Blumenstrauß in der Vase
Ben, bist du sicher, dass deine Eltern heute kommen? Ruf sie doch lieber nochmal an und erinnere sie an die Uhrzeit?
Hannah stand im Flur vorm Spiegel und steckte sich einen Ohrring an. Ihre Hände zitterten ein kleines bisschen, aber sie würde es natürlich nie zugeben. Dreißig Jahre. Ein runder Geburtstag. Sie wünschte sich einfach, dass alles glattläuft. Ohne Drama, ohne Seitenblicke, ohne das ständige Gefühl, irgendwie nicht ganz richtig zu sein.
Ben kam mit seiner Kaffeetasse aus der Küche. Zweiunddreißig war er, und multitaskingfähig Kaffee, Handy und trotzdem scheinbar ein offenes Ohr für Hannah. Zumindest fand er das.
Ich ruf gleich an, keine Sorge.
Ich mache mir doch keine Sorgen. Ich frag ja nur.
Die kommen schon. Mama meinte, sie sind um drei da.
Es ist aber erst halb eins. Ich muss noch den Tisch decken, den Kuchen fertig machen, mich umziehen…
Endlich legte er das Handy zur Seite, schaute sie wirklich an.
Du siehst doch schon wunderschön aus.
Ben.
Was denn?
Sei jetzt konzentriert. Ruf bitte an.
Er grinste, stellte die Tasse weg und wählte die Nummer. Hannah verschwand in die Küche, um das Gespräch nicht mitanzuhören. Nicht, weil es ihr egal war gerade das Gegenteil. Sie kannte Benjamins Mutter nach drei Jahren einfach nur schon zu gut: diesen Ton, die Zögerpause, bevor sie etwas Unverbindliches sagt. Manchmal drehte Hannah fast durch daran.
Das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter Monika Schubert, 61, Buchhalterin bei einer Baufirma war von Anfang an etwas… kompliziert gewesen. Es gab keine offenen Konflikte, aber alles war voller Subtilitäten. Freundliche Lächeln, die nie die Augen erreichten. Fragen, die wie Fürsorge klangen, dabei aber Prüfungen waren. Und immer dieses Gefühl in Hannah, nicht die richtige Ehefrau für Ben zu sein.
Bens Vater, Helmut Schubert, vierundsechzig, Ingenieur im Ruhestand, liebte Fußball und Kartoffelknödel. Hannah mochte ihn. Er war geradeheraus, unkompliziert. Hannah, deine Suppe ist heute klasse, solche Sätze waren ehrlich gemeint. Oder: Ben, du bist ein Trottel, hör auf deine Frau! Feine Zwischentöne und Andeutungen waren nicht seine Welt. Er lebte einfach drauflos.
Ben kam in die Küche zurück.
Und?
Drei Uhr, alles in Butter.
Sonst nichts?
Nö. Was?
Hannah drehte ruhig in den Händen die Tomatenwürfel.
Hat sie eigentlich was zum Geschenk gesagt?
Hannah, du machst dir zu viele Gedanken.
Ich mache mir keine Gedanken, ich fände es halt einfach nett, wenn sie wenigstens Blumen mitbringen. Das gehört sich doch irgendwie.
Sie bringen bestimmt was mit.
Woher willst du das wissen?
Die sind doch normal.
Sie schwieg, nahm das Messer und schnitt Tomaten. Sorgfältig, langsam. Das half.
Der Morgen war eigentlich schön. Ben hatte sie um acht geweckt sonst schlief er am Wochenende gern bis zehn. Sie blinzelte, sah ihn in viel zu großem Schlafshirt und zerzausten Haaren mit einer kleinen Schachtel am Bett stehen. Es war rührend und witzig zugleich.
Alles Gute zum Geburtstag, Hannah.
Sie setzte sich ein Stück auf.
Du bist schon wach?
Extra für dich.
In der Schachtel war ein Ring. Nichts wild Teures, keine Diamanten, kein Schriftzug ein schlichter silberner Ring mit einem kleinen, blauen Stein. Aquamarin vielleicht? Sie kannte sich mit Steinen nicht aus. Aber er war genau ihr Ding. Und man sah sofort, dass Ben den selbst ausgesucht hatte.
Ben…
Nicht weinen! Das war der Deal.
Ich weine doch gar nicht.
Gut so.
Sie probierte den Ring an. Mittelfinger der rechten Hand als wäre er eigens dafür gemacht.
Woher wusstest du meine Größe?
Ich hab einen alten Ring von dir aus der Schublade genommen.
Du Spion!
Geheimagent.
Beide lachten. Sie zog ihn zu sich, kuschelten noch eine Weile und redeten über alles und nichts. Dass sie wohl die Vorhänge im Schlafzimmer wechseln sollten und dass die Katze von der Nachbarin wieder die ganze Nacht Lärm gemacht hatte. Es war einer dieser Morgende, die viel zu schnell vergehen, wenn sie schön sind.
Ben holte Frühstück, Hannah bestaunte weiter ihren Ring. Sie dachte, dreißig das ist echt nicht schlimm. Nur eine Zahl. Sie hatte alles: ein guter Mann, eine eigene Wohnung, einen anständigen Job. Heute sollte wirklich ein guter Tag werden.
Noch ahnte sie nicht, was kommen würde.
Das Frühstück war simpel und lecker: Rührei mit Tomaten, Toast mit Butter, Kaffee. Ben stellte einen kleinen Strauß gelber Tulpen in einer Vase auf den Tisch die hatte sie morgens immer am U-Bahnhof gesehen. Jetzt standen sie hier und es fühlte sich richtig an.
Gäste um drei. Wir haben noch drei Stunden für uns, rechnete Ben.
Mein Kuchen ist noch nicht fertig…
Na, dann zwei Stunden.
Und der Tisch…
Okay, eine Stunde.
Ben.
Ja?
Weißt du was, hilf mir lieber anstatt zu rechnen.
Er half wirklich. Staubwischen im Wohnzimmer, zusätzliche Stühle hinstellen, und die schöne Tischdecke raussuchen, die sie zur Hochzeit bekommen und bisher nie genutzt hatten, weil sie zu schade war.
Lass uns die heute nehmen, schlug Hannah vor.
Ist ja schließlich festlicher Anlass.
Die Decke war cremefarben, mit kleinen bunten Blumen bestickt. Hannah legte sie vorsichtig auf, dachte, gut, dass sie gerade für heute darauf gewartet hatte.
Den Kuchen, eine Apfeltarte, backte sie selbst. Äpfel von ihrer Oma aus dem Garten, mit Zimt, übergossen mit Teig. Bald duftete die Wohnung nach Zimt, Apfel und Heimat.
Du brauchst dich nicht verrückt machen wegen meinen Eltern, Hannah, meinte Ben und setzte sich auf den Hocker am Küchentisch. Die mögen dich.
Ja, ich weiß.
Aber wenn sie kommen, bist du trotzdem immer angespannt.
Bin ich nicht.
Doch.
Sie rührte weiter im Teig, schaute dann zum Fenster raus.
Erinnerst du dich an Silvester?
Ja?
Als deine Mutter meinte, ich salze den Kartoffelsalat zu wenig?
Es ging nur um Salz.
Ich weiß, aber jedes Mal ist es was anderes. Mal der Salz, mal Vorhänge, mal meine Figur.
Ben schwieg.
Sie meint das nicht böse.
Ich weiß. Macht es aber nicht leichter.
Er stand auf, umarmte sie von hinten.
Es wird heute gut. Versprochen.
Hannah glaubte es für einen Moment. Oder tat zumindest so. Beides fühlt sich manchmal gleich an.
Gegen halb zwei zog sie sich um. Sie hatte sich ein Kleid gekauft, dunkelblau, schlicht, aber schön. Kein Ballkleid, aber genau richtig für eine Dreißigjährige, die einfach gut aussehen will an ihrem Tag. Sie schminkte sich dezent, Lippenstift rosa leicht, ein bisschen Duft (Gartensommer von einer Freundin geschenkt). Leicht blumig, warm.
Als Ben sie sah, pfiff er leise.
Wow.
Was wow?
Einfach schön.
Danke.
Dir steht Blau.
Das sagst du jedes Mal.
Weil’s immer stimmt.
Sie lachte, ging den Kuchen checken. Der war genau richtig. Kross, duftend nach Apfel und Zimt. Noch kurz abkühlen lassen, Tisch decken: Salate, Aufschnitt, Brathähnchen mit Kartoffeln, eingelegte Gurken von Mama, frisches Brot im Korb, Weingläser, ein gutes, aber nicht zu teures Wein aus Franken.
Der Tisch sieht toll aus, lobte Ben.
Hoffentlich reichts.
Hannah, ehrlich, du stellst was auf die Beine.
Punkt drei klingelte es. Auf die Minute pünktlich typisch Monika Schubert. Eine ihrer Eigenschaften, die Hannah insgeheim mochte.
Ben öffnete. Hannah atmete tief und folgte langsam.
Im Flur zogen sie Jacken aus. Monika mit bordeauxrotem Blazer und Hose, wie immer tadellos, leicht distanziert. Helmut, in grauem Pulli, umarmte Hannah sofort.
Herzlichen Glückwunsch, Geburtstagskind! Dreißig Respekt!
Danke, Helmut.
Sag doch einfach Helmut zu mir!
Monika wartete, küsste Hannah auf die Wange, ohne Spuren vom Lippenstift.
Alles Gute zum Geburtstag, Hannah. Dreißig, ein tolles Alter.
Danke, Frau Schubert. Kommen Sie rein, Tisch ist gedeckt.
Drinnen staunte Helmut gleich:
Wow, Hannah, das nenn ich Festessen! Ben, du hast echt Glück.
Weiß ich, grinste Ben.
Monika sah sich alles an, ohne offensichtlichen Tadel, aber sie prüfte genau.
Sehr schön angerichtet, Hannah. Die Tischdecke auch richtig hübsch.
Hochzeitsdecke, antwortete Hannah.
Ach? Jetzt wird sie gefeiert.
Ist ja schließlich ein besonderer Tag.
Ben goss Wein ein, Helmut rieb sich erwartungsvoll die Hände.
Na dann, auf das Geburtstagskind!
Sie stießen an. Hannah spürte, wie etwas in ihr lockerer wurde. Vielleicht wird es wirklich gut.
Hannah, was machst du gerade auf der Arbeit? fragte Helmut, während er Salat schöpfte.
Läuft. Wir haben letzte Woche ein Projekt abgegeben, jetzt ist es ruhiger.
Was für ein Projekt?
Design für ein Einkaufszentrum. Innenarchitektur.
Respekt! Also bist dus, die sich all das ausdenkt?
Im Team, aber ja.
Stark! Das ist Kreativität, das kann nicht jeder.
Monika hörte zu, aß in kleinen Bissen, dann:
Hannah, hast du mal überlegt, vielleicht was Näheres am Wohnort zu suchen? Ihr fahrt ja ziemlich weit.
Arbeit ist Arbeit. Mir gefällts da.
Das kann ich verstehen. War nur gefragt.
Alles gut, Frau Schubert.
Kurze Pause. Helmut brachte Stimmung in die Runde:
Und das Hähnchen? Hast du das gemacht?
Ja, klar.
Musst Monika mal dein Rezept geben, sowas gabs hier lange nicht mehr.
Helmut, sagte sie leise.
Was denn? Schmeckt doch super!
Ich sag doch nichts.
Hannah lachte, stand kurz auf, brachte Brot nach. Ben griff unter dem Tisch nach ihrer Hand, drückte sie. Das half.
Sie plauderten weiter: über Helmuts Nachbarn mit Rohrbruch, die Lieblingsserie von Monika, den neuen Park in der Stadt.
Ungefähr nach einer halben Stunde sagte Monika ganz beiläufig:
Übrigens, wir sind heute ohne Geschenk gekommen. Wir wollten Geld geben, aber fanden, dass wir lieber erst wissen, was du brauchst.
Hannah schaute hoch. Erst mal war sie nur verwirrt, keine Wut, keine Trauer. Es war immerhin ihr Dreißigster. Sie saßen an ihrem Tisch, aßen ihr Essen, tranken ihren Wein. Und sagten so selbstverständlich: Kein Geschenk. Als wärs ganz normal.
Alles klar, meinte sie.
Sag einfach, was du brauchst, fuhr Monika fort. Dann schenken wir das oder halt Geld.
Schon gut, Frau Schubert.
Jetzt war es grad ungünstig für uns.
Hannah nickte, trank einen Schluck. Schaute etwas am Tisch vorbei.
Ben beobachtete sie, aber sie drehte sich nicht um.
Helmut dagegen brauchte einen Moment, um zu verstehen. Dann blickte er zu Monika, dann zu Hannah, schwieg.
Nimmst du noch Hähnchen? fragte er dann betont beiläufig.
Niemand sagte etwas.
Monika schöpfte sich Salat. Kein Anflug von schlechtem Gewissen. Sie war einfach überzeugt, alles richtig gesagt zu haben.
Gerade dieses ruhige Selbstverständnis schmerzte Hannah am meisten. Wäre Monika verlegen gewesen oder hätte sich entschuldigt, wäre es leichter gewesen. Doch sie aß einfach weiter Salat.
Frau Schubert, begann Hannah ruhig, überrascht von der eigenen Stimme. Darf ich Sie etwas fragen?
Aber natürlich.
Sie wussten vorher schon, dass sie kein Geschenk mitbringen würden?
Kleine Pause.
Wir haben uns das überlegt aber fanden, erstmal fragen wir lieber, was dir fehlt.
Das heißt, Sie wussten es.
Aber Hannah, wirklich, das ist doch keine Tragödie. Wir holens nach.
Ich sag doch gar nicht, dass es eine Tragödie ist. Hannah legte die Gabel ab. Mich wundert es einfach. Hätten Sie das vorher gesagt, hätte ich ja auch nichts erwartet.
Du hast aber was erwartet?
Stille.
Frau Schubert, Hannas Stimme blieb ruhig, aber innerlich begann es zu vibrieren, unangenehm und sachte. Für mich ist der Dreißigste wichtig. Ich hab monatelang drauf gewartet, hab den ganzen Tag vorbereitet. Es geht nicht ums Geld, sondern darum, dass jemand an mich denkt. Blumen hätten doch gereicht.
Hannah, du bist doch erwachsen, erwiderte Monika. Ihr Ton blieb exakt gleich. Wegen ein paar Blumen so aufzubringen.
Erwachsen das klickte irgendwie.
Ja, erwachsen. Glückwunsch an mich, sagte Hannah.
Sie stand auf, sammelte Teller, ging in die Küche. Nicht als Flucht, sie brauchte nur diesen kurzen Abstand. Am Fenster sah sie, wie Kinder im Innenhof Rad fuhren. Es war grau draußen, aber wenigstens trocken.
Hannah.
Ben kam in die Küche, schloss leise die Tür.
Na?
Schon okay.
Ist es nicht.
Ben, geh zu den Gästen.
Hannah…
Sie drehte sich zu ihm.
Ich will keine Szene an meinem Geburtstag, okay? Geh bitte einfach zurück. Ich komme gleich nach, alles wird gut.
Sie war echt nicht fair.
Weiß ich.
Nein, wirklich. Das war daneben.
Ben, geh bitte. Jetzt.
Er blieb noch kurz, dann nickte und verließ die Küche. Sie hörte ihn, wie er im Wohnzimmer die Tür öffnete.
Dann seine Stimme, ruhig und fest:
Mama, ich muss mal was sagen.
Hannah hielt inne.
Ben, was ist los? Helmuts Stimme.
Warte kurz, Papa. Mama, das, was du zu Hannah gesagt hast, war nicht in Ordnung. Heute Geburtstag. Und dann so am Tisch…
Was denn? Wir haben doch gesagt, dass wir das Geschenk nachholen.
Es geht nicht um das Geschenk an sich. Sondern um die Art, wie du das gesagt hast. Und dann noch du bist doch erwachsen, als sie einfach erklären wollte, dass sie verletzt ist. Sie darf das nämlich sein.
Pause.
Du fängst jetzt vor uns an, deine Frau zu verteidigen?
Mama, ich verteidige nicht. Ich sag nur: Sie hat Recht.
Hannah stand am Spülbecken. Eigentlich wollte sie wieder rausgehen, höflich tun, als höre sie nichts. Aber sie konnte einfach nicht los.
Helmut, hörst du deinen Sohn? Monika leicht empört.
Tja, Tamara… er hat nicht Unrecht. Ich dachte auch, Blumen wären drin gewesen.
Helmut!
Was denn? Dreißig! Da gibts ein Törtchen, irgendwas.
Hannah atmete leise durch, goss sich Wasser ein, strich Haare aus dem Gesicht und ging zurück ins Wohnzimmer.
Als sie kam, war alles still. Sie setzte sich.
Kuchen jemand? fragte sie.
Hannah, begann Monika.
Frau Schubert, es ist gut. Wirklich. Hannah schaute ihr in die Augen. Ich will nicht, dass mein Geburtstag zur Grundsatzdebatte wird. Ich hole den Apfelkuchen.
Sie brachte die Tarte, schnitt sie auf, verteilte sie schweigend auf Teller, kochte Tee.
Helmut aß in Ruhe sein Stück.
Sehr lecker, Hannah. Chapeau.
Danke.
Monika trank Tee in kleinen Schlucken und schwieg. Ben blickte abwechselnd zwischen seiner Mutter und Hannah. Man sah, er wusste auch nicht, wies weitergeht.
Sie saßen noch etwa zwanzig Minuten schweigend. Die Stimmung war nicht böse, aber schwer wie Nebel nach Regen.
Irgendwann stellte Monika die Tasse ab.
Wir machen uns dann wohl auf den Weg. Es wird ja schon dämmerig.
Es war halb fünf; draußen war es hell.
Wie ihr wollt, antwortete Hannah.
Danke für den Tisch, es war alles sehr lecker.
Gern.
Helmut stand auf, streckte sich, ließ es im Rücken knacken.
Ben, kommst du mit?
Klar, Papa.
Hannah blieb im Wohnzimmer, hörte Jackenrascheln im Flur, Helmuts Raunen, Monikas leises Murmeln, dann die Tür.
Stille.
Hannah saß vor ihrem Apfelkuchen und betrachtete die bestickte Tischdecke. Die feinen Blumen am Rand.
Ben kam eine Minute später wieder, setzte sich ihr gegenüber, rieb sich das Gesicht.
Sie sind weg.
Hab ich gehört.
Stille.
Hannah…
Lass es.
Was denn?
Keine Erklärungen. Nicht für sie. Nicht für dich. Bitte einfach still sein.
Er schwieg.
Draußen fuhr ein Auto vorbei. Irgendwo schlug ein Fenster zu. In der Küche summte der Kühlschrank.
Es tut einfach weh, sagte sie dann wie zu sich. Nicht wegen des Geschenks.
Weiß ich.
Sie hätte einfach… ich weiß nicht. Tut mir leid sagen können. Oder nur nett kommen. Aber du bist erwachsen, das war einfach… ein Tritt in den Magen.
Ben nickte.
Ich spreche da nochmal mit ihr.
Bitte nicht.
Doch, Hannah, das ist nötig.
Nicht jetzt. Erst, wenn ich drüber reden kann.
Er blickte sie prüfend an, stand schließlich auf, wechselte auf ihre Seite des Tisches.
Hannah. Ich will, dass dein Geburtstag schön ist.
Ist er auch. Er hatte viele schöne Momente. Der Morgen war schön.
Und der Ring?
Der auch. Sie betrachtete ihre Hand. Der ist wirklich toll.
Und dein Kuchen ist klasse.
Der gelingt mir immer, immerhin.
Er nahm ihre Hand.
Weißt du was? Ich hab eine Idee.
Welche?
Lass uns rausgehen.
Wohin?
Keine Ahnung. Vielleicht in die Farbfabrik? Die kleine Bar unten an der Ecke. Oder nur ein Spaziergang.
Ben, ich hab ein Kleid an.
Na und? Im schönen Kleid in die Bar gehen, ist doch völlig okay.
Sie zögerte.
Der Tisch muss aber noch geräumt werden.
Machen wir morgen.
Man lässt den Tisch doch nicht über Nacht stehen.
Hannah, ist nicht schlimm. Die Teller halten das aus.
Das Fett wird fest.
Das Hähnchen stell ich in den Kühlschrank. Alles andere kann warten.
Sie sah ihn an. Und in seinen Augen war etwas, das sie beruhigte.
Na gut, sagte sie endlich. Lass uns gehen.
Ben packte das Hähnchen ein, sie schmiss einen Mantel über und steckte die Schlüssel ein. Ein schneller Blick in den Flurspiegel. Die Schminke ein wenig verwischt, sie tippte es schnell zurecht.
Bereit?
Bereit.
Sie warteten eine Weile auf den Aufzug. Der genügte dem deutschen Standard; es roch irgendwie nach Büro.
Draußen war es frisch, aber nicht kalt typischer Aprilsamstag, nach Erde und ersten Frühlingsknospen. Die Straßenlaternen gingen schon an, obwohl es noch nicht ganz dunkel war.
Ist schön draußen, sagte Hannah.
Mhm.
Sie gingen langsam. Er nahm ihren Arm, sie ließ es zu.
Die Farbfabrik war eine kleine Kellerbar in der Nebenstraße mit warmem Licht und leiser Musik. Sie waren mal zum Hochzeitstag da gewesen und Hannah hatte es dort gemocht: gemütlich, mit ordentlich Abstand zu anderen Gästen.
Drinnen war es für einen Samstagabend erstaunlich leer. Sie setzten sich an einen Holztisch in der Ecke, die Bedienung brachte die Speisekarten.
Was möchtest du? fragte Ben.
Ein Glas Rotwein.
Und sonst?
Käseplatte, falls es sowas gibt.
Er bestellte. Sie legte ihren Mantel ab, schaute sich um. Leiser Jazz im Hintergrund. Im anderen Eck saß ein älteres Paar beide vertieft in Bücher. Hannah musste grinsen: In einer Bar mit Buch!
Ben, weißt du was? Du hast das Richtige gesagt heute.
Er sah auf.
Hast du gehört?
Ja, sorry. Nicht mit Absicht. Aber es war gut so. Das war mir wichtig.
Er nickte.
Ich weiß, dass dus nicht magst, wenn ich mich einmische.
Nicht immer. Aber heute wars richtig.
Wahrscheinlich ist sie jetzt sauer.
Darf sie. Ich bins auch.
Ist aber auch normal.
Das Glas Wein und ein paar Käsestückchen kamen. Hannah probierte.
Gut.
Ich bin kein Weinkenner.
Rot bestellt, rot bekommen, passt.
Sie lachte, nicht weils so lustig war, sondern weil es ein bisschen Licht in ihr Dunkel brachte.
Ben, darf ich dich ehrlich was fragen?
Klar.
Weißt du eigentlich, warum ich mit ihr so oft anecke?
Er überlegte ehrlich.
Ich glaube, ich verstehe ein bisschen. Aber nicht alles.
Das ist wiederum ehrlich.
Sie ist meine Mutter. Ich seh sie anders. Was für dich bissig klingt, merke ich oft gar nicht.
Ja. Hannah wirbelte ihr Glas. Sie ist kein schlechter Mensch, wirklich nicht. Sie versteht nur oft nicht, dass andere anders leben. Ich koche anders, hänge andere Gardinen auf, wähle andere Jobs. Ich bin für sie… fremd.
Du bist toll.
Ich weiß. Sie lächelte. Ich bin halt einfach anders. Das ist für sie schwer.
Sie gewöhnt sich noch dran.
Drei Jahre sind wir jetzt verheiratet.
Hannah…
Was denn?
Egal, wie sehr wir uns streiten: ich stehe auf deiner Seite. Du weißt das, oder?
Sie sah ihn an. Richtig.
Ja, sagte sie sanft. Heute hast du es mir gezeigt. Das ist für mich viel wert.
Sie schwiegen. Der Jazz dudelte leise, das Ehepaar las ruhig weiter, draußen fuhr jemand mit Hund vorbei.
Jetzt sag du mal was Schönes, forderte Hannah.
Was denn?
Irgendeine Geschichte. Gedanke. Ganz egal.
Er überlegte.
Heute auf der Arbeit dein Liebling, Jochen, hat fast den Drucker geschrottet.
Wie das?
Hat ne Zwei-Euro-Münze reingesteckt. Warum auch immer.
Wozu das denn?
Sagte, aus Versehen. Aber das glaubt ihm keiner.
Hannah lachte.
Dreißig Jahre und Drucker füttern.
Siehst du, jeder hat so seine Baustellen.
Sie blieben noch eine Stunde, tranken den Wein aus, bestellten Wasser. Sprachen über Sommerpläne, Nachbars Katzen, Ausflüge ins Allgäu oder nach Bamberg. Hannah fühlte, wie die innere Last etwas kleiner wurde. Nicht weg, nein, die Worte von Monika würden ihr noch nachhängen. Aber jetzt war alles friedlich: stille Bar, Rotwein, Ehemann gegenüber, dreißig Jahre, die gar nicht so schlecht waren.
Gehen wir? fragte Ben irgendwann.
Lass uns gehen.
Draußen war es dunkler und kühler geworden. Sie nahm ihn unter den Arm.
Zu Hause war es still. Der Tisch stand unberührt. Der Apfelkuchen unter einem Tuch, Gläser, die Decke.
Lass morgen abräumen, meinte Hannah, schlüpfte aus den Schuhen.
Machen wir, fand Ben.
Sie ging ins Wohnzimmer, knipste die Stehlampe an. Sanft-gelbes Licht. Sie zog sich um, steckte die Haare hoch, sank auf die Couch.
Ihr Handy blinkte, ein paar Nachrichten. Leni schickte Glückwünsche mit tausend Emojis, versprach, am Wochenende anzurufen. Freundin Marlies schrieb kurz: 30! Du bist die Beste! Die Mutter hatte eine Sprachnachricht geschickt die ließ sie für morgen.
Und eine Nachricht von Helmut gab es noch. Sie entdeckte sie erst auf den zweiten Blick.
Ganz schlicht: Hannah, nimms uns nicht übel. Ich alter Trottel hätte wenigstens Blumen holen sollen. Monika ruft morgen an. Alles Liebe zum Geburtstag nochmal. Du bist prima.
Sie las es zweimal. Legte das Handy weg.
Ben?
Was?
Dein Papa hat sich gemeldet.
Er kam aus der Küche.
Und?
Er bittet um Entschuldigung. Meint, Monika meldet sich morgen.
Ben nickte.
Siehste.
Ja.
Wird schon wieder.
Hannah betrachtete ihren Ring, die Lampe, das Fenster und das Licht dahinter.
Mal schauen, sagte sie.
Nicht böse, nicht fröhlich. Nur so.
Ben kam, setzte sich neben sie, schaltete den Fernseher an, fast lautlos. Nur Bilder.
Geburtstag, sagte er.
Mhm.
Und, wie ists mit dreißig?
Weiß nicht, meinte sie. Frag mich nächstes Jahr nochmal.
Er nahm ihre Hand. Sie ließ ihn.
So saßen sie da. In dieser Stille, mit leerem Tisch, Kuchen unter Tuch, der Nachklang von Ärger, dem Ring am Finger und einer liebevollen Nachricht vom Schwiegervater.
Am nächsten Morgen klingelte es halb elf, während Hannah noch im Schlafanzug den Tisch aufräumte. Ben öffnete.
Monika stand vor der Tür, allein, ein kleiner Strauß weißer Chrysanthemen und etwas Grünzeug in der Hand. Schlicht, wahrscheinlich vom Blumenstand an der S-Bahn.
Hannah warf einen Blick aus dem Wohnzimmer, blieb im Türrahmen stehen.
Sie schauten sich an.
Hannah, meinte Monika, mit gleicher, sanfter Stimme, aber einen Hauch leiser. Ich wollte… hier.
Sie hielt ihr den Strauß hin.
Hannah nahm die Blumen entgegen.
Danke, Frau Schubert.
Ich habe mich gestern falsch ausgedrückt. Das tut mir leid.
Pause.
Ich habe Sie verstanden.
Du bist sauer.
Ja.
Ganz ohne Drama. Einfach ja.
Monika nickte ein einziges Mal.
Darf ich reinkommen?
Natürlich. Kommen Sie in die Küche.
Hannah setzte Teewasser auf, stellte Tassen hin.
Ben? rief sie.
Bin hier, kam es aus dem Wohnzimmer.
Willst du Tee?
Ja.
Hannah fand die kleine, blaue Vase, füllte Wasser auf, stellte die Chrysanthemen hinein und auf die Fensterbank.
Monika beobachtete sie.
Hübsche Vase, bemerkte sie.
Auch zur Hochzeit bekommen.
Ihr habt viel vom Anfang aufgehoben.
Wir haben es geschätzt, erwiderte Hannah leise.
Das Wasser kochte. Sie goss Tee ein. Sie saßen zu dritt, redeten vorsichtig, langsam, als prüften sie den Boden, ob das Eis trägt.
Ich rufe Helmut an, sage, dass alles gut ist, meinte Monika schließlich. Er hat sich Sorgen gemacht.
Danke.
Er mag euch sehr, Hannah. Euch beide.
Das weiß ich. Er ist sehr herzlich.
Pause.
Ich bemühe mich auch, sagte Monika leise. Fast zu sich selbst.
Hannah sah sie an. In diesem ich bemühe mich lag so viel Wahres, ein Funken Nähe. Monika gab ihr Bestes, auch wenn sie es anders zeigte, als Hannah es gebraucht hätte.
Ich weiß, antwortete Hannah. Ich bemühe mich auch.
Monika blickte auf. Ein kurzer Moment Verbindung Hannah hätte nicht sagen können, woran genau sie das merkte.
Sie tranken aus, Monika zog ihre Jacke an.
Alles Gute nochmal, Hannah. Dreißig ist… ein gutes Alter. Da fängt viel erst an.
Vielen Dank.
Nachdem die Tür ins Schloss fiel, blieb Hannah kurz stehen, ging dann in die Küche zurück.
Die weißen Chrysanthemen standen in der Vase, schlicht und bescheiden, noch mit der Schleife drum. Sicher war es kein besonderer Strauß irgendwie schnell unterwegs gepflückt. Aber sie standen.
Ben kam dazu, umarmte sie von hinten. Sie schauten zusammen die Blumen an.
Und? Wie gehts? fragte er.
Es geht schon.
Ihr habt geredet?
Ein bisschen. So gut, wie es eben geht.
Das ist doch was.
Ja.
Kurzes Schweigen.
Weißt du, Ben, manchmal glaub ich, Familienbeziehungen sind wie eine Dauerprüfung nicht einmal, sondern jeden Tag neu. Stück für Stück. Unbequem, aber wahr.
Ganz schön philosophisch am Sonntagmorgen.
Ich kann das manchmal.
Er küsste sie auf die Schläfe.
Und? Was frühstücken wir?
Rührei?
Mit Tomaten.
Na klar.
Sie nahm seine Hand und drückte sie leicht genauso, wie er es gestern am Tisch gemacht hatte, als alles anfing.
Die Chrysanthemen standen weiter in der Sonne, weiß in blauer Vase. Die Sonne, die sich sonst selten zeigte, fiel genau auf die Blumen und ließ sie aufleuchten.
Vielleicht war es nichts Großes. Oder genau das, was zählte.
***
Am selben Abend rief Hannah ihre Freundin Leni an. Die ging sofort ran.
Na, wie war die Party? Erzähl!
Lange Geschichte…
Ich hab Zeit. Wie gehts dir?
Hannah schwieg eine Sekunde.
Weißt du, sagte sie dann, mit Monika war das von Anfang an schwierig. Aber heute… ich glaub, es hat sich ein bisschen was verschoben. Vielleicht ist das dieses Familiending, dass man nicht einfach alles hinschmeißt, sondern langsam dran bleibt selbst wenn’s weh tut.
Wow, bist du an einem Tag so erwachsen geworden?
Oder einfach nur müde vom Streiten.
Auch eine Erklärung.
Hannah lachte.
Leni, nächste Woche kommst du einfach mal zum Kuchen, ganz ohne Anlass, okay?
Mit Zimt?
Mit Zimt.
Ich komme absolut.



