Gulchen
Johanna, du bist verrückt geworden! Wie konntest du nur auf so eine Idee kommen?! Ihr seid doch kaum verheiratet! Gertrud Wagner wirbelte verzweifelt durch ihre große helle Küche, unschlüssig, ob sie lieber den Salat abschmecken oder das Fleisch endlich in den Backofen schieben sollte.
Neun Jahre schon, Mama… murmelte Johanna und schnitt Zwiebeln, während heiße Tränen über ihr Gesicht liefen.
Doch diese Tränen hatten wenig mit den Zwiebeln zu tun. Es war der Schmerz. Bin ich wirklich so unfähig, meine eigenen Entscheidungen zu treffen? Muss ich immer noch alles vorher mit den Eltern absprechen und um Erlaubnis bitten?
Kind, versteh doch! Das ist kein Spaß! Es ist eine gigantische Verantwortung. Fürs Leben! Bist du dazu bereit? Nein, natürlich nicht… Du warst immer ein Gutmensch, träumtest viel zu sehr. Komm runter auf den Boden, Johanna! Das ist ernst!
Mama, glaubst du, wir wissen nicht, worum es geht?! Johanna hielt es nicht mehr aus und ließ das Messer klirrend aufs Schneidebrett fallen. Wir sind keine Kinder mehr, Mama…
Die große, lichtdurchflutete Küche war ihr Reich. Als die Eltern das Haus fertig gebaut hatten, war Johanna dreizehn. Sie wählte mit ihrer Mutter den sanftblauen Farbton der Küche, die Fliesen, die Geräte und das Porzellan aus. Schon damals hatte sie ein unglaublich feines Gespür für Ästhetik und liebte es, zu kochen und zu backen. Die meisten Küchengeräte kaufte ihr Vater ausschließlich für Johannas Leidenschaft. Ihre Kuchen und Torten waren bei Verwandten und Freunden wie Legenden. Kein einziger Geburtstag, keine Hochzeit verging, ohne dass jemand anrief:
Hanna, machst du wieder den süßen Tisch? Besser kann das ja sonst niemand!
Die Frage, was Johanna nach der Schule einmal machen würde, stellte sich nie. Während sie im Studium die Grundzüge des Managements lernte und abends in einem kleinen französischen Restaurant am Münchener Gärtnerplatz jobbte, sparten die Eltern Geld für Johannas großen Traum.
Schau, Hanna! Siehst du, ist das nicht ein tolles Plätzchen? Papa hat lange gesucht! Das Café ist winzig und seit Jahren geschlossen, aber es liegt fast im Zentrum! Und eine kleine Backstube gibt es auch. Wagen wir es?
Wir wagen es, Mama! sagte Johanna und vorsichtig stapfte sie durch Glasscherben.
Jemand war eingebrochen und hatte zu allem Unglück das Café verwüstet, das ihr Vater ihr abkaufen wollte. Doch Johanna hatte längst genaue Bilder im Kopf, wie ihr Laden aussehen sollte, bis ins kleinste Detail. Sie kannte die Farben der Wände und die Kuchen, die sie anbieten würde.
Wir fangen klein an. Dann arbeiten wir uns vor. Erinnerst du dich noch an die Konditorei bei uns ums Eck, damals? Die Kartoffeltörtchen waren legendär.
Und die Biskuitröllchen! Du hättest sie am liebsten morgens, mittags und abends gegessen!
Jaja und dann bin ich einmal vor lauter Naschen so krank geworden, weil Papa mir endlich erlaubte, so viele zu kaufen, wie ich wollte. Danach konnte ich die Dinger monatelang nicht mehr sehen. Alles mit Maß und Ziel…
Richtig so! Also, Hanna? Nehmen wirs?
Wir nehmens! Johanna schloss die Augen und bedankte sich still beim Schicksal für ihre Familie und ihren Traum. Sie ahnte damals nicht, wie sehr sie für ihr Glück noch kämpfen müsste.
Johannas Konditorei war ein Riesenerfolg. Zwei Jahre nach Eröffnung kam eine zweite Backstube dazu, und gemeinsam mit ihrem Vater stellte sie das ganze Geschäftskonzept um. Aus der kleinen, individuellen Konditorei wurde ein ganzes Unternehmen. Johanna fuhr durch ganz Bayern, um bei Bauern nach den besten Zutaten zu suchen und träumte schon davon, einen Laden zu eröffnen, in dem alle frische Milch und Butter selbst kaufen könnten.
Doch je erfolgreicher das Geschäft lief, desto trauriger wurde Johanna. Nur ihre Mutter ahnte den Grund. Die Zeit verstrich, doch an Johannas Seite war kein Mensch, der ihre Seele berührte und sie zum Singen brachte. Sie lebte wie im Autopilot. Ihr Herz sehnte sich nach Liebe und einer eigenen Familie, doch es gab keine Aussicht.
Johanna war keine große Schönheit, aber von hässlich konnte keine Rede sein. Die Natur hatte sie zurückhaltend, aber charmant ausgestattet: strahlend graue Augen, eine zierliche Figur und langes blondes Haar, das sie beim Backen lässig zu einem Dutt hinaufsteckte. Neue Rezepte testete sie immer zuerst selbst nur wenn das Publikum im Laden überzeugt war, kam das Gebäck ins Sortiment.
An einem dieser Tage stand Johanna wieder in ihrer Backstube, während der Vater auf Tour durch Oberbayern fuhr und nach Eiern für die Hauptproduktion suchte. Da lernte Johanna ihren zukünftigen Mann kennen.
Junger Mann, das geht so nicht! Die Chefin spricht nicht mit Gästen!
Johanna hörte das Durcheinander im Verkaufsraum und blickte fragend zu ihrer Rechten, zu ihrer unersetzlichen Helferin und besten Freundin Margarete.
Was ist denn los?
Weiß nicht, Hanna. Ich schau gleich mal! Margarete zog sich die Handschuhe aus und zupfte ihren Schürzenzipfel zurecht. Irgendeiner randaliert. Mach dir keinen Kopf, wir kriegen das hin.
Margarete leitete die Backstube mittlerweile fast allein. Johanna traute ihr sämtliche Entscheidungen zu. Sie bewunderte, wie ihre Freundin mit ihren wildern kastanienroten Locken und den klarblauen Augen im Kopf komplizierteste Aufgaben löste und hartnäckig mit Lieferanten um das beste Obst und Mehl stritt.
Oh Grete! Ich kann sowas nicht! Mich übers Ohr hauen sie immer sofort…
Weil sie bei dir sofort sehen: Du bist herzlich, hast Anstand, bist freundlich. Da denken manche wohl, sie können dich ausnutzen. Bei mir versuchen sies, aber… keine Chance! Mein Vater deiner übrigens auch hat mir beigebracht, für die Seinen da zu sein. Und du bist Familie. Also vertrau mir. Kümmere dich ums Backen, den Rest mach ich.
Johanna zweifelte daran keinen Moment. Sie kannte Margaretes Geschichte so gut wie der Rest von Bad Tölz: Ihre Mutter kehrte nach einer Nachtschicht nie mehr zurück, verschwand nach einer Entführung spurlos, wurde erst Jahre später gefunden. Die Ermittlungen stockten, Auskünfte gab es kaum. Margaretes Vater, einst Soldat, setzte selbst alles in Bewegung, mobilisierte alte Kameraden.
Sie fanden die Täter schnell. Doch Margaretes Vater setzte eigenhändig ein Zeichen, aus Furcht, dass sie ungeschoren davonkommen könnten. Danach meldete er sich der Polizei und bat Johannas Familie, Margarete bei sich aufzunehmen, bis er aus dem Gefängnis zurückkäme.
So bekam Johanna eine Schwester. Die Eltern machten nie einen Unterschied. Beide waren gleichgestellt. Spielsachen, Kleidung, Süßes alles wurde geteilt.
Als Margaretes Vater entlassen wurde, war sie zwölf. Er brachte sie sofort zum Karatekurs.
Du musst dich verteidigen können. Ob du es brauchst oder nicht Gott bewahre, dass du es jemals brauchst. Aber können musst du es. Für mich.
Margarete tat mehr als das. Sie wurde Stadtmeisterin. Dann bayrische Meisterin. Zu weiteren Wettkämpfen wollte sie nicht mehr antreten.
Papa, ich mache das nicht, um Titel zu gewinnen. Ich bin doch ein Mädchen! Ich will Süßes essen und auf den Schoß. Aber vorher lerne ich Backen. Schau, was Johanna alles drauf hat! Ich kann das auch, wenn mans mir zeigt. Dumm bin ich nicht!
Deine Entscheidung, Kind.
Johanna freute sich, als Margarete fragte, ob sie in der Konditorei helfen könne.
Klar, gerne! Aber wolltest du nicht heiraten?
Und? Ist das ein Grund, nicht seinen Traum zu leben? Es gibt Menschen, die gar keine Träume haben, Hanna. Sie funktionieren nur irgendwie… Ich will anders leben.
Und wovon träumst du, Grete?
Vom eigenen Restaurant! Nicht nur Süßes backen! Du weißt, wie gut ich koche deine Mama hats mir gelernt. Das war eine Schule! Ständig nur Sushi oder Pizza aber ein richtig gutes deutsches Wirtshaus? Kaum zu finden! Eines Tages mache ich das. Mit gutem Essen, frischen Kuchen. Für Nachspeisen schicke ich alle zu dir. Was meinst du?
Tu es! Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Träume gehören gelebt!
Zur Verwirklichung musste Margarete noch eine Zeitlang warten, denn bald kamen erst ihre Tochter und dann ihr Sohn zur Welt.
Geht schon! sie kontrollierte in der Backstube die Lieferscheine mit dem schlafenden Kind auf dem Arm. Papa hilft, Schwiegermutter auch. Das schaffen wir.
Margarete, du kannst doch eine Pause machen, dich mehr um die Kinder kümmern.
Ach Hanna, du bist gemein! Würde daheim nur verrückt werden! Ich liebe meine Kinder, aber ich brauche auch den Beruf. Und ich lerne noch! Zuhause zu sitzen ist nichts für mich. Übrigens, warum ist so wenig Mehl gekommen? Sie wiegte ihr Baby, zwinkerte Johanna zu: Und du von wegen Pause…
Wenn Johanna ihre Freundin so mit den Kindern erlebte, spürte sie das eigene Verlangen nach Familie umso schmerzlicher. Ein Baby auf dem Arm… pures Glück…
Aber es wollte einfach nicht klappen. Jedenfalls bis Alex kam…
Hier ist sie, Hanna! Margarete kam mit einem Mann zurück aus dem Verkaufsraum Er besteht darauf, dich zu sprechen!
Ist was passiert? Johanna wurde nervös.
Kontrollen fürchtete sie nicht. Das regelte immer ihr Vater, der bestens vernetzt war. Und für Fehler sorgte sie stets vor.
Die Erscheinung des Fremden im Anzug bereitete ihr dennoch Unbehagen.
Woher haben Sie das Rezept für Ihre Windbeutel?! Das ist das Rezept meiner Mutter! Unser Familienrezept! Nur sie konnte so backen! sagte der Mann sichtlich verwirrt. Er blickte Johanna an, als hätte sie ihm gerade einen Schatz aus Kindertagen zurückgegeben.
Das ist mein Rezept, sagte Johanna und warf Margarete einen entschlossenen Blick zu. Ich backe diese Windbeutel seit ich zehn bin. Meine Mutter hat es mir gezeigt. Bitte, nehmen Sie! Ich freue mich, dass Ihnen unser Gebäck schmeckt!
Sie reichte ihm die Schachtel mit Windbeuteln, aber der Mann griff nicht danach.
Sind Sie verheiratet? platzte es plötzlich aus ihm heraus.
He, hallo! empörte sich Margarete, aber Johanna blieb ruhig.
Nein, ich bin nicht verheiratet.
Dann… darf ich Sie zum Abendessen einladen?
Margarete schüttelte hinter dem Rücken des Fremden stumm den Kopf, doch Johanna nickte schon.
In Ordnung. Nach sieben habe ich Zeit.
Ich werde warten.
Natürlich hielt Margarete ihr im Anschluss eine Standpauke über allzu schnelle Verabredungen mit Wildfremden und deren sonderbarer Aufmerksamkeit. Johanna hörte gar nicht richtig zu. Sie dachte an den Mann, der sie so angesehen hatte, als hätte er etwas sehr Kostbares wiedergefunden.
Hab nicht mal seinen Namen erfragt…
Na super! Und schon zugesagt! Nee, Hanna! Du gehst da nicht allein hin! Ich telefoniere mit meinem Mann und wir gehen zufällig ins gleiche Restaurant!
Warum? Johanna wachte auf.
Dass du nicht allein bist! Du weißt nicht, wer er ist. Irgendwie kommt er mir nicht aus Tölz vor. Hast du den Anzug gesehen?
Was stimmt mit dem Anzug nicht?
Genau das! Er ist zu gut. Etwas Vorsicht schadet nicht.
Johanna stimmte widerwillig zu.
Aber all ihre Sorgen waren umsonst. Alex war Projektingenieur für ein großes Unternehmen, das ein Werk für Kunststofffenster am Stadtrand errichten wollte. Johanna hatte ihn auf Anhieb fasziniert, und seine soziale Unsicherheit mit Frauen führte dazu, dass er umso offener war.
Ich habe dich so lange gesucht, war sicher, dich nie zu finden… flüsterte er am Hochzeitstag, küsste sie und drehte sich mit ihr im Kreis. Meine Frau. Mein größtes Glück…
Du bringst mich ja ganz durcheinander, lachte Johanna und umarmte ihn fest. Ich habe dich auch gesucht. Und gefunden.
Nein, ich habe dich gefunden!
Nein! Es waren meine Windbeutel!
Die auch! Ich hab einfach Glück.
Ihr gemeinsames Leben war harmonisch. Keine Streits, keine Dramen so ruhig und vertraut, dass Margarete sie neckte:
Hanna, ein klitzekleiner Streit ab und zu wäre schon besser fürs Gemüt!
Wozu? Johanna verstand das nicht, denn sie war so aufgewachsen.
So hatten es auch ihre Eltern gehalten, ihren alltäglichen Respekt füreinander nie verloren. Streit bedeutete bei ihnen: Die Mutter kochte Papas Lieblingsessen und er flickte alles, was zu Hause kaputt war.
Lange nicht geangelt…
Johanna wusste, unter dem Vorwand fanden sie sich am See ein, warfen sich ihre Vorwürfe an den Kopf und küssten sich dann, bis der Angelhaken lange unberührt auf dem Wasser lag.
Grete, keine Ahnung, warum wir uns nie zanken… Wir sehen uns ja nur morgens, abends und am Wochenende. Beide arbeiten wir. Und Alex ist oft auf Montage. Wann sollen wir streiten? Außerdem… Wir wollen doch beide eine Familie. Kinder… Aber nach zwei Jahren warten wir immer noch. Ärzte meinen, es gäbe kleinere Probleme, aber nichts, das es verhindern sollte. Und trotzdem…
Es wird werden, Hanna! Warte nur ab! Eines Tages wirst du deinen Kleinen “Gulchen” vorsingen, wie ich damals. Weißt du noch, du wolltest die Wiegenlieder von mir lernen?
Ach, Grete! Wenn das nur wahr wird. Wie sehr ich mir ein Kind wünsche…
Ein Jahr verging, dann zwei, dann drei, und Johanna und Alex blieben allein. Sie konsultierten die besten Spezialisten doch die waren ratlos:
Medizinisch ist alles bestens! Sie müssen halt einfach warten. Ihr Storch hat sich wohl verflogen.
Und wieder warteten sie. Aber das Glück blieb aus. Schließlich schlug Alex vor:
Was meinst du, Hanna, sollen wir nicht ein Kind aus dem Heim aufnehmen? Vielleicht ist das unser richtiger Weg. Wir haben doch genug Liebe. Warum nicht einem Kind eine Familie geben, das sie sonst nie bekäme?
Da hast du recht, Alex! Ich wollte es schon selbst vorschlagen, hatte aber Angst, du würdest mich nicht verstehen…
Niemals, Liebling! Alex nahm sie in den Arm, wischte ihre Tränen. Wir müssen keine Angst voreinander haben. Angst zerstört alles.
Ich werde nie mehr Angst haben, Alex… Meinst du, wir kriegen überhaupt ein Kind?
Warum nicht? Wer, wenn nicht wir?
Es klappte. Alex und Johanna besuchten die Pflegeelternschule, schleppten Akten durch und warteten erneut. Hoffnung flatterte wie eine Taube durchs Haus, setzte sich mal hierhin, mal dorthin.
Noch wartend informierte Johanna die Eltern, dass sie wohl bald Oma und Opa werden.
Nein, Johanna! Nein! Gertrud schüttelte heftig den Kopf. Weißt du, was das bedeuten kann? Was, wenn das Kind schlechte Anlagen hat? Was, wenn es schwer krank ist? Und wenn…
Mama! Johanna unterbrach sie und umarmte sie fest. Beruhig dich! Wieso denkst du immer nur negativ? Wer hat mich denn gelehrt, mutig durchs Leben zu gehen? Und jetzt willst du, dass ich mich fürchte? Nein, das werde ich nicht. Für uns ist es ein Geschenk. Eigene Kinder sind uns wohl versagt. So ists eben… Wir werden uns nicht trennen, ich werde Alex nicht verlassen. Wir haben genug Kraft, die Verantwortung zu übernehmen. Wird das Kind krank? Dann pflegen wir es. Vielleicht sind wir seine einzige Chance!
Aber wenn…
Mama! Johanna ließ sie gar nicht ausreden. Für uns gibts kein wenn. Die Entscheidung steht fest. Ich bitte dich nicht um Erlaubnis, sondern nur um Verständnis. Sonst… kannst du dich entscheiden, mich als Tochter aufzugeben.
Was sagst du da?!
Muss ich immer so leben, wie du es willst, damit du mich liebst?
Nein, natürlich nicht!
Dann akzeptiere meinen Entschluss. Ich habe ihn getroffen.
Ich schaffe das nicht… Gertrud weinte. Ich habe mir so sehr eigene Enkel gewünscht…
Was heißt schon eigene? Johanna schüttelte den Kopf. Als Margarete in unser Haus kam, hast du sie sofort als deine Tochter aufgenommen. Sie war dir fremd, und jetzt kochst du für sie, weil sie Geburtstag hat. Du liebst sie. Aber ein Kind, das du nie gesehen hast, lehnst du ab. Ist das richtig?
Ach, Johanna! Was tust du mir an?
Das tust du dir selbst. Überleg es dir. Wenn du bereit bist, eine Oma zu sein, freue ich mich, wenn unser Kind eine hat.
Ich denke darüber nach…
Lange muss Gertrud nicht überlegen. Zwei Wochen nach Margaretes Geburtstag klingelt das Telefon im Haus von Johanna und Alex. Sie werden erst Pflegeeltern, dann richtige Eltern. Nicht für ein Kind für zwei. Ein Unfall, Verschulden des Mechanikers, brachte Geschwister in ein Heim. Die Großeltern waren zu alt. Johanna und Alex nahmen den zweijährigen Emil und die einjährige Franzi liebevoll zu sich.
Und sieben Jahre später wurde Johanna selbst Mutter. Ihr lange ersehnter Sohn kam im frühen Frühjahr auf die Welt. Gertrud, die zur Entlassung ins Krankenhaus kam, nahm ihr Enkelchen ganz vorsichtig in den Arm.
Hanna… Jetzt haben wir drei. Und das ist so ein Glück…
Ja, Mama. Danke dir Johanna umarmte ihren Mann, lockte die Kinder zu sich. Na? Wollt ihr euren Bruder kennenlernen?
Ja!
In tiefster Nacht schlich die Stille durch Johannas Haus, blieb vor ihrer Schlafzimmertür und horchte. Und von drinnen erklang leise das alte Wiegenlied:
Ach, Gulchen, Gulchen,
Sieh, die Täubchen fliegen,
Kommen sacht zu dir herein,
Wiegen dich sanft ein…





