Abrechnung nach Jahren
Wir haben wirklich die perfekte Kandidatin gefunden! verkündete der Arzt mit einem zufriedenen Lächeln, während er das sichtlich nervöse Paar musterte. Man konnte ihm wirklich anmerken, wie sehr er sich über diese gute Neuigkeit freute: Die Augen leuchteten vor Optimismus, in seinem Gesicht spiegelte sich Selbstsicherheit. In Gedanken rechnete er wohl längst seine Provision aus, denn ein gelungener Fall der Leihmutterschaft bedeutete für ihn ein ordentliches Honorar. Ihre Gesundheit ist ausgezeichnet, sie hat bereits einen Sohn, drei Jahre alt. Das Äußere passt auch ideal zu Ihren Vorstellungen: blonde Haare, große Augen, feine Gesichtszüge. So eine Chance bekommen wir nicht noch einmal! sagte der Arzt mit Nachdruck und betonte die Vorzüge der vorgeschlagenen Frau.
Wann könnten wir mit ihr sprechen? fragte Martin ungeduldig. Er musste sich zusammenreißen, seine Freude nicht herausplatzen zu lassen. Die Finger zitterten leicht, in seiner Brust krampfte sich alles beim Gedanken, dass ihr Traum nun greifbar wurde. Und weshalb nimmt sie diesen Weg? Eigentlich ist Leihmutterschaft in Deutschland ja nicht sonderlich populär fügte er etwas leiser hinzu, seine Stimme mischte Neugier mit Sorge. Es war ihm wichtig zu verstehen, welche Motive die Frau hatte er wollte hoffen, dass wirklich alles gutgehen würde.
Soweit ich das sehe, plant sie, näher an die Ostsee zu ziehen, entgegnete der Arzt beinahe gleichgültig, während er in Akten blätterte. Hauptsächlich zählte in seinen Augen, dass die medizinische und psychische Grundvoraussetzung stimmte der Rest war eher nebensächlich. Das Geld aus dem Verkauf ihrer Wohnung reicht aber nicht für eine Immobilie an der See, auf die sie ein Auge geworfen hat. Sie legt großen Wert darauf, also brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ein Gespräch wäre morgen um neun Uhr möglich, verband er sachlich, das Papierebündel auf den Tisch legend, ein Zeichen, dass das Wesentliche besprochen wäre.
Selbstverständlich! stieß Martin hervor, und sein Gesicht strahlte vor beinahe kindlicher Vorfreude. Die Schultern wirkten leichter, die Augen glänzten förmlich, selbst der Arzt ließ sich für einen Moment davon anstecken. Wir haben schon so lange gewartet, jede Stunde jetzt ist eine Qual. Die Zeit steht still, wenn man auf etwas so Wichtiges wartet fuhr Martin fort, das Herz voller hoffnungsvollem Beben. Immer wieder blickte er zu seiner Frau rüber, so als wolle er mit ihr diesen Moment teilen, ehe er sich wieder zum Arzt wandte, um kein Wort zu verpassen.
Wenig später verließ das Paar die Praxis. Martin zählte eifrig alle Fragen auf, die noch gestellt werden mussten, und überlegte, was für den morgigen Termin vorzubereiten war. Seine Frau Franziska ging schweigend neben ihm her, nickte nur ab und zu, doch ihr Blick war in weite Ferne gerichtet.
Nachdem die beiden gegangen waren, machte die Arzthelferin weiter oben am Tisch Ordnung. Sie zögerte einen Moment, blickte nachdenklich zur Tür und sagte dann leise zum Arzt:
Wissen Sie, Herr Doktor Berger, ich habe das Gefühl, das Kind ist nur einem aus diesem Paar wirklich wichtig. Ihr Blick war weich, fast schon mitleidig, Sorge schwang in ihrer Stimme. Schauen Sie mal sie an: Ihr Blick so leer, die Schultern nach unten In ihren Augen liegt eine tiefe Traurigkeit, als würde sie sich schon jetzt von etwas verabschieden.
Der Arzt tippte gedankenverloren mit dem Stift auf das Holz, nickte dann langsam. Noch einmal ließ er das Bild der Frau in seinem Kopf aufsteigen und bemerkte tatsächlich die Details ihrer Körpersprache, auf die die Helferin gedeutet hatte.
Mir ist ihre Zurückhaltung auch aufgefallen, fast wie gezwungen, brummte er und runzelte die Stirn. Ein Anflug von Zweifel zuckte über sein Gesicht, verschwand jedoch sofort wieder. Aber das ist nicht unsere Angelegenheit, Steffi, antwortete er ruhig, lehnte sich zurück. Wir helfen, neues Leben zu ermöglichen. Was daraus wird, ist deren Sache. Die Stimme klang wieder sachlich und geschlossen. Steffi kehrte zu ihren Aufgaben zurück, doch ihr Blick verriet noch immer Sorge um das Schicksal dieser Familie
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Unruhig tigerte Martin durch das Wohnzimmer, sah immer wieder auf die Uhr. Ihm war, als bewegten sich die Zeiger überhaupt nicht mehr sein Puls raste, die Hände waren schwitzig vor lauter Aufregung. Heute erfahren sie es endlich: das Geschlecht ihres Kindes!
In Gedanken entwarf Martin bereits Bilder der Zukunft. Ein Sohn das wäre natürlich ideal! Den Namen hatte er schon ausgesucht. Er hatte sich vorgestellt, wie er mit ihm auf dem Bolzplatz stünde, ihn zum Angeln mitnehmen würde, ihm abends die Sterne am Himmel erklären könnte… Aber auch ein Mädchen wäre wunderbar. Hauptsache, das Kind wird gesund das war das Allerwichtigste.
Franziska hingegen konnte Martins Begeisterung nicht teilen. Sie saß mit angezogenen Knien am Fenster, schaute hinaus. Draußen lachten Kinder auf dem Rodelberg, Paare schlenderten händchenhaltend vorbei alles schien ihr so fern, als gehöre dieses Leben nicht zu ihr.
In ihr tobte ein Sturm an Gefühlen, äußerlich blieb sie regungslos. Bitterkeit schnürte ihr die Brust, Enttäuschung lag ihr im Hals, das schlechte Gewissen ließ nicht los. Am schlimmsten war dennoch das Gefühl, unvollkommen zu sein; immer wieder drängte sich dieser Gedanke auf, trotz aller Versuche, ihn zu verdrängen. Es reichte nicht, dass man sie daran erinnerte, ihrem Mann kein Kind schenken zu können. Nun musste sie sich auch noch jeden Tag die Pläne ihres Mannes für das noch ungeborene Kind anhören ein Kind, das noch nicht geboren war! Aber ein eigenes Zimmer mit teurer Ausstattung und ein Konto bei der Sparkasse waren längst eingerichtet.
Martins Sehnsucht verstand sie irgendwo. Als Einzelkind hatte er sich immer nach Geschwistern gesehnt, wollte früh eine eigene große Familie gründen. Schon in der Grundschule stand für ihn fest: mindestens drei Kinder! Auf dem liebevoll gezeichneten Stammbaum an der Wand waren sogar fünf drei Jungs, zwei Mädchen. Eine laute, glückliche Familie, das war sein Traum. Er hängte es übers Bett, betrachtete es Abend für Abend.
Und Franziska? Sie hatte diesen Wunsch geteilt, sich vorgestellt, Töchter im Kleidchen anzuziehen und Plätzchen zu backen, die Söhne zum Fußball und Judo zu bringen. Die Wirklichkeit aber war härter als jede Vorstellung: Nach Jahren mit Arztbesuchen stand das Urteil fest sie würde niemals eigene Kinder bekommen. Niemals. Diese Nachricht traf beide schwer, aber unterschiedlich: Martin klammerte sich an jede Hoffnung, suchte neue Möglichkeiten, während Franziska sich immer mehr zurückzog, gefangen im eigenen Schmerz und dem Schuldgefühl gegenüber ihrem Mann.
Warum sie damals nicht auseinandergegangen sind, weiß sie selbst nicht mehr. Manches Mal denkt sie daran zurück, wundert sich bloß noch. So viele schlaflose Nächte, Tränen ins Kissen, die sie sogar vor Martin verbergen musste, verzweifelte Hoffnung nach Auswegen. Sie las medizinische Fachartikel, telefonierte mit Praxen, erkundete jede neue Methode alles vergebens.
Das Einzige, was half: Es war ausreichend Geld da, um über eine Leihmutterschaft nachzudenken. Lange diskutierten sie, zögerten, hatten Zweifel, doch irgendwann wurde diese Idee ihr letzter Weg zum Wunschkind. Aber so einfach war es nicht: Schon drei Kandidatinnen hatten sie wieder verloren, alle aus unterschiedlichen Gründen. Martin aber blieb unbeirrbar: “Wir geben nicht auf, wir finden die Richtige!”
Und endlich: gute Nachrichten. Weiß gekacheltes Arztzimmer, dezenter Desinfektionsduft, warmes Licht und der entscheidende Satz:
Herzlichen Glückwunsch, es wird ein Junge! der Arzt strahlte zufrieden, und im Kopf summierte er bereits die Prämie aus dem Vertrag ein stattliches Sümmchen. Er behielt sein überschäumendes Glück im Zaum, doch sein Stolz war nicht zu übersehen. Die Mutter fühlt sich großartig, alles unauffällig, Entwicklung läuft gut.
Unglaublich, danke! Martin schien vor Freude fast zu platzen. Die Augen füllten sich mit Tränen, seine Hände zitterten, als hielte er das Baby schon im Arm. Wenn das Warten doch nur schon vorbei wäre! Für ihn ist alles parat: Kleidung, Spielzeug am liebsten würde ich einfach die Zeit bis zur Geburt verschlafen und dann aufwachen, wenn er da ist Ich werde mit ihm Kinderlieder singen, ihn in den Schlaf wiegen redete Martin schnell und atemlos, ganz gefangen im Moment.
Franziska bemühte sich, die Freude zu teilen. Sie nickte, lächelte zaghaft, brachte ein leises Wie schön hervor. Doch innerlich spürte sie den Riss unsichtbar, aber real. Die Fragen kreisten im Kopf: Was, wenn doch etwas schiefgeht? Bin ich eine gute Mutter, wenn ich ihn nicht selbst austragen konnte?
Es ist nur noch etwas Geduld gefragt, lächelte der Arzt freundlich und machte eine Notiz. Die Unsicherheit bei Franziska merkte er wohl, maß ihr jedoch keine große Bedeutung bei er kannte diese Lage zur Genüge. In zwei Wochen sehen wir uns wieder. Dann informieren wir Sie über den Verlauf. Er schloss die Akte, lächelte erneut und sagte: Bleiben Sie zuversichtlich, es verläuft alles gut.
Martin stellte sofort weitere Fragen, wollte wissen, welche Untersuchungen noch anstanden. Franziska hörte zu, betrachtete das glückliche Gesicht ihres Mannes und versuchte, ein Stück seiner Freude zu spüren. Sie versprach sich tief drinnen: Ich gebe mein Bestes. Für ihn. Für uns. Für unser Kind.
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Ja, du hast richtig gehört, sagte Verena mit einer spöttischen Kälte in der Stimme und hielt Martins Blick stand. Ihr Lächeln war giftig, voller verborgener Wut, die sich in den Jahren angesammelt hatte allein ihr Ausdruck ließ ihn erschauern. Ich habe beschlossen, das Kind nicht herzugeben. Das ist mein gutes Recht. Die Anzahlung habe ich bereits zurücküberwiesen, die Summe müsste schon auf deinem Konto sein sagte sie nahezu gesungen, während sie gleichgültig ihren Blusenärmel richtete.
Ich will kein Geld, ich will meinen Sohn! Martins Stimme war rau vor Verzweiflung, die Fäuste so fest geballt, dass die Knöchel weiß wurden. Seine Wut drohte ihn zu überwältigen, dunkle Flecken zuckten vor seinen Augen. Noch vor vier Wochen hätten beide sich vorstellen können, gemeinsam Eltern zu werden, und jetzt das sie hatte sogar das Kind schon vor zwei Wochen in einer anderen Stadt zur Welt gebracht, ohne dass jemand etwas davon wusste oder Martin dabei sein konnte. Mein! Sohn! Bring mir mein Kind zurück! rief er und sogar der Barkeeper warf einen Blick herüber.
Nein, erwiderte Verena genussvoll. Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. In ihren Augen lag ein Hauch Triumpf. Du kannst gerne vor Gericht ziehen Aber mach dir keine Hoffnungen. Und dein Geld wird dir da nicht helfen; an Geld mangelt es mir selbst nicht. Ihre Stimme hatte etwas Spielerisches, als würde sie eine bittere Rechnung begleichen.
Warum? Ich verstehe das nicht! rief Martin bestürzt aus. Noch vor kurzem war sie offen und kooperativ, jetzt sitzt sie hier mit diesem fiesen Grinsen und weigert sich, das Kind zu übergeben. In seinem Kopf herrschte Chaos, das Herz schlug heftig, als wolle es zerspringen. Er suchte nach einer Erklärung, fand aber keine.
Erkennst du mich wirklich nicht wieder? Verena verdrehte die Augen, beugte sich vor, versuchte seinen Blick zu fangen. Kein Wunder, ich habe mich sehr verändert. Abgenommen, Kontaktlinsen statt Brille, mein Stil komplett neu. Aber mein Name ist geblieben. Fällt dir wirklich nichts ein? Überleg doch mal, wem du das Leben schwer gemacht hast! Ihr Ton wurde schärfer, ihr Lächeln verschwand, Kälte trat an seine Stelle. Sie studierte seine Reaktion genau.
Und plötzlich ging Martin ein Licht auf. Die Bilder aus der Studienzeit waren schlagartig wieder da. Damals hatte er Verena kennengelernt pummelig, schüchtern, mit altmodischer Brille und wenig Selbstvertrauen. Sie war still, stellte sich nie in den Mittelpunkt, schlug die Augen nieder, wenn sie angesprochen wurde.
Martin dagegen war der Schwarm in der Clique charmant, selbstbewusst, witzig. Er machte Verena Komplimente, spielte Liebeslieder auf der Gitarre, schenkte ihr günstige Blumen an der U-Bahn. Es wirkte alles so aufrichtig, dass Verena sich öffnete, sich auf ihn einließ und die Gespräche sogar in ihr Tagebuch notierte.
Tatsächlich aber interessierte sie ihn kaum. Sie war nur Mittel zum Zweck, um einen alten Männerwitz unter Freunden zu gewinnen: Wetten, ich bringe jedes Mädchen dazu, sich in mich zu verlieben? Seine Freunde waren skeptisch, glaubten nicht daran: Die graue Maus? Nie im Leben! Aber er grinste nur selbstsicher: Wetten, sie läuft mir nach einem Monat hinterher? Und so kam es.
Der Höhepunkt der Grausamkeit war Silvester. Martin brachte Verena zu seiner Clique, und vor allen verkündete er mit schadenfroher Mine, es sei alles nur ein Spiel gewesen. Die anderen brachen in höhnisches Gelächter aus, zeigten mit den Fingern auf sie der Neujahrsabend wurde für Verena zum Albtraum.
Wie sehr das Verena damals verletzte, wagt Martin erst jetzt zu begreifen. Fortan wurde sie überall verspottet, im Uniflur getuschelt, im Mensa-Saal sarkastisch kommentiert sogar im Internet kursierten fiese Fotos von ihr mit idiotischen Bildunterschriften. Kein Wunder, dass sie alles hinschmiss und wegging, nach Norddeutschland, wo sie niemand kannte. Dort änderte sich alles: Sie nahm ab, setzte Kontaktlinsen ein, lernte Styling, verließ nie wieder das Haus ohne perfekt geschminktes Gesicht. All die Jahre hatte sie nur ein Ziel: zurückzuschlagen.
Das ist das ist so lange her! stammelte Martin, dem der Boden unter den Füßen schwand. Erst jetzt verstand er, wie furchtbar sein Verhalten von damals wirklich war. Ein blöder Streich Aber das Kind kann doch nichts dafür! Seine Stimme brach fast, echte Angst und Schmerz klangen mit.
Es wird ihm wunderbar gehen, unterbrach ihn Verena schneidend. Ihr Lächeln war kalt und distanziert. Ich habe bereits eine großartige Familie für ihn gefunden. Sie werden ihn lieben, sie warten seit Jahren auf ein Kind genau so, wie du es getan hast. Ironie des Schicksals, findest du nicht? Ein rauher Sarkasmus lag auf ihren Lippen, sie genoss offensichtlich jede Sekunde seines Leidens.
Gib ihn mir zurück! Wenn du ihn nicht willst! Martins Verzweiflung überschlug sich, die Hände ballte er zu Fäusten. Einen Schritt machte er auf sie zu, stoppte aber mitten in der Bewegung er spürte, wie seine eigene Vergangenheit als Wand aus Schmerz vor ihm stand. Nun wusste er, was er ihr einst wirklich angetan hatte und wie sehr sich das heute rächte.
Klar will ich ihn nicht. Er stammt schließlich von dir, zischte Verena, und jedes Wort schnitt wie ein Messer. Sie hob das Kinn, sah Martin direkt an und die Überlegenheit in ihrem Gesicht saß tief. Er wich zurück, sprachlos im Angesicht ihrer geballten Wut.
Wir fliegen heute Abend, mein zweiter Pass macht alles einfach. Und ja, meine Anwälte wissen genau, wofür sie bezahlt werden, verkündete sie ruhig. Ihre Stimme war fest, voller Gewissheit.
Woher hast du überhaupt so viel Geld? Du bist doch Waise! fragte Martin hilflos. Doch im Innersten wusste er mittlerweile, dass er verloren hatte.
Verena zuckte mit den Schultern. Keine Bitterkeit mehr, nur noch nüchterne Klarheit.
Glückliche Ehe. Nach drei Jahren war ich allerdings schon Witwe, aber das tut nichts zur Sache, sagte sie kühl, bezahlte den Kaffee mit einem glatten Hunderter. Damals hast du mich nahezu zerstört. Ich habe mir geschworen, dass ich mich eines Tages rächen werde. Deinen wunden Punkt zu finden, war wirklich leicht. Müsstest du wissen, oder?
Verena machte sich auf den Weg zum Ausgang, jeder Schritt hallte auf den Fliesen. Jeder Schlag ihrer Absätze war ein Schlag gegen Martins verbliebenen Traum. Er stand wie versteinert, alles in ihm gefror in den Händen das Zittern, im Hals einen Kloß, in den Augen ungeweinte Tränen. Worte hätte er gern gefunden aber da war nur Leere.
Kurz hielt sie an der Tür inne, blickte zurück. Einen winzigen Moment flackerte ein Hauch von Bedauern in ihrem Gesicht auf fast hätte man es als Einbildung abtun können, wäre Martin nicht so empfänglich für jedes Detail gewesen.
Weißt du, ihre Stimme war jetzt leiser, fast nachdenklich, ich hätte einfach spurlos verschwinden können. Aber das wäre zu einfach. Ich wollte, dass du spürst, wie sich Welten auf einmal auflösen. Wie der Glaube an alles zerbricht, worauf du gesetzt hast. Du hast mir mein Vertrauen in Menschen geraubt. Also nahm ich dir den Traum, Vater zu sein. Ist das nicht gerecht?
Martin konnte nicht antworten. Er stand nur noch da, zusammengesunken, so, als wäre er in wenigen Minuten um Jahre gealtert. Die Schultern tief, die Hände schlaff, der Blick verzweifelt auf Verenas verschwindende Silhouette gerichtet. Er sah, wie sie die Tür öffnete, den eisigen Wind hereinließ, hinaus auf die Straße trat und in der Menge verschwand. Und ihm war, als verschwände damit auch ein Teil von ihm ein Teil, den er nie mehr zurückbekommen würde.





