5. März
Heute habe ich lange mit Katharina gesprochen, ich konnte es einfach nicht mehr in mir behalten. Alles ändert sich, unser Zuhause steht zum Verkauf. Kathi, Liebling, ich verstehe dich, aber wir haben keine andere Wahl. Wir müssen das Haus verkaufen. Davon bleibt nach dem Verkauf und der Teilung nur genug für eine Wohnung in einem anderen Stadtteil. Glaub mir, ich würde auch viel lieber hierbleiben, aber es geht einfach nicht anders. Immer wieder habe ich dabei Tränen aus meinen und ihren Augen gewischt. Es fällt uns beiden so schwer, die Veränderungen zu akzeptieren.
Siebzehn Jahre habe ich mit meinem Mann, Matthias, hier gelebt. Höhen und Tiefen, Streit und Versöhnung. Meistens war nach einem kleinen Zoff auch schon wieder alles gut, wir konnten einfach nicht lange böse aufeinander sein. Ich habe von Oma Marianne früh gelernt: Ein Zuhause muss warm sein nicht die Temperatur, sondern das Herz. Da, wo man sich verstanden fühlt, wo man angenommen wird. Mach es so, dass sich alle wohl fühlen der Mann, die Kinder, Gäste, Tiere. Alle, ohne Ausnahme!
Anfangs habe ich sie nicht verstanden, aber ich wusste: Sie wollte mir ihren Lebensweg zeigen, mir schenken, was sie gelernt hatte. Ihr eigenes Haus war so ein Zuhause so lange, bis Opa bei dem Versuch, Vater und Schwiegertochter aus der Elbe zu retten, ums Leben kam. Der Fluss schien harmlos, und nur die Einheimischen wussten, wie tückisch die Strömungen und Wirbel waren. Streit hat sich Oma Marianne nie verziehen sie fühlte sich für das Unglück verantwortlich, egal wie oft ich ihr sagte, dass es ihre Schuld nie war.
Sie hat nach dem Tod die Trauer beiseite gelegt, sich stattdessen um mich gekümmert, mir ein echtes Zuhause gegeben, ein ordentliches Abitur ermöglicht und sogar gesehen, wie ich Kathi bekam. Als sie gegangen ist, war ich ganz allein.
Irgendwann verstand ich, Oma hatte recht nur nicht ganz: Ein Zuhause muss warm sein, aber manchmal gibt es eben Ausnahmen…
Mit Matthias gab es selten schwerwiegende Gründe für Streit fast immer war es seine Mutter, Gerda. Gerda war eine klassische deutsche Mutter, mit der festen Überzeugung, immer Recht zu haben. Matthias war ihr sechstes Kind, aber das einzige, das sie ausgetragen und geboren hatte. Alles, was sie an Liebe und Fürsorge hatte, legte sie auf ihn.
Matthias liebte sie, konnte ihr aber nicht widersprechen, egal wie sehr er es versuchte. Meistens nickte er nur, machte aber trotzdem sein eigenes Ding wie auch sein Vater das früher getan hatte. Die erste Begegnung mit Gerda schob Matthias möglichst lange hinaus, anders als das lockere Kennenlernen mit meiner Oma.
Ich war enttäuscht, als er mir immer wieder sagte: Ich hab nur Angst, du könntest dann nicht mehr wollen. Blödsinn! Ich will ja dich, nicht deine Familie! Aber ich war mal wieder viel zu naiv.
Beim Kennenlernen musterte Gerda mich von oben bis unten und fragte: Was waren denn deine Eltern von Beruf? Mama unterrichtete an der Uni Medizin, Papa war Arzt. Aber ich war klein, als sie starben. Oma hat mich aufgezogen. Verstehe, meinte sie nur und redete den ganzen Abend kein Wort mehr mit mir. Mit den Jahren habe ich Matthias und seines Vaters Taktik übernommen: Zuhören, höflich bleiben und den eigenen Weg gehen. Richtig geholfen hat das aber selten. Mehr und mehr erschöpfte mich der Wunsch, Harmonie in die Familie zu bringen, bis ich Matthias bat, die Besuche bei seinen Eltern wenigstens stark zu reduzieren. Er nickte nur müde und nahm mich in den Arm: Tut mir leid.
Richtig schlimm wurde es nach dem Tod seines Vaters. Innerhalb eines Monats war er an Krebs gestorben, und Gerda brachte Matthias deutlich bei, dass er jetzt für sie verantwortlich ist. Fortan war Matthias abends kaum noch zu Hause, weil er nach der Arbeit zuerst zu ihr fuhr. Erst als Kathi damals erst drei begann, sich von ihm abzuwenden, weil sie ihn fast nur noch am Wochenende sah, wurde mir klar, dass wir etwas ändern müssen. Ich sagte: Du wirst gebraucht, zuhause und von deiner Tochter. Und ich brauche dich auch.
Es gab einen riesigen Streit, aber Matthias setzte durch, dass er nur noch zweimal pro Woche zu seiner Mutter fuhr. Nach einer Weile schien Gerda das zu akzeptieren oder sie tat zumindest so.
Als Kathi noch klein war, bekamen die Kinder im Kindergarten die Aufgabe, ihre Familie als Märchenfiguren zu zeichnen. Sie säß stundenlang über dem Bild und war voller Elan. Als ich ihr Heft später durchgeblättert habe, verschlug es mir fast die Sprache: Matthias war als Ritter, ich als Rapunzel, Opa als Waldgeist, Uroma als Apfelbaum mit goldenen Äpfeln und Gerda… als Drache mit drei Köpfen! Wir mussten beide so herzlich lachen, dass Kathi das Weinen kam, weil sie glaubte, wir lachen sie aus.
Sie mochte Gerda nie. Wenn die Oma ins Haus kam, eigentlich nur zu hohen Feiertagen, wünschte Kathi sich, sie würde einfach wieder gehen. Sie verstand nicht, was zwischen den Erwachsenen vorging, aber sie spürte, dass Gerda mich nicht mochte. Dabei sprach sie immer freundlich, war aber voller Sticheleien das machte mich nach ihrem Besuch oft traurig. Einmal hat Kathi Gerda sogar regelrecht hinausgeschubst. Deine Tochter ist ungezogen, Matthias! Was anderes konnte ja nicht kommen! schimpfte sie. Danach kam sie kaum noch. Wir fuhren nur noch sporadisch zu ihr Kathi wich, sobald sie es schaffen konnte, jeder Einladung aus. Je älter sie wurde, desto bedrückender war diese hartherzige, kompromisslose Art von Gerda für sie. Ganz verstehen konnte sie Gerda erst nach Matthias Tod.
Matthias starb plötzlich im Büro Herzinfarkt, mit vierundvierzig. Als ich es erfuhr, arbeitete ich im Juweliergeschäft. Ich habe mich nicht mehr erinnert, wie ich aus dem Laden gefallen bin und dabei die Schmuckvitrine zertrümmerte. Die Kolleginnen riefen den Notarzt, sammelten überall Glas aus meinen Haaren. Ich habe in einer Art Nebel gelebt, die Freunde haben uns aufgefangen, ich wusste später gar nicht, wer überhaupt alles da war. Kathi war versorgt, der Haushalt gemacht, jemand reichte mir ständig Tee oder Suppe, damit ich nicht ganz verhungerte.
Einige Wochen nach der Beerdigung hatte ich einen Traum. Oma Marianne war da, so klar, als stände sie im Zimmer. Grossmutter, wie habe ich dich vermisst! Ich wollte sie umarmen, aber sie hielt mich zurück und schaute streng: Findest du das richtig, so? Wie meinst du das? Wo ist Kathi? Wahrscheinlich schläft sie Komm! Sie führte mich in Kathis Zimmer. Meine Tochter lag unter der Decke und weinte Du sagst, sie schläft? Daria, wach auf!
Ich schrak aus dem Traum, aber das Weinen von Kathi hörte nicht auf. Jetzt war ich hellwach, stürzte in ihr Zimmer, schloss sie in die Arme. Ich bin da, mein Schatz. Immer. Kathi klammerte sich an mich. Im Stillen dankte ich Oma: Du hast mich nie allein gelassen, immer über mich gewacht. Jetzt bin ich wieder stark.
Am Morgen weckte Kathi der Duft von meinen Pfannkuchen viel zu lange hatte er im Haus gefehlt. Ohne das schwarze Halstuch, das ich Tag und Nacht getragen hatte, empfing ich sie zum Frühstück. So, Kind, es ist Zeit. Papa hätte nicht gewollt, dass wir verzweifelt in der dunklen Ecke sitzen. Du sollst glücklich sein das war sein größter Wunsch.
Wir bauten gemeinsam eine neue Alltagsroutine auf. Ich ging wieder zur Arbeit, Kathi half immer mehr im Haushalt, kochte einfache Gerichte, räumte auf. Nach ein paar Monaten bekam sie ihren Ausweis wir haben den Tag still gefeiert, mit einem Erdbeerkuchen. Siehst du, Papa! Ich bin schon groß! lachte sie zum Bild ihres Vaters an der Wand. Du würdest jetzt sicher sagen, ich bin immer noch klein …
Eine Woche später klingelte es am Abend Gerda stand vor der Tür. Seit Matthias Tod hatte ich sie nicht gesehen. Damals hatte sie mich auf der Beerdigung beiseite genommen und leise gesagt: Dein Fehler! Wenn du nicht gewesen wärst, würde er noch leben! Ich war zu erschöpft, um zu widersprechen glücklicherweise griff mich Matthias bester Freund Klaus auf und brachte mich vor die Tür, weg von der Menge. Hör nicht hin!, sagte er. Keiner kann das kontrollieren. Es war sein Schicksal.
Jetzt saßen wir mit Gerda am Küchentisch, sie wirkte leerer und müder als je zuvor. Hast du Lust auf Tee? fragte ich. Nein, danke. Wir müssen klären, was mit dem Haus passiert. Ich hörte die Worte und wollte es nicht glauben. Dieses Haus, das Matthias und ich eigenhändig gebaut hatten in jedem Detail steckt meine Erinnerung, vom geschwungenen Vorhang bis zu den Obstbäumen im Garten.
Ich will meine Hälfte aus dem Erbe. Du musst das Haus verkaufen, erklärte sie mit zitternden Händen. Gerade als ich Luft holen wollte, um zu protestieren, tauchte Kathi in der Tür auf. Geh! Du sollst hier nie wieder hereinkommen!, rief sie plötzlich. Gerda blickte sie entgeistert an. Wie redest du mit mir?
Kathi blieb eiskalt. Ich will, dass du gehst. Dass du aufhörst, Mama zu verletzen. Ich bin nicht mehr klein. Wenn du so bleibst, dann will ich dich gar nicht mehr sehen. Ich zog Kathi zu mir, sagte leise Danke, mein Schatz. Ich finde eine Lösung. Geh in dein Zimmer.
Allein mit Gerda sagte ich zum ersten Mal deutlich: Genug. Kathi hat recht. Ich suche einen Anwalt, und sie bekommen Ihren Anteil dann ist es vorbei. Träum weiter, blaffte Gerda. Doch diesmal war ich ruhig: Tun Sie mir keinen Gefallen. Das ist Ihr Recht. Aber Sie sind dann allein.
Gerda drehte sich um und verließ das Haus. Kathi kam wieder in die Küche, strich über meinen Arm. Mama, müssen wir wirklich umziehen? Ich weiß es nicht, Schatz. Aber ich werde alles versuchen.
Am nächsten Tag holte ich den Rat eines Anwalts ein ohne Verkauf des Hauses würde es nicht gehen. Die letzten Ersparnisse waren für den Bau und Matthias Beerdigung draufgegangen. Wieder sagte ich Kathi, dass wir vielleicht ausziehen würden.
Doch Kathi ging am nächsten Morgen zu Gerda. Warum bist du hier? wollte sie wissen. Kathi reichte ihr einen Stapel alter Babysachen das Häubchen und die kunterbunte Babydecke, die Gerda vor Jahren fürs Enkelkind gestrickt hatte. Schön ist das geworden. Und ich weiß, du hast es für mich gemacht. Gerda war einen Moment lang sprachlos. Komm rein, murmelte sie.
Am Abend umarmte Kathi mich: Mama, wir können bleiben. Wie meinst du das? Ich habe mit Oma gesprochen. Sie verzichtet aufs Erbe wenn ich weiterhin zu ihr Kontakt halte. Sie hat gesagt, dass sie niemanden mehr verlieren will. Dann überreichte sie mir ein Paket. Darin lag ein schneeweißes, von Hand genähtes Spitzenkleid. Damit gehe ich zu meinem Abiball!, sagte Kathi. Mir stiegen die Tränen in die Augen.
Kurz darauf rief Gerda an. Du hast es also erfahren… Ich will nur, dass ihr beide glücklich seid. Und Kathi ist ein bemerkenswertes Mädchen.
Lange habe ich danach mit Kathi am Fenster gestanden, wir haben geredet, ganz leise, über Familie, über Schmerz, über Versöhnung. Vielleicht war das die erste Nacht seit Monaten, in der ich wieder richtig atmen konnte.
Do ch wenn der Schmerz spricht, bleibt manchmal tatsächlich nur ein Weg: mit Herz zuhören, und irgendwann einen Schritt aufeinander zu.




