Du bist finanziell besser gestellt als andere, da dürfen deine Geschenke ruhig ein wenig großzügiger ausfallen, nörgelt die Schwiegermutter.
Es ist ein ruhiger Abend in Hamburg, als Reinhard sich neben seine Frau Gerhild auf das Sofa fallen lässt.
Was sollen wir deiner Mutter schenken? Ich bin ehrlich gesagt ratlos, grübelt er laut.
Gerhild seufzt leise. Ein passendes Geschenk für ihre Schwiegermutter auszuwählen, war schon immer eine heikle Angelegenheit.
Die Beziehung zu Helga Schneider ist seit jeher eher distanziert.
Reinhard kann die kühle Haltung seiner Mutter nachvollziehen und so hat das Paar beschlossen, den Kontakt auf das Nötigste zu beschränken.
Schuld ist niemand dem anderen. Nur selten telefoniert man, und gemeinsame Feiern gibt es lediglich, wenn beide Seiten das wirklich wollen.
Dieses Jahr plant Helga, ihren siebzigsten Geburtstag groß auszurichten und hat beinahe die ganze Familie eingeladen, auch das junge Ehepaar.
Ach, übrigens, Mama meinte, sie freut sich wirklich über jedes Geschenk, fällt Reinhard auf einmal ein.
Das behauptet sie zwar, aber dann kommt garantiert ein spitzer Kommentar, erinnert sich Gerhild skeptisch. Deine Schwester kann ihr alles andrehen, aber egal, was wir ihr besorgen, es passt nie!
Gerhild weiß noch genau, wie Helga mit keinem Geschenk, das sie bislang erhalten hat, zufrieden war.
Denk nur an den letzten Muttertag. Was hatten wir besorgt? Ein edles Pflegeset. Und wie fiel ihre Reaktion aus? Tränen und Vorwürfe, dass wir sie wohl für alt und verwelkt hielten, seufzt Gerhild. Gab es je ein Geschenk von uns, das sie einfach angenommen hat? Nur Schmuck oder teure Technik, weil sie da sofort den Wert erkennt.
Vielleicht frage ich sie lieber nochmal direkt, schlägt Reinhard etwas unsicher vor.
Mach, wie du meinst, sagt Gerhild mit resigniertem Blick.
Reinhard tippt die Nummer seiner Mutter, in der Hoffnung, einen Hinweis für das Geschenk zu bekommen.
Ach Kind, ich habe eigentlich alles, was ich brauche. Euer Kommen ist mir schon Geschenk genug, sagt Helga freundlich am Telefon.
Wirklich, Mama? Du bist dann auch nicht enttäuscht?, bohrt Reinhard nach.
Nein, natürlich nicht! Ich freue mich über jede Kleinigkeit!, lacht sie und Reinhard beschließt, sich an ihre Worte zu halten.
Mama meint, wir sollen schenken, was wir wollen, berichtet er Gerhild anschließend.
Gerhild schaut ihn zweifelnd an. Sie glaubt kein Wort.
Doch weil Reinhard darauf besteht, seiner Mutter unabhängig ein Geschenk zu besorgen, lässt sich Gerhild darauf ein.
Ich finde, wir schenken ihr einen Saugroboter, dann muss sie nicht mehr selbst durchs ganze Haus rennen, schlägt Gerhild vor, nachdem sie das Budget gecheckt haben.
Gesagt, getan. Sie erstehen für Helga Schneider einen Saugroboter im Wert von gut eintausend Euro und fahren mit einem guten Gefühl zur Feier.
Die Jubilarin begrüßt Sohn und Schwiegertochter freundlich, doch sobald sie das Geschenkpaket mit dem Staubsauger öffnet, verfinstert sich ihr Gesicht.
Was soll ich denn damit?, murmelt sie und seufzt schwer. Stell das einfach ins Wohnzimmer, mein Junge.
Gerhild steht einen Moment fassungslos da, weil Helga kaum Wertschätzung zeigt.
Kurz darauf kommen auch Schwägerin und ihr Mann an. Die Schwester fällt Helga um den Hals und ruft freudig:
Mutti, das ist für dich!
Danke, meine Liebe! Ihr seid die Besten!, ruft Helga begeistert und drückt ihre Tochter fest.
Neugierig späht Gerhild auf das Geschenk ihrer Schwägerin, das die Schwiegermutter so erfreut hat.
Ihr Erstaunen ist groß, es handelt sich um ein einfaches Schönheitsset aus dem Drogeriemarkt, nicht mehr als zehn Euro wert.
Gerhild sieht Reinhard fragend an, beide haben es gesehen.
Reinhards Stimmung schlägt ebenfalls um bei Helgas ungleicher Begeisterung.
Er hält sich jedoch bis zum Abend zurück. Doch als Helga erneut das Geschenk der Tochter lobt, platzt es aus ihm heraus.
Mama, können wir mal kurz sprechen?, bittet er seine Mutter zur Seite.
Was gibt es denn?, fragt sie und kommt mit.
Erinnerst du dich daran, was du mir am Telefon gesagt hast?, fragt er.
Ja, natürlich.
Und warum behandelst du dann unser Geschenk so abfällig, während du über das billige Set so jubelst? Tu nicht so, als würde ich mir das einbilden.
Das werde ich nicht. Ihr habt doch mehr Geld als Uta, eure Geschenke sollten schon etwas Besonderes sein, murrt Helga Schneider.
Was sollen wir denn deiner Meinung nach schenken? Alles mit Kassenbon? Müssen wir immer beweisen, wie viel etwas gekostet hat?, fragt Reinhard, die Stirn gerunzelt.
Jetzt fang nicht wieder so an, blockt Helga ab und signalisiert damit, dass sie das Gespräch beenden will. Manches von Uta mag ich einfach lieber.
Weil du nicht weißt, was unseres gekostet hat? Nur damit du’s weißt das Teil lag bei über tausend Euro!
So viel?, ruft Helga gespielt überrascht aus.
Doch schnell findet sie einen Ausweg.
Weißt du, Uta schenkt halt, was eben drin ist ihr schenkt Dinge nur, weil ihr denkt, ihr müsstet, erklärt Helga.
Das meinst du ernst?, Reinhard fährt sich durch das Haar.
Scheine ich zu scherzen? Bei euren Gehältern wäre vielleicht eine kleine Wellnessreise angebracht gewesen, hebt Helga das Kinn.
Reinhard ist einen Moment so perplex, dass er nichts erwidern kann.
Denkst du wirklich, wir hätten Geld im Überfluss?, stößt er schließlich hervor.
Der Streit zieht Gerhild und auch die Schwägerin Uta an, die mucksmäuschenstill an der Tür stehenbleiben.
Uta versteht sofort und stellt sich auf die Seite der Mutter.
Mama wollte keinen Saugroboter, sie hat gesagt, ihr Luftbefeuchter ist defekt. Aber das haben scheinbar nur wir mitbekommen, sagt Uta spitz.
Ich habe extra angerufen und gefragt!, zischt Reinhard. Soll das ein Witz sein? Von jetzt an gibts gar keine Geschenke mehr! Wir geben uns Mühe, und am Ende ist es doch nie recht! Der Saugroboter gefällt nicht, stattdessen wär’s der Luftbefeuchter gewesen na wunderbar. Da kann man es ja niemandem recht machen. Komm, Gerhild, wir gehen!, sagt er mit Nachdruck und dreht sich zur Tür.
Helga Schneider fängt an zu weinen, während Uta sie zu trösten versucht und Reinhard mit Gerhild das Haus verlässt schweigend, enttäuscht, verletzt.
Das Versprechen, keine Geschenke mehr zu kaufen und weiteren Familienstreit zu vermeiden, nimmt Reinhard ernst. Von nun an drückt er sich um alle Familienfeste zu groß ist ihm der Ärger, zu weit der Weg zum Verständnis.





