– Mama, weißt du eigentlich, was du da tust? fragte Annika, während sie noch im Jackett am Fenster stand. Ihre Stimme klang, als hätte sie die Entscheidung bereits getroffen und sei gekommen, um das Urteil zu verkünden. Papa liegt jetzt nur noch im Bett, kann nicht mehr aufstehen, und du holst irgendeine fremde Frau ins Haus.
Sabine saß am Küchentisch, vor sich eine Tasse Tee, die inzwischen längst kalt war. Draußen zog ein feiner, grauer Novemberregen seine Spuren an den Scheiben.
– Es ist keine irgendeine Frau. Es ist eine professionelle Pflegekraft, erwiderte sie ruhig. Frau Hartwig, sechzig Jahre alt, fünfundzwanzig Jahre Berufserfahrung in der Neurologie. Ich habe zwei Stunden lang mit ihr gesprochen.
– Und das macht einen Unterschied? Annika wandte sich um, die Miene einer Verletzten. Papa gehört zur Familie. Der muss mit uns zusammen sein.
– Er ist zu Hause.
– Aber mit dir.
Sabine nahm die Tasse, nippte einen Schluck. Der Tee war schal.
– Annika, ich bin siebenundfünfzig. Mein Rücken macht nicht mehr mit, mein Blutdruck lässt sich kaum noch im Zaum halten. Ich kann keinen Mann von achtzig Kilo mehr heben, wenden, waschen. Es geht einfach nicht.
– Andere schaffen das auch.
– Wer denn, bitte?
Annika öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Ihr Schweigen sagte mehr als jede Antwort. Offensichtlich meinte sie nicht sich selbst.
– Du bist seine Ehefrau, sagte sie schließlich.
– Ich weiß, wer ich bin.
– Dann musst du es tun.
Sabine stellte die Tasse sehr vorsichtig ab, ohne Geräusch.
– Weißt du, Annika, begann sie bedächtig, seit dreißig Jahren höre ich immer nur, was ich tun muss. Ich habe aufgehört zu zählen. Ich musste meinen Beruf für euch aufgeben. Musste schweigen, alles hinnehmen, mich zurücknehmen. Immer nur stillhalten.
– Was meinst du damit?
– Ich meine, dass ich einfach nicht mehr kann.
Annika sah die Mutter an zwischen Verzweiflung und Ärger.
– Mama. Papa hatte einen Schlaganfall. Er ist gelähmt. Das ist nicht die Zeit, alte Rechnungen aufzumachen!
– Ich mache keine Vorwürfe. Ich erkläre dir, warum ich die Pflege nicht mehr selbst machen will.
Nebenan, im Schlafzimmer, klirrte etwas leise. Frau Hartwig war den ersten Tag da, sie erkundete die Wohnung, schaute, was wo lag. Thomas schlief nach dem Mittagessen oder tat zumindest so; Sabine wusste manchmal selbst nicht, was gerade stimmte.
– Verstehst du eigentlich, wie das nach außen wirkt? fragte Annika leise. Für alle anderen?
– Klar. Es sieht aus wie ein Verrat.
– Genau.
– Nur, entgegnete Sabine, ist es kein Verrat. Es ist eine Grenze. Und ich habe ein Recht darauf.
Annika griff nach ihrer Tasche auf dem Fenstersims, die Bewegung schnitt das Gespräch ab.
– Ich ruf Sebastian an.
– Mach das.
Die Tochter ging. Sabine blieb lange am Tisch sitzen, goss dann den kalten Tee in die Spüle und setzte Wasser auf.
Frau Hartwig erschien in der Tür.
– Möchten Sie einen Kaffee? Oder lieber Tee?
– Danke, ich mache das selbst. Wie gehts ihm?
– Alles ruhig. Blutdruck stabil, kein Grund zur Sorge.
Sabine nickte. Frau Hartwig nickte zurück und ging. Sie war eine von denen, die nie unnötige Fragen stellten.
Draußen prasselte der Regen stärker.
Am nächsten Morgen rief Sebastian an. Sabine wollte gerade spazieren gehen zum ersten Mal seit drei Wochen, seit Thomas in der Küche zusammengebrochen und einfach auf den Boden gesackt war. Heute hatte sie den Mantel wieder angezogen, ein Tuch umgebunden und wollte an die Mainpromenade einfach nur laufen, dreißig Minuten für sich.
Das Telefon klingelte gerade, als sie die Türschwelle übertrat.
– Mama. Sebastians Ton war vorsichtig, so, wie wenn man einen scheuen Hund anlockt. Annika hat mir alles erzählt. Ich wollte selbst mit dir reden.
– Dann rede.
– Es stimmt, dass du eine Pflegekraft engagiert hast?
– Ja, schon seit gestern. Frau Hartwig war schon im Einsatz.
Stille.
– Mama, ich weiß, dass es für dich schwer ist. Aber Papa das ist doch unser Papa.
– Und mein Ehemann. Das macht ihn aber nicht zu meiner alleinigen Aufgabe auf die nächsten zehn Jahre.
– Du meinst, das kannst du wirklich mit dir vereinbaren?
– Sebastian, ich habs dir gesagt, ich sags nochmal: ich bin siebenundfünfzig, bin schon gesundheitlich angeschlagen. Ich will mein restliches Leben nicht damit verbringen, mich dabei allmählich kaputt zu machen. Die Pflegekraft weiß genau, was sie tut. Papa wird professionelle Versorgung bekommen.
– Aber das ist ein fremder Mensch.
– Ja. Aber ich bin keine Krankenschwester. Ich bin seine Ehefrau. Dreißig Jahre an seiner Seite, Kinder großgezogen, den Haushalt geschmissen, gearbeitet. Und jetzt sage ich: es reicht. Nicht aus Lieblosigkeit. Sondern einfach, weil ich nicht mehr kann.
Sebastian schwieg lange.
– Du hast dich verändert, sagte er irgendwann.
– Nein, erwiderte Sabine. Ich sage es nur zum ersten Mal offen.
Sie verabschiedete sich und trat hinaus in die Kühle. Der Regen hatte aufgehört, die Luft war feucht und schwer, es roch nach nassem Laub. Unten am Main sah sie einen einzelnen Erpel abseits der anderen. Sabine blickte ins dunkle Wasser, dachte an nichts. Einfach nur stehen und atmen das tat gut.
Thomas lag jetzt schon die vierte Woche im Ehebett. Seine rechte Körperhälfte funktionierte schlecht, der Arm fast gar nicht, das Bein ein wenig besser. Mit dem Sprechen tat er sich schwer, aber man sah ihm die wache Aufmerksamkeit in den Augen an. Nach dreißig Ehejahren kannte Sabine seinen Blick in- und auswendig, und doch war da jetzt etwas, das sie nicht benennen wollte.
Der Arzt hatte es klar formuliert: Bei guter Pflege und konsequenter Reha gibt es Hoffnung auf Besserung, sonst verschlimmert es sich. Jeder Tag zählt. Eindeutige, regelmäßige Behandlung, Essen, Medikamente keine Patzer.
Genau deshalb hatte Sabine Wert auf eine erfahrene Pflegekraft gelegt.
Frau Hartwig kam über ein Pflegebüro. Am zweiten Tag nach Thomas Entlassung rief Sabine dort an noch bevor die Kinder ihre Meinung sagen konnten. Mit der Sachbearbeiterin sprach sie sachlich und sachlich zu sprechen war schon eine Erleichterung: Niemand sah sie anklagend an, niemand sagte, sie müsse alles allein schaffen.
– Suchen Sie jemanden mit neurologischer Pflegeerfahrung? fragte die Frau am Telefon.
– Ja, mein Mann hatte einen Schlaganfall, halbseitig gelähmt, Sprachprobleme, 60 Jahre, sonst gesund.
– Wir können mehrere Kandidaten vorschlagen. Möchten Sie sie kennenlernen?
Frau Hartwig kam am nächsten Tag: kräftig gebaut, kurzes graues Haar, Hände, die nach jahrzehntelanger Arbeit aussahen. Sie stellte gezielte Fragen: Medikamentenplan, Tagesablauf, Wundliegebereitschaft, Appetit, Schlaf. Sabine antwortete und merkte plötzlich, dass sie seit drei Wochen das erste Mal mühelos reden konnte ohne alles rechtfertigen zu müssen.
– Wann kann ich anfangen? fragte Frau Hartwig.
– Morgen, antwortete Sabine.
Annika informierte sie erst abends ein Fehler, das wusste sie selbst. Aber sie war müde vom Erklären.
Annika fuhr quer durch Frankfurt, um ihrer Mutter im Mantel am Fenster die Leviten zu lesen.
Vor fünfzehn Jahren wäre alles anders gewesen.
Nein nicht anders. Sabine schwieg damals einfach sehr viel. Sie machte daraus fast schon eine Kunst. Sie schwieg, wenn Thomas das Abendessen ignorierte, schwieg, wenn Geldthemen weggeschoben wurden, schwieg, als er zum dritten Mal einen Arztbesuch verschob.
Sein Bluthochdruck machte sich um die Fünfzig bemerkbar. Anfangs kaum 140 zu 90, kein Grund zur Sorge der Hausarzt riet zur Behandlung und Umstellung: weniger Salz, weniger Stress. Thomas hörte zu, veränderte aber nichts.
– Thomas, verstehst du, dass das so nicht weitergeht?
– Sabine, reg dich nicht auf. Mein Kollege hat 160 und lebt trotzdem!
– Dein Kollege hatte schon einen Herzinfarkt.
– Und lebt trotzdem!
Viel Gerede um nichts. Das wiederholte sich alle paar Monate im Kreis: Sabine sprach, Thomas winkte ab, dann war einige Zeit Ruhe.
Zwölf Jahre zuvor, im Sommer, bekam er plötzlich starke Kopfschmerzen und legte sich aufs Sofa. Sabine bekam Angst, rief den Notarzt. 180 zu 110 das war der Befund.
– Ein Notfall. Sie brauchen konsequente Behandlung, sagte der Arzt.
Fünf Tage Krankenhaus, neue Rezepte. Er nahm die Tabletten etwa drei Monate, dann legte er sie weg hab die Nase voll von Medikamenten, mir gehts wieder prima!
– Thomas.
– Sabine, jetzt fang nicht wieder an.
So lief das.
Sie redete nicht nur. Sie ging mit ihm zum Arzt, wie mit einem Kind. Erinnerte ihn an Tabletten, stellte den Wecker im Handy, kaufte ein Blutdruckmessgerät, bat ihn, morgens zu messen. Er machte es eine Woche, dann vergaß er es. Sabine erinnerte ihn. Er wurde gereizt. Sabine verstummte.
Irgendwann das war etwa acht Jahre vor dem Schlaganfall sagte sie klipp und klar:
– Thomas, wenn du so weitermachst, erwischt dich ein Schlaganfall. Ich wünsche es nicht. Aber du musst wissen: Ich kann keinen Pflegefall versorgen. Mein Körper macht das nicht mit.
Er sah sie lange an.
– Das meinst du ernst?
– Ja. Ich sage es, damit du die Konsequenzen deiner Entscheidungen kennst.
Er stand auf, ging wortlos ins Wohnzimmer. Zwei Tage kein Wort. Dann wieder Alltag Abendessen, Tagesschau, Sonntagsbesuche bei Annika.
Die Worte hingen in der Luft. Sabine vergaß sie nicht. Sie hoffte, Thomas auch nicht. Vermutlich aber doch solche Sätze vergisst man gern.
Der Schlaganfall kam im Oktober, an einem Mittwoch gegen elf Uhr. Thomas war in der Küche, machte Kaffee. Sabine saß im Arbeitszimmer, las. Plötzlich ein fremdes Geräusch kein Schrei, mehr ein dumpfer Fall und ein abgewürgtes Stöhnen.
Als sie ihn fand, saß er auf dem Boden, den Rücken an den Küchenschrank gelehnt. Das Gesicht schief, Mundwinkel, rechtes Auge. Die linke Hand klammerte sich an der Küchenzeile fest, die rechte lag schlaff am Oberschenkel.
– Thomas!
Er blickte sie an, versuchte etwas zu sagen.
– Notarzt, brachte er hervor. Oder etwas, das so klang.
Sabine rief den Notarzt, kniete sich zu ihm auf den Boden. Sie hielt seine linke Hand die einzige, die noch reagierte, und sagte irgendetwas was genau, wusste sie im Nachhinein nicht mehr. Wahrscheinlich: Es wird schon wieder. Was soll man sonst sagen?
Der Rettungswagen kam schnell, acht Minuten Sabine hatte sich die Zeit gemerkt, wie jeden Moment jenes Morgens.
Im Krankenhaus verbrachte sie fast den ganzen Tag. Rief die Kinder an: Sebastian kam sofort, Annika nachmittags, sie musste ihre Tochter Caro noch aus der Schule holen. Sie saßen auf dem Gang vor der Intensivstation, schwiegen oder plauderten Belangloses wenn das Eigentliche zu groß ist, redet man meist über Nebensachen.
Am Abend um sechs kam der Arzt.
– Großer ischämischer Schlaganfall. Rechte Seite betroffen. Prognosen sind schwierig. Wir werden sehen.
Annika weinte. Sebastian hielt ihre Hand. Sabine saß still, dachte nur: Das ist genau das, wovor ich ihn immer gewarnt habe. Aber jetzt jetzt ist es nur noch bitter, daran zu denken.
Thomas lag drei Wochen im Krankenhaus. Täglich kam Sabine vorbei, manchmal zweimal. Sie brachte ihm Orangen, las die Zeitung vor, wie er es mochte. Meist schwiegen sie, das Sprechen fiel ihm zu schwer und er ärgerte sich darüber. Sabine gewöhnte sich ans beieinander Schweigen gar nicht so schwer, wenn man es kennt.
Die Neurologin erklärte bei der Entlassung alles detailliert: erst Bettruhe, dann vorsichtige Aktivierung, tägliche Übungen, Sprachtherapie, Blutdruck streng überwachen, Ernährung, Rhythmus. Wer übernimmt die Pflege?
– Ich hole eine Pflegekraft, sagte Sabine.
Kein Erstaunen von der Ärztin. Sabine war dankbar dafür.
Die ersten zwei Tage schaffte sie es noch selbst, dann rief sie beim Pflegedienst an.
Frau Hartwig war genau, wie sie sich vorgestellt hatte: ruhig, sachlich, keine Wortverschwendung. Sie wusste, wie man streckt, dreht, Übungen macht, den Patienten füttert, wenn das Schlucken schwerfällt. Thomas war anfangs verstimmt eine Fremde im Schlafzimmer; später gewöhnte er sich daran, oder ergab sich schwer zu sagen, was besser war.
Mit Sabine redete er kaum. Sie kam mehrmals am Tag morgens, nach dem Mittag, abends. Fragte, wie es ihm ging. Er antwortete knapp: Geht schon, passt, ja. Manchmal sah er an ihr vorbei, manchmal schloss er die Augen.
Etwa eine Woche nach der Entlassung, während Frau Hartwig ihre Pause machte, sagte Thomas zu ihr:
– Du hattest recht.
Sabine blieb an der Tür stehen.
– Womit?
– Blutdruck. Ärzte. Alles.
Sie setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett.
– Jetzt spielt das keine Rolle mehr, Thomas.
– Doch. Für mich. Du hasts gesagt. Ich hab nicht gehört.
Sabine sah auf seine Rechte, die schlaff auf der Decke lag. Die noch kräftige Ader, die Finger, die sich nicht mehr beugten.
– Ich höre dich, erwiderte sie.
– Bist du sauer?
– Nein.
Das stimmte. Wut das scharfe, heiße Gefühl war längst gegangen, schon in den ersten Tagen. Was blieb, war etwas anderes. Müdigkeit. Vielleicht Klarheit.
– Ich pflege dich trotzdem nicht alleine, wiederholte sie. Nicht aus Ärger. Weil ichs nicht kann.
Er sagte nichts mehr dazu. Vielleicht fand er keine Worte, vielleicht hatte er sie verstanden.
Drei Tage nach dem ersten Besuch meldete sich Annika. Der Ton sachlich was fast schlimmer war als die Wut:
– Mama, Sebastian und ich haben geredet. Wir finden, für Papa wäre eine Reha-Klinik besser, die Fachklinik Taunus, kennst du die?
– Schon mal gehört.
– Da ist die Pflege super. Ärzte, Therapeuten, alles da. Wir würden die Kosten übernehmen.
Sabine schwieg.
– Ihr wollt ihn also dahin bringen?
– Ja. Da wäre es besser für ihn.
– Thomas will nicht weg von zu Hause.
– Hast du ihn gefragt?
– Nein. Aber ich kenn ihn seit dreißig Jahren. Er will nicht ins Heim.
– Mama, das ist kein Heim, das ist ein modernes Zentrum.
– Nenn es, wie du willst der Unterschied ist klein.
Annika schwieg.
– Du weißt schon, dass Frau Hartwig nur Pflege leisten kann? Er braucht aber gezielt Reha, Therapien.
– Ich hab eine Logopädin organisiert, die kommt dreimal die Woche. Und einen Physiotherapeuten einmal die Woche.
– Das ist zu wenig.
– Vielleicht. Aber zu Hause ist das drin.
– Oder eben in der Klinik, wo alles da ist.
Es entstand eine Pause.
– Annika, sagte Sabine dann ruhig, das ist sein Zuhause. Hier lebt er seit dreißig Jahren.
– Mama. Du engagierst eine Pflegekraft und weigerst dich, ihn selbst zu pflegen. Du willst ihn aber auch nicht in die Reha geben. Was willst du eigentlich?
– Ich will, dass er professionelle Hilfe in seinen eigenen vier Wänden kriegt und dass ihr mich mit den Schuldzuweisungen in Ruhe lasst.
Keine Antwort. Aufgelegt.
Fünf Tage später kamen beide Kinder. Sebastian und Annika gemeinsam. Sabine wusste sofort: Sie hatten eine Entscheidung getroffen.
Sebastian war ruhiger als Annika, aber genauso entschieden.
– Mama, wir haben gestern mit Papa gesprochen, begann er im Flur.
– Wann?
– Annika war da, als du kurz einkaufen warst.
Sabine fühlte sich ausgelaugt weniger zornig, mehr erschöpft, wie wenn das Leben enger wird, als man dachte.
– Und?
– Er ist einverstanden mit der Taunus-Klinik.
– Thomas will wirklich dorthin?
– Ja.
– Er hat das selbst gesagt?
– Mama, ja, fiel Annika ein. Ganz klar. Er weiß, hier…
– Was ist hier?
– Dass es ihm hier mit einer fremden Person nicht guttut. Wenn die eigene Frau…
– Wenn die eigene Frau was?
Annika sah Sabine an.
– Wenn die eigene Frau sich weigert, ihn zu pflegen, sagte sie leise.
Sabine nickte.
– Gut. Wenn er das will, halte ich ihn nicht.
Die beiden waren offenbar auf Widerstand eingestellt. Doch der blieb aus. Kein Streit, keine Tränen. Sabine nickte nur.
Eine Woche später fand der Umzug statt. Die Klinik lag wirklich im Taunus, zwanzig Minuten außerhalb von Frankfurt, mitten im Kiefernwald. Sabine fuhr mit, half beim Packen. Thomas schwieg die ganze Zeit, schaute aus dem Fenster.
Im Auto, kurz bevor die Tür zuging, sah er sie an.
– Kommst du mich besuchen?
– Ja, sagte sie.
Das war ehrlich.
Nach der Heimfahrt ging sie in die leere Wohnung. Frau Hartwig war schon weg nicht mehr gebraucht. Im Schlafzimmer war das Bett gemacht, auf dem Nachttisch das Glas Wasser vom Morgen. Sie räumte das Glas weg, schob das Kopfkissen zurecht.
Dann machte sie eine Tasse Kaffee. Richtig, aus der Bialetti Thomas mochte keinen Kaffeeduft; seit Jahren hatte sie löslichen gekocht, um ihn nicht zu nerven. Jetzt musste sie sich nicht mehr zurücknehmen.
Es fühlte sich seltsam an kein Glücks- und kein Trauergefühl, einfach so.
Annika rief zwei Wochen nicht an. Dann kam ein formelles Update: Papa ist aufgenommen, arrangiert sich, gewöhnt sich langsam. Ende. Kein wie gehts dir. Sabine war nicht beleidigt sie hatte nichts anderes erwartet.
Sebastian meldete sich nach einem Monat, zehn Minuten Smalltalk. Über seine Arbeit, das Wetter, dass seine Tochter Lena jetzt in die erste Klasse ging. Über Thomas: Stabil, Therapien, spricht wieder besser. Das Thema, was zwischen ihnen stand, schnitt niemand an.
Sabine besuchte Thomas. Anfangs wöchentlich, später seltener. Die Klinik war wirklich gut helle Flure, Blumen überall, höfliches Personal. Thomas teilte das Zimmer mit einem ruhigen Herrn nach Bandscheiben-OP. Sie sprachen nicht viel, aber schienen sich zu vertragen.
Auch Thomas und Sabine redeten wenig. Sein Sprechen ging besser, aber Worte waren mühsam. Sie saßen im Aufenthaltsraum oder auf der Terrasse, wenn das Wetter mitspielte. Sabine erzählte von der Wohnung, von den Nachbarn, einem Roman. Thomas hörte zu, sagte manchmal etwas, meist ein knappes Nicken.
Einmal im Winter fragte er plötzlich:
– Bereust du das alles?
– Was meinst du?
– Wie es gekommen ist.
Sabine dachte nach.
– Deinen Schlaganfall den bereue ich. Dass die Kinder so sauer sind auch. Aber meine Entscheidung? Nein.
Er sah raus in den verschneiten Hof.
– Du warst immer stur, sagte er. Ohne Vorwurf.
– Das hast du immer als Makel gemeint, erwiderte sie. Für mich ist es nur ein Charakterzug.
Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
Die Kinder tauchten nur noch selten auf. Annika gar nicht, Sebastian selten dann meist wegen Sachfragen. Enkel: Annika hatte Lena, acht Jahre, die Sabine nur alle paar Monate sah; von Sebastian die Erstklässlerin, jetzt gar nicht mehr.
Es tat weh. Sabine bemühte sich nicht, das zu verdrängen. Es war dieser stille Schmerz, wenn etwas wegbricht, das man für selbstverständlich hielt. Kein Drama, einfach ein dumpfes Wehtun.
Aber sie blieb dabei. Nie, auch nicht für einen Moment, fragte sie sich ernsthaft, ob sie falsch gehandelt hatte. Sie dachte eher: All mein Leben lang gab es muss und sollte immer auf meine Kosten. Und als ich zum ersten Mal Nein sagte, war das kein Verrat, sondern ein erster, freier Atemzug.
Mit siebenundfünfzig, schmerzhaftem Rücken und Blutdrucktabletten hatte sie wieder ein eigenes Leben.
Im Frühjahr meldete sie sich zu einem Aquarellkurs an. Nicht aus besonderem Traum sie hatte nie ans Malen gedacht , sondern weil sie im Park einen Aushang sah. Kleine Gruppe, meist ältere Teilnehmer, die Kursleiterin sachlich und ermutigend: Mutig ausprobieren, Fehler machen erlaubt.
Sabine swirlte Farben auf dem Papier, ihre Ergebnisse waren oft schief, gefielen ihr trotzdem.
Nach dem ersten Termin ging sie zu Fuß nach Hause und dachte: Es ist seltsam, mit siebenundfünfzig einfach etwas für sich selbst zu tun.
Den Sommer verbrachte sie in Frankfurt. Viel Hitze, sie kaufte einen Ventilator, ging früh auf den Markt, las auf dem Balkon. Endlich wieder Kontakt zu Gabi einer alten Freundin aus Bockenheim, die alles wusste, weil Sabine ihr alles erzählte hatte, als es ganz schwer war.
– Und, wie gehts dir? fragte Gabi.
– Geht so. Ich male jetzt.
– Echt jetzt?
– Aquarellblumen. Sieht nicht toll aus, aber ich mags.
– Ich freu mich für dich. Du hast viel zu lang nie was für dich gemacht. Weißt du noch, als du die Kur nach Bad Tölz abgesagt hast, weil die Kinder keiner nehmen wollte? Die waren doch längst groß.
Sabine lachte. Ja. Damals manchmal denke ich noch daran.
– Dann fahr jetzt mal wohin du willst!
Die Idee ließ sie nicht los. Wohin du willst. Ihr ganzes Leben war sie nie allein gereist. Mit Thomas mal nach Sylt, ein paar Mal Italien das war ewig her. Danach mochte er keine Urlaube mehr, blieb lieber zuhause.
Im September buchte sie ein Bahnticket nach Hamburg fünf Tage allein.
Thomas war da schon neun Monate in der Taunus-Klinik. Er sprach wieder besser, lief mit Stock durch den Flur, die Pflegerin lobte seine Fortschritte.
Vor der Reise besuchte sie ihn.
– Ich fahre für fünf Tage nach Hamburg.
– Allein?
– Ja.
– Du warst nie allein weg.
– Das ist jetzt eben das erste Mal.
Er überlegte.
– Geh in die Kunsthalle. Das hast du immer geliebt.
– Mach ich.
– Und Kaffee gönn dir einen richtig guten.
– Mach ich auch.
Er musterte sie lange.
– Sabine?
– Ja?
– Fahr einfach.
Sie nickte, fuhr los.
Hamburg war kalt und regnerisch September eben. Der Regen war anders als in Frankfurt, brackig, nach Hafen riechend. Sabine wohnte in einem kleinen Hotel auf St. Pauli, frühstückte Croissants im Eckcafé, verbrachte einen ganzen Tag in der Kunsthalle, stand stundenlang vor Bildern. Einfach nur schauen.
Am vierten Tag rief sie Gabi an.
– Warum hab ich das nie früher gemacht?
– Was Reisen alleine? Im Hotel wohnen? Frühstück für dich?
Sabine lachte. Ja, genau das.
– Weil du zu brav warst, erwiderte Gabi. Oder niemand dich gelassen hat.
– Ich glaube, ich selbst hab es mir nicht erlaubt, sagte Sabine. Das ist ehrlicher.
Zurück zu Hause hatte sie ein neues Gefühl nicht pures Glück, aber eine Ahnung: Das Leben ist mit siebenundfünfzig nicht vorbei. Es gibt noch Dinge, auch wenn sie keinen Namen haben.
Im Oktober klingelte Sebastian:
– Mama, Papa gehts schlechter.
Sabine legte das Buch zur Seite.
– Was ist los?
– Lungenentzündung. Im Krankenhaus, nicht mehr in der Reha. Ging ganz schnell.
– Ernsthaft?
– Ja. Die Ärzte beobachten ihn. Ich dachte, du solltest es wissen.
– Danke, ich fahre hin.
– Muss nicht
– Ich fahr hin.
Im Krankenhaus alles wie immer weiße Flure, Desinfektionsgeruch, unfreundliche Dame am Empfang. Thomas lag auf Mehrbettzimmer. Er sah Sabine, blinzelte.
– Du bist da, sagte er matt.
– Ja.
Sie saß eine Stunde bei ihm, hielt seine Hand, sprach wenig. Als sie ging, fragte er:
– Fährst du bald wieder wohin?
– Vielleicht im Frühjahr.
– Fahr ruhig. Wohin du willst.
– Mach ich.
Die Lungenentzündung überstand er. Nach drei Wochen kam er zurück in die Taunus-Klinik. Sabine besuchte ihn wöchentlich. Er wurde schwächer, bewegte sich kaum noch, die Fortschritte der ersten Monate waren dahin. Die Pflegerin sagte nüchtern: Stabil, aber die Kräfte gehen aus.
Sie saßen immer noch im Aufenthaltsraum zusammen, sprachen wenig. Die Stille drückte nicht mehr. Es hatte sich etwas gesetzt, wie Schlamm am Flussgrund, und das Wasser war klarer.
– Bist du glücklich? erkundigte Thomas sich eines Tages.
Sabine überlegte.
– Ich bin nicht unglücklich. Das ist schon viel.
Er lächelte schief.
– Annika hat dir verziehen?
– Nein.
– Sebastian?
– Wir reden, aber anders als früher. Es ist mehr Abstand da.
– Wegen mir?
– Wegen allem, sagte Sabine. Nicht nur deinetwegen.
– Findest du es schade, dass sie böse sind?
– Ja. Aber es ändert nichts an dem, was ich entschieden habe.
Er nickte langsam.
– Du bist stark, sagte er.
– Das hast du immer als stur bezeichnet.
– Jetzt meine ich es anders.
– Danke, sagte Sabine.
Der zweite Schlaganfall kam zweieinhalb Jahre nach dem ersten, nachts in der Klinik. Sebastian rief morgens an, seine Stimme wie aus Watte.
– Mama. Papa ist gestorben. Heute Nacht.
Sabine saß mit dem Telefon am Küchentisch.
– Hörst du mich?
– Ich höre dich.
– Annika und ich sind schon unterwegs. Kommst du auch?
– Ich komme.
Die Beerdigung war still. Sebastian und Annika. Zwei alte Arbeitskolleginnen. Ein paar Nachbarn. Spröde Verwandtschaft. Sabine stand am Sarg, dachte daran, dass jetzt einfach Schluss war nach zweiunddreißig Jahren. Nicht abgerissen, sondern zu Ende gegangen. Wie ein Buch, bei dem man die letzte Seite liest und es zuklappt.
Annika sprach sie nicht an, stand auf der anderen Seite, blickte eisern ins Leere. Sebastian kam nach der Beerdigung zu ihr.
– Mama. Wie gehts dir?
– Es geht.
– Ich… Er senkte den Blick. Es tut mir leid. Ich war lange sauer auf dich. Verstehst du das?
– Ich verstehe.
– Ich habe viel nachgedacht. Ich weiß nicht mehr, was richtig ist ehrlich gesagt. Vielleicht weiß das niemand.
– Es ist normal, es nicht zu wissen, sagte Sabine. Es gibt hier kein Schwarz-Weiß.
– Und du?
– Ich weiß auch nichts genau. Aber so lebe ich.
Er nickte.
Annika verschwand stumm vom Friedhof, Sabine sah nur, wie sie in den Wagen einstieg. Sie rief ihr nicht nach.
Nach der Beerdigung setzte das Leben sich leise fort oder besser: das, was Sabine sich inzwischen aufgebaut hatte. Aquarell hatte sie im Winter aufgegeben, jetzt belegte sie einen Spanischkurs. Es fiel ihr schwer, die Vokabeln wollten nicht haften, aber sie mochte das Gefühl, wieder Anfängerin zu sein.
Im Frühjahr erfüllte sie sich ein Versprechen: Reiste nach Portugal, zehn Tage, allein. Lissabon, Porto, ein bisschen Algarve. Sie schlenderte durch verwinkelte Straßen, aß pastel de nata in kleinen Cafés, trank Wein auf Dachterrassen, schaute aufs Meer.
Niemand rief an, niemand fragte nach Rechenschaft. Merkwürdig. Mit achtundfünfzig hatte sie erst gelernt, niemandem mehr erklären zu müssen, wo sie war.
Gabi schrieb: Ich beneide dich! Sabine antwortete: Komm beim nächsten Mal mit. Gabi schickte einen lachenden Smiley: Vielleicht!
Aus Portugal brachte Sabine eine kleine handgetöpferte Kanne und ein Tuch mit Atlantik-Muster mit. Sie stellte die Kanne ins alte Bücherregal, wo früher der Fernseher stand. Den hatte sie mittlerweile weggeräumt.
Annika meldete sich nicht. Drei Jahre waren vergangen, seit Thomas ins Pflegeheim kam. Nach der Beerdigung Stille. Über Sebastian wusste Sabine, Annika hatte gesagt: Ich habe keine Mutter mehr. Das war ein Satz, den man nie zurücknehmen kann.
Sabine dachte regelmäßig daran, besonders an einsamen Abenden. Lena, die Enkelin, war jetzt elf, wuchs irgendwo hinter einer verschlossenen Tür auf. Das tat weh. Vielleicht am meisten.
Sie rief Annika trotzdem nie an. Sie wusste, dass Annika keinen Dialog wollte, sondern ein Schuldbekenntnis. Aber das empfand Sabine nicht. War das ehrlich, war es vielleicht eine Schutzlüge? Sie wusste es nicht. Aber mit dem Gedanken ich habe getan, was ich konnte ließ sich leben. Mit ich habe alles falsch gemacht nicht.
Im zweiten Jahr nach Thomas’ Tod traf sie zufällig Frau Scholz, die Nachbarin von oben, in der Apotheke. Frau Scholz hatte ihren Mann acht Jahre zuvor selbst gepflegt, ein Jahr lang, bis sie selbst invalide war.
– Sabine, du hast doch deinen Mann ins Heim gegeben, stimmt das?
– Ja.
– Und du bereust es nicht?
– Nein.
Frau Scholz betrachtete sie lange. Kein Vorwurf, mehr eine Art Anerkennung.
– Ich hab ihn ein Jahr lang daheim gepflegt. Jetzt hab ich den Schaden drei Rücken-OPs.
– Ach, Frau Scholz
– Nein, kein Vorwurf. Ich wollte nur sagen Naja.
Sie beendete den Einkauf und ging.
Sabine stand da, dachte noch lang nach. Frau Scholz hatte sich selbst geopfert und litt nun darunter. Sabine hatte die Grenze gezogen und blieb mobil. Kein Beweis, kein Triumph einfach nur eine Tatsache.
Im November tauchte Sebastian überraschend in der Tür auf.
– Mama, kann ich rein?
Er sah sich um bemerkte die portugiesische Kanne, das aufgeschlagene Spanisch-Lehrbuch, die wieder aufgenommenen Aquarellblätter.
– Du lernst Spanisch?
– Seit einem Jahr.
– Warum?
– Es macht mir Spaß.
Er setzte sich.
– Mama. Ich möchte dir etwas sagen.
– Na klar.
– Ich war lange sauer. Nicht nur wegen Papa, sondern weil du plötzlich so fremd warst. Ich hab dich nicht mehr verstanden.
– Und jetzt?
– Immer noch nicht komplett. Aber vielleicht war ich einfach enttäuscht, weil du nicht so warst, wie ich erwartet habe. Ich hab gedacht, du leidest und stattdessen bist du nach Hamburg gefahren.
– Ich hab auch gelitten. Nur anders.
Er griff zur Tasse.
– Annika bleibt stur…
– Das weiß ich.
– Sie wird sich nie ändern. Weißt du das?
– Ja.
– Tut das weh?
Sabine dachte nach.
– Ja, tut es. Nicht jeden Tag, aber es schmerzt. Lena wächst und ich sehe sie kaum.
– Sie könnte ja anrufen.
– Tut sie nicht. Da müsste sie zugeben, dass ihre Mutter vielleicht Recht hatte. Das will sie nicht.
– Hattest du Recht?
– Ich hab getan, was ich konnte. Mehr oder weniger. Ob das richtig war das musst du selbst entscheiden. Ich mach das nicht mehr.
Sie schwiegen eine Weile, tranken Tee.
– Und wie gehts Julia? Sebastians Frau.
– Gut. Sie will im Sommer ans Meer.
– Fahrt. Wartet nicht, bis es zu spät ist.
– Meinst du wegen Papa?
– Ich meine wegen uns allen.
Zur Verabschiedung umarmten sie sich kurz. Etwas ungeschickt, aber aufrichtig.
– Ich melde mich öfter.
– Mach das.
Sabine blieb noch eine Weile an der Tür, schaute in die ruhige Wohnung, auf Spanischlektion Nummer 23: Reisen.
Sie ging in die Küche, blickte in die dunkle Dämmerung. Ein Junge spielte unten Fußball, allein.
Sabine dachte, in vier Monaten werde ich sechzig. Ich habe schon eine Reise nach Lissabon geplant zehn Tage im April. Spanisch wird dort nützlich sein. Und vielleicht fange ich doch mal mit Ölmalerei an. Akvarell kann ich jetzt schon.
Und vielleicht ruft Annika eines Tages an. Vielleicht nicht. Das liegt nicht an mir.
Sie dachte an Thomas wie er früher war: witzig, leicht, mit diesen graublauen Augen. An ihren ersten gemeinsamen Urlaub an der Ostsee, wie er ihr einen albernen Sonnenhut kaufte und sie lachen musste. An die zweiunddreißig Jahre, die schön und auch mal hart waren. An Fehler, die beide gemacht hatten. Das loslassen heißt nicht zu sagen, alles war gut. Es heißt: Es war, wie es war.
Der Junge schoss den Ball ins Tor, hob die Arme, schaute, ob es jemand sah. Aber niemand schaute.
Sabine setzte sich an den Tisch, schnappte sich das Lehrbuch.
Lissabon liegt an der Westküste. Die Stadt ist bekannt für ihre…
Sie las, markierte neue Vokabeln. Draußen brannte die Laterne.
Ein halbes Jahr später. Die Portugalreise ist geglückt alles war so, wie sie es sich vorgestellt hatte, und ganz anders. Lissabon war steil, die Beine taten weh abends. Sie aß Pastéis de Nata in versteckten Cafés, stand am Atlantik auf dem Cabo da Roca, schaute aufs Meer. Dachte: Hier ist das Ende Europas. Dahinter kommt nur noch Wasser.
Sebastian rief alle zwei Wochen an, manchmal öfter. Sie sprachen nicht nur über Praktisches, sondern auch über das Leben. Er erzählte von Lena, wie sie schwimmen lernt. Sabine hörte zu und dachte: Die Enkelin wächst heran auch wenn ich sie kaum sehe.
Über Annika sprachen sie nicht. Diese Tür war verschlossen, sie wussten es beide.
Im Juni rief eine unbekannte Nummer an.
– Ja?
Sekunden Stille. Dann:
– Hier ist Lena.
Sabine blieb mitten im Zimmer stehen.
– Lena?
– Ja. Ihre Enkelin. Annika weiß nicht, dass ich anrufe. Ich hab die Nummer vom Papa.
– Verstehe, sagte Sabine ruhig. Wie geht es dir?
– Gut. Ich wollte nur wissen, wie es Ihnen geht.
– Gut. Bin gerade aus Portugal zurück.
– Wo ist das?
– Das ist ein Land in Europa. Am Meer, mit vielen Hügeln und leckeren Kuchen.
– Ist es schön?
– Sehr.
Pause.
– Oma, Mama sagt, Sie haben etwas Schlechtes getan. Ich weiß nicht. Bin ja erst elf.
Sabine schloss die Augen.
– Du bist klug, Lena. Du denkst nach das ist schon viel.
– Sind Sie böse auf Mama?
– Nein.
– Gar nicht?
– Gar nicht.
– Warum?
Sabine schaute aus dem Fenster, sah, wie eine Frau mit Hund durch den Hof ging.
– Weil sie handelt, wie sie es für richtig hält. So wie ich damals. Wir denken einfach unterschiedlich.
– Und wer hat recht?
– Ich weiß es nicht, Lena.
– Ehrlich nicht?
– Ehrlich. Manche Fragen haben keine allgemeingültige Antwort.
Wieder Stille.
– Ich würde Sie gern sehen, sagte die Enkelin leise.
– Ich dich auch, flüsterte Sabine.
– Aber Mama wird nicht erlauben.
– Weiß ich.
– Was mache ich dann?
Sabine blickte den Hof herunter.
– Du wirst größer, sagte sie, und entscheidest dann für dich. Niemand kann dir das dann verbieten.
– Das dauert, seufzte Lena.
– Ja, es dauert.
Wieder Pause.
– Ich muss auflegen, Mama kommt gleich.
– In Ordnung. Lena?
– Ja?
– Danke für den Anruf.
Eine letzte Stille.
– Tschüs, Oma.
– Tschüs.
Jetzt weiß ich, mit Schuld zu leben ist schwer aber mit der Wahrheit zu leben und sich selbst Grenzen zuzubilligen, ist nötig. Man darf sich nicht selbst aufgeben. Wer nicht gut für sich sorgt, kann auch anderen wenig geben. Das habe ich gelernt.



