Sing nicht
Du lächelst falsch.
Erst nach ein paar Sekunden begriff Nina, dass diese Worte ihr galten. Sie starrte auf ihre Hände, gefaltet im Schoß über einem dunkelblauen Kleid, das sie sich selbst nie ausgesucht hätte. Zu eng an den Schultern. Zu glänzend. Zu fremd.
Nina. Ich habe gesagt, du lächelst nicht richtig. Zu angespannt. Das sieht jeder.
Gernot sprach leise, ohne den Kopf zu drehen. Sein Blick richtete sich auf den Saal, wo schon die ersten Gäste zum Jubiläum seiner Firma Platz nahmen. Zwanzig Jahre Unternehmen. Ein großes Fest. Ein besonderer Abend. Ihre Rolle war von Anfang an festgelegt, wie Absatz in einem Vertrag: Neben ihm sitzen, ordentlich aussehen, keine unnötigen Gespräche führen, höchstens ein Glas trinken, niemanden ohne seine Genehmigung ansprechen.
Tut mir leid, sagte sie.
Entschuldigung reicht nicht, Nina. Mach es einfach besser.
Das Restaurant gehörte zu jenen Orten, an denen man das Geld förmlich spürte. Nicht aufdringlich, aber gegenwärtig: in der Schwere der Tischdecken, dem milden Licht der Kronleuchter, der Art, wie die Kellner sich lautlos bewegten, als würden sie schweben. Nina war schon öfter hier gewesen und jedes Mal beschlich sie das gleiche Gefühl: Sie war fehl am Platz. Nicht als Frau eines erfolgreichen Geschäftsmannes, sondern als Mensch. Als Frau mit Namen, mit Vergangenheit etwas, das einmal in ihr gelebt hatte.
Sie war fünfundfünfzig. Achtundzwanzig davon verheiratet mit Gernot Berger. Sie hatten sich kennengelernt, als sie ihr Musikstudium an der Hochschule für Musik und Theater München fast beendet hatte. Damals war sie leidenschaftlich, voller Stimme, verliebt in Brahms und Schumann. Er ein aufstrebender Unternehmer, Feuer in den Augen, überzeugt, die Welt könne man sich kaufen oder zumindest zurechtschneiden. Damals blickte er sie an, als wäre sie die ganze Welt. Später stellte sich heraus, dass er sie nur umbauen wollte.
Gernot, darf ich kurz zu Marie gehen? Sie sitzt da hinten ganz allein.
Marie kann warten. Du hast bei den Schmidts nichts verloren.
Aber wir kennen uns seit zwanzig Jahren.
Nina. Seine Stimme war nicht böse. Nur müde, wie einer, der zum hundertsten Mal einem Kind etwas erklärt. Heute ist ein wichtiger Abend. Sitz einfach da und lächle.
Sie lächelte. Richtig. Nach Vorschrift.
Der Saal füllte sich rasch. Geschäftspartner, Kunden, Beamte, deren Ehefrauen. Alle festlich, alle in angenehm gedämpfter Stimmung, alle besprachen, was bei solchen Festen eben besprochen wird. Nina hörte Gesprächsfetzen. Sie wusste nicht mehr, wann sie das letzte Mal über etwas sprach, das sie wirklich interessierte: Musik. Wie eine Fuge aufgebaut ist. Warum das zweite Klavierkonzert von Rachmaninow ihr Herz zerreißt, selbst wenn sie es im Radio hört.
Radio lief bei ihnen fast nie. Gernot mochte keine klassische Musik. Er sagte immer, es gehe ihm auf die Nerven.
Am Nebentisch lachte eine Frau im roten Kleid laut über einen Witz. Das Lachen war echt, etwas rau und lebendig. Nina bemerkte, wie sie diese Frau fast beneidete. Nicht wegen des Kleides, nicht wegen ihrer Jugend oder Schönheit. Sondern einfach, weil sie lachte, als hätte sie jedes Recht dazu. Ohne zu fragen.
Das Abendessen nahm seinen gewohnten Lauf. Trinksprüche, Applaus, Reden über zwanzig Jahre Erfolg und große Zukunftspläne. Gernot hielt seine Rede kurz und prägnant, wie immer. Der Saal applaudierte. Er verstand es, ein Publikum für sich zu gewinnen. Nina klatschte mit den anderen und dachte, dass sie das früher auch konnte. Einen Saal begeistern. Vor Menschen stehen und singen, dass sie den Atem anhielten.
Das letzte Mal sang sie öffentlich vor vierundzwanzig Jahren. Bei einem Konzert an der Hochschule, zu dem Gernot sie gefahren hatte und sie zu früh wieder abholte, weil ihn ein Geschäft angeblich nicht warten konnte.
Nach dem Dessert kündigte der Moderator ein kleines Talentprogramm an zur Unterhaltung zum Abschluss: Jeder, der mochte, konnte auf die improvisierte Bühne in einer Ecke treten: Scherz, Zaubertrick, Lied. Gernot verzog genervt das Gesicht.
Billiger Kram, murmelte er.
Nina antwortete nicht. Sie blickte zur Bühne. Da stand das Mikrofon. Am Klavier saß ein junger Mann mit freundlichem Gesicht sie hatte ihn beim Empfang schon bemerkt, seine langen Finger und dieses rhythmische Kopfnicken, auch wenn er nur Hintergrundmusik spielte.
Zwei Leute traten auf: Einer erzählte einen Witz, einer spielte Mundharmonika. Nett, aber ohne Begeisterung. Dann fragte der Moderator wieder in den Saal, es wurde leiser.
Nina spürte, wie sich drinnen etwas verschob. Nicht wie ein Schlag eher ein Türschloss, das plötzlich nachgibt. Sie legte ihre Serviette auf den Tisch. Stand auf.
Wohin gehst du?, fragte Gernot.
Auf die Toilette.
Sie ging aber nicht. Sie flüsterte dem Moderator etwas ins Ohr. Der hob die Brauen, nickte dann. Dann sprach sie mit dem Pianisten. Sie tauschten ein paar Worte, der junge Mann nickte und in seinen Augen blitzte Neugier.
Als der Moderator ihren Namen sagte, begriff Gernot wohl erst nicht, was passierte. Dann schon. Nina sah sein Gesicht nur im Augenwinkel, als sie zur Bühne ging. Sie zwang sich, nicht zu ihm zu schauen. Sie blickte zum Mikrofon.
Drei Stufen zur Bühne. Sie ging hoch, stellte sich vor den Saal. Unzählige Unbekannte in teuren Anzügen und schicken Kleidern. Viele unterhielten sich, einige sahen sie freundlich abwartend an: Na, mal sehen.
Nina nickte dem Pianisten zu.
Er begann die ersten Akkorde zu spielen, und der Saal wurde langsam leise: Das war kein Schunkellied, keine Schlagerparodie. Es war Rachmaninow. Vocalise. Eine der schwierigsten und schönsten Mezzosopran-Arien, die sie in München zum Diplom vorgetragen hatte. Ohne Worte. Nur die Stimme und Musik.
Sie begann zu singen. Für einen Moment war sie selbst überrascht, dass überhaupt noch ein Ton kam. Dass die Stimme nicht gestorben war, nicht verdorrt an Jahren des Schweigens. Sie war da. Gewandelt, dunkler, mit anderen Klangfarben, aber lebendig.
Irgendwo bei der dritten Phrase wurde es still im Saal. Nicht allmählich, sondern plötzlich: Die Leute schwiegen, legten Gläser ab, drehten sich zur Bühne. Nina nahm das kaum wahr. Sie sang, hielt den Atem, blieb bei der Musik und dachte an nichts Außenstehendes. Nicht an Gernot, nicht an sein Gesicht, nicht an das Danach.
Das war alles egal. Jetzt zählte nur das.
Als sie endete, lag über mehrere Sekunden eine große Stille im Raum. Dann erhoben sich die Gäste. Nicht alle auf einmal, aber nach und nach. Der Applaus war ehrlich, nicht höflich. Die Frau im roten Kleid rief Bravo!. Der Pianist schaute mit offenem Staunen zu ihr hoch, als hätte er etwas Besonderes erlebt.
Nina verließ die Bühne. Ihre Beine fühlten sich weich an, das Herz schlug schnell, aber ruhig. Sie kehrte zurück zu ihrem Tisch und sah schon Gernots Gesicht.
Er applaudierte nicht.
Setz dich, sagte er.
Sie setzte sich.
Weißt du, was du gerade getan hast?
Gesungen.
Komm nicht schlau daher. Seine Stimme war leise und eiskalt. Du hast dich vor allen präsentiert. Ohne meine Erlaubnis. Weißt du, wie das wirkt?
Wie wirkt es?
Als wäre meine Frau auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Als wäre ihr alles nicht genug. Er hob das Glas, stellte es langsam wieder ab. Wir gehen. In zehn Minuten.
Gernot, es ist noch ni
In zehn Minuten, Nina.
Bevor sie gingen, kamen noch drei Leute zu ihr. Die Frau im roten Kleid sie hieß übrigens Tamara schüttelte Nina die Hand: Sie sind fabelhaft! Wo haben Sie gelernt?. Ein älterer Herr mit Professorenbart sagte nur: Großartig. Wer war Ihr Lehrer?. Marie, ihre alte Bekannte, lief zu ihr, roch nach Parfum und Zuhause, und Nina musste fast weinen vor Erleichterung.
Nina, wo warst du denn? Mein Gott, du hast gesungen wie eine Göttin
Marie, wir müssen los, sagte Gernot dazwischen und fasste Nina am Arm. Nicht grob, aber bestimmt, so dass ihr Ellenbogen schmerzte. Entschuldigen Sie uns, Nina hat seit heute früh Kopfschmerzen. Wir müssen gehen.
Im Wagen schwieg Gernot die ganze Fahrt, was schlimmer war als jedes Wort. Nina blickte aus dem Fenster auf das nächtliche Frankfurt, Straßenlaternen, Schaufenster. In ihr breitete sich ein stilles Gefühl aus, weder Freude noch Angst, sondern etwas neues Drittes. Als ob sie gerade ihren eigenen Namen wiederfand.
Zu Hause zog Gernot sein Jackett aus, hängte es auf und wandte sich an sie.
Also. Ich verstehe, dass dir langweilig ist und dass du irgendwas für dich tun möchtest. Aber du musst begreifen, es gibt Regeln, es gibt das, was sich gehört. Heute hast du mich vor wichtigen Leuten blamiert.
Ich habe gesungen. Die Leute haben applaudiert.
Du hast dich wie eine Künstlerin auf unser Firmenfest gestellt. Weißt du, was das für einen Eindruck macht?
Nein, sagte Nina, selbst überrascht, wie ruhig sie klang. Erklärs mir.
Er sah sie lange an, dann meinte er:
Du hast doch alles. Haus, Wohlstand, Ansehen. Ich verstehe nicht, was du willst. Und ehrlich gesagt, ich habe auch keine Lust mehr, das auszudiskutieren.
Ich sage dir, was mir fehlt. Mir fehlt ich.
Was soll das heißen?
Du weißt es.
Sie ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür. Legte sich aufs Bett, noch im Kleid, starrte an die weiße Decke glatt wie ihr Leben nach außen. Hörte die Schritte, Türen, Stille.
Den Schlaf fand sie nicht. Sie erinnerte sich daran, wie sie vor fünfzehn Jahren als Gesangslehrerin an der Musikschule aufgehört hatte, weil Gernot sagte, das sei unpassend für seine Frau und das verdiene sich nicht. Sie hatte zugestimmt, dachte, irgendwas Neues zu finden, doch jedes Mal, als sie etwas anderes versuchen wollte, wusste Gernot einen Grund, warum das auch nicht geht. Nie schrie er, nie schlug er. Er erklärte ruhig, was richtig sei. Und über die Jahre verlernte sie, sich selbst zu hören. Wörtlich. Auch in Gedanken.
Bis zum gestrigen Abend.
Am Morgen, als Gernot unter der Dusche stand, holte sie eine alte Ledertasche aus dem Schrank. Packte ihre Papiere ein Ausweis, Diplom der Musikhochschule, das sie in einer Schublade fand, paar Fotos, das Handy, etwas Bargeld, das sie still beiseitegelegt hatte ohne zu wissen wofür. Jetzt wusste sie es.
Sie zog sich schlicht an: Jeans, Pullover, Jacke. Als Gernot aus dem Bad kam, stand sie an der Tür.
Wohin gehst du?
Ich gehe.
Lange Pause.
Erzähl keinen Unsinn.
Es ist kein Unsinn. Ich gehe.
Nina. Er trocken ein Handtuch, blickte sie mit dem genervten Gesichtsausdruck an, den er bei ihrer Hysterie zeigte. Beruhig dich, wir reden später. Du hast kein Geld, keine Arbeit, wohin willst du?
Ich werde schon was finden.
Du bist lustig. Fünfundfünfzig. Wohin
Sie klingelte den Aufzug. Hörte seine Stimme, verstand aber die Worte nicht mehr. Im Spiegelbild der Stahltür: zerknautscht, unscharf. Sie lächelte fast.
Sie ging durch den kalten, trockenen Herbst, atmete den Geruch nach nassen Blättern und Kaffee aus einem Café. Sie kaufte sich einen Becher Kaffee, hockte sich ans Fenster und rief die einzige Person an, die sie in dem Moment brauchte.
Marie, ich brauche Hilfe.
Um Himmels willen, was ist los?
Ich bin von Gernot weggegangen.
Stille. Dann:
Wo bist du jetzt?
Marie wohnte allein in einer Drei-Zimmer-Wohnung am Rand der Stadt. Ihre Kinder waren weggezogen, der Mann war seit Jahren tot. Die Tür ging auf. Marie sah Nina, sagte kein Wort, sondern: Komm rein. Wasser kocht schon.
Sie verbrachten den ganzen Abend am Küchentisch. Nina erzählte, Marie hörte aufmerksam zu, ohne zu urteilen, ohne mitleidige Blicke oder Kommentare. Sie goss einfach Tee nach. Als Nina schwieg, sagte Marie leise:
Du bist gegangen. Das ist das Wichtigste. Alles andere regelt sich.
Er wird meine Konten sperren. Wahrscheinlich hat er das schon getan.
Hat er?
Ja. Das hat er letztes Jahr schon angedroht.
Dann warten wir es ab, sagte Marie, die Lippen zusammengepresst.
Gernot ließ tatsächlich nicht lange auf sich warten. Schon am Abend gab es erst seine Anrufe, dann die seines Sekretärs, dann Ninas Mutter, die Gernot offenbar bestens informiert hatte. Die Mutter weinte am Telefon: Gernot habe gesagt, Nina sei nach dem Firmenfest verwirrt weggelaufen, sie bräuchte Hilfe.
Mama, ich habe keinen Nervenzusammenbruch.
Nina, er macht sich solche Sorgen, du hast dich gestern so seltsam verhalten vielleicht hilft ein Arzt
Mama, ich habe gesungen. Auf der Bühne. Das ist kein Zusammenbruch.
Er sagt, das war sehr unangebracht, du hast ihn blamiert
Mama. Mir gehts gut. Ich bin bei Marie. Ich melde mich morgen.
Die Karten blockiert. Das Bargeld schmolz dahin. Marie weigerte sich, Miete zu nehmen, aber auf Dauer war das keine Lösung.
Drei Tage später brachte ein Bote Ninas Sachen vorbei wahllos in Taschen gestopfte Sommerkleider, High Heels, Deko-Kram. Keine warme Jacke, keine Noten. Auch das eine Botschaft.
Tags darauf rief Ninas Mutter an und berichtete, Gernot habe sie besucht, Tee getrunken, von Ninas angeblich nervösen Aussetzern erzählt und dass er sie über alles versorgt. Die Mutter hörte zu, wie immer, wenn jemand ruhig und überzeugend sprach.
Vielleicht solltest du zurückgehen, reden, eine faire Einigung?
Mama, er schließt mich von allem aus und verbreitet, ich sei verrückt. Merkst du überhaupt, was hier passiert?
Kurze Stille.
Er ist eben ein Mann, Nina. Manche werden komisch, wenn man sie verletzt.
Nina legte auf, starrte aus dem Fenster, holte schließlich ihr Diplom aus der Tasche: Nina Berger, Abschluss Gesang an der Hochschule für Musik und Theater München. Sie hatte es ewig nicht in der Hand gehalten.
Am nächsten Tag rief sie in der Musikhochschule an. Fragte nach Professor Arnold Behrendt, ihrem alten Gesangslehrer. Er war noch da, über siebzig, immer am Institut. Sie bekam seine Nummer.
Herr Professor Behrendt? Hier spricht Nina Berger. Erinnern Sie sich an mich?
Pause.
Berger? Vom vierten Jahrgang?
Ja.
Natürlich. Wo sind Sie denn abgeblieben, Nina? Ich habe nie wieder was von Ihnen gehört.
Einfach verschwunden. Herr Behrendt, ich brauche Hilfe.
Sie trafen sich zwei Tage später im dritten Stock. Professor Behrendt war wie früher: klein, drahtig, stechender Blick, die Hände auf den Knien. Er musterte sie aufmerksam.
Älter sind Sie geworden.
Sie auch.
Das ist normal, lächelte er. Singen Sie!
Jetzt gleich?
Worauf noch warten?
Sie sang. Erst war sie unsicher, die Atemstütze fehlte, die Höhen wackelten. Er hörte schweigend zu. Dann sagte er:
Die Stimme ist da. Technik eingerostet, Atmung schwach. Aber die Stimme, Nina: Sie ist geblieben. Alles andere kann man lernen.
Wie lange dauert das?
Das hängt von Ihrem Willen ab. Mit Ehrgeiz und Disziplin in zwei bis drei Monaten können wir über ein Konzert nachdenken.
Warum habe ich damals aufgehört?
Sie haben geheiratet.
Mein Mann hat mir nicht verboten zu singen es hat sich nur verlaufen.
Behrendt betrachtete sie eine Weile.
Verlaufen also. Gut. Dann holen wir das jetzt auf, Nina.
Sie übten täglich. Nina war von neun bis zwei im Institut, manchmal länger. Die Stimme kehrte stückweise zurück mal ging alles leicht, am nächsten Tag wieder gar nichts. Herr Behrendt blieb streng, keine Ausreden wegen des Alters. Ein Muskel kennt kein Alter, sagte er. Nur Übung und Willen.
Marie verschaffte ihr eine kleine Stelle: sie leitete einen Singkreis im Nachbarschaftshaus für Senioren. Wenig Lohn, aber ihr eigenes Geld. Die Frauen dort sangen nur aus purer Lust. Keine Ambition, keine Karriere, einfach nur Freude. Es tat Nina gut.
Gernot hörte nicht auf: Über Kontakte hörte Nina, er verbreite, sie liebe einen Professor, sei psychisch instabil, jedes Jahr schlimmer geworden, er habe sie gehen lassen müssen. Manche glaubten es, andere legten auf. Ihre Mutter rief seltener an, immer vorsichtiger.
Denkst du an die Zukunft, an eine Wohnung?
Ja, Mama.
Gernot ist bereit, alles friedlich zu klären, wenn du zurückkommst.
Ich komm nicht zurück.
Man kann sich doch einigen Trennung, Teilung
Mama, er sperrt mein Konto und erklärt mich für verrückt. Mit so einem Menschen einigt man sich nicht, von so einem geht man endgültig.
Ihre Mutter seufzte und wechselte das Thema. Nina konnte ihr nicht böse sein. Sie stammte aus einer anderen Zeit, in der Ehe und Erdulden über allem standen. Jemanden für seine Muttersprache zu rügen, ist sinnlos.
Nach einem Monat sagte Behrendt nach einer Stunde:
In zwei Monaten ist das Benefizkonzert im Gasteig. Großes Programm. Sie suchen Solistinnen. Ich wollte Sie empfehlen.
Nina erstarrte.
Herr Behrendt, ich habe seit vierundzwanzig Jahren nicht mehr auf einer Bühne gestanden
Ich weiß.
Ist das ein großes Publikum?
Live-Übertragung im Bayerischen Rundfunk. Spendensammlung für eine Kinderklinik. Ja, Publikum ist groß.
Sie schwieg.
Lassen Sie sich nicht zu lange Zeit. Die Orga wartet nicht.
Nach zwei Tagen sagte Nina zu. Behrendt nickte sachlich, als hätte er das erwartet.
Die nächsten sechs Wochen wurden die intensivsten seit dem Studium. Sie studierten Arien und Lieder, zu guter Letzt, auf Behrendts Wunsch, wieder ein Werk von Rachmaninow, noch länger und anspruchsvoller. Nina war abends erschöpft, schlief auf Maries Sofa ein, oft ohne Abendessen. Aber das neue Erschöpfungsgefühl war frisch, voller Leben.
Marie umsorgte sie wie eine Mutter, maulte, dass sie zu wenig esse und zu viel arbeite. Sie wurde Ninas Familie in kürzester Zeit.
Drei Wochen vor dem Konzert gabs Ärger. Der Konzertmanager, junger Mann, rief Nina an: Frau Berger, wegen Ihrer Teilnahme es gibt Unklarheiten niemand wollte es aussprechen.
Hat Gernot Berger angerufen?
Nach einer Pause:
Ich kann das nicht kommentieren.
Sie rief Behrendt an. Er hörte sich das ruhig an:
Kommen Sie morgen. Ich kläre das.
Er klärte es, wie, blieb Ninas Geheimnis. Sie blieb im Konzert. Doch die Sache war nicht vorbei: Eine Woche vor dem Auftritt rief Marie sie aufgeregt an.
Zwei Männer waren eben hier, von Gernot. Fragten nach dir.
Was hast du gesagt?
Dass ich keine Nina kenne. Aber sie warten draußen.
Nina spürte Kälte in sich: Er ließ nicht los. Ihr Schritt war für ihn keine persönliche Niederlage, sondern eine Gesetzesstörung das konnte er nicht einfach hinnehmen.
Sie berichtete Behrendt. Der setzte seine Brille auf und sagte ruhig:
Dann wird er vermutlich das Konzert zu stören versuchen.
Vermutlich.
Haben Sie Angst?
Ehrlich überlegte Nina.
Nein. Nicht mehr. Ich bin müde, Angst zu haben.
Gut. Behrendt nickte fast väterlich. Beim Konzert ist Viktor Stein da.
Wer?
Produzent. Sehr bekannt, arbeitet europaweit. Einer seiner Mitarbeiter hat Sie in jenem Restaurant gehört. Wenn Sie heute überzeugen gibt es eine Zukunft nach dem Konzert. Also: singen Sie, Nina.
Sie blickte ihn an.
Sie machen das alles nur wegen meiner Stimme?
Ich habe vierzig Jahre unterrichtet, sagte Behrendt. Aber Sie waren eines von drei echten Talenten. Eines ging nach London und wurde berühmt, eines starb jung. Das dritte Sie haben wir jetzt wieder.
Der Konzerttag war trüb. Nina erschien zwei Stunden vorher in der Philharmonie, stand einige Minuten allein auf der Bühne, lauschte dem stillen Saal für achthundert Zuhörer. Sie liebte diese Stille vor dem Spiel.
Eine Stunde vor Beginn kam der Manager:
Frau Berger, draußen stehen zwei Männer. Sagen, sie seien im Auftrag Ihres Mannes. Sie hätten ein medizinisches Dokument
Das ist nicht mehr mein Mann. Ignorieren Sie sie, oder lassen sie zuhören, wenn sie wollen.
Er murmelte etwas, dann:
Kann ich Herrn Behrendt holen?
Behrendt regelte auch das. Die Männer verschwanden. Kurz vor Konzertbeginn sah Nina einen ihr unbekannten, eleganten Mann im Foyer. Neben Behrendt das musste Stein sein.
Sie war als dritte im Programm dran. Der Saal war voll, Kameras seitlich, Fernsehen live. Sie trat im schlichten, dunkelblauen Kleid auf, das sie selbst gewählt hatte. Stand am Mikrofon. Sah in den Raum.
Und begann zu singen.
Das erste Stück lief leicht, fast mit Freude. Das zweite wurde schwierig, aber sie hielt die Partie. Ab dem dritten Lied vergaß sie alles andere das Publikum, die Kamera, Gernot draußen. Es zählte nur die Musik. Ihr Platz. Ihre Stimme.
Als Rachmaninow begann, wurde es im Saal besonders still jene absolute Stille, wenn Menschen wirklich hören. Nina sang und spürte ein Gefühl wie Frischluft nach langer Krankheit: Das Himmelblau ist noch da. Es hat gewartet.
Sie beendete die letzte Phrase, als Gernot am Seiteneingang auftauchte. Er drängte nach vorne, fuchtelte mit Papieren, sein Gesicht rot, erhitzt. Neben ihm trat Stein, der Produzent, dazwischen, sprach ihn ruhig an. Gernot erwiderte etwas, sein Gesicht fiel in sich zusammen. Plötzlich begriff er: Er hatte hier nichts zu sagen.
Dann drehte er sich um und verschwand.
Hinter der Bühne kam Stein auf Nina zu, reichte ihr die Hand:
Man hat bereits von Ihnen gesprochen. Jetzt habe ich es gesehen. Wir sollten miteinander sprechen.
Worüber?
Über einen Vertrag. Tourneen. Erst in Deutschland, dann Europa. Ich habe einige Säle, die genau so einen Klang suchen. Und niemand legt Ihnen mehr Steine in den Weg. Mein Wort.
Behrendt blieb im Hintergrund. Nina sah zu ihm er nickte nur. Einmal. Alles war gesagt.
Mit ihrer Mutter sprach sie später. Die besuchte sie, setzte sich an den Küchentisch; nach einer langen Pause:
Ich habe dich im Fernsehen gesehen. Beim Konzert.
Wirklich?
Ja. Marie hat angerufen, sagte, ich soll anmachen. Ich habs angemacht. Und sah dich. So, als wäre alles anders.
Mutter faltete und entfaltete die Tischdecke.
Es tut mir leid, Nina.
Wofür?
Weil ich ihm mehr geglaubt habe als dir. Er konnte halt reden. Du hast immer geschwiegen. Ich dachte, das sei ein gutes Zeichen. Ich habe es nicht verstanden.
Nina nahm ihre Hand.
Du hast es jetzt verstanden. Das genügt.
Bist du mir nicht böse?
Nein.
Ihre Mutter weinte stumm. Nina hielt ihre Hand. Sie begriff: Vergebung bedeutet nicht, zu tun als sei nichts gewesen, sondern mitzunehmen, was einen selbst weiterbringt, und den Rest hinter sich zu lassen.
Ein Jahr später.
Nina stand in der Künstlergarderobe des Wiener Musikvereins und lauschte dem leisen Stimmengewirr draußen. Anderer Ort, aber die selben Geräusche wie überall: Kleiderrascheln, leises Räuspern, gedämpfte Stimmen. Draußen tanzten Flocken.
Ihr Leben jetzt: eine Mietwohnung in Wien, klein, aber selbstbestimmt. Vertrag bei Stein, Konzerte in Europa. Koffer, die durch Städte ziehen. Behrendt ruft einmal die Woche an, sie besprechen Programme per Video. Ihre Mutter kommt regelmäßig zu Besuch und staunt immer neu, was Nina alles schafft.
Von Gernot hörte sie selten noch. Sein Unternehmen habe seither Schwierigkeiten, hieß es, einige Partner sprangen ab. Nach einem halben Jahr heiratete er neu: Eine stille, junge Frau, fast ohne Bekannte. Nina hörte das, dachte kurz und empfand nur noch Mitgefühl. Man kann Menschen nicht ändern. Die nächste Frau findet heraus, wie das ist.
Doch diese Geschichte gehört nicht mehr zu ihr selbst.
Ihr neues Leben war anders: Müdigkeit nach Flugreisen, Diskussionen mit Dirigenten, das Fremdsein in fremden Sprachen, Einsamkeit im Hotel abends aber auch der Morgen in einer neuen Stadt beim Fensteröffnen, Applaus nur für sie, die Freiheit zu kaufen, was sie will, anzurufen, wen sie will, zu Hause die Tür zu schließen ohne jemanden dahinter, der ihr sagt, was sie falsch macht.
Manchmal dachte sie an die verlorenen Jahre. Ohne Bitterkeit, eher ruhig analysierend. Achtundzwanzig Jahre das ist viel. Sie hätte alles das schon viel früher haben können.
Aber im Konjunktiv zu leben ist das Sinnloseste auf der Welt, wusste Nina.
Sie ist jetzt. Ihre Stimme ist jetzt. Ihre Bühne ist jetzt.
Die Garderobenhelferin steckte den Kopf zur Tür:
Frau Berger, noch drei Minuten!
Ich komme.
Nina rückte das schlichte, dunkle Kleid zurecht. Atmete ein paar Mal tief durch. Schloss die Augen.
Vor ihr erschien Gernot, wie er damals im Restaurant sagte: Du lächelst nicht richtig, wie sie antwortete Entschuldigung, wie sie mit dem richtigen Lächeln durchhielt ohne die eigene Stimme zu hören.
Jetzt lächelte sie wieder. Nicht richtig. Einfach, wie sie wollte. Weil sie es konnte.
Dann trat sie auf die Bühne.
Der Saal verstummte.
Und sie begann zu singen.
Denn die wichtigste Melodie im Leben ist die eigene Stimme man darf sie nie ganz zum Schweigen bringen.




