Ein Spiel außerhalb der Regeln
Ach du meine Güte, Annedore! Was ist denn mit dir passiert?! Wie siehst du denn aus!? Wer hat dir das angetan?! Kind, sag doch was! Hanna rang nach Luft, musste sich aber zusammenreißen, um nicht selbst in Ohnmacht zu fallen.
Annedore ließ ihren Rucksack mitten im Hausflur auf die Fliesen platschen, rutschte müde an der Wand herunter in die Hocke. Ihre aufgeplatzte Lippe bewegte sich kaum, und Hanna hörte nur ein krächzendes Flüstern:
Mama, schrei mich nicht an Ich will einfach mal kurz so dasitzen
Weiter kam Annedore nicht. Sie kippte zur Seite, landete etwas unsanft mit dem Kopf in den alten Hausschuhen von Opa Johann und weg war sie.
Annedore! Hanna wurde von der Realität eingeholt und hechtete zu ihrer Tochter.
Sie versuchte, Annedore hochzuheben aber ihr praller Babybauch und die wenig vorhandene Muskelkraft machten das zur Zitterpartie. Ihr wurde schwindlig und beinahe wäre sie gleich daneben gesunken, wenn ihr nicht gerade noch eingefallen wäre, dass sie keinem damit geholfen wäre. Also lehnte sie sich zurück, holte einmal tief Luft und brüllte so laut, wie sie das früher nur in ihrem Elternhaus gemacht hatte:
Papaaa!
Annedores Opa, Johann Lehmann, werkelte gerade im kleinen Gewächshaus im Garten an Tomatenpflanzen, als er den Hilfeschrei seiner Tochter hörte. Der Blumentopf flog kurzentschlossen auf den Boden, und Johann rannte los. Mit Enkelkindern hatte er zumindest am frühen Vormittag aktuell nicht gerechnet.
Hannilein, was ist?! Ist es wieder dein Kreislauf? Johann öffnete die Tür zur Veranda und fing seine Tochter fast schon im Ausfallen auf.
Papa, Annedore! Notarzt! Schnell, der Notarzt muss kommen!
Die Aufregung war berechtigt. Annedore kam ins Krankenhaus, Hanna wollten sie aber eigentlich nicht mitnehmen:
Frau Mama, Sie sollten hier bleiben! Ihrer Tochter fehlt nichts, wir nehmen sie einfach mit und Opa kommt mit. Aber Sie sollten sich schonen! Ihr zweites Wunder kommt bald und niemand braucht hier Komplikationen!
Das ist meine Tochter, ich fahre mit und Punkt!
Der junge Notarzt seufzte. Gegen eine Lehmann-Mama gabs offensichtlich ohnehin nichts zu machen.
Meinetwegen. Aber bleiben Sie entspannt! Er half Hanna ins Auto und packte sie zwischen die Rettungsdecken.
Vielen Dank!
Wofür denn? Der junge Mann zog die Augenbrauen hoch.
Für Ihr Kümmern!
Ach, ist doch selbstverständlich! Seine ernste Miene hielt keine fünf Sekunden. Der Wilde Haarschopf am Hinterkopf war auch für die beste Mimik keine Hilfe.
Und wie fühlst du dich? fragte er Annedore.
Geht schon. Aber geben Sie lieber Mama was, sonst bekommt die gleich einen Herzanfall! Annedore versuchte zu lächeln, ein Schlagloch ließ sie aufquietschen.
Was ist? fragte der Arzt achtsam.
Och, da hinten ist ‘ne Beule. Am Hinterkopf. Tut halt weh.
Hab ich gesehn. Halb so wild. Du hast ja gesagt, dir ist nicht schwindlig, dir ist nicht übel dann ist ein Schädelbruch unwahrscheinlich, und die Beule kein Grund gleich den Löffel abzugeben.
Hab ich auch nicht vor! Annedore schnaubte und blickte zu ihrer Mutter. Was ist mit dir?
Ach, was soll mit mir sein, Annedore. Willst du mir jetzt verraten was passiert ist?
Nein! Annedore ballte die Fäuste. Keine Lust!
Ach, diese Pubertiere! Stimmts, Annedore? Der Arzt grinste derart breit, dass Annedore erstaunt war. Denkt nicht, dass ich schon vergessen hätte, wie das ist. Nerven wie ein zu kurz geratenes Kabel und man will einfach nur mal seine Ruhe, wenigstens für zehn Minuten!
Hab ich nie gesagt!
Aber gedacht! Annedore, das ist ganz normal. Deine Mutter sorgt sich eben. Weißt du, was meine gemacht hätte, wenn ich so nach Hause gekommen wäre?
Was?
Erst erste Hilfe, dann hätte sie mir den Hintern versohlt.
Warum das?
Damit ich draus lerne. Wenn mir einer eine verpasst, kann ich offensichtlich nicht vernünftig diskutieren.
Geht aber nicht mit jedem Annedore schniefte und verzog das Gesicht.
Da musst du durchhalten wir sind gleich da.
Wie heißen Sie? Annedore tastete nach Mamas Hand.
Alex. Alexander, heißt du auch so?
Schön, Sie kennenzulernen
Guckt euch das an! Alex schüttelte leicht Schmunzelnd ihre Hand. Die halbe Rübe kaputt, aber freundlich! Finde ich gut!
Sie sind auch nett! Annedore versuchte ein Lächeln, wurde aber abrupt jäh gestoppt, als der Krankenwagen vor der Tür des Krankenhauses hielt und Alex ihr einen Riechfläschchengeruch unter die Nase hielt.
Ruhig bleiben nicht nochmal umkippen!
Nach der Untersuchung wurden Annedore und ihre Mutter nach Hause geschickt, Johann holte seine Mädels ab.
Was sagen die Ärzte, Hanna?
Nichts Genaues. Ruhe, dann wird das schon.
Und der Ohnmachtsanfall?
Stress, sagen sie. Hanna warf einen Blick auf das in den Arm eingeschlafene Kind. Papa
Später Hanna! Johann war resolut. Erstmal ankommen. Und du? Was ist mit dir?
Alles gut. War nur kurz etwas Ziehen bei der Untersuchung, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung.
Dann kriegst du nachher einen ordentlichen Tee und dann legt sich das alles wieder. Ruhig bleiben ist jetzt wichtig.
Papa, wie soll das denn gehen? Hast du Annes Gesicht gesehen?!
Hab ich. Und das klären wir. Aber mit Ruhe und ohne Drama Panik bringt bekanntlich gar nichts.
Hanna seufzte. Sie wusste, worauf Johann anspielte. Und wie! Die Dramen damals, als Hannas Mutter Annas Leben geprägt hatte, nagten noch immer an der Familie.
Ihre Mutter stammte aus einer Familie von Lehrern und Dichtern. Opa war Lyriker, Uropa Erzähler. Ihre Mutter, Viktoria, schrieb selbst Gedichte und veröffentlichte ein paar Bändchen, durchaus nicht unerfolgreich. Sie war leicht und verträumt und für praktische Dinge praktisch ungeeignet. Das Familienleben regelte daher immer Oma Gisela. Eine herzliche, geradlinige Frau, deren Hauptaufgabe es war, dass alle satt und sauber waren. Was kaum jemand sah: Gisela hatte noch eine Mission und erfüllte sie mit derem Eifer einer schwäbischen Hausfrau sie liebte. Den Ehemann, seine Eltern, die Kinder, den Schwiegersohn, Enkel, jeden, der die Tür aufmachte, oder im Sommer in den Schrebergarten kam. Der alte Samowar dampfte, Gisela erneuerte Tassen, winkte freundlich und ließ keine Abschlagmöglichkeit an sich ran.
Zeit für Kuchenbacken! Redet ihr nur, ich muss in die Küche, sonst brennt mir die Ente an!
Alle genossen Entenbraten und Streuselkuchen, tranken Johannisbeerkompott und wer nicht nach Hause taumelte, der blieb, kuschelte sich in frischgestärkte Bezüge, und niemand erinnerte sich, wie die stille Frau hieß, die wie ein Engel durchs Haus schwebte und alles am Laufen hielt
Als Hanna noch unter einem Jahr war, starb Gisela. Auf dem Heimweg vom Bauernhof, mit frischer Milch und Quark, setzte sie sich kurz und wurde unter einer Birke gefunden.
Viktoria verweigerte alles, selbst Essen und Kind. Sie kratzte sich das Gesicht und wälzte sich in Selbstmitleid, während Johann sich um Kind und Haushalt kümmerte. Wenigstens die Nachbarin, Ulrike, hatte gerade selbst ein Baby bekommen und konnte Hanna versorgen. Viktoria verlor den Bezug zur Realität. Sie schrieb, weinte auf der Veranda und sang manchmal wie eine Murmelmaschine. Johann wusste, das war das Schlaflied ihres Vaters die einzige Verbindung zu Licht und Realität.
Die Tochter interessierte Viktoria bald nicht mehr, um alles kümmerte sich nun Johann und Nachbarin Ulrike. Sie war auch die, die das Baby nährte: »Ein Kind mehr, das macht keinen Unterschied.«
Nach und nach veränderte sich alles. Freunde fuhren auf Schulungen, arbeiten, Kühe melken und Hanna blieb zu Hause. Ulrike schaffte es irgendwie, alles am Laufen zu halten. Johann überredete Viktoria, einen Spezialisten zu besuchen, aber sie ließ ihn abblitzen »Lass mich, ich komme schon klar«. Eines Tages verließ Viktoria einfach die Gartentür und lief los barfuß durch herbstkalte Pfützen im geblümten Sommerkleid. Ulrike fand sie bei der Birke, nahm sie wortlos mit ins Haus.
Danach brachte Johann Viktoria in die Klinik, die Ärzte schimpften und behielten sie direkt dabehalten. Nach Hause kam sie nie mehr. Sie starb leise und friedlich, ein Lächeln auf dem Gesicht.
So blieb Johann allein mit Hanna zurück. Ulrike half, wie es ging auch ihre Familie wohnte im selben Mietshaus. Irgendwie liefs dann eben so weiter. Johann arbeitete, Hanna ging nachmittags in den Kindergarten und Ulrike kümmerte sich. Auch mit Ulrikes Mann verstand sich Johann, sodass niemand auf die Idee kam, zu tratschen. Wenn sie nebeneinander im Treppenhaus standen, die Stirn der Kleinen küssten und stritten, ob sie Fieber hätte, schien die Welt in Ordnung.
Hanna wuchs als unmöglich geliebtes Mädchen auf. Nicht selten sagte sie zu Ulrike »Mama«, die es einfach hinnahm und ihr weiter Geschichten von Viktoria erzählte irgendwann braucht jedes Kind mal eine richtige Mama.
Doch dann wurde alles anders. Mit dreizehn bekam Ulrikes Mann ein Stellenangebot aus Hamburg. Familie packte zusammen, Ulrike räumte bei Johann den Gefrierschrank aus.
Wie willst du das schaffen? Ulrike war nervös wie ein Huhn.
Na hör mal, wir sind keine Babys mehr! Johann lachte. Du hast Hanna das Kochen beigebracht, und ich kann immerhin Kartoffeln schälen.
Ich hab doch die Hälfte vergessen einzukaufen! Ulrike schlug sich an die Stirn.
Kaputt machen kann man alles, wenn man will! Außerdem mag ich doch keinen Krautsalat. Hanna kauft den schon selbst.
Hanna kam vom Lernen zurück, hörte Schluchzen und Gekicher aus der Küche und drehte amüsiert die Augen.
Mensch, die stellen sich an, als wärs eine Weltreise! Gegen Flugzeug und WhatsApp hilft kein Drama der Welt.
Dennoch, mit sechzehn zeigte Hanna, was in ihr steckte: Sie gewann einen Schreibwettbewerb nach dem anderen, Prosa oder Lyrik, egal. Johann war stolz, aber latent besorgt: Ihr Talent, ihre Originalität, das war ihre Mutter. Ihr kühler Kopf und der Sinn für Buletten das war er. Hanna wollte eigentlich immer nur eines: geliebt werden.
Die Familie von Ulrike blieb auch nach Hamburg verbunden, aber Hanna wollte halt die ganze Welt umarmen. Sie nahm jeden an, so wie er war, und wünschte sich, dass das alle täten ein Fehler, den niemand ihr erklärt hatte.
Ihre erste große Liebe in der Schule sollte die einzige bleiben. Direkt nach dem Abi heiratete sie ihren Freund, ein Jahr später wurde sie schon Mutter. Nur holte sie Johann alleine vom Krankenhaus ab, denn der junge Vater hatte kurz vor knapp doch lieber auf seine Eltern gehört und das Weite gesucht.
Hanna, alles gut? Johann wusste nicht, wie er Trost spenden sollte, als sie ihre Sachen für den Kreißsaal packte.
Papa, ist doch alles richtig gelaufen. Wenn der keinen Platz für mich und das Baby hat, dann brauchen wir ihn nicht. Wir kriegen das hin! Und alles, Leben, Glück, Liebe, Annedore! Er hat halt seine Chancen vertan.
Sicher, dass es ein Mädchen wird? War beim Ultraschall ja nicht so klar
Ich fühle das, Papa. Ein Mädchen, schlau und schön wie Oma Viktoria, aber so stark wie wir: die Lehmanns!
Was blieb Johann? Er drückte Hanna fest und tat, was Väter so tun. Nächtelang hörte er sie noch weinen, Selbstgespräche führen, aber die kleinen Annedore ließ keine Zeit für Drama wie damals bei Viktoria. Genau das hatte Johann am meisten gefürchtet. Doch Hanna ließ ihn nicht im Stich!
Zur Entlassung reiste auch Ulrike an, ließ alles stehen und liegen.
Ulrika-Mama, warum denn das?! Hanna heulte los in die Altweibertitten ihrer Ersatzmama.
Na, meine Enkelin ist da! Und ich bin schließlich Oma, wo soll ich denn sonst sein?!
Stimmt! Der Papa hat vor Annedore ehrlich ein bisschen Angst! Hanna lachte durch die Tränen. Vergessen, wie das geht.
Ach, Quatsch! Auch Ulrike lachte so laut, dass Annedore aufwachte.
Johann nahm die Kleine wie ein Profi: Tochter und Enkelkind, mehr braucht kein Mann!
Papa, ist das so ein Trick von dir, damit ich mich wie eine richtige Mama fühle? Hanna schniefte los wie als Kind, wenn sie sauer war.
Irgendwie muss man ja einen Anfang machen
Ulrike übernahm schließlich das Wickeln, und Hanna stellte Fragen ohne Ende. Ulrike hatte nur einen wichtigen Rat:
Die Wissenschaft ist das eine, ein Mutterinstinkt das andere. Vertrau dir und deinem Kind Annedore sagt dir schon, was sie braucht. Zuhören musst du, dann läuft das alles.
An genau diese Worte dachte Hanna später, als sie Annedore nach dem Schock im Krankenhaus im Arm hielt und überlegte, was wohl wirklich mit ihrem Kind los war.



