Die Falle der Eifersucht

Eifersuchtsfalle

Leni saß auf einem Federbett aus seidenweichem Schnee, das eigentlich ihr eigener war, aber manchmal auch zu schweben schien, als wäre es gar nicht ihr. In ihren Händen drehte sich das Licht eines Handys, das sie endlos durch die endlosen Gänge der sozialen Netzwerke führteso endlos wie der Berliner Winter vor ihrem Fenster; oder war es doch irgendein anderer, unbenennbarer Ort in Deutschland, an den sie in diesem Traum verschlagen war?

Just in dem Moment trat ihre ältere Schwester ins ZimmerChrista, mit festen Schritten und leisen Schatten unter den Augen, die zu viele Tage in vollen U-Bahn-Waggons verbracht hatten. Noch ehe Christa ganz da war, rief Leni, ohne aufzusehen, mit dem Tonfall einer deutschen Wettermoderatorin vor einer Blitzwarnung:

Christa, ich brauch dringend ein neues Handy.

Die Worte zogen Kreise im Raum, und doch klangen sie alltäglich, selbstverständlich; so, als würde in Hamburg ein Fischbrötchen serviert und keiner bemerkte die zusätzliche Scheibe Gurke. Christa, die gerade nach wild verstreuten Socken und Notizen angeltesie reiste morgen ab, sagte der Traumwarf Leni einen halbherzigen Blick zu und antwortete, ruhig wie eine Schaffnerin, die den nächsten Halt ausruft:

Frag doch Mama.

Leni schnaubte und ließ das Handy sinken. Ein Hauch Ärger huschte wie ein Schatten durch ihre Augen.

Sie gibt mir eh kein Geld, meinte sie, als stünde das unumstößlich fest wie der nächste Streik der Lokführer. Sie findet, ich bin zu fordernd.

Christa schichtete noch eine Strickjacke in den Koffer, richtete sich auf und sah Leni an. Ein Blick voll müder Klarheit, als hätte sie alle Nächte Berlins durchwacht.

Da liegt sie nicht mal falsch, erwiderte sie, ihre Stimme schnitt durch die Luft wie ein Windstoß auf dem Flachland. Wenn du was willst, musst dus dir schon selber verdienen. Ich bin schließlich nicht immer zum Helfen da.

Diese Worte trafen Leni wie der plötzliche Lärm am Alexanderplatz. Sie setzte sich auf, Empörung wie eine rote Ampel in ihrem Gesicht.

Ich bin erst neunzehn und im Studium! platzte sie heraus, die Stimme so schrill wie ein Sportkommentator beim Elfmeter. Warum soll ich arbeiten? Ihr habt mir immer geholfen, das ist eben normal!

Christa seufzte, fuhr aber nicht hoch. Stattdessen erinnerte sie nüchtern:

Ich heirate in einem Monat. Da brauchts viel Geld, für alles Mögliche. Freu dich lieber für mich ich gründe meine eigene Familie.

Sie griff nach ihrem Koffer und glitt aus dem Zimmer. Die Tür fiel zu wie das Zuschlagen eines alten Klaviers im Traum ein Nachhall, ein Echo, das lenkt und lenkt und nie verhallt. Leni saß allein, hielt das altersschwache Handy so fest, dass ihr vielleicht das Display in die Hand schnitt. Ihre Miene wurde weicher, doch in ihren Augen brannte noch immer ein bisschen Trotz, wie eine Kerze, die das Zimmer fast zu erleuchten vermochte. Ganz leise, fast nur für die Tapete sagte sie:

Das werden wir ja noch sehen…

Ein triumphierendes Lächeln schlich über ihre Lippen, das gefährlicher war als jeder Berliner Graupelschauer. Sie lehnte sich zurück, starrte die Schatten an der Decke an, und ein Traum-Monolog kroch tröpfelnd durch ihre Gedanken:

Solange ich dich brauche, bleibst du bei mir. Und wie ich das anstelle, ist eh egal.

In Lenis Kopf regte sich schon der Plan noch formlos, schwebend, wie das Vorzeichen eines surrealen Flohmarkts auf der Museumsinsel.

Schon als Kind wünschte sie, was nach Ortschaften in Hessen benannt war, weil man Kindern hier gern auffällige Namen gibt. Die Eltern vergötterten sie fünf lange Winter hatten sie gewartet, und als Leni schließlich kam, nannten die alten Nachbarn sie kleines Glück. Alles, was sie je wollte, wurde ihr sofort gereicht, wie eine extra Portion Spätzle im Gasthof.

Mit der Zeit wurde daraus ein Charaktermerkmal. Leni dachte wenig über andere nach für sie arrangierte sich die Welt wie das Septemberlicht auf einem frisch gepflügten Feld. Die Schwester trug ihre Rolle als dienstbare Gehilfe wie ein schweres, aber verziertes Tablett. Seit Leni denken konnte, war Christa da: sie erledigte die Hausaufgaben, erklärte Abi-Themen und half Leni mit der Zusage an eine ordentliche Hochschule. Für Christa bedeutete das Fürsorge; für Leni war es nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Ordnung der Dinge zu ihren Gunsten abläuft.

Auch Geldprobleme kannte Leni nicht. Stets buchte ihre Mutter einen zweistelligen Betrag auf das Konto nicht zu viel, aber genug, damit der Kaffee nie ausgeht. Und wenn es einmal nicht reichte, reichte ein kurzer Anruf bei Christa. Sie gab ohne Widerworte, wie ein verlorener Glückspfennig in der Straßenbahn. So lief es immer… bis Christas Leben von Moritz gestreift wurde.

Moritz, der Verlobte. Anders als alle bisherigen Berliner Gestalten: charmant, witzig, klug, mit ständigem Augenzwinkern und festen Prinzipien. Für Christa wurde er zum Ritter, der seine Rüstung für sie mit Butterbroten polierte. In seiner Nähe fühlte sie sich vollkommen zumindest im Dämmerlicht des Traums.

Doch wie jede deutsche Sage hatte auch dieser Traum seine bittere Note. Moritz war furchtbar eifersüchtig. Keine ständigen Vorwürfe, aber stets ein Unterton in der Stimme, ein Augenbrauenheben bei jedem WhatsApp-Gespräch. Christa wollte das ignorieren; im Traum war Eifersucht Sehnsucht im anderen Anzug, daran gewöhnt man sich vielleicht irgendwann.

Das Leben drehte sich weiter wie ein Kettenkarussell auf dem Berliner Dom: Standesamtsanmeldung, Restaurant reserviert, Einladungen verschickt Checklisten voller schöner Aufgaben. Jeden Tag neue Gründe, an das Glück zu glauben. Nichts konnte die Vorfreude trüben… noch nicht.

***

Leni rollte das Handy in ihren Händen, als versuchte sie, daraus einen Schlüssel zu drehen, der zu einer anderen Zeit führte. Moritz, Christas Verlobter. Der Mann, in dessen Nähe Christa in letzter Zeit schimmerte, als hätte sie endlich das richtige Licht gefunden. Doch Leni war nicht nach Licht zumutesie wusste genau, was sie wollte.

Tief durchatmend drückte sie in dieser Szene die grüne Taste am Telefon. Ihr Herz polterte wie ein ICE im Tunnel, aber ihre Stimme klang weich, fast freundlich:

Hallo Moritz, hier ist Leni. Sag mal, Christa ist total eingespannt, ich hab sie ewig nicht gesehen. Wir wollten sowieso seit einer Woche…

Am anderen Ende herrschte eine Pause, kurz und kalt wie die Luft auf Sylt im Februar. Dann kam Moritz Stimme, voller erstaunter Schwebeworte:

Ich dachte, sie ist bei dir.

Leni blinzelte. Jetzt schwebte in ihrem Blick Zufriedenheit, als hätte sie heimlich das bessere Los gezogen.

Echt? Ich hab sie seit Tagen nicht gesehen, wiederholte sie verwundert. Warum sollte sie überhaupt bei mir sein?

Weil sie fast jeden Abend nicht bei mir schläft, Moritz Stimme wurde hart, das R rollen drohend, und behauptet, sie wäre bei dir!

Oh! Leni tat, als erkenne sie erst jetzt das Ausmaß des Problems. Keine Ahnung, was da los ist… Ich ruf später zurück, ja? Tschüss!

Schnell legte sie auf. Ihre Hände zitterten ein wenig, aber es war jenes angenehme Zittern, das man spürt, wenn die Uhr in einem alten Schlossturm Mitternacht schlägt und alle Geister tanzen gehen. Alles lief blendend nach ihrem Plan.

Vor ihrem inneren Auge sah sie Moritz, wie er grübelt, das Handy wie eine Eintrittskarte zu einer Geisterbahn umklammert. Bald wird er Christa durchlöchern, bald glaubt er kein Wort mehr. Dann knallt die Tür.

Und wohin geht Christa, wenn niemand mehr ihre Sicherheit ist? Zu Leni, versteht sich. Genau so sollte die Geschichte laufen. Christa würde vor ihrer Tür stehen, zusammengefallen und mit Koffern voller Wind und Fragen. Und Leni würde sie empfangen, wie eine Herbergsmutter, freundlich und umsichtig. Und dann dann würde Leni einen Wunsch äußern. Endlich käme das ersehnte neue Handy auf den Plan.

Leni lehnte sich zurück, das Handy glitzernd in der Hand wie eine Eintrittskarte zur Mitternachtsvorstellung. Sie spürte, wie die Welt sich bald nach ihrem Skript drehen sollte.

***

Christa kehrte später nach Hause zurück, leicht aufgedreht. Sie hatte heute ein Gespräch mit der Konditorin geführt der Traum verlangte ja irgendwie nach einer extravagant verschnörkelten Torte. Unterwegs hatte sie Moritz Lieblingskrapfen gekauft, süß wie die Kindheit und fettig wie die Liebe. Lächelnd steckte sie ihre Schlüssel ins Türschloss… und in dem Moment war alles Licht auf einmal weg.

Da standen zwei Koffer, wie ausgespuckt, mitten auf den Fliesen. Davor Moritz, das Gesicht eine Maske aus Zorn und Scham erregt, als wäre er ein Protagonist auf einer norddeutschen Bühne.

Was soll das? Warum hast du meine Sachen gepackt? fragte Christa mit der Ratlosigkeit einer, die aus ihrem eigenen Traum geschoben wird.

Raus mit dir! knurrte Moritz, trat gegen einen der Koffer, der wie ein rollender Ball in einer Bowlingbahn vorauseilte. Ich kann Frauen wie dich nicht ausstehen!

Was ist los? Ich war doch… nur mal bei meiner Schwester? Christa verstand nicht, was passierte. Gerade eben schmiedeten sie zusammen Pläne jetzt war alles vorbei wie die letzte Szene eines Theaterstücks.

Du warst gar nicht bei ihr, Moritz fauchte wie ein Herbstwind, sie hats gerade bestätigt. Also, wo verdammt warst du dann?

Christas Welt stürzte krachend ein. Sie suchte nach logischen Fäden, aber alles glühte und verbrannte in einem Knäuel aus Eifersucht.

Das ergibt keinen Sinn, murmelte sie, zu sich, zu allen, die vielleicht im Dunkel hinter der Tapete zuhörten. Sie hätte das niemals gesagt…

Doch das Gesicht von Moritz hatte längst die Kälte deutscher Winter angenommen.

Gleichgültig. Nimm deine Sachen und verschwinde. Oder soll ich helfen?

Die Stimme war fremd geworden, wie das Läuten einer Totenglocke in der Ferne. Christa griff nach den Koffern, die Hände zitterten wie Espenlaub im November. Ihre Gedanken waren Kreisel, ihre Welt verwandelte sich in Nebel.

Moritz ließ ihr keine Zeit zu antworten. Er war entschlossen wie ein Kontrolleur, der schwarzfahrende Träume aus dem Zug wirft. Christa landete mit Koffern und Tränen auf dem dunklen Treppenhaus, zurück blieb nur das Klacken des Türschlosses stark, abschließend, endgültig.

Sie stand da, die Koffer so schwer wie ihre Gedanken. Die Tränen rollten, doch sie trocknete sie nicht. Wie, frage sie sich, konnte alles so schnell enden: ein Jahr, Träume, Pläne, all der Kram, den das Herz ansammelt?

Nach einer Weile zog sie ihr Handy heraus. Im Display spiegelten sich ihre roten Augen, als wären sie zwei kleine Straßenlaternen im Nebel.

Hast du mit Moritz geredet? war das Erste, was sie Leni fragte.

Wieso? Warum sollte ich mit deinem Verlobten sprechen? klang Leni, weicher als Butter in der Sonne, aber merkwürdig zufrieden. Ihr hattet wohl einen Streit? Na ja, ich lass dich nicht im Stich.

Christa legte wortlos auf. Ihre Hoffnung, dass Leni das nicht getan haben könnte, riss wie ein Luftballon im Wind. Sie wusste es und doch wollte sie nicht daran glauben: dass die kleine Schwester, mit der sie Nächte lang geträumt hatte, so handeln würde.

Langsam bewegte sie die Koffer Richtung Fahrstuhl neue Wege, neue Städte, fremde Teppichmuster in fremden Fluren, so sollte es nun sein.

Die Nacht verbrachte sie in einem Hotel; Leni wohnte inzwischen in der gemeinsamen alten Wohnung. Doch das schien Christa so fern, wie ein anderer Kontinent.

***

Am nächsten Morgen, Berlin lag unter einer dicken Schicht aus Nebel und Routine, betrat Christa ihr Büro. Die Augen waren noch etwas dick, die Maske des Alltags half kaum. Aber sie gab sich keine Blöße. Arbeit war ihr letzter Zufluchtsort.

Direkt steuerte sie das Büro des Chefs an. Herr Schroth, wie ein alter Musikdirektor, bemerkte sofort die Änderung in ihrer Melodie.

Christa, Sie sehen nicht gut aus. Ist etwas passiert?

Herr Schroth, sie hob die Stimme zu einer mutigen geraden Linie, ich möchte kündigen.

Er lehnte sich zurück, kratzte sich nachdenklich am Kinn, als wolle er ein neues Notenblatt vorbereiten.

Erinnern Sie sich an die Stelle in München, die wir neulich besprachen?

Christa hielt inne. München? Neubeginn? Vielleicht war das die Richtung, in die dieser Traum wollte.

Danke, Herr Schroth, aber ich wollte eigentlich… ich bin schwanger.

Stille. Dann ein Lächeln, das so warm war wie Butterbreze in einer Hand nach dem Feierabend.

Herzlichen Glückwunsch, Christa! Das ist doch wunderbar.

Sie starrte ihn überrascht an.

Wirklich? Ist das kein Problem?

Natürlich nicht. Das Leben geht weiter, sagte er nur. Wir halten Ihren Platz frei. Überlegen Sie sich den Wechsel, vielleicht ist München die Freiheit, die Sie brauchen.

In Christa hob sich ein Gewicht, das nirgends hingehörte. Jemand glaubte an sie, gab ihr Hoffnung, obwohl der Traum noch nachhallte.

Sie zögerte nicht mehr.

Ich nehme die Stelle, Herr Schroth.

Am selben Abend, allein im Hotelzimmer, klickte sie sich durch einen wabernden Bildschirm. Flug nach München, einer Richtung, ins Unbekannte, in das, was sein könnte. Ein kurzer Klick und das Ticket in der Hand. Noch sagte sie niemandem vom Kind. Moritz, dachte sie, was würde er schon glauben?

Fenster auf. Dunkelheit. Irgendwo hinter Bergen und Schienen fuhr ein Zug, und vielleicht kam sie neu an.

Morgen würde sie packen. Morgen würde ein weißes Blatt Papier auf sie warten.

***

Im Traum treiben Jahre schnell vorbei. Es war drei Jahre her, seit der Tag an dem Moritz Christa hinausgeworfen hatte. Erst hatte er geglaubt, sie käme reumütig zurück, eine traurige Gestalt vor der Wohnungstür, um Vergebung bittend. Doch Christa kam nicht. Kein Anruf, keine Nachricht.

Es kratzte ihm an der Ehre. Später an der Seele.

Von einem alten Freund hörte er:

Sie ist weg, nach München gezogen. Toller Job.

Moritz zuckte mit den Schultern. Doch etwas bohrte in ihm wie ein gläserner Splitter im Fuß. Sie kam nie zurück.

Leni aber ließ ihn nicht los: Sie tauchte immer wieder auf, aufgedreht, fordernd, so laut wie Straßenmusik auf dem Oktoberfest.

Gib mir Christas Nummer! Sie hat mich blockiert, unfassbar! Jetzt muss ich hier alleine zurechtkommen…

Moritz sah endlich klar: Leni war nicht nur verloren, sie war auch Meisterin darin, zu nehmen, was sie brauchte. Und Christa? War unersetzlich.

Irgendwann sagte Moritz, mit müdem Lächeln:

Leni, ich möchte dich nicht mehr sehen. Versuch, allein klarzukommen.

Leni schnaubte, drehte sich um, ließ die Tür hörbar knallen. Moritz fühlte Erleichterung. Zum ersten Mal.

Wieder Monate später brachte sein Beruf ihn nach München. Der Traum war schon fast zu Ende. Am Abend ging er im Park spazieren. Die Bäume glühten, Blätter wirbelten in zarten Windhosen, Kinder lachten.

Er sah eine kleine Familie: Mutter, Vater und ein strahlendes, blondgelocktes Mädchen. Die Mutter lachte und warf Buchenblätter in die Luft. Der Vater fing das Kind an der Hand, die Kleine sprang kichernd ins Laubmeer.

Moritz hielt inne. Träume, Hoffnung, Vergangenheit alles brauste in ihm auf. Das Kind erinnerte ihn an Christa: die blauen Augen, die Art zu lächeln.

Dann wandte sich die Frau ihm zu. Es war Christa. Reifer, gelöst, die Traurigkeit von damals gewichen. Ein Mann stand neben ihr, freundlich, ruhig, verlässlich. Christa lehnte sich sanft an ihn.

Moritz spürte Traurigkeit, aber keine Wut. Nur einen Rest von Sehnsucht und das Gefühl, dass Christa bekommen hatte, was er ihr nie geben konnte: Wärme, Vertrauen, ein Zuhause.

Sie lachten, liefen weiter, der Herbstwind trug sie fort. Moritz blieb stehen. Er wusste das war die letzte Seite dieses Traums, ein leises Ende. Er hätte hingehen können. Um Verzeihung bitten. Aber wozu? Das Glück nicht stören, das man selbst nicht zu geben vermochte.

Er drehte sich um, die Hände tief in den Taschen, Blätter raschelten unter den Schuhen. Irgendwo schlug eine Uhr Mitternacht und alles war still.

Möge sie glücklich sein. Auch wenn ich nicht mehr dazugehöre.

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Homy
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Die Falle der Eifersucht
Gestohlenes Glück Frühling hält dieses Jahr früh Einzug in Annes Schrebergarten—Ende März ist schon der ganze Schnee geschmolzen. Obwohl der Winter zurückkehren könnte, genießt Anne die ersten wärmenden Sonnenstrahlen: Sie repariert den Zaun, richtet das Holzlager, überlegt Hühner und ein Ferkel anzuschaffen—vielleicht auch einen Hund und eine Katze. Doch genug geträumt, denkt sie lächelnd, jetzt will sie das Beet umgraben, die Erde riechen, wie damals als Kind, barfuß über das frisch gepflügte Feld laufen, die warme, weiche Erde spüren. Noch können wir leben, sagt Anne halblaut, da steht plötzlich ein Mädchen am Gartentor: schüchtern, in dünner Jacke aus dem Ausbildungszentrum, mit billigen Schuhen und Nylonstrumpfhose—für diese Zeit viel zu dünn angezogen. Die junge Olya bittet ins Klo, dann fragt sie, ob Anne ein Zimmer vermietet und erzählt, sie wolle nicht ins Wohnheim, dort werde getrunken, geraucht, und Jungen gingen ein und aus. Wer bist du?, will Anne wissen—schließlich gesteht Olya: „Bist du Anna Samojlowa? Du… hast du mich nicht erkannt, Mama? Ich bin es, Olya, deine Tochter.“ Jahrzehntelang getrennt, fallen sich Mutter und Tochter schluchzend in die Arme. Das Leben geht weiter: Olya wächst auf, verliebt sich, will heiraten. Anne blüht auf, näht für ihre Tochter, den Schwiegersohn, später für die Enkel—das Haus erwacht zu neuem Leben. Doch dann holt sie eine Krankheit ein. Auf dem Sterbebett will Anne ihrer Tochter ein Geständnis machen: „Ich bin nicht deine leibliche Mutter, Olya…“ Doch Olya hält ihre Hand: „Niemals, für mich wirst du immer meine Mama sein. Die da oben wissen schon, warum sie uns zusammengeführt haben.“ Nach Annes Tod liest Olya deren aufgeschriebenes Leben—von Verlust, Hunger nach Liebe und schuldhafter Freude, als sie Olya einst für sich behalten hat. Am Grab legt die Enkelin einen Blumenkranz nieder und fragt: „War Großmutter Anna nett? Und schön?“—und Olya antwortet: „Die Allerschönste, mein Kind.“ Und der Wind flüstert in der Birke: „Wir sind immer bei dir.“ Gestohlenes Glück—eine Erzählung über mütterliche Liebe, zweite Chancen und das tiefe Bedürfnis, Familie zu haben.