher?
Du versuchst ständig, deine Schlüssel jemand anderem zu geben; ich halte meine bei mir.
Und was ist richtig?
Ich weiß es nicht. Das Leben wird es zeigen.
Das Leben hat es schon gezeigt… Katrin schluchzte. Wie lebe ich weiter? Niemand braucht mich!
Ich. Reicht das nicht? Paul braucht dich! Ist das nicht genug?
Keine Ahnung…
Fang damit mal an. Der Rest ergibt sich, Katrin.
Und wenn nicht?
Dann passen deine Schlüssel nicht zu der Tür, für die du sie gemacht hast. Und sie bleibt zu. Aber vielleicht passt sie an eine andere und du hast sie nie geöffnet. Willst du dein ganzes Leben im Flur verbringen?
Nein!
Siehst du! Fährst du zu deinem Sohn?
Er wird mir nie verzeihen…
Ach, Katrin! Dein Paul weiß mehr vom Leben als du. Aber das Gespräch wird schwer. Er ist wirklich sehr verletzt.
Das denke ich mir…
Also, tu was! Bist du Mutter? Oder nur Verwandte?!
Anna!
Ja? Ab ins Auto! Wie lange soll ich noch nett sein? Sebastian, gib ihr Taschentücher! Da sind welche im Handschuhfach. Bring sie in Ordnung! Und los, die Kinder warten!
Einen Stiefvater wird Paul vielleicht doch noch bekommen viel später. Katrin findet am Ende das, was sie immer gesucht hat. Und auch wenn Paul lieber bei Anna bleibt, sich gegen die neue Wohnung entscheidet, in der das Geschrei der kleinen Schwester erklingt, versucht Katrin alles, damit Paul weiß, dass er geliebt wird und erwartet wird. Der Mann, mit dem Katrin ihr Leben schließlich teilt, ist klüger als sie. Er lässt dem Jungen Zeit, baut eine Beziehung auf, die mit den Jahren stärker wird als jede Blutsverwandtschaft.
Und wenn Paul am Bahnsteig zum Dienstantritt Familie und neue Geschwister verabschiedet, drückt er die Verwandten, schüttelt dem Stiefvater fest die Hand und sagt:
Pass gut auf Mama auf!
Und der große, leicht ergraute Mann antwortet ernst:
Und du auf dich, Sohn! Wir warten auf dich!
Ich weiß!




