Der Ehemann hat die Freunde auf Distanz gehalten, nun ist die Frau an der Reihe!

Wegen dir gehe ich nicht mal zu meinem eigenen Geburtstag! Und ich will ja wirklich hingehen! schrie Gisela, Augen funkelnd vor Ärger.

Wo liegt das Problem? fragte Viktor und lehnte sich zurück. Lena und Gregor sind doch unsere gemeinsamen Freunde Familienfreunde. Das heißt, deine Freunde sind auch meine.

Natürlich! flammte Gisela auf. Und wie soll das aussehen? Wir wurden eingeladen, und ich komme allein! Was soll ich ihnen sagen?

Sag einfach die Wahrheit, dass ich einfach nicht will. Nicht zu ihnen, aber überhaupt nicht.

Oder du könntest lügen, dass ich mir wieder den Rücken erkältet habe und durch die Wohnung schleiche wie ein kranker Aal. Ein kurzes Lächeln huschte über Viktors Lippen. Der Rücken tut tatsächlich weh, also ist das eine hundertprozentige Ausrede.

Gisela musterte ihren Mann intensiv, suchte in seinem Blick ein Anzeichen dafür, dass er scherzte. Doch Viktor blieb ernst, beinahe noch trauriger als sonst.

Viktor, ist etwas passiert? fragte Gisela leise.

Nein, erwiderte er sofort. Woher nimmst du das?

Wir waren immer mit Lena und Gregor befreundet. Jetzt hat Gregor Geburtstag und du willst nicht hingehen! Das wird doch ein Spaß, Viktor!

Gisela, wenn du willst, geh du! Du kannst mir jede Lüge erzählen, die dir einfällt nur damit ich zu Hause bleibe! Und dann sagst du mir später, dass ich recht habe. Viktor sah sie prüfend an. Ehrlich, ich will einfach nicht hingehen. Ich bleibe lieber zu Hause

Du hast ja nicht mal Gregors Geburtstag besucht, bemerkte Gisela nachdenklich. Und Katja mit Anton? Wie lange haben wir uns als Familien noch nicht gesehen? Zwei Jahre? Nein, drei?

Ich wiederhole es noch einmal, neigte Viktor den Kopf zur Seite, niemand hat dich daran gehindert. Du hättest, wenn du wolltest, zu Besuch gehen, ein Picknick machen oder zu Anton aufs Landhaus fahren können. Du bist nie gefahren.

Weil es unhöflich ist, allein zu gehen! schrie Gisela. Wie wird über uns als Familie geredet? Wenn ich allein komme, heißt das, wir streiten! Und ich wollte ja feiern. Dann ist das kein Streit mehr, sondern ein Riss! Oder reicht dir das Gerücht, dass wir uns streiten?

Glaubst du das? lächelte Viktor. Mir ist völlig egal, was andere über uns denken.

Gisela dachte über seine Worte nach. Er hatte recht es spielt keine Rolle, was andere denken. Doch das eigentliche Problem reichte tiefer als ein bloßer Besuch.

Viktor, darüber streite ich nicht, aber kannst du mir sagen, was mit dir los ist? Du hast dich so verändert, dass ich dich kaum noch erkenne. Sie versuchte, ruhig zu bleiben. Das beunruhigt mich.

Und worin besteht diese Veränderung, dass du dir Sorgen machst? fragte Viktor.

Dein Verhalten, antwortete Gisela. Du meidest Menschen. Du sagst selbst, du willst lieber allein und in Stille sein.

Das ist unnormal! Bist du krank?

Vielleicht gehe ich zur Besserung?, kontert Viktor.

***

Gisela hatte immer geglaubt, sie hätten ein glückliches Ehepaar. Ist nicht das Glück, wenn Probleme im Leben immer leicht zu lösen scheinen, weil man zusammensteht? Und das, was das Paar wirklich ausmacht, ist kein bloßes Aufteilen von Haushalt und Finanzen, sondern ein echtes Familiengefühl.

Sie hatten ein gutes Verhältnis zu Giselas Schwiegereltern. Der Schwiegervater war ein herzlicher Mensch, und Giselas Eltern halfen immer, wann immer sie gefragt wurden sogar ohne Aufforderung. Auch Viktors Eltern standen immer bereit. Giselas Mutter nannte Viktor vom ersten Tag an Sohn.

Ein passendes Zuhause für das junge Paar war schnell gefunden. Die beiden Familien setzten sich zusammen, sortierten, verteilten Zimmer, und schließlich bekam das Paar eine schöne Wohnung.

Das Auto war kein altes Schrottstück, sondern ein nagelneuer Geländewagen, den die Verwandten zum Geburtstag des ersten Enkels schenkten.

Freunde, Verwandte, alle lagen ihnen zu Füßen. Wer könnte sie nicht mögen, wenn Gisela und Viktor so viel Wärme und Glück ausstrahlten? Sie wurden gern aufgesucht, um Freude und Kummer zu teilen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Nie musste jemand Handwerker rufen. Unter den Freunden gab es immer einen Elektriker, einen Klempner oder einen Schreiner, der zu Hilfe kam. Sie halfen einander beruflich, nicht aus Eigeninteresse, sondern nach dem Prinzip Eine Hand wäscht die andere.

Die Familie Gisela und Viktor lebte in einer lebhaften Gemeinschaft, in der Feste, Geburtstage und kulturelle Veranstaltungen stets gemeinsam gefeiert wurden nie allein in einer kleinen Kammer.

Wenn das Leben glücklich erscheint, fliegen die Jahre wie im Flug. Themen wechseln von oberflächlichem Spaß zu ernsteren Gesprächen über Gesundheit und wie man damit umgeht. Die Seele bleibt jung, der Körper jedoch nicht.

Durch mehr gemeinsame Ausflüge in Kurorte und ländliche Anlagen wurde das Wohlbefinden wichtiger. Und das brachte ein neues Gefühl von Komfort.

Dann, eines Abends, durchbrach ein leiser Wind das stille Haus.

Gisela, wenn du willst, fahr du hin, sagte Viktor, ich bleibe lieber zu Hause. Die Arbeit hat mich erschöpft, ich brauche Ruhe. Und mit Klaus will ich noch die Mathematik nachholen.

Ernsthaft?, erstaunte Gisela. Da wird es doch lustig! Bei den Freunden kann man entspannen!

Gisela, ihr werdet Spaß haben, ich bin aber mit mieser Laune. Die Kollegen fragen immer, was los ist. Und ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Du bist nicht beleidigt, wenn ich gehe?, fragte Gisela.

Natürlich nicht, lächelte er aufrichtig. Ich mache mit Klaus ein paar Matheaufgaben, schaue einen Film und atme durch. Und du genießt die Party!

In Viktors Kopf drehte sich immer wieder die Frage: Warum? Jedes Mal, wenn jemand zu einem weiteren Treffen einlud, kam dieser Gedanke auf.

Da fährt man mit dem Taxi, weil man sonst doch noch einen Schnaps trinken muss. Dann hört man die Nachrichten, erzählt sie weiter, aber eigentlich gibt es nichts zu erzählen. Spät in der Nacht geht man nach Hause. Zu Hause gibt es sowieso genug zu tun. Am Morgen mit schwerem Kopf, dann die Tablette Warum? Ich lüge besser etwas Vorstellbares, damit niemand beleidigt ist, und bleibe zu Hause.

Gisela war eine Zeitlang allein zu den Feiern gegangen, dann wurde ihr das unangenehm. Sie fühlte sich wie eine Besucher­in, nicht wie die Ehefrau.

Man kann nicht sagen, dass Viktor mit jemandem im Streit war. Wenn man ihn anrief, sprach er freundlich. Brauchte man seine Hilfe, half er gern, sei es beim Strom oder beim Wasser. Und umgekehrt.

Selbst wenn er am Tag zuvor nicht zu einem Kindergeburtstag gegangen war, half er später beim Austausch des Wasserhahns in ihrer Wohnung. Freunde waren da, aber die Nähe schwand.

Gisela verstand nicht, was mit ihrem Mann geschah, und suchte Rat bei ihrer Mutter, Inge.

Du musst mit Viktor reden, nicht mit mir, sagte Inge. Dass er sich von allen zurückzieht, ist ein schlechtes Zeichen. Wenn ein Mann die Einsamkeit wählt, bleibt er dort, bis er völlig versunken ist.

Was bedeutet das?, fragte Gisela.

Dass du für ihn irgendwann überflüssig wirst, eine Last, erwiderte Inge. Du musst mit ihm reden, um den Grund zu finden. Männer wagen solche Schritte meist erst, wenn alles bereits schlecht ist. Vielleicht hat er eine Krankheit, die er verheimlicht. Er distanziert sich von Freunden, wird kühl zu dir, vergisst die Freunde und könnte sich sogar scheiden.

Er fühlt sich doch okay, stammelte Gisela.

Vielleicht hat er andere Interessen, zeigte Inge mit einer zweideutigen Handbewegung. Alte Freunde und die Familie geraten in den Hintergrund, weil etwas Neues am Horizont lockt.

Das Gespräch musste beginnen, aber ein Vorwand war nötig. Und jetzt hatte Viktor das letzte Haar seiner Geduld bei Gregors Geburtstag verloren.

Wort für Wort

***

Gisela blickte Viktor überrascht an.

Nimm mich nicht für verrückt, sagte Viktor, aber ich habe über das Wichtigste im Leben nachgedacht. Und ich habe die Antwort gefunden: Zeit. Dieser begrenzte Rohstoff, ohne den es nichts gibt.

Ist das nicht zu früh, über Zeit nachzudenken?, fragte Gisela.

Du sagst früh, ich sage zu spät!, entgegnete Viktor. Vor zwei Jahren haben wir meinen Vater beerdigt. Er ist nicht mehr da. Ich dachte, anstatt bei diesem Geburtstag zu gehen, hätte ich lieber mit meinem Vater Zeit verbracht, geredet, einfach geschwiegen zusammen. Jetzt habe ich diese Gelegenheit nie mehr.

Genug jetzt!, grinste Gisela. Das ist das Leben. Niemand lebt ewig. Wer wann geht, bleibt ein Rätsel.

Stimmt, nickte Viktor. Unsere Eltern werden nicht ewig sein, wir auch nicht. Unser Sohn Kosta wird erwachsen, seine eigene Familie gründen, und dann wird er keine Zeit mehr für uns haben. Statt mit Anton das Gehalt zu verdoppeln, hätte ich lieber mit Kosta im Hof Ball gespielt! Das ist wichtiger!

Ja, murmelte Gisela nachdenklich.

Ich meine, wir verschwenden Zeit mit belanglosen Dingen. Währenddessen vernachlässigen wir das Wesentliche Familie, Eltern, Kinder.

Gisela schwieg.

Statt Gregors Geburtstag zu feiern, hätte ich lieber mit dir einen Film geschaut, zusammen gekocht, über etwas Schönes geredet! Zeit mit unserer Familie verbringen, vielleicht Lotto mit Kosta spielen!

Gisela ließ den Geburtstag von Gregor aus und gratulierte nur telefonisch. Den Abend verbrachte sie mit Viktor. Am nächsten Tag fuhren sie zuerst zu Viktors Mutter, danach zu Giselas Eltern. Das war wichtiger und wertvoller als irgendein Freundestreffen.

Schade, Zeit für belanglose Dinge zu verschwenden, wenn die wirklich wichtigen Momente fehlen!

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der Ehemann hat die Freunde auf Distanz gehalten, nun ist die Frau an der Reihe!
Ich möchte im Sommer mit der Familie meines Mannes an die Ostsee fahren, aber meine Mutter ist dagegen, weil sie meine Hilfe im Garten braucht.