Ich schenke dir einen Stern

Ich schenke dir einen Stern

Grete, wo sind meine Socken? Warum ist in diesem Haus nie etwas zu finden? Warum muss ich meine Zeit mit solchem Unsinn verschwenden?

Grete schritt an ihrem Mann vorbei, der sich vor dem Spiegel in Rhetorik übte, und öffnete die Kommode. Die Socken lagen dort, wie stets, säuberlich sortiert und paarweise angeordnet.

Die Socken.

Und hilf mir, die Krawatte zu binden. Ich bekomme den Knoten nie so ordentlich hin. Sebastian reichte seiner Frau die Krawatte und verzog das Gesicht. Was hast du da eigentlich an?

Grete sah an sich hinunter. Der warme Jogginganzug, den sie erst neulich gekauft hatte, war bequem und perfekt für die Gartenarbeit.

Das ist praktisch. Ich wollte im Garten arbeiten.

Kann ich dich nicht bitte anders sehen? Ich meine, ich gebe genug Geld aus, damit du dich auch zu Hause anständig anziehst.

Grete schwieg. Welchen Sinn hat es zu diskutieren, wenn doch nur zurückkommt, dass sie im Unrecht sei? Sie half ihm mit der Krawatte und verließ das Zimmer. Freiheit! Bald würde Sebastian zur Arbeit fahren, und der Tag gehörte ihr. Ein paar Stunden im Garten, dann die Nachhilfestunden am Nachmittag und vielleicht noch Zeit zum Lesen.

Grete! Meine Mutter kommt morgen!

Grete erstarrte auf der obersten Stufe.

Und wann wolltest du mir das sagen?

Habe es vergessen. Viel um die Ohren.

Grete ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und inspizierte kritisch den Inhalt. Nein, das reicht nicht. Sie würde zum Wochenmarkt fahren müssen.

Ihre Schwiegermutter, Frau Dr. Edeltraud Weber, mochte und respektierte Grete. Noch als Schülerin hatte Grete sie als Direktorin im Gymnasium erlebt. Groß gewachsen, mit kerzengeradem Rücken, rauschte Edeltraud stets würdevoll durch die Gänge. Die Schüler hatten nie Angst vor ihr, sondern begegneten ihr mit Respekt und Sympathie. Sie kam auch zur Sportstunde, warf das Jackett über einen Stuhl und spielte begeistert Volleyball mit den Kindern. Hitzig stritt sie, verteidigte ihr Team, richtete dann Bluse und Frisur und wurde im Nu wieder zur strengen Direktorin.

Nach der Pensionierung kaufte Edeltraud sich einen Schrebergarten und zog Blumen, besonders Rosen, die regelmäßig Preise bei Ausstellungen gewannen.

Mit Gretes Mutter verband sie eine Jugendfreundschaft. Gemeinsamer Kindergarten, Schulbank nach Schulbank. Nach dem Abitur trennten sich die Wege, doch der Kontakt blieb. Briefe gingen hin und her, oft telefonierten sie. Als Gretes Eltern nach München zogen, entstand ein neuer Grund für gegenseitige Besuche. Edeltraud brachte ihren Sohn Sebastian mit, der für das Gör Grete kaum einen Blick übrig hatteneun Jahre Altersunterschied. Erst bei Gretes Abiturball fiel ihm auf, dass aus dem kleinen Mädchen eine junge Frau geworden war. Und Sebastian war verloren.

Ich schenke dir alle Sterne, das Universum, Grete! Ich liebe dich, wie niemand sonst je geliebt hat. Was du willst, sollst du haben! Ich verspreche dir alles!

Grete hatte Sebastian schon immer bewundert gutaussehend, klug… ein Traum! Und dann diese Worte! Was sie irritierte war nur, wie sehr er auf eine schnelle Hochzeit drängte.

Sebastian, was ist mit dem Studium? Ich habe doch gerade erst angefangen.

Ach was, Hauptsache wir sind zusammen, mein Schatz! Und nenn mich nicht Basti, das klingt schrecklich. Ich habe einen schönen Namen, bitte lass den so.

Grete träumte von Schleier und Brautkleid, doch zeigte Nachdruck sie würde ihr Studium nicht aufgeben, Hochzeit hin oder her. Entweder sie heirateten später oder sie führte das Studium nach der Hochzeitsreise fort. Sebastian gefiel diese Lösung nicht.

Grete, mit einem Ultimatum die Ehe zu beginnen ist nicht klug. Das spricht nicht für deine Weisheit als Frau.

Dann muss ich wohl noch lange reifen, mein Lieber. Ein wenig Verstand täte mir gut.

Und wer hindert dich daran?

Du! Du weißt doch, ich habe für dich München verlassen, die eigene Wohnung, Freunde, meine Mutter.

Ist das alles wichtiger als ich?

Du bist das Wichtigste, deshalb heirate ich dich doch! Aber ich verstehe nicht, warum mir das alles egal sein sollte und dir nicht reicht, was ich bereit bin zu geben. Ich will doch nur etwas lernen, meinen Wissensstand halten und weiterkommen.

Du tust ja, als wollte ich dich einsperren!

Unsinn! Grete nahm ihn lächelnd in den Arm. Lass uns den Streit lieber für ernste Themen aufsparen, ja? Ich werde weiter studieren, das diskutiere ich nicht.

Sebastian war eine Woche lang beleidigt, dann gewann der Hochzeitsvorbereitungsstress, und sie vertrugen sich.

Mein Kind, das ist ein Warnzeichen… Gretes Mutter, Margarete Schäfer, blätterte in einem Blumen-Katalog. Bist du sicher? Einen Mann zu heiraten, der dich nicht hört… Ich weiß nicht.

Mama, ich liebe ihn… Schon lange, wie du weißt. Was soll ich denn machen?

Ich weiß es nicht, Gretelein. Überleg gut und entscheide bewusst. Die Männer ändern sich nicht. Frauen passen sich an, mit Geduld und Liebe. Ein Mann bleibt, wie er war. Versuch ihn nicht zu erziehen, es funktioniert nicht. Vielleicht lässt er sich mal zu etwas überreden, doch das hält nie. Irgendwann ist alles wie zuvor, und du bist enttäuscht. Heute gehts ums Studium was ist morgen, wenn es um wirklich Wichtiges geht? Denk daran, mein Kind. Du liebst ihn aber wie viel liebt er dich? Ich habe nichts gegen Sebastian, aber das Entscheidende ist, dass du glücklich wirst.

Grete nahm ihre Mutter ganz fest in den Arm, sog das Duftwasser ihrer Kindheit ein.

Ich liebe dich, Mama! Sie schwieg, dachte nach. Findest du, Lilien sind passend für meinen Brautstrauß oder lieber was Klassisches?

Margarete seufzte. Natürlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass Grete ihre Meinung sofort ändern würde. Die Liebe der Tochter war offensichtlich, aber das Herz musste sprechen.

Mach, was zu dir passt, Liebling. Es ist eure Feier.

Die Hochzeit wurde groß und hoch offiziell gefeiert. Die Hälfte der Gäste sah Grete dort zum ersten und letzten Mal alles wichtige Leute von Sebastian.

Richtige Entscheidung! raunte Sebastian seiner Frau ins Ohr. Jetzt beginnt alles neu, ein echter Neustart.

Grete verstand damals nicht, was er meinte. Aber bald darauf florierte sein junges Unternehmen, und Gewinne strömten ein.

Bald erfülle ich mein Versprechen!

Welches Versprechen?

Ich schenke dir einen Stern!

Grete lachte, bedeckte Sebastians Glas mit ihrer Hand.

Ach, lass gut sein. Schenk mir lieber ein Kind.

Was? Sebastians Lächeln gefror. Bist du schwanger?

Nein, noch nicht. Warum verkrampfst du so?

Gut, dass du es nicht bist Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.

Wie meinst du das?

Es läuft doch grade erst. Wir sind frisch verheiratet. Warum die Eile? Du wolltest doch auch studieren! Dann tu es, ein Kind kann warten.

Aber ein Kind ist doch Familie…

Ich bin deine Familie, du bist meine. Lass uns das Thema beenden.

Der Abend war ruiniert. Das Essen verging schweigend, und später gingen sie früh heim. Zum ersten Mal seit der Hochzeit schliefen sie getrennt Sebastian blieb im Wohnzimmer, Grete weinte sich im Schlafzimmer in den Schlaf.

Einige Tage später rief die Schwiegermutter an.

Ganz ohne Männer, ich möchte mit dir sprechen.

Das Cafe am Unicampus, an dem Grete nun studierte, war ein beliebter Treff mit großer Kinderecke. Grete beobachtete sehnsüchtig die Kleinen, wie sie dem Animateur beim Tanz nacheiferten.

Warum sind wir hier? Gretes Augen glänzten unglücklich.

Sebastian war gestern bei mir, in Panik.

Was ist passiert? Grete wandte sich ihrer Schwiegermutter zu.

Er hatte einen Anfall, weil er glaubt, bald Vater zu werden.

Er muss wirklich nichts befürchten. Grete schaute wieder den Kindern zu. Die sind so süß…

Gretelein, sieh mich an!

Grete seufzte, schaute sie an.

Ich habe ihm gesagt, dass das Thema Kind kein Thema ist. Ich will kein Kind erzwingen, wenn der Vater es nicht will. Ich will eine Familie, in der das Kind geliebt wird, nicht nur von mir.

Edeltraud legte sanft ihre Hand auf Gretes.

Du bist bemerkenswert klug, Grete. Ich wusste immer, dass du Stärke besitzt. Jetzt sage ich dir etwas, was eine Mutter wohl nie sagen sollte. Sebastian liebt eigentlich nur sich selbst, immer schon. Es ist mir nie gelungen, aus ihm einen Mann zu machen, der Verantwortung übernimmt. Da hätte es einen Vater gebraucht, der es vorlebt.

Aber er führt eine erfolgreiche Firma, ist anerkannt

Das ist etwas anderes. Im Geschäft ist alles klar, privat kommt er mit Nähe nicht zurecht. Ich hatte gehofft, er verändert sich durch die Ehe. Ich habe mich getäuscht.

»Alt wie jung, bleibt wie angefangen…« Grete kreiste nachdenklich mit dem Löffel in der leeren Kaffeetasse.

Wie bitte?

Ach, nichts, nur laut gedacht. Was soll ich tun? Sie kennen ihn besser, als seine Mutter wird er je Kinder wollen?

Wahrscheinlich schon, aber wann? Keine Ahnung. Mein Rat, nicht als Mutter, sondern als Frau: Lass dich scheiden. Verschwende nicht dein Leben. Du bist jung, schön, du wirst wieder glücklich. Es gibt Männer, die dich wertschätzen.

Ich liebe ihn

Edeltraud schwieg einen langen Moment.

Da weiß ich nichts zu sagen Ich habe nie so sehr geliebt, dass ich mich selbst und meine Wünsche aufgegeben hätte. Mit Sebastians Vater war ich einfach glücklich, irgendwie war es ein Glücksfall, keine große Romanze. Erst spät habe ich verstanden, was Liebe ist. Und kurz darauf war er tot. Der Rest ist ein Warten.

Warten worauf?

Als Michael starb, hatte er große Schmerzen, sprach nie darüber, um mich zu schonen. Kurz vor seinem Ende wurde er plötzlich ganz klar und sagte mit ruhiger Stimme, wir würden uns wiedersehen. Seitdem warte ich einfach

Grete drückte wortlos die Hand ihrer Schwiegermutter.

Die Zeit, Gretelein, ist das Bitterste. Sie kann nehmen und geben wir entscheiden, was wir wollen. Lass nicht zu, dass sie dir das nimmt, was dir kostbar ist. Denk gut nach!

Und das tat Grete.

Sie lag nachts neben ihrem schlafenden Mann und fragte sich immer wieder, was sie selbst wirklich wollte. Mit jedem Tag wurde deutlicher: Sebastian war da, geliebt und vertraut, aber ein Kind das existierte nur als vager Wunsch. Vielleicht ist es besser so? Sebastian sorgte dafür, dass es ihr an nichts fehlte, hatte sogar darauf bestanden, dass sie die Schule verließ.

Warum all der Stress im Lehramt! Ich kann bestens für dich sorgen. Widme dich dem Haus und dir selbst.

Sie nahm es als Fürsorge sie mochte ihren Beruf, aber der Alltagsstress, überfüllte Klassen, endlose Papiere waren zermürbend.

In so einem Chaos kann man den Kindern nichts beibringen! klagte sie.

Dann lass es einfach! Sebastian wurde ärgerlich. Es gibt keinen Grund, deine Zeit so zu verschwenden.

Sebastian, und meine Ausbildung? War das alles sinnlos?

Nicht doch. Du kannst mir bei Meetings helfen.

Ich bin keine Dolmetscherin.

Egal, ich habe ohnehin Übersetzer. Du kannst sie führen.

Das kann ich nicht. Ich will unterrichten.

Du weißt selber nicht, was du willst! Und damit war das Gespräch meist zu Ende. Grete dachte immer mehr darüber nach, was sie eigentlich will.

Sie verließ schließlich die Schule, arbeitete dann freiberuflich als Übersetzerin. Eines Tages entdeckte sie online eine Plattform für Fernunterricht endlich das, was sie immer vermisst hatte: motivierte Schüler, Ruhe. Sie stürzte sich begeistert hinein, verschwieg es aber vor Sebastian, ohne recht zu wissen, warum.

Die Ehe mit Sebastian wurde gleichförmig und distanziert. Jeder machte, was er wollte, alles routiniert und harmonielos. Erst störte Grete das nicht. Dann wuchs in ihr der Wunsch nach mehr.

Mit fünfunddreißig sprach sie das Thema Kind erneut an.

Niemals! Grete, bist du verrückt? In deinem Alter! Und wenn es krank zur Welt kommt?

Warum sollte es krank sein?

Weil das Risiko steigt. Sebastian nahm sie in den Arm, verflocht ihre Finger. Geht es uns nicht gut zusammen?

Nein!

Was? Sebastian blinzelte.

Ich sagte, nein, Sebastian. Wir leben und sind es gewohnt, alles läuft, aber ist das alles? Keine Weiterentwicklung, kein Sinn. Wir stehen still.

Ein Kind ist kein Garant für Bewegung im Leben! Sebastian trat ans Fenster.

Wovor hast du Angst?

Schweigen. Es zog sich und zog sich. Grete wusste, wenn sie heute keine Antwort bekam, war es wohl der Anfang vom Ende.

Ich habe Angst, kein guter Vater zu sein.

Wie kommst du darauf?

Ach, du verstehst nichts! Er lief im Zimmer auf und ab, ballte die Fäuste. Ich will nicht, dass mein Kind so aufwächst wie ich!

Was war denn? Was fehlte bei deinen Eltern, in deiner Kindheit? Jetzt, wo du sprichst, erklär es mir endlich! Ich bin nicht mehr das naive Mädchen, das dich anhimmelt, sondern will die Wahrheit wissen! Grete wurde laut, spürte aber dann: So erreiche ich ihn nicht. Ruhiger fragte sie: Bitte, erzähl es mir.

Was jetzt in ihrer Stimme war, ließ Sebastian endlich öffnen. Er schaute auf.

Ich erinnere mich nicht an viel. Aber meine Eltern sahen sich nie an. Sie lebten getrennt durch eine Wand. Ich war diese Wand. Ich wusste von klein auf, alles taten meine Eltern nur, weil es sich gehört. Ich war Pflicht, nicht Liebe. Wenn ich meine Mutter ansah, wie andere Kinder es mit ihren Müttern taten, hat sie mich nie umarmt, nie geküsst. Mein Vater beantwortete jede Frage akribisch, aber es fühlte sich immer wie Pflicht an, nie freiwillig. Ich war eine korrekte Entscheidung, keine Herzensangelegenheit. Als ich älter wurde, wollte ich es anders. Ich dachte, ich verliebe mich in dich.

Du dachtest

Ja. Ich wünschte, es würde mein Leben verändern, dass etwas in Bewegung kommt.

Dir war es nur so, damals

Ja.

War das der Grund für die Eile bei der Hochzeit?

Ja.

Und dann?

Und dann merkte ich, dass ich das Leben meiner Eltern wiederhole. Alles ist richtig, nichts ist echt.

Grete spürte, sie müsse raus, an die Luft, egal wohin. Sie stand auf, ihr wurde schwindlig.

Wohin willst du? Sebastian nahm sie am Arm, Grete glitt aus seinem Griff.

Ich muss weg… Entschuldige.

Sie lief hinaus auf die Veranda, sog frische Herbstluft ein. Im Garten dämmerte es bereits, nur die weißen Rosen, ungeschnitten, hoben sich im Dunkel ab. Ihr Garten, ihr Haus Wie sehr hatte sie alles mit Liebe gestaltet! Und jetzt war es bedeutungslos geworden Die Liebe für Sebastian vergeblich? Plötzlich verstand sie Sebastians Einsamkeit als Kind dieser Druck in ihr ließ nach. Wenn ihr Kind so hätte fühlen können vielleicht besser, dass sie kein gemeinsames Kind hatten. Sie stellte sich einen kleinen Jungen auf der Treppe vor, verlassen, und ihr wurde Angst.

Sie tastete nach den Autoschlüsseln. Sie fasste einen Entschluss, stieg noch in Hausschuhen in den Wagen. Über dunkle Landstraßen fuhr sie, weinte erst leise, dann laut, schimpfte, flüsterte, alles floss wie aus ihr heraus. Bei Ingolstadt hielt sie an einer Tankstelle, parkte hinter dem Shop und fiel in einen wirren Schlaf, der keine Erleichterung brachte.

Als Grete zuhause in München ankam, öffnete ihre Mutter die Tür, erschrak, nahm sie in den Arm.

Gretchen! Mein Kind!

Der Notarzt kam rasch.

Hatten Sie vorher schon Kreislaufprobleme? fragte der Arzt und maß den Blutdruck.

Nein Grete schüttelte den Kopf.

Sind Sie schwanger?

Was? Grete setzte sich ruckartig auf.

Bleiben sie liegen. Routinefrage. Ohnmacht geht manchmal damit einher.

Nein, Doktor. Bin ich nicht. Sie drehte sich weg, Tränen liefen.

Dann kein Grund zur Sorge, aber gehen Sie mal zum Hausarzt. So ein Blutdruckabsturz ist ernst zu nehmen.

Margarete brachte die Ärzte zur Tür und kehrte zurück.

Magst du reden?

Bitte frag nicht. Du hattest Recht mit allem… Grete schmiegte sich an ihre Mutter wie als Kind. So schade, dass ich so viel Zeit verloren habe. Ruf bitte Sebastian an, sag ihm, ich bin da und es geht mir gut.

Wie du möchtest.

Grete zog sich das Bettzeug über den Kopf, so wie früher. Ganz von vorne beginnen würde das gehen?

Sie schlief fast einen Tag. Als sie aufwachte, war sie verwirrt, wo sie war. Ihr alter Stoffhase saß auf dem Regal, ein Auge blau, eines grün weil Mama damals keinen blauen Knopf mehr gefunden hatte. Grete lächelte.

Sie sah sich im Zimmer um im Sessel, Beine lang und seltsam verrenkt, schlief Sebastian. Im nächsten Moment schlug er die Augen auf.

Hallo!

Hallo! Grete zog die Decke höher. Was machst du hier?

Wir waren noch nicht fertig.

Doch, du hast alles gesagt.

Nein. Du hast nicht alles gehört. Ich habe wie ein Idiot jahrelang gedacht, es wäre nur Gewohnheit. Dachte, du spürst das auch, bis du weggerannt bist. Grete, ich brauche dich. Nein, ich liebe dich…

Und das sagst du erst jetzt?

Schon länger, glaube ich. Ich hatte nur Angst, es zuzugeben.

Weißt du, ich habe auch etwas begriffen.

Was denn?

Dass ich gar nicht weiß, ob ich mit dir weiterleben will. Ich war immer nur bequem, für dich passend, habe alles gemacht, wie du willst. Aber jetzt will ich das nicht mehr.

Liebst du mich nicht mehr? Sebastian setzte sich auf.

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: So will ich nicht weiterleben.

Ich auch nicht.

Dann sind wir uns ja einig.

Was willst du dann?

Ein neues Leben. Eines mit Kindern, vielleicht mehreren. Ich will leben, nicht nur funktionieren.

Und ist da noch Platz für mich, wenn ich deine Wünsche teile?

Ich weiß nicht. Ich glaube dir nicht mehr.

Wenn ich es dir beweise?

Grete betrachtete den verschlafenen, zerzausten Mann, den sie einmal so sehr geliebt hatte. Für einen Moment sah sie ihn als jungen Jungen, damals, als sie heimlich in ihn verliebt war. Dann als den jungen Mann beim Standesamt, vor dem sie so gezittert hatte. Für sie war er der gleiche geblieben sie selbst war eine andere geworden.

»Alt wie jung, bleibt wie angefangen…«

Was meinst du?

Komm, lass es uns versuchen… Aber diesmal zusammen.

Margarete Schäfer sagte kein Wort zum Abschied. Sie gab Grete ein Frühstück, drückte ihr ein Paar alte Turnschuhe in die Hand und verabschiedete die beiden wortlos, bekreuzigte sich verstohlen am Fenster, als sie die Straße hinunterfuhren. Grete würde erst eine Woche später merken, dass sie schwanger ist. Und während ihr aufgeregter, überglücklicher Mann hektisch das Babybett aufstellte, würde sie lachen und rufen, dass ein Bettchen für den Anfang reiche. Doch beim ersten Ultraschall würde Sebastian triumphierend die Hände zusammenschlagen:

Hab ichs doch gesagt, eins wird zu wenig sein!

Später, wenn sie die Söhne mit Sebastian im Garten Fußball spielen sieht, erinnert sich Grete an all die Gespräche. Und wenn die tobenden, geliebten Kinder das Siegtor schießen, rennt Grete los, zieht beide lachend an sich, küsst sie trotz Protest, das könne man doch zu Hause machen und umarmt dann auch Sebastian.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Ich schenke dir einen Stern
Das Recht auf Liebe