Die ungewöhnliche Witwe – Wenn Trauern in Deutschland neue Wege geht

Die falsche Witwe…

Joachim Zimmermann fuhr, halb schwebend, halb steuernd, im grauen Dunst durch das endlose Berlin nach Hause aber nein, nicht nach Hause, sondern zu seiner Schwester. Der Wagen summte wie ein Brötchen in der Mikrowelle, und Joachim dachte, dass er die tägliche Fahrt zur Arbeit kaum noch ertrug, als würde er jeden Tag durch den gleichen Tunnel aus Joghurt und Akten rollen.

Nur wegen dieser absurden Rentenreform sonst hätte ich meinen wohlverdienten Ruhestand schon seit drei Monaten genießen können, sinnierte er, während Ampeln ihn anstarrten wie uralte Lehrer.

Der Tag war ein zäher Brei aus Konferenzen und kopflosen E-Mails, wie sie nur eine Berliner Versicherungsgesellschaft hervorbringen konnte. Doch heute wartete er nicht mal sehnsüchtig auf sein Sofa, sondern auf das Klingeln bei seiner Schwester. Erike hatte um Hilfe gebeten; irgendein neuer Kleiderschrank von IKEA, der sich weigern würde, ein normaler Schrank zu sein.

Mit einem Hauch Melancholie sah Joachim auf die letzten zwei Jahre von Erikes Leben: Erst starb Klaus, ihr Mann sportlicher Kerl, Herzschlag, einfach weggeweht wie Osterschnee. Dann wurde sie kaltgestellt im Büro zu viele junge Hüpfer unterwegs, und so gab es plötzlich ein Zertifikat über mangelnde Eignung, unterschrieben von einer Lucie, die gut ein Drittel jünger war.

Trotz allem ließ Erike sich nicht unterkriegen. Sie fand etwas Neues und immerhin war genug Geld zum Schrankkauf da. Aber nach Klaus trauert sie noch immer, und zum Möbelaufbau reichte allein der Wunsch nicht, sondern sie brauchte Joachims Hände.

Als er durch die Altbauwohnung seiner Schwester schwebte, lud sie ihn gleich auf ein grob zusammengefriemeltes Abendessen ein: Rührei mit Brot, dazu ein Hauch aus dem Kühlschrank und ein warmes Verzeih, mehr gibts heute nicht. Für mich alleine koche ich selten, und die Kinder sind wie Zugvögel.

Joachim schob das Rührei gierig in sich hinein und krümelte Brot ins Universum.
Bei Klaus gabs immer Braten und Blechkuchen. Du warst Berlins Bäcker-Queen, seufzte er wehmütig.

Erike winkte ab. Och, wann hab ich das letzte Mal Hefekuchen gemacht? Suppe? Nur noch manchmal in der Kantine. Ihre Stimme hing wie Mittagsnebel in der Luft.

Schau mit Partner gäbs wieder gutes Essen und frische Wäsche, dozierte Joachim voll väterlicher Weisheit.

Was willst du damit sagen, Jockel? Dass ich mich wieder auf den Heiratsmarkt werfen soll?

Na ja, zwei Jahre seit Klaus begraben ist… bereits an Zeit, an dich zu denken. Warum nicht nochmal heiraten?

Erike lachte laut auf. Wer nimmt schon so eine alte Berlinerin? Du bist doch ein Mann, kannst heiraten bis zum SanktNimmerleinstag. Aber unser Frauenleben… das ist wie Berliner Winter früh dunkel.

Stimmt schon, grinste Joachim zufrieden und wankte Richtung Schrank. Zeig mir den Kasten.

Jockel, lenk nicht ab. Warum bist du eigentlich seit zehn Jahren Single? Nach Nadine bist du freiwillig allein geblieben.

Er schwieg. Anfangs sagte er nie wieder nie wieder ins Standesamt! Dann kamen doch die Sehnsucht nach Rinderbrühe, Frikadellen, einem Hemd, das jemand anderes glattstreicht. Er versorgte sich selbst, aber die Freude daran war… wie abgestandener Filterkaffee.

Der Bürojob tat sein Übriges. Hätte er eine flotte Hausfee, die sich um ihn drehte, die Braten buk und Kissen aufschüttelte ach, er würde sofort zugreifen!

Warum wartest du dann?, neckte Erike. Sind alt genug, um unser Glück zu machen.

Na ja, Schwesterherz… das ist wie bei Schrankteilen. Irgendwas fehlt. Er legte Bretter kreuz und quer, als würde das Holz einen Sinn ergeben.

Teile fehlen?, fragte sie besorgt.

Nein… privat ists verzwickt, nuschelte er. So eine richtige Doyenne, so was brauche ich nicht. Jung, spritzig will ich…

Ah, lachte Erike trocken, eine, die wie im Frühling schnurrt und beim Wischen tanzt.

Joachim nickte. Und Kochen und Reinigen ist für sie normal, nicht wie diese jungen Hipsterinnen selbst meine Nadine, Wohnung im Prenzlauer Berg und Chaos wie nach dem Karneval. Und ihre Freundin bestellt selbst das Kartoffelpüree!

Das Bild seiner Fee im Pünktchenschürzchen, Pelmeni servierend, dazu ein Gläschen Kümmelschnaps, ließ Joachim breit grinsen ja, er malte sich das schon sehr genau aus.

Aber Jungspunde wollen die wenigsten putzen…, murmelte Erike, inzwischen erstaunt-ärgerlich über seinen Realitätsverlust.

Ach, winkte Joachim ab, das muss keine 20-Jährige sein, drei Jahre jünger reicht auch. Sie soll sich freuen, einen wie mich zu bekommen mit… Charme und Schwung.

Erike schaute ihn prüfend an. Willst du wirklich so denken? Jung hältst du nicht aus, die muss man bespaßen und einkleiden und du, mein Lieber, bist auch eher… gemütlich geworden.

Joachim fand sein Bäuchlein und seine grauen Schläfen charmant. Ein Großstadtlöwe!

Besser, du suchst eine Frau, deren Kinder schon aus dem Haus sind. Die bringt dir Blumen, nicht umgekehrt, lachte Erike und zählte auf: Helga Meier aus dem ersten Stock, Witwe, geht zum Yoga und reitet sogar!

Joachim seufzte. Helga auch eine Pensionärin. Klar, Zeit hätte sie für ihn. Und einen Audi, aus dem sie wie ein Minister aussteigt. Doch, daran könnte er sich gewöhnen.

Wenn wir mal zusammenwohnen, dann nimmt sie meinen alten Golf und ich fahr ihren Audi…, murmelte er.

Erike musterte ihn. Willst du sie kennenlernen?

Warum nicht, sagte Joachim und tippte sich an die Stirn.

Sie stellten Pläne für ein Treffen auf, erfanden Begegnungen mit Turnbeuteln und Kaffee. Denn Helga war höflich, aber schwer zu greifen immer unterwegs, immer ein neues Hobby.

Ohne Mann merkt man kaum, wie viele Hobbies eine Tote Stunde füllen, sinnierte Joachim. Aber nett ist sie.

Sie wird sich freuen, wenn sie weiß, was für ein Glück sie hat!, strahlte Erike, die Gastgeberin der Herzen.

Ein Sechser im Lotto!, lachte Joachim.

Erike telefonierte, organisierte, fand Helga. Bald schon war ein Termin vereinbart: Schrank, Blumen, beige Strickjacke, die zur Scheidung einst überreicht wurde. Joachim schmunzelte: Mit dieser Jacke und einem Strauß Chrysanthemen sollte nun das Schicksal eingeläutet werden.

Das Treffen war eine surreale Szene im Zeitlupenmodus. Joachim, geschniegelt, klingelte Helga öffnete in ihrer Wirklichkeit: Dutt und Jogginghose. Sie wirkte erstaunt, als hätte er statt Rosen eine Brezel gebracht.

Guten Tag, hauchte sie und starrte auf die Blumen.

Joachim wollte Charme versprühen: Ich bringe Blumen einem besonderen Menschen…

Helga runzelte die Stirn: Sind Sie nicht der, der sich mit Heizkörpern auskennt? Lida sagte… Sie sind Handwerker?

Joachim wich zurück: Ich? Ich wollte… eigentlich… ein nettes Abendessen…

Doch Helga war in einer anderen Szene sie sprach von Rohren, Thermostat, irgendwann von der Hausverwaltung.

Joachim, nun beleidigt und verwirrt, sagte: Was ist das… ein bisschen zu konsumorientiert… Ich wollte sie doch erfreuen! Teure Blumen und so.

Helga winkte ab, schob ihm den Strauß zurück. Ein kurzes Lächeln, dann bestand sie darauf, den Installateur zu rufen.

Joachim zog sich zurück, wie ein General nach verlorenem Krieg. Draußen unter den Berliner Linden brummte das Leben, doch für ihn war alles grau, wie kalter Asphalt.

Er musste sofort zu Erike, um sich auszuweinen. Sie schenkte Apfelwein ein und sagte tröstend: Sie wirds schon noch merken, was sie verpasst. Glaub mir! Nach all den Jahren fällt es schwer, sich zu öffnen. Kommt der nächste Versuch, nach der Auszahlung…

Joachim seufzte Frauen, immer ein Rätsel. Und vielleicht, ganz vielleicht, kauft er wieder Blumen, vielleicht auch bequeme Pantoffeln.

***

Helga (mit offenem Fenster und Kaffeeduft) war derweil wieder in ihrem Alltag. Die Annäherungsversuche älterer Berliner kamen und gingen wie Regen auf dem Fensterbrett. Allen war gemeinsam die Annahme, dass eine Witwe in Rente bereitwillig jeden freundlichen Bratenliebhaber adoptierte.

Doch ihr Leben war längst wieder auf Kurs: Enkelkinder groß, Geld auf dem Sparkonto, Fitnessstudio, Schwimmbad mit besten Freundinnen, demnächst ein Kurztrip nach Hamburg ins Theater. Täglicher Apfelstrudel, Schwimmen, und endlich Zeit, Tatort zu gucken, ohne dass einer schnarcht.

Sie mochte einen unterhaltsamen Begleiter zum Kaffee aber für Männergeschnarche und ewiges Kochen? Nein, Danke.

Es ist wirklich sonderbar, dachte sie, dass so viele glauben, sie würde ihre Freiheit gegen Herrenschuhe und Graubrot tauschen wollen. Es gibt doch wirklich genügend bunte Berliner Blüten. Sie muss sie nicht alle gießen.

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Homy
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Die ungewöhnliche Witwe – Wenn Trauern in Deutschland neue Wege geht
Einfach legte er sich vor meine Tür nieder … Es war im Januar, in der kältesten Frostperiode seit Jahren. Der Schnee reichte mir bis zu den Knien, die Luft war schneidend wie ein Messer, und der Wind peitschte so heftig, dass selbst das Atmen wehtat. Unser Dörfchen war winzig, an den Randgebieten fast verschollen – kaum noch jemand lebte hier. Die einen waren zu ihren Kindern in die Stadt gezogen, die anderen auf den Friedhof. Nur die, die keinen anderen Ort mehr hatten, blieben – so wie ich. Seit dem Tod meines Mannes und dem Auszug der Kinder war das Haus nicht nur außen, sondern auch innen leerer geworden. Die Wände, einst voller Stimmen, waren verstummt. Ich heizte den Kachelofen, kochte mir bescheidenes Essen – Suppe, Grütze, Ei. Streute Brotkrumen aufs Fensterbrett für die Vögel. Meine Zeit verbrachte ich mit alten, zerlesenen Büchern. Der Fernseher blieb meist aus – dort gibt es nur Lärm, keine Worte. In der Stille begann ich zu hören, wie das Haus im Wind seufzt, wie der Schneesturm über den Schornstein heult, wie das Holz in der Kälte ächzt. Und dann erschien er. Ich hörte Kratzen an der Veranda. Dachte erst, es sei eine Elster oder die Katze vom Nachbarn. Doch das Geräusch war anders – kaum hörbar, als kratzte jemand mit letzter Kraft. Ich öffnete die Tür – und der Frost schlug mir wie eine Ohrfeige entgegen. Ich sah nach unten – und erstarrte. Im Schneehaufen kauerte ein kleines, schwarzes, völlig verschmutztes Wesen. Keine Katze – eher ein Schatten. Doch seine Augen… leuchtend gelbe Augen, wie bei einer Eule, blickten mich an. Nicht bittend, sondern fordernd. Als wollten sie sagen: „Bis hierher bin ich gekommen. Entweder nimmst du mich auf oder schickst mich fort. Weiter – geht nicht mehr.“ Eine seiner Vorderpfoten fehlte. Die Wunde alt, verkrustet, ohne Blut, mit einer Narbe. Sein Fell hing in Büscheln, voller Kletten und Dreck. Die Knochen stachen hervor. Nur Gott weiß, was er alles durchgemacht hat, bis er zu meinem Haus gelangte. Ich stand eine Weile, schluckte, dann ging ich die Stufen hinunter. Er rührte sich nicht. Lief nicht weg, fauchte nicht, kauerte sich nicht zusammen. Zuckte nur leicht, als ich die Hand nach ihm ausstreckte, dann verharrte er wieder reglos. Ich hob ihn hoch und trug ihn hinein ins Haus. Er war leichter als eine Feder. Ich dachte: „Er wird nicht überleben. Nicht einmal bis morgen früh.“ Doch ich legte ihn auf den Teppich neben dem Ofen, gab ihm ein altes Kissen, daneben stellte ich eine Schale Wasser und etwas Hähnchenfleisch. Er rührte nichts an. Lag einfach nur da. Schwer atmend, als koste jede Bewegung Kraft. Ich setzte mich zu ihm. Beobachtete ihn. Und plötzlich verstand ich: Er ist wie ich. Müde, verletzt, aber noch am Leben. Hält noch durch. Die ganze Woche pflegte ich ihn wie ein Baby. Aß neben ihm, damit er sich nicht allein fühlte. Sprach mit ihm. Erzählte ihm meinen Tag, klagte über meine Gesundheit, erinnerte mich an meinen Mann, den ich im Traum immer noch rufe. Er hörte zu. Wirklich zu. Manchmal öffnete er die Augen, als wolle er flüstern: „Ich bin da. Du bist nicht allein.“ Nach ein paar Tagen trank er zum ersten Mal etwas Wasser. Dann – leckte er Grütze von meinem Finger. Kurze Zeit später versuchte er aufzustehen. Stand auf, schwankte und fiel zurück. Doch gab nicht auf. Am nächsten Tag versuchte er es wieder. Und schaffte es. Stand. Humpelte, unsicher, aber er lief. Ich nannte ihn Wunder. Denn anders konnte ich ihn nicht nennen. Von diesem Tag an begleitete er mich überall hin – in den Hühnerstall, auf die Veranda, in die Speisekammer. Schlief am Fußende meines Bettes, miaute leise, wenn ich mich drehte, als wolle er fragen: „Bist du bei mir?“ Und wenn ich weinte, meist abends, kroch er zu mir, schmiegte sich an mich und sah mir in die Augen. Er heilte mich. Spiegelbild. Sinn. Meine Nachbarin, Frau Schmidt, schüttelte nur den Kopf: – Anna, du bist doch komplett verrückt geworden! Auf der Straße gibt es davon so viele wie Sterne am Himmel. Warum ausgerechnet dieser? Ich zuckte nur mit den Schultern. Wie hätte ich ihr erklären können, dass dieser schwarze, verstümmelte Kater mich gerettet hat? Dass ich, seit er bei mir ist, wieder lebe – nicht nur existiere? Im Frühling wärmte er sich auf der Veranda, jagte Schmetterlinge. Lernte, auf seine Weise zu laufen – auf drei Beinen. Anfangs stolperte er noch, aber schnell wurde er sicher. Fing sogar an zu jagen – brachte mir einmal stolz eine Maus, zeigte sie mir, dann legte er sich schlafen. Einmal war er einen ganzen Tag verschwunden. Ich war völlig aufgelöst, suchte ihn überall, rief nach ihm, durchstreifte sogar den Wald. Abends tauchte er wieder auf – das Gesicht zerkratzt, aber mit stolzem Gang. Vielleicht hatte er seine Vergangenheit besucht oder eine Rechnung beglichen. Danach schlief er drei Tage durch, kam kaum auf die Beine. Fünf Jahre lebte er bei mir. Er hat nicht nur überlebt – er hat gelebt. Mit seinen eigenen Angewohnheiten, seiner Laune, seinem Charakter. Mochte Butter-Hirsebrei, hasste den Staubsauger, versteckte sich bei Gewitter – unter die Decke, oder wenn ich da war, unter meinen Arm. Er wurde schnell alt. Im letzten Jahr ging er kaum noch nach draußen. Schlief mehr, fraß weniger, wurde vorsichtiger. Ich merkte, das Ende naht. Doch jeden Morgen, wenn ich wach wurde, sah ich zuerst nach, ob er noch atmete. Und wenn ja – war ich dankbar. Im Frühling wachte er irgendwann einfach nicht mehr auf. Lag da, wie immer, auf seinem Platz neben dem Ofen. Nur die Augen öffnete er nicht mehr. Ich setzte mich zu ihm, legte meine Hand auf ihn – er war noch warm. Doch mein Herz wusste es. Die Tränen kamen nicht sofort. Ich streichelte ihn lange, flüsterte: „Danke, mein Wunder. Du warst alles. Ohne dich gäbe es mich nicht mehr.“ Ich begrub ihn unter dem alten Apfelbaum. Dort, wo er im Sommer gern im Schatten lag. Legte ihn in eine Schachtel, ausgelegt mit weichem Flanellhemd. Verabschiedete mich still. Ehrlich. Jetzt sind drei Jahre vergangen. Heute lebt eine andere Katze bei mir – getigert, jung, draufgängerisch. Sie ist gar nicht wie er. Doch manchmal, besonders abends, als sähe ich am Türrahmen einen schwarzen Schatten. Oder hörte ein vertrautes Geräusch. Dann lächle ich. Denn ich weiß: Er ist bei mir. Er – ein Teil von mir. Mein Wunder. Wenn auch du jemanden wie mein Wunder hattest – teile deine Geschichte in den Kommentaren.