Nach Mitternacht
Du verstehst nicht, was du da tust, flüsterte Johanna und beugte sich zu ihrem Vater. Papa, ich bitte dich. Nicht heute.
Heinrich Friedrich Gruber sah seine Tochter nicht an. Sein Blick war auf das andere Ende des Tisches gerichtet, genau dort, wo Dr. Alexander Becker saß, Inhaber der Baugesellschaft Solid AG, Vater des Bräutigams ein Mann in einem teuren, nachtblauen Anzug mit goldenen Manschettenknöpfen. So schaute man auf etwas, wonach man lange gesucht und endlich gefunden hatte.
Setz dich, Hannchen, sagte er leise. Komm einfach her, und sag nichts.
Das Restaurant Imperial in der Goethestraße war voll. Hohe stuckverzierte Decken, weiße Tischdecken, gläserne Kelche, Blumenarrangements auf jedem Tisch. Fünfzig Gäste, eingeladen zur Verlobung. Die Kellner in Schwarz glitten wie Schatten zwischen den Tischen dahin. Es roch nach frischen Rosen und etwas Kostbarem, dessen Namen Johanna nicht kannte.
Sie saß zwischen ihrem Vater und ihrem Verlobten. Marc Becker, achtundzwanzig Jahre alt, drei Jahre älter als sie, legte seine warme Hand auf ihre Hand.
Alles gut? flüsterte er.
Ja, antwortete sie fast ohne zu lügen.
An ihrem rechten Ringfinger funkelte ein schlichter Diamantring. Marc hatte ihn ihr vor einer Stunde im Beisein aller Gäste angesteckt, begleitet von Applaus. Damals war ihr leicht schwindelig geworden, wie auf einem steilen Abgrund: nicht erschrocken, einfach sehr, sehr hoch.
Ihr Vater saß aufrecht, sein Gesicht nüchtern, ohne Besonderes. Der graue Anzug, den er sich vor sieben Jahren gekauft hatte nur für ganz besondere Anlässe. Johanna kannte ihn noch von ihrem Abiturball und später bei Mamas Beerdigung. Jetzt wieder hier.
Papa, sagte sie nun schon lauter, können wir kurz nach draußen gehen? Bitte.
Er schüttelte den Kopf, griff zum Wasserglas, trank langsam.
Am Tisch lief die übliche Festtagskonversation. Marcs Mutter, Renate Becker, eine elegante Frau Mitte fünfzig mit sorgfältig frisiertem Haar, erzählte der Nachbarin von einer Reise nach Prag. Alexander Becker nickte, lachte, schenkte Wein nach er war sichtlich zufrieden, jedes seiner Gesten, sein breites Lächeln zeugten davon.
Johanna war fünfundzwanzig. Aufgewachsen im Münchner Stadtteil Giesing, in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im fünften Stock eines Nachkriegsbaus, in dem im Frühling die Leitungen lecken und die Nachbarn sonntags ständig Möbel verrücken. Mama war vor drei Jahren gestorben, ein halbes Jahr nach ihrem Schlaganfall. Papa hatte auf dem Bau gearbeitet, war in den letzten Jahren auf gelegentliche Jobs angewiesen. Sie lebten zu zweit, bescheiden, zuweilen sehr bescheiden.
Marc hatte sie zufällig kennengelernt, auf einer Ausstellung für Architekturprojekte, zu der sie mit einer Freundin gegangen war. Er stand an einem Modell eines Wohnkomplexes und diskutierte heftig mit einem älteren Herrn mit Brille. Johanna sah nicht ihn an, sondern das Modell. Marc hatte das bemerkt, kam näher, fragte, was sie so beschäftigte.
Danach tranken sie unten in einem kleinen Café zwei Stunden lang Kaffee, später spazierten sie drei Stunden an der Isar entlang. Johanna wusste da noch nicht, wer Marcs Vater war. Erfuhr es später, da war es aber längst zu spät: Sie hatte Marc schon jeden Tag im Kopf.
Ihr Vater lernte Marc nach einem halben Jahr kennen höflich, ruhig, fast kumpelhaft. Aber eines Nachts wurde Johanna von Licht in der Küche geweckt; leise Stimmen. Sie sah ihren Vater, das Handy in der Hand, starrte auf einen Punkt.
Papa?
Geh schlafen, Hannchen, meinte er. Alles gut.
Sie schlief aber nicht. Kochte Tee, fragte, was los ist.
Nichts, erwiderte er. Habe bloß an etwas gedacht.
Mehr bekam sie damals nicht heraus.
Jetzt, am festlich gedeckten Tisch, sah sie ihren Vater an und spürte, etwas zog sich in ihr zusammen. Kein Angstgefühl, sondern das Wissen, dass das Unvermeidliche bevorstand; etwas, das nicht aufgehalten werden kann sie hatte von Anfang an davon geahnt, wollte es nur nie wahrhaben.
Wieder legte Marc seine Hand über ihre.
Du bist ganz blass, flüsterte er. Gehts dir nicht gut?
Nein, alles in Ordnung, log sie fast überzeugend.
Alexander Becker erhob sich und hob sein Glas. Sprach über die Jugend, die Zukunft, seine Freude. Seine Stimme voll und sicher, geübt darin, Gehör zu finden. Die Gäste lächelten, Renate Becker sah ihren Mann an, mit einem Ausdruck, den Johanna nicht entschlüsseln konnte weder warm, noch kalt, einfach neutral.
Auf den Trinkspruch folgte das klimpernde Anstoßen der Gläser.
Genau da stand Heinrich Friedrich Gruber auf.
Nicht abrupt. Er erhob sich ruhig, wie jemand, der etwas zu sagen hat. Aus der Innentasche seines Sakkos holte er einen Umschlag, legte ihn auf den Tisch vor sich ab.
Herr Dr. Becker, richtete er sich an Alexander, mit ruhiger Stimme. Der Saal wurde stiller. Ich möchte gern einige Worte sagen.
Becker sah ihn erstaunt an und nickte höflich.
Bitte, Herr Gruber
Friedrich, ergänzte Johannas Vater. Wir kennen uns eigentlich gar nicht. Obwohl wir es sollten.
Nun war es ganz still. Selbst die Kellner hielten inne.
Vor fünfzehn Jahren, sagte er, mit einer Stimme gespannt wie ein Draht, hatte ich eine kleine Baufirma. Zwölf Mitarbeiter, eigene Aufträge, ehrlich, hart erarbeitet. Acht Jahre lang aufgebaut.
Johanna hielt den Atem an.
Im Frühjahr 2009 unterschrieb ich einen Partnerschaftsvertrag mit der Firma BauUnion. Ein Mittelsmann war der Ansprechpartner. Drei Monate später stellte sich heraus, dass dieser im Namen einer anderen Gesellschaft gehandelt hatte. So waren alle Firmenwerte plötzlich an ein neues Unternehmen übergegangen. Auf dem Papier alles legal. Hinter den Papieren stand Ihre Solid AG, hinter der AG standen Sie.
Becker verzog keine Miene. Seine Rechte umklammerte lediglich das Glas.
Ich verlor alles. Firma, Geld, später auch meine Gesundheit. Meine Frau, seine Stimme brach nur ein einziges Mal leicht, erfuhr das noch im selben Jahr. Sie litt sehr. Zwei Jahre später erlitt sie einen Schlaganfall. Die Ärzte sagten, es gäbe viele Gründe. Ich weiß, es gab nur einen: Sie kam nie darüber hinweg, dass wir alles verloren haben.
Er öffnete den Umschlag. Zog einige Papiere heraus, legte sie auf den Tisch.
Hier sind Kopien. Verträge, Auszüge, Korrespondenz. Das Original hat mein Anwalt. Ich verlange kein Geld. Ich gehe auch nicht vor Gericht. Ich will nur, dass Sie hier an diesem schönen Tisch sitzen und wissen, dass ich weiß.
Er blickte Becker direkt in die Augen.
Ich weiß, wer Sie sind. Und meine Tochter weiß es nun auch.
Langsam nahm er sein Sakko vom Stuhl, zog es an, knöpfte es zu.
Herr Gruber, begann Becker, da klang etwas Neues in seiner Stimme weder Wut, noch Unsicherheit, irgendetwas dazwischen , das ist ein schwerer Vorwurf! Falls Sie denken
Ich denke nicht, fiel ihm Heinrich ins Wort. Ich weiß.
Dann ging er zur Tür.
Johanna blickte ihm nach. Sie spürte Marcs Hand an ihrem Handgelenk. Er hielt sie nicht fest, bloß die Geste.
Johanna, flüsterte er. Ich wusste nichts davon. Du musst
Sie sah ihn an: sein ratloses, ehrliches Gesicht. Dann Alexander Becker, der seinem Nachbarn leise etwas ins Ohr sagte, Renate Becker, die ins Glas starrte mit leerem Gesichtsausdruck.
Johanna zog den Ring ab.
Legte ihn auf die weiße Tischdecke.
Stand auf. Nahm ihre Tasche. Ging zur Tür.
Johanna! Marc erhob sich.
Doch sie war schon draußen. In ihren Ohren klang der ruhige, leise Ton ihres Vaters nach: Ich weiß, wer Sie sind. Und meine Tochter jetzt auch.
Draußen nieselte kalter Oktoberregen, unangenehm prasselnd, eher ein feuchter Nebel als richtiger Regen. Ihr Vater stand an den Stufen, knöpfte den Mantel zu.
Johanna trat zu ihm, hakte sich unter.
Sie gingen schweigend nebeneinander her. Der Regen durchnässte Haare, Schultern, Hände. Johanna weinte nicht. Sie fühlte nur den Ellbogen ihres Vaters unter ihrem Arm, dachte daran, wie der Diamantring jetzt ganz allein auf einer weißen Tischdecke in einem Saal mit Kronleuchtern und Rosenduft lag.
***
Ihre Schulfreundin Klara hatte ihr den Schlüssel für eine kleine Wohnung am Ostbahnhof dagelassen; Klara arbeitete in einer anderen Stadt, die Wohnung war monatelang leer. Ein Zimmer, eine Küche so groß wie ein Schrankabteil, Fenster zum Hof, darunter drei Mülltonnen und ein halbtoter Holunder.
Am Tag nach der Verlobung wechselte Johanna die Handynummer. Sie kaufte eine neue SIM, speicherte fünf Nummern ab: ihren Vater, Klara, die Nachbarin Frau Ziegler, die auf ihren Vater aufpasste, Kommilitonin Luise und die Nummer der Hausärztin. Das alte Handy verschwand in der Schublade.
Die erste Woche verließ sie die Wohnung kaum. Lag auf dem Sofa, starrte die Decke an, telefonierte jeden Abend mit dem Vater. Er sprach wenig, aber wartete auf ihren Anruf. Man spürte es.
Irgendwann riss sie sich zusammen. Nicht weil es besser wurde, sondern weil sie musste.
Sie fand Arbeit über Luises Bekannte: Ein kleiner Blumenladen Blümchen in der Maxstraße, drei Minuten zu Fuß entfernt. Die Besitzerin, Frau Gabriele Klein, zweiundsechzig, rundlich, freundlich, flinke Hände, stellte Johanna ohne viele Fragen ein. Nur: ob sie Erfahrung mit Blumen hätte.
Ein wenig, erwiderte Johanna. Kann’s lernen.
Gut. Dann lern mal, meinte Frau Klein.
Der Laden war schmal wie ein Federmäppchen: links ein Kühlregal mit Schnittblumen, rechts Töpfe, in der Mitte der Arbeitstisch Draht, Klebeband, Schere, Reste von Packpapier. Es roch angenehm: feucht, grün, süß von Chrysanthemen. Johanna kam um acht, ging um sechs, schnitt Stiele, band Sträuße, nahm Bestellungen auf, wusch Eimer.
Frau Klein fragte nie nach Johannas Vergangenheit. Sie gehörte zu den Leuten, die einem direkt in die Augen sahen, alles Wichtige erkannten, und sonst schwiegen. Nur einmal, nach zwei Wochen:
Du bist dünner geworden, Johanna. Iss vernünftig.
Mach ich, log sie.
Ach was. Ich hab dir heute Suppe mitgebracht. Steht im Kühlschrank.
Beim Mittag aß Johanna die Suppe, und allein in der Abstellkammer weinte sie das erste Mal seit Wochen nicht sichtbar, nur innerlich war etwas zerbrochen und dann freier geworden.
Die Tage gingen dahin. Oktober wurde November: grau, nass, wenig Licht, Schneematsch, der sofort schmolz. Johanna trug dasselbe braune, an einem Ellbogen abgeschabte Mantel. Abends las sie. Oder schaute auf dem Handy Serien. Sie telefonierte immer noch mit dem Vater.
Der Vater hielt durch. Sagte, auf der Baustelle gäbe es wieder mehr Arbeit, Frau Ziegler backe ihm Kuchen. Seine Stimme war fest, lebendig nur manchmal, ganz am Ende des Gesprächs, blieb er eine Sekunde still, und in dieser Sekunde war mehr, als Johanna aushielt.
Papa, wie geht’s?
Gut, Hannchen. Und dir?
Mir auch.
Beide wussten, es stimmt nicht und taten so als ob.
An Marc wollte sie nicht denken. Es gelang schlecht. Er erschien in ihrem Kopf beim Rosenschneiden, wenn ein Dorn sie stach; auf der Straße, wenn ein Mann mit ähnlicher Jacke vorbeiging; im Halbschlaf, direkt vorm Einschlafen. Sie erinnerte sich an seine Hände, seine Stimme, wie er sie anschaute, wenn er glaubte, sie merkt es nicht. Sie merkte es immer.
Aber der Ring lag auf weißem Tuch, die Mutter im Grab, und der Vater saß nachts in der Küche und starrte ins Nichts.
Man kann nicht wählen zwischen dem einen und dem anderen, dachte sie. Ein Nicht-Wählen, sondern einfach: den Weg gehen, der vor ihr lag.
Drei Monate vergingen schnell, schneller als gedacht. Es wurde Dezember: echter Schnee, Kälte, frühe Dämmerung schon um vier wirkte der Laden winzig und wohlig.
Eines Tags betrat eine fremde Frau den Laden.
Erst schaute Johanna gar nicht hin, schnitt weiter Tulpen. Dann sah sie auf.
Die Frau war vielleicht ihr Alter, ein wenig älter, groß, hellgrauer Mantel, schönes honigfarbenes Haar in Wellen gelegt, schwere süße Parfümschicht.
Guten Tag, sagte sie. Ich suche Johanna Gruber.
Johanna richtete sich auf.
Das bin ich.
Im Blick der Frau lag etwas Undeutbares nicht Wut, nicht Mitleid, dazwischen, vielleicht Triumph.
Ich heiße Annelore. Wir kennen uns nicht persönlich. Aber wir teilen einen gemeinsamen Bekannten: Marc Becker.
Johanna schwieg.
Ich wollte nur sagen, fuhr Annelore mit leicht nach hinten geworfenem Kopf fort, dass Marc und ich wieder ein Paar sind. Vor Ihnen waren wir auch schon zusammen. Sie wussten es sicher nicht. Jetzt heiraten wir im Februar. Ich wollte nur, dass Sie das wissen damit Sie keine falschen Hoffnungen haben.
Johanna betrachtete ihr schönes Gesicht, die schweren Ohrringe, die dünnen Lederhandschuhe, wie die Hand die Tasche ein wenig zu kräftig packte.
Danke, flüsterte Johanna. Ich habe verstanden.
Annelore nickte, ging hinaus.
Die Tür fiel zu, das Glöckchen klirrte.
Johanna stand lange mit der Tulpe in der Hand. Draußen fiel Schnee.
Sie legte die Tulpe weg, ging in den Abstellraum, setzte sich. Erst als Frau Klein kam und diskret fragte, ob sie was bräuchte, stand sie wieder auf.
Nein, alles gut, meinte Johanna.
Frau Klein stellte schweigend Tee vor sie. Fragte nichts. Es war genau richtig so.
***
Eine Woche später ging Johanna in die Poliklinik.
Im November hatte sie sich einen Termin geben lassen, dann immer wieder verschoben, dachte, es sei bloß Stress, das vergeht. Tat es aber nicht.
Die Ärztin war jung, mit müde-wachen Augen, sehr sachlich, abgeklärt, verschrieb die nötigen Untersuchungstermine, bat, in drei Tagen wiederzukommen.
Drei Tage später saß Johanna wieder dort.
Sie sind etwa in der zehnten Woche, sagte die Ärztin. Es sieht alles gut aus. Sie sollten nun ihre Schwangerschaft melden.
Johanna fuhr im Bus nach Hause, blickte aus dem Fenster: Straße, Schnee, Lampen, Leute mit schweren Tüten. Ganz ein normaler Abend. Und sie selbst sah sicher auch ganz normal aus.
Innen drin war alles wie erstarrt. Als ob der Fluss im Inneren plötzlich zu Eis geworden war.
Zuhause zog sie sich aus, stellte Wasser für Tee auf, legte sich mit Socken aufs Sofa, schaute an die Decke.
Zehn Wochen. Oktober. Die Verlobung war Anfang Oktober.
Sie dachte lange nach. Noch länger. Dann stand sie auf, machte Tee, trank ihn am Fenster, der Blick auf den Hof mit Holunder und Mülltonnen. Der Holunder war voller Schnee, die roten Beeren noch fest.
Sofort entschied sie nichts. Drei Tage trug sie dieses Wissen in sich, drehte und wendete es. Dachte an ihren Vater. An die Mutter, was sie wohl sagen würde etwas Klarsichtiges, Handfestes, das alles sofort einordnen würde.
Aber die Mutter fehlte.
Am vierten Tag rief Johanna den Vater an.
Papa, ich muss dir was sagen.
Sags, entgegnete er, gelassen, bereit.
Sie sagte es.
Schweigen. Dann:
Wie geht’s dir?
Mir gehts gut. Ich habe mich entschieden. Mach es allein. Ich brauche von niemandem etwas.
Wieder Stille.
Gut, Hannchen. Ich bin für dich da.
Mehr nicht. Keine überflüssigen Fragen, keine Ratschläge, keine Erörterungen, bloß ich bin für dich da. Es reichte.
***
Im Januar kamen tatsächliche Minusgrade. Das Rohr im Bad tropfte, ein Rotschopf von Klempner kam mit zwei Stunden Verspätung, schaute sich alles kopfschüttelnd an, reparierte am Ende doch, nahm fünfzig Euro, ging wieder.
Johanna bestellte Bücher zur Schwangerschaft, dicke Ratgeber, las abends, notierte Kommentare am Rand. Frau Klein sah so ein Buch mal im Pausenraum, nickte nur und brachte ihr tags drauf warme Wollsocken.
Immer warme Füße! sagte sie.
Frau Klein
Tu, was ich sage. Anziehen!
Johanna gehorchte.
Der Bauch war unter dem Wintermantel kaum zu sehen, aber im kleinen Badezimmer morgens unübersehbar rund. Sie hielt die Hand darauf.
Ob Junge oder Mädchen, über Namen dachte sie noch nicht nach zu früh oder zu unheimlich. Sie lebte einfach, arbeitete, telefonierte mit dem Vater, las, wachte über den Holunder im Hof.
Nicht an Marc zu denken gelang schlechter als früher. Nun waren es weniger Gedanken, als Umstände, die ihn stets präsent machten. Wollte sie, dass er davon wusste? Manchmal nein, nachts manchmal ja.
Aber Annelore hatte gesagt: Hochzeit im Februar. Also spielte es keine Rolle, redete sich Johanna ein.
Im Februar keine Hochzeit, jedenfalls hörte sie nichts. Sie suchte auch nicht, fragte niemand, vermied alles, was davon hätte zeugen können.
März. Der Schnee schmolz, Tropfen von den Dächern, die ersten Pfützen im Hof.
Der Bauch wurde sichtbar, der Mantel ging vorn nicht mehr zu, sie kaufte einen neuen, breiten, dunkelgrün, auf dem Markt für wenig Geld. Frau Klein gab ihr Schreibtischarbeit: Aufträge am Telefon, die Online-Seite pflegen, Einnahmen und Ausgaben notieren. Johanna war dankbar sagte es nie, Frau Klein mochte keine vielen Worte, verstand es trotzdem.
Im März kam ihr Vater zu Besuch. Eine Woche lang. Kam mit Kartoffeln, Zwiebeln, Marmeladengläsern im Schrank gelassen, ein Vorrat aus Mamas Zeit. Johanna öffnete ein Glas, aß es aufs Brot und roch plötzlich ganz deutlich Mutters Küche. Sie musste aus dem Zimmer gehen.
Der Vater fragte nichts, spülte einfach leise ab.
Sie gingen zusammen einmal langsam an der Isar spazieren, zwischen Schmelzwasser und letztem Herbstlaub. Er hielt sie untergehakt, erzählte von belanglosen Dingen: vom Nachbarskater, von Frau Ziegler, die mit Französischlernbüchern jeden Abend Serien im Original schauen will.
Wozu Französisch? schmunzelte Johanna.
Sagt sie, mit fünfundsechzig sei die Zeit reif.
Sie lachten.
Am Ende der Strecke blieb ihr Vater stehen, schaute aufs Wasser.
Bereust du es? fragte er. Unausgesprochen was. Beide wussten, worauf es sich bezog.
Johanna dachte kurz nach. Ehrlich diesmal.
Nein, sagte sie. Bereue nichts.
Er nickte.
***
Der April war launisch, mal frühlinghaft warm, mal klatschte schwerer Schnee, der rasch wieder schmolz. Johanna fuhr regelmäßig zum Arzt, trug immer die Versichertenkarte bei sich, achtete auf die Ernährung, hob nichts Schweres, Frau Klein hatte ein wachsames Auge.
Der Bauch war groß, schlafen beschwerlich, nachts lag Johanna wach und dachte an vieles: an den Vater, an dessen fünfzehn Jahre Schweigen mit seinem Schmerz, wie er alles trug den Firmenverlust, Mutters Krankheit, das tägliche Weitermachen.
An die Mutter: lebendig, herzlich, laut lachend, stumm zornig, einfach dabeisitzend und das wurde leichter. Sie sehnte sich nach ihr, auch nach drei Jahren, als stechende, leise Sehnsucht, die nie ganz verschwand, nur zeitweise ruhiger wurde.
An das Kind: Es würde hier aufwachsen, im kleinen Einzimmerapartment mit Blick auf den Holunder und Mülltonnen. Sie würde arbeiten, ihr Kind großziehen, und das würde reichen. Sie sah wie es andere Frauen auch schafften als Alleinerziehende, manchmal mit Mühe, aber sie schafften es.
Eines Abends zog sie das alte Handy aus der Schublade nicht zum Anrufen, einfach so. Sie schaltete es ein. Viele verpasste Anrufe, alle von Marc. Der letzte im Dezember.
Sie schaltete es wieder aus.
Antwortete nicht. Rief nicht zurück.
Doch sie saß noch lange am Tisch und blickte auf die Schublade.
***
Ein Gespräch vergisst sie nicht.
Luise, die Kommilitonin, schrieb ihr eines Tages: Hanni, weißt du, dass jene Annelore, die bei dir war, gelogen hat? Es gab und gibt keine Hochzeit. Marc ist allein sagen die Leute.
Johanna las, las nochmals.
Sie schrieb zurück: Danke, Luise.
Mehr nicht. Luise verstand und schwieg.
Johanna legte das Handy zurück, ging ans Fenster. Der Holunder ohne Schnee, kahl, mit Beeren vom Vorjahr. Ein paar Spatzen saßen auf den Ästen.
Annelore hatte also gelogen. Keine Hochzeit, kein weißes Kleid. Sie war einfach in dem kleinen Blumenladen erschienen, feines Parfüm, fest die Tasche in der Hand.
Warum? Johanna wusste es oder glaubte es zu wissen: damit sie nicht zurückkehrt. Um diesen Weg unmöglich zu machen.
Aber dieser Weg war ohnehin unmöglich. Für sie, zu solchen Bedingungen.
Sie stand lange am Fenster, dann kochte sie Tee.
***
Im Mai kam endlich richtiges Frühlingswetter. Johanna setzte sich gern auf eine Bank im nahegelegenen Park, wenn es nicht regnete. Die Blätter an den Bäumen jung, hellgrün, durchsichtig. Tauben schritten ungerührt über die Wege.
Die Zeit rückte näher. Die Ärztin sagte bei jedem Termin: Alles bestens. Johanna kaufte ein Kinderbettchen klein, aus Holz, baute es abends mit Anleitung auf, brauchte mehrere Versuche, aber es stand schließlich. Sie stellte es neben die Wand.
Der Vater käme, wenn es soweit ist. Frau Ziegler wollte helfen, aber der Vater bestand darauf, selbst zu bleiben.
Frau Klein strickte etwas Gelbes, etwas Kleines. Johanna bemerkte es im Hinterraum, Frau Klein versteckte es schnell hinterm Rücken.
Was ist das? fragte Johanna.
Nichts, erwiderte Frau Klein. Deine Sache nicht.
Es ist gelb.
Und?
Danke, sagte Johanna.
Frau Klein wedelte ab und ging zurück in den Laden.
Ende Mai fiel plötzlich Schnee nicht viel, aber große, weiche Flocken. Sie setzten sich kurz auf das junge Grün und die ersten Blumen. Zu Mittag waren sie wieder weg. Johanna schaute lange aus dem Schaufenster.
An diesem Abend, sie schloss gerade ab, kam jemand in den Laden.
***
Sie erkannte ihn erst nicht, weil sie mit der Jacke beschäftigt war. Dann hob sie den Kopf.
Marc stand an der Tür.
Er trug eine dunkle Jacke, keinen Hut. Das Haar war noch feucht vom Schnee, der vorhin gefallen war. Er schien dünner als früher, vielleicht auch nur ihre Erinnerung.
Sie sahen sich an, einige lange Sekunden.
Johanna, sagte er.
Seine Stimme sofort erkannt, obwohl sie sich sieben Monate fast eingebildet hatte, sie könne sie vergessen.
Frau Klein verschwand leise im Hinterraum, schloss die Tür. Eine gute Frau.
Wie hast du mich gefunden? fragte Johanna.
Lange gesucht, antwortete er. Sehr lange.
Sie schwieg.
Ich kanns dir erklären, begann er. Ich habe die Firma verlassen. Kein Erbe. Kein Geld vom Vater. Ich habe ihm alles gesagt. Seit Oktober reden wir nicht mehr. Ich habe mein eigenes gegründet. Klein, mit eigenen Leuten. Das braucht Zeit. Ich arbeite.
Johanna hörte zu.
Mit Annelore habe ich nicht geheiratet, setzte er fort. Ich weiß nicht, was sie dir erzählt hat, aber es ist vorbei. Vor dir war sie, nach dir nicht mehr.
Ich weiß, sagte Johanna leise.
Er war kurz erstaunt, nickte.
Ich habe dich die ganze Zeit gesucht. Nummer gewechselt, Adresse hatte ich nicht. Über Bekannte, über weitere Bekannte, schließlich über Luise. Sie sagte, du wärst hier.
Luise, wiederholte Johanna.
Johanna, begann Marc.
Doch jetzt sah er den runden Bauch. Sie versteckte ihn nicht, das offene Mantel ließ nichts verbergen. Acht und ein halber Monat, sehr eindeutig.
Er sah lange hin.
Dann ging er auf ein Knie mitten auf die Fliesen des kleinen Blumenladens, vor ihr.
Marc, sagte sie.
Lass mich, bat er. Die Stimme anders, ruhiger, tiefer. Ich verlange nicht, dass du mir oder meinem Vater vergibst. Oder irgendwas vergisst. Ich weiß auch nicht, was richtig ist. Ich weiß nur: Ich will hier sein. Bei dir. Bei euch.
Johanna stand. Sah auf ihn herab.
Draußen begann es wieder zu schneien, leise, kaum sichtbar.
Steh auf, bat sie. Bitte, steh auf.
Er stand auf. Sie standen dicht beieinander, näher als seit sieben Monaten.
Du musst verstehen, begann sie.
Ich verstehe.
Nein, sagte sie. Hör zu. Mein Vater hat deinetwegen alles verloren. Acht Jahre Arbeit. Und meine Mutter. Nicht alles sofort, aber auch sie. Das verschwindet nicht, weil du aus der Firma aussteigst. Das bleibt.
Ja, nickte er. Das bleibt.
Und ich weiß nicht, sprach Johanna weiter, nun leise, fast sachlich, ob ich dich manchmal ansehen kann und es nicht sehe. Ich weiß es nicht. Ich will ehrlich sein.
Ich höre dir zu, sagte er.
Ich sage nicht nein, sagte Johanna. Ich weiß es einfach noch nicht.
Er schwieg.
Und ich sage auch nicht ja. Noch nicht.
Noch nicht, wiederholte er, sehr vorsichtig.
Noch nicht.
Aus dem Hinterzimmer klapperte leise Geschirr. Dann wieder Stille.
Johanna spürte Bewegung im Bauch gewohnt, und doch jedes Mal überraschend. Sie legte die Hand darauf.
Marc sah erst ihre Hand, dann ihr Gesicht. In seinen Augen war etwas, das sie lieber nicht länger anschauen wollte.
Darf ich… setzte er an.
Nein, sagte sie. Nicht schroff, einfach so.
Er verstand, nickte.
Wo wohnst du gerade? fragte sie.
Hotel. Ganz in der Nähe.
Wie lange bleibst du?
So lange wie nötig. Ich habe Zeit.
Johanna schloss die Jacke oben, ließ sie unten offen.
Ich habe morgen früh einen Termin beim Arzt. Ich muss schlafen.
Ich begleite dich.
Nein.
Bis zur Ecke.
Sie überlegte.
Bis zur Ecke.
***
Sie verließen den Laden. Frau Klein steckte den Kopf zur Tür raus:
Johanna, nimm einen Schirm mit!
Brauch keinen!
Braucht man immer!
Sie winkte ab, Frau Klein verschwand.
Es fiel weiter leichter, durchsichtiger Schnee. Blieb nicht liegen, schmolz auf Marcs Jacke, auf ihrem Mantel. Das Pflaster glänzte feucht im Licht der Laternen.
Sie schwiegen, gingen nebeneinander.
Weißt du schon, wie es heißen soll? fragte Marc nach kurzer Stille.
Noch nicht.
Mädchen oder Junge?
Mädchen.
Er sagte daraufhin nichts mehr, ging nur neben ihr.
An der Straßenecke blieb Johanna stehen.
Ab hier gehe ich alleine, sagte sie.
In Ordnung.
Sie sahen sich an.
Marc, sagte sie.
Ja?
Findest du, dein Vater wird je wirklich antworten ehrlich?
Er dachte kurz nach.
Ich weiß es nicht, sagte er ehrlich. Was ich machen konnte, habe ich getan. Mehr liegt nicht in meiner Hand.
Johanna nickte, überlegte.
Ruf mich morgen nach zwölf an, sagte sie.
Marc veränderte kaum sein Gesicht. Doch etwas wurde sachter, klarer.
Nach zwölf, versprach er.
Sie wandte sich ab, ging. Nasse Blätter auf Asphalt, seltener Schnee, ganz und gar nicht wie Mai.
Sie sah sich nicht um.
Aber sie wusste, er stand an der Ecke, sah ihr nach. Ging nicht weg, bevor sie um die Kurve war.
Manchmal reicht das für einen Anfang. Nicht für alles, nicht für großes Glück, nicht als Antwort auf all die offenen Fragen aber genug, morgen, nach zwölf, ans Telefon zu gehen.
Sie bog um die Ecke.
Die Laterne schwankte im Wind. Schnee fiel auf das frische Grün der Bäume, schmolz, bevor er liegen blieb.
***
Ich schreibe das alles jetzt nieder, in einer der stillen Maiennächte. Es war ein langer Weg, voller Schmerz, Zweifel, Entscheidungen, die niemand für mich fällen konnte. Ich habe gelernt: Respekt für die eigene Vergangenheit ist wichtiger als Kompromisse um jeden Preis. Und dass Mut nicht das Gegenteil von Angst ist, sondern das Weitergehen trotz allem.
Morgen, nach zwölf, werde ich das Gespräch annehmen offen, vorsichtig und mit dem neuen Leben, das in mir wächst. Das genügt.





