Ehemann fürs Wochenende
Die Frikadelle ruhte genau in der Mitte des Tellers. Andreas betrachtete sie, während sein Magen verräterisch knurrte.
Birgit, darf ich mir schnell ein Butterbrot machen? Ich hab so Hunger.
Andreas, das Abendessen ist in zwanzig Minuten fertig. Die Kartoffeln werden sonst kalt.
Es ist nur ein kleiner Happen. Ich beeile mich.
Du kannst dich doch wohl zwanzig Minuten beherrschen? Ich habe alles exakt geplant: Um sieben Uhr fünfzehn sind die Kartoffeln fertig, das Hähnchen kommt um zwanzig nach sieben auf den Tisch. Wenn du jetzt deinen Appetit verdirbst, isst du später wieder nichts.
Andreas seufzte leise und setzte sich an den Tisch. Birgit stand am Kühlschrank und räumte bedächtig die Einkäufe ein. Jede Packung fand ihren festen Platz: Die Milch rechts im zweiten Fach, der Käse in das untere Käsefach, die Joghurts streng nach Datum sortiert, die mit dem nächsten Verfallsdatum direkt am Rand.
Kann ich wenigstens schon mal Tee eingießen?
Gieß dir ruhig einen, aber nur einen Löffel Zucker.
Birgit, ich bin erwachsen.
Du bist Diabetiker im Anmarsch. Dein Vater war Diabetiker, dein Großvater auch. Ein Löffel, nicht mehr.
Andreas griff nach dem Teekessel, doch Birgit nahm ihm die Tasse aus der Hand, goss selbst den Tee ein, maß sorgfältig einen Löffel Zucker ab und stellte die Tasse vorsichtig vor ihn.
Hier, trink.
Er blickte auf die Tasse, dann auf ihren Rücken, der sich erneut dem Kühlschrank zuwandte. Schließlich nahm er einen Schluck. Der Tee war zu dünn, fast zuckerfrei. Er schwieg.
Draußen war es schon dunkel. In Hamburg wird es im Oktober früh abends düster, und in ihrem Wohnviertel, wo die Häuser wie Bauklötze dicht an dicht stehen, kommt die Nacht noch schneller. Die Straßenlampen leuchteten gleichmäßig, die Autos parkten brav auf ihren Plätzen. Alles war wie immer.
Sie waren siebenundfünfzig und fünfundfünfzig. Dreißig Jahre verbrachten sie gemeinsam. Die Wohnung war sauber wie ein OP, ruhig wie eine Bibliothek.
***
Samstag begann stets um acht. Nicht, weil man nicht länger schlafen konntesondern weil ab acht der Tagesplan startete. Birgit schrieb ihn freitagabends fein säuberlich in ihr kariertes Notizbuch.
Acht Uhr: Frühstück.
Acht Uhr dreißig: Feuchtes Staubwischen.
Zehn Uhr: Einkauf. REWE an der Grindelallee, Putzmittel extra.
Zwölf Uhr: Mittagessen.
Dreizehn Uhr: Ruhezeit, eine Stunde.
Vierzehn Uhr: Besuch bei Tante Erika.
Siebzehn Uhr: Rückkehr nach Hause.
Siebzehn Uhr dreißig: Abendessen.
Achtzehn Uhr dreißig: Fernsehen oder Buch.
Zweiundzwanzig Uhr: Schlafenszeit.
Andreas kannte diesen Ablauf in- und auswendig. Nicht, weil er nachlases änderte sich doch nie. Nur der Familienbesuch und die Supermärkte wechselten manchmal.
Er scheuerte den Flur, schob den Lappen von Wand zu Wandund dachte an Angeln. War schon ewig her, dass er geangelt hatte, vielleicht acht Jahre. Damals fuhr er mit Holger aus dem Betrieb an die Lauenburger Seen. Sie fingen drei kleine Barsche, einen Karpfen. Braten Suppe am Ufer auf offener Flamme, aus einer alten Konservendose. Holger erzählte Witze, sie lachten so laut, dass die Enten erschraken.
Er kam sehr spät zurück, mitten in der Nacht. Birgit wartete.
Weißt du, wie spät es ist?
Ja, Birgit. Wir haben uns ein wenig verquatscht.
Ein wenig. Ich habe acht Mal angerufen. Das Essen steht im Kühlschrank, aber es ist längst nicht mehr frisch.
Tut mir leid.
Weißt du, wie ich mir Sorgen gemacht habe?
Tut mir leid, Birgit.
Seitdem war Angeln kein Thema mehr. Nicht, weil sie es verbotes ergab sich einfach nie. Immer wichtige Sachen, Handwerker, Besuche. Irgendwann hörte er auf zu fragen. Es war leichter, nicht zu fragen.
Andreas, wringst du den Lappen richtig aus? Nicht zu trocken, sonst gibts Streifen.
Er wrang aus, wie sie es wollte, auch wenn er den Unterschied nie sah. Der Boden glänzte. Birgit war stolz auf ihre Wohnung. Sie sagte einmal am Telefon zu einer Freundin: Bei mir könnte man vom Boden essen. Andreas hörte es durch die Wand und dachte, dass er niemals vom Boden essen wollte, auch wenn er makellos war.
Der Einkauf verlief planmäßig. Mittagessen nach Plan. Bei Tante Erika gab es Kartoffelauflauf, unten minimal verbrannt, aber Birgit flüsterte behutsam: Erika, dein Ofen backt wohl ungleichmäßig. Andreas aß drei Stücke, fand sie gerade deshalb schmackhaft.
Zurück waren sie zehn Minuten zu früh. Birgit stellte die Taschen ab, setzte Tee auf, holte den mit Quark gebackenen Auflauf heraussechs Stücke, exakt gleich groß.
Andreas setzte sich, betrachtete die Auflaufstücke und fühlte plötzlich eine leise Panik. Nicht wegen des Auflaufs. Einfach so. Weil er wusste, was morgen kommen würde. Und nächste Woche. Und Jahr für Jahr.
Er aß, trank aus, schaute Fernsehen.
***
Der Staubsauger gab Mittwochabend den Geist auf. Andreas zerlegte ihn am Küchentisch; der Filter war verstopft und an der Bürste war ein Halter im Eimer. Ein Kinderspiel für einen, der seit 22 Jahren als technischer Einrichter im Messgeräte-Werk arbeitet.
Birgit kam in die Küche.
Was machst du da?
Reparieren. Schau, der Filter war zu, hier ist eine Halterung gebrochen.
Ruf einen Fachmann. Muss nicht selber sein.
Birgit, das krieg ich allein hin. Das ist simpel.
Du hast doch den Bügeleisen zweimal selbst repariert. Einmal gings danach gar nicht mehr, einmal wurdes auf einer Seite heiß, auf der anderen nicht.
Damals wars anders. Jetzt ist es einfach.
Andreas.
Birgit, ich bin Ingenieur.
Am Werk, ja. Kein Hausgerätespezialist. Kein Pfusch, sonst wirds teuerer.
Etwas in ihm verrutschte. Leise, dumpf, wie ein Stein, der ewig an Ort und Stelle lag und sich plötzlich rollen lässt. Er sah auf den zerlegten Sauger, auf seine Hände, auf ihr unbeeindrucktes Gesicht.
Ich repariere das, Birgit.
Andreas…
Ich. Repariere. Das.
Sie sah ihn erstaunt an, dann gereizt, dann verschwand sie.
Er arbeitete eine Stunde. Der Staubsauger schnurrte wieder, besser als zuvor, Filter gereinigt. Andreas sammelte alles zusammen, testete das Brummenperfekt.
Birgit ging vorbei, nickte, sagte nichts.
Er merkte, er hatte wenigstens auf ein Gut gemacht gehofft.
***
Er bemerkte sie wiedergestellt an einem Laternenmast am U-Bahnhof: Reparatur von Alttechnik, Geräten, Staffeleien und Sonstigem. Adresse und Telefonnummer. Sein Plattenspieler, alter Dual Wega, stand seit drei Jahren defekt im Flur. Birgit wollte ihn längst entsorgen. Andreas sagte immer später und stellte ihn zurück.
Er hatte ihn vor der Hochzeit gekauft, Vater half beim Geld. Damals hörte er BAP und Reinhard Mey, die Platten im Regal im Wohnheimzimmer. Nach dem Zusammenziehen packte Birgit die Platten in die Kiste, ab in die Abstellkammer: Nur Staubfänger, warum stehenlassen? Er öffnete manchmal die Kammer nur, um nach den Platten zu fühlen.
Die Nummer erreichte niemanden. Andreas fuhr zur angegebenen Adresseeine Altbauwohnung nahe Schlump, bröckelnder Putz, schwere Eingangstüren.
Dritte Etage klingelte er. Nach langem Warten Geräusche, Geklirre, Türengehen.
Eine Frau seines Alters, im weiten, farbenbunten Leinenkittel, wurde aufgemacht, voll von Farbflecken, Haare wirr, grüne Farbe auf der Wange.
Hallo. Wegen der Anzeige?
Ja, es hieß, Sie reparieren…
Kommen Sie rein, ich bin Valerie. Vorsicht im Flur, da steht die Staffelei quer.
Er trat ein und verharrte kurz.
Es war wie in einer anderen Welt, wie im Traum an eine verschwommene Studentenzeit. Leinwände standen in allen Ecken, einige blank, andere halb bemalt, einige vielfach überpinselt. Pinsel in Gläsern auf der Fensterbank, daneben Farbtuben, Zeitungen auf dem Boden voller bunter Spuren. Auf dem Sofa thronte ein roter Kater, betrachtete Andreas königlich.
Es roch nach Farbe, Leinöl, Kaffeeund Leben.
Entschuldigen Sie das Chaos, sagte Valerie, ich hatte heute Vormittag endlich einen Lauf.
Ach, das ist kein Problem, sagte Andreas, überrascht, wie aufrichtig das klang.
Was soll ich reparieren?
Dual Wega, alt. Dreht nicht mehr, irgendwas am Motor.
Ah, der Dual. Batteriekontakt verrostet? Passiert oft.
Habs geprüft. Liegt tiefer.
Valerie nickte nachdenklich.
Mitgebracht?
Nein, wollte erst mal fragen; Telefon war aus.
Den verlege ich dauernd. Lag gestern unterm Sofa. Bringen Sie ihn vorbei, ich sehs mir an. Aber helfen Sie mir eben, dann gibts nächstes Mal Rabatt.
***
Die Staffelei stand im Wohnzimmer am Fenster. Alt, schwer, das Holzdreibein wackelig, die Halterung für die Leinwand rutschte ab.
Sehen Sie, Valerie zeigte auf die Öse, die Schraube ist zu klein, wackelt ständig.
Andreas prüfte die Stelle, bat um einen Schraubenzieher. Valerie brachte nach kurzem Suchen drei verschiedene. Andreas entfernte die Schraube, forderte Isolierband, wickelte ein paar Schichtenfertig. Die Staffelei stand stabil.
Provisorisch, sagte er, besser holen Sie eine M6 mit Mutter, dann hälts.
M6, wiederholte Valerie und griff zur Pinselflasche, malte mit schwarzer Farbe M6 mit Mutter!! auf die Zeitungsseite auf dem Boden.
Andreas lachte, lauter und ehrlicher als er erwartet hatte.
Sie werden die Zeitung wegwerfen unds vergessen.
Nein, sie kommt an den Kühlschrank. Kommen Sie in die Küche, Tee und gestrige Mohn-Brötchen.
Eigentlich müsste er Buhen. Birgit, der Haushalt …
Gern, sagte er.
***
In Valeries kleiner Küche, Fenster zum Hof, wuchsen auf dem Sims geheimnisvolle grüne Pflanzen in kunterbunten Töpfen. Brötchen lagen auf dem Teller, nicht schön angerichtet, sondern schief gestapelt.
Andreas probierte. Gestern gebacken, etwas zäh oben, aber mit sensationeller Füllung: Weißkraut, Ei, Zwiebeln, wie aus Kindheitstagen.
Lecker, sagte er.
Echt? Ich kann eigentlich nur ein Rezept, meine Tochter hats mir beigebracht. Die studiert in München Kunstgeschichte. Zweiundzwanzig, schon richtig erwachsen, ganz anders als ich.
Wohnen Sie schon lange hier?
Seit fünfundzwanzig Jahren. Früher mit meinem Mann, jetzt nur noch ich und mein Kater Max.
Max hob beim Namen träge den Kopf, dann legte er sich wieder.
Hat Sie die Trennung getroffen?
Anfangs natürlich. Dann… wissen Sie wie das ist? Als würde man ewig zu kleine Schuhe tragen, sie endlich ausziehen und staunend merken, wie weh es eigentlich all die Jahre tat.
Andreas schaute aus dem Fenster. Draußen ein Herbstbaum, fast kahl, gelbe Blätter zitternd.
Sind Sie Ingenieur?
Ja, am Messgeräte-Werk fünf.
Spannend?
Arbeit wie Arbeit. Früher habe ich gern gebastelt. Für mich, nicht im Betrieb. Angeln mochte ich auch.
Angeln! Erzählen Sie!
Merkwürdig. Normalerweise beendete Birgit Angelausführungen mit: Was ist denn da zu erzählen? Valerie schaute ihn so neugierig an, dass Andreas über die frühen Angelfahrten sinnierte. Über seinen Vater. Über Nebel am See. Über das Plätschern im Morgengrauen.
Valerie hörte zu, stützte den Kopf auf die Hand.
Er erzählte und erzählte. Erst als es fast neun war, merkte er die verflogene Zeit.
Um Himmels willen, ich muss los.
Ja, natürlich. Danke für die Staffelei. Und für die Angelgeschichten.
Für die Angelerlebnisse?
Die Bilder. Ich sehe das Wasser direkt vor mir.
Er ging zur U-Bahn, dachte: Wann hat zuletzt jemand mir so zugehört?
***
Birgit wartete. Kaltes Essen stand auf dem Tisch, abgedeckt. Ihr Gesicht: die Vorahnung eines langen Gesprächs.
Wo warst du?
Ich habe wegen des Plattenspielers jemanden aufgesucht. Die Frau ist Malerin, brauchte Hilfe mit der Staffelei, das hat gedauert.
Du hast nicht angerufen.
Ich dachte nicht, dass es so lange dauert.
Ich wartete um sieben. Die Frikadellen sind längst kalt. Zwei Mal aufgewärmt, jetzt sind sie trocken.
Andreas blickte auf den Teller, auf sie.
Tut mir leid mit dem Essen.
Darum geht es nicht! Es geht um Absprachen. Du gehst weg, du gibst Bescheid. Das gehört sich.
Ich habe es verstanden. Ich habe nicht nachgedacht.
Du denkst nie nach. Letzten Dienstag hast du den falschen Quark gekauft, neun statt fünf Prozent musste ich wegwerfen.
Er hängte seine Jacke auf. Die Hände ruhig, aber in ihm spannte sich etwas auf, träge und fest wie eine Feder.
Ich habe dort gegessen. Es gab Brötchen.
Brötchen.
Ja.
Andreas, du gehst los für einen Dual-Plattenspieler und kommst um neun nach Hause satt. Weißt du, wie das klingt?
Ich half ihr, trank Tee. Sie lebt allein, hat keinen Mann mehr. Sie bat um Hilfe.
Was für eine Frau?
Sie heißt Valerie. Vierundfünfzig, leitet Malkurse, ist seit einem Jahr geschieden.
Kennst du schon ihren Lebenslauf.
Wir haben beim Tee geredet, Birgit. Nur geredet.
Birgit stellte die Frikadellen in den Kühlschrank, die Bewegungen scharf und exakt.
Wärm sie dir auf, wenn du willst. Ich geh ins Bett.
Sie verließ die Küche. Andreas saß still am Tisch. Draußen regnete es. Auch der Regen hält sich nicht ans Programm.
***
Mehrere Treffen folgten. Er brachte den Plattenspieler; Valerie prüfte ihn, bat um zwei Tagees war wirklich der Motor; ihr Bekannter hatte Ersatz. Sie tranken wieder Tee. Diesmal brachte Andreas einen Kirschkuchen mit, gekauft auf dem Weg.
Dann kam er einfach so. Wegen des M6-Bolzens. Sie hatte M4 gekauft, verwechselt. Sie lachten beide. Er hatte ohnehin beide Größen im Rucksack.
Birgit wusste von den Besuchen; jedenfalls nicht im Detail. Manchmal erwähnte er Werkstattbesuch, aber sie fragte nicht nach. Vielleicht wollte sie es so.
Eines Abends kam er spät heim. Sie hatten bei Valerie Bildbände von Emil Nolde angesehen. Sie erklärte das Licht in Noldes Bildern, sprach über Malerei, und die Zeit verschwand. Andreas hörte fasziniert zu, wie ein Maler mit Licht umgeht.
Birgit erwartete ihn.
Die Frikadellen…
Birgit, hör zu.
Ihr Blick: Sorge, keine Gereiztheit. Echte, unausgesprochene Angst.
Andreas, was passiert?
Nichts. Ich besuche eine Freundin, helfe ihr manchmal. Sie interessiert mich.
Weißt du, was du da sagst?
Ja. Da ist kein…er brach ab.Da ist nichts als Gespräche.
Gespräche.
Ja.
Andreas, wir sind dreißig Jahre zusammen. Dreißig Jahre führe ich diesen Haushalt, koche, achte auf deine Gesundheit, das Geld. Ich bin Chef-Buchhalterin bei Baumann Bau. Ich schaffe alles. Ich denke an uns beide.
Ich weiß, Birgit.
Warum gehst du dann zu einer Malerin, statt zu Hause zu sein?
Eine Antwort gab es nicht, oder eine andere, aber kein sanftes Wort in seinem Kopf.
***
Am Freitagabend packte er eine Tasche: zwei Hemden, Rasierer, das Buch, das er seit Jahren noch mal lesen wollte. Birgit stand in der Zimmertür, sah ihm zu.
Wohin gehst du?
Ich brauche Zeit allein. Zum Nachdenken.
Andreas, das ist Unsinn.
Vielleicht. Aber ich fahre.
Du gehst zu ihr.
Ich fahre nachdenken.
Andreas!
Er schloss die Tasche, drehte sich. Sie stand da, weißer Bademantel, makellos zusammengebunden, das Gesicht verwirrt als wären alle Werkzeuge plötzlich kaputtgegangen.
Ich ruf dich an, sagte er.
Und ging.
***
Valerie fragte nicht nach Gründen. Auf seinen Anruf: Darf ich ein paar Tage bei dir bleiben?antwortete sie nur: Klar, Schlafcouch ist frei, komm.
Er schlief im Zimmer voller Leinwände. Der Kater Max rollte sich nachts an seinen Füßen zusammen. Morgens kochte Valerie Kaffee mit Kardamom, sie hörten zusammen Radio in der Küche, redeten Belanglosesüber Wetter, Kaffee, den katergeplagten Blumentopf.
Birgit rief an. Erst stündlich, dann seltener. Andreas nahm selten ab, doch wenn, hörte er ihre gleichmäßige, beherrschte Stimme:
Andreas, hast du deine Blutdrucktablette genommen? Hast du genug dabei?
Ja, Birgit.
Jacke angezogen? Es wird kommende Woche kalt.
Ja.
Übermorgen hast du Arzttermin um vier, vergiss es nicht. Habs im Januar gemacht.
Gut.
Andreas, warum kannst du nicht nach Hause kommen? Was fehlt dir?
Er schwieg eine Sekunde.
Ich meld mich.
Dann SMS von Birgits Freundin Martina: Andreas! Wie kannst du nur? Birgit ist vollkommen fertig. Dann rief sein Chef, Herr Petersen, an: Birgit sagt, du bist verschwunden. Dann Nachricht von ihrem Cousin Rolfden sah Andreas einmal im Jahr an Weihnachten.
Er sah die Nachrichten typisch Birgit: Sie aktivierte ihr Netzwerk, wie immer, bei Kontrollverlust, nur diesmal war er das Ziel.
Wie gehts dir? fragte Valerie eines Abends.
Merkwürdig. Etwas ängstlich. Ungewohnt.
Verständlich.
Heute früh, als ich aufstand, wusste ich nicht, was ich anziehen will. Habe einfach ein Hemd gegriffen, das blaue, nicht das, das sie rausgelegt hätte. Vielleicht zum ersten Mal seit zwanzig Jahren selbst gewählt.
Sie legte aus?
Am Abend, mit Begründung, sonst hätte ich was Falsches gewählt. Ich hab mich dran gewöhnt.
Valerie schwieg.
Sie liebt mich, sagte er. Auf ihre Art.
Das glaube ich.
Aber mit ihr bin ich verschwunden. Ich wurde ein Punkt auf ihrem Programm.
***
Birgit kam am Sonntag. Sie hatte die Adresse gefunden. Sie konnte das. Andreas öffnete. Sie sahen sich kurz schweigend an.
Darf ich rein? fragte sie.
Er wich zur Seite.
Birgit musterte den Flur. In ihren Augen lag kein Ekel, eher Entfremdung. Valeries Schuhe standen kreuz und quer, bunter Schal, ältere Jacke mit Farbflecken an der Garderobe, ein Leinwandrand im Türrahmen.
Valerie kam aus der Küche. Sie begegneten sich mit einem kurzen Gruß; höflich, ohne Wärme.
Birgit wandte sich an Andreas.
Gehts dir gut?
Ja.
Die Tabletten?
Birgit…
Ich frag doch nur.
Im Kücheneingang stand Andreas, ein Messer in der Hand. Er schnitt Salat, krumme Gurkenscheiben wild durcheinander in der Schüssel. Birgit stockte beim Anblick. Gurke musste gleichmäßig sein.
Birgit, du hättest nicht herkommen müssen.
Andreas, ich habe dir mein Leben gewidmet, ihre Stimme zitterte. Ich habe mich um dich gekümmert. Dreißig Jahre. Alles für dich!
Ich weiß das.
Warum dann?
Valerie sagte leise:
Darf ich was sagen? Nicht als Rivalin, einfach als Mensch.
Sagen Sie, Birgit wandte sich nicht zu ihr um.
Wahre Sorge ist, wenns dem anderen gut geht. Wenn er atmen kann bei dir. Wenn es schwer wird zu atmen, ist es keine Sorge mehr. Sie haben ihm das Atmen nicht erlaubt, Birgit.
Birgit schwieg lange.
Sie kennen unser Leben nicht, sagte sie schließlich.
Nein, erwiderte Valerie.
Andreas trat zu Birgit, nahm ihre Hand. Sie entzog sie nicht.
Birgit, ich lasse mich scheiden. Das ist keine Frage fehlender Liebe. Ich kanns nicht mehr.
Birgit sah auf ihre Hände, löste sie leise. Sie griff ihre Tasche, aufrecht wie immer, die Haltung perfekt.
Vergiss die Tabletten nicht. Vorräte oben rechts, blaue Schachtel.
Die Tür fiel zu.
***
Die Scheidung dauerte ein halbes Jahr. Die Wohnung blieb ihr. Andreas mietete ein Zimmer um die Ecke, auch im Grindelviertel. Komisch, fast peinlich, aber so war es.
Das neue Leben war wie Denkmalsanierung: langsam, Stein für Stein.
Die ersten Monate tat er Verrücktes. Er kaufte beim Edeka, was er mochte, Brot nach Lust und Laune. Aß Joghurt stehend am Kühlschrank. Schlief nicht um zehn, sondern wann er wollte. Einmal sah er bis ein Uhr nachts Das Leben der Anderen, fühlte sich wie ein frecher Junge.
Mit Valerie wurde es nicht gleich. Beide mochten sich, doch sie ließen es langsam angehen, ahnend, wie wertvoll das war.
Im Frühjahr fuhren sie zum Angeln.
Leihangel, Valeries alter roter Golf, rauchend auf der Landstraße zum See bei Plön. Valerie war noch nie angeln, gestand sie.
Am Ufer früh, kaltes Gras, der Morgennebel zog über das Wasser. Andreas hatte die Thermoskanne vergessen.
Kein Kaffee, Mist.
Egal, meinte Valerie. Schau, wie der Nebel liegt.
Der Nebel war weiß, flüssig, die Sonne zart rosa.
Wunderschön, flüsterte sie.
Er fing einen kleinen Barsch. Valerie jauchzte, als der Fisch zappelte.
Lass ihn frei! Der ist noch klein!
Er ließ ihn schwimmen.
Nach Hause kamen sie ohne Fisch, aber total verschmutzt. Andreas rutschte am Ufer aus, riss Valerie mit, beide voller Schlamm, lachten so lange, dass alle Enten verunsichert flüchteten.
Die Jacke war verloren.
Egal, sagte Valerie. Dafür wars ein tolles Morgen.
Er betrachtete sie: dreckiger Ärmel, lachendes Gesicht, Haare wild und dachte: Das ist Leben. Nicht Plan, sondern einfach Leben. Schlammige Jacke und rosa Nebel.
***
Im Herbst, eineinhalb Jahre später, heirateten sie. Kleine Feier: Holger vom Werk, Valeries Freundin Ines, die Fotos machte, und Max, der begann, auf der Fensterbank zu gähnen.
Das Leben mit Valerie war lebendig und verwegen. Sie gab das halbe Budget für Farben aus und vergaß Brot. Andreas zerlegte stundenlang alte Radios und verteilte Bauteile auf der Küchenzeile. Sie verlor alle zwei Tage die Schlüssel, er vergaß, das Wasser abzustellen. Sie strittenum Geld, um Pinsel überall, um seine Werkzeuge nur kurz im Kühlschrank. Sie fand mal den Rollgabelschlüssel bei der Butter. Er schwor, nichts davon zu wissen.
Doch wenn sie sich stritten, zählte niemand Fehler auf. Keine Listen, kein Protokoll. Wer den ersten Tee aufsetzte, gab das Zeichen: Schwamm drüber. Und der andere kam auch in die Küche. Und sie tranken Kaffee.
***
Birgit erfuhr von der Hochzeit über Martina. Am Anfang lebte Birgit weiter wie bisher. Saubere Wohnung, pünktlich gekocht, volle Kontrolle im Büro.
Doch abends war es zu still. Zu groß. Sie deckte zwei Tassen, wie früher. Dann stellte sie eine weg. Das tat seltsam weh.
Im Büro sprach ihre Chefin sie an.
Birgit, mit Ihnen stimmt etwas nicht.
Alles gut.
Seit zwei Monaten ist nicht alles gut. Probleme zu Hause?
Mein Mann ist gegangen.
Es war zu sehen. Auch ich habe das erlebt. Mein Tipp: Werfen Sie nicht als Erstes die Wohnung um. Fangen Sie mit den Gefühlen an. Gehen Sie zu einem Profi.
Birgit wollte widersprechen, schwieg aber.
***
Sie fand ihre Therapeutin selbst, nahe Sternschanze. In den ersten drei Sitzungen sprach sie kaum, als würde sie sich nackt in ein fremdes Zimmer stellen.
Die vierte Sitzung:
Birgit, wann hatten Sie Angst? Nicht um ihnum sich.
Birgit überlegte.
Als er die Tasche packte. Da verstand ich: Ich kann ihn nicht aufhalten. Ich kontrolliere es nicht.
Warum ist Kontrolle so wichtig?
Vor dem Fenster tanzte Schneeregen.
Sonst zerfällt alles. Meine Mutter sagte immer: Birgitlein, du musst alles in der Hand halten, sonst laufen die Männer fort. Sie lebte so. Mein Vater ging trotzdem.
Die Ruhe in der Praxis wirkte sanft.
Sie hatten immer Angst, loszulassen?
Ja.
Und was stellte sich heraus?
Wer zu fest hält, verliert erst recht.
Das zu sagen war schwer, aber es war Erleichterung.
***
Gemeinschaftshaus-Empfehlung von Martina: Aquarell-Ausstellung, freundliche Leute, schöne Bilder. Birgit geht an einem Sonntag, weil die Wohnung drückte.
Die Ausstellung gefiel. Sie verstand wenig von Malerei, aber ihr gefiel das Licht im Wasser.
Ein Mann, etwas älter, schaute das gleiche Bild.
Interessant, flüsterte er, der Maler lässt die Ecke weiß, bewusst. Sehen Sie? Das macht das Bild.
Birgit sah die Ecke.
Habe ich gar nicht erkannt.
Die meisten merken es nicht. Ich bin Andreas.
Birgit.
Er war linkisch, an der Tür blieb er in der Jacke stecken, bekam sie nicht zu.
Birgit griff ein.
Gib mal her.
Sie fand den defekten Zipper, bog die Zähne zurechtdie Jacke schloss sich. Sie schmunzelte, ohne Grund.
Danke, als hätte sie das Unmögliche vollbracht. Ich kämpfe seit Wochen damit.
Sie brauchen eine neue Jacke.
Bald. Ich meide Geschäfte.
Vor dem Eingang quatschten sie noch. Er unterrichtete Gitarre im Haus, war regelmäßig bei Ausstellungen.
Vielleicht sieht man sich sonntags wieder.
Sie versprach nichts. Kam aber.
***
Andreas war seltsam. Witwer, seit drei Jahren. Trank viel Tee, spielte Gitarre, konnte Tage verwechseln, sprach stundenlang über irgendetwasBäume im Innenhof z.B.
Birgit versuchte, ihn zu ordnen. Ihr Tipp: Buch führen, Kühlschrank aufräumen, erwischte sich, die Gläser umzusetzen.
Er nahm ihr die Hand.
Birgit, so gefällts mir. Lass es ruhig so stehen.
Sie blickte auf das Regal, dann auf seine Hand. Kein Ärger, keine Erklärung, nur Ruhe.
Tut mir leid, sagte sie. Blöde Gewohnheit.
Nicht blöd. Nur meine Küche.
Deine Küche, sie nickte.
Ein kleines, fast unsichtbares Erlebnis, aber sie merkte es sich. Dann bemerkte sie öfter: Ihre Hände wollten korrigieren. Sie stoppte sie. Nicht immer. Aber immer öfter.
Die Therapeutin meinte:
Sie können nur sich kontrollieren. Das ist viel spannender.
Sie dachte darüber nach.
Sie begann zu backen. Lachhaft, denn früher arbeitete sie nach Rezept, 100% exakt. Dann gab Martina ein Apfeltortenrezept mit dem Hinweis: Könnte ruhig Zimt nach Geschmack vertragen. Nach Geschmack! Birgit zögerte, wie viel ist das? Sie schüttete Zimt hineinwohl zu viel. Der Kuchen schmeckte kräftig, mit einer leichten Bitterkeit. Dafür fraß sie warm von der Platte fast die Hälfte.
Du hast backen gelernt? staunte Martina.
Ich übe, sagte Birgit. Klappt nicht immer. Macht Spaß.
Martina sah sie an:
Birgit, du bist ganz anders.
Vielleicht.
Sie erwischte sich draußen, wie sie einfach so die Straße anlächelte. Und es fühlte sich fremd und richtig an.
***
Zwei Jahre später trafen sie sich zufällig wieder, im Stadtpark am Alsterlauf. Andreas mit Valerie spazierten am Ufer, Birgit saß mit Buch wartend auf einer Bank, Andreas wartete Kaffee am Kiosk holen.
Birgit sah Andreas zuerst: die blau-schwarz karierte Lieblingsbluse, Valerie im Mantel erzählte etwas, er lachte.
Birgit klappte das Buch zu.
Andreas sah sie, blieb stehen. Sie blickten sich einen Moment an, dann kam er näher.
Birgit. Hallo.
Hallo, Andreas.
Valerie machte Platz, gab ihnen Raum; das bemerkte sie anerkennend.
Du siehst gut aus, bemerkte Andreas aufrichtig. Sie wirkte anders, weicher.
Du auch.
Schweigen. Oktober war still, gelbes Laub auf den Wegen.
Und du? fragte Andreas.
Mir gehts gut. Ich backe jetzt Kuchen. Klingt schräg, nicht?
Nein.
Gelingt nicht immer. Letztes Mal zu viel Natron, bricht alles auf. Aber wurde trotzdem gegessen.
Ist doch schön.
Ich bin mit Andreas dem anderen zusammen. Er spielt Gitarre, ist schusselig. Und ich lerne, nicht alles zu ordnen.
Andreas schaute sie ruhig an:
Das ist schwer für dich.
Schwer. Aber… Birgit stockte aber spannend.
Andreas kam vom Kiosk, schwenkte zwei Becher Kaffee und eine Tüte, aus der Backwerk ragte.
Birgit! Hier, Streusel und Zimt, wusste nicht, was du magst, hab beides!
Birgit lachte, leise und befreit.
Andreas beobachtete sie.
Du lachst, sagte er.
Ja, antwortete sie, verwundert über sich selbst.
Valerie kam dazu.
Wir gehen dann weiterich will nicht stören.
Danke, Birgit. Und es war ehrlich.
Sie verabschiedeten sich. Kein Groll, nichts Offenes. Er nickte, sie lächelte leicht. Valerie winkte, ganz warm. Kein Groll, kein Triumph.
Birgit sah ihnen nach, wie sie Arm in Arm gingen. Andreas sagte etwas, Valerie lachte laut.
Andreas reichte ihr beide Streusel.
Such dir aus.
Sie nahm den mit Zimt, biss hinein, warm und krümelig.
Der goldene Park rauschte. Kinder kreischten, Wolken zogen langsam dahin.
Birgit saß auf der Bank, aß den Streusel, dachte: Jetzt weiß ich, wie es ist, zu lieben und nicht zu kommandieren. Und hätte es nie erfahren, hätte er mich damals nicht verlassen.
Andreas setzte sich, kramte, fand, er hatte selbst den Mohnstreusel genommen, den er nicht mochte.
Willst du den? bot er an.
Sie nahm ihn.
Gern.





