Keine Ehefrau mehr

Nicht mehr Ehefrau

Dieter, hast du heute deinen Blutdruck gemessen? Deine Tabletten genommen? rief Hildegard und schaute ins Wohnzimmer, während sie die Hände am Schürzenstoff abwischte.

Ach Himmel, Hilde, lass mich doch mit dem Blutdruck in Ruhe! murmelte er, den Blick weiter aufs Handy geheftet. Um neun habe ich das Meeting. Wo ist mein blaues Hemd, das aus Baumwolle? Gebügelt?

Ich hab dir doch gestern drei Hemden gebügelt du hast selbst gesagt, das müsse in die Reinigung, weil da ein Fleck…

Du bringst ständig alles durcheinander! Kann dir gar nichts anvertrauen. Gib halt irgendeines, aber mach mir kräftigen Tee, dieses Kamillengebräu kann ich nicht mehr sehen.

Hildegards Schultern spannten sich. Sie schwieg und ging in die Küche.

Draußen war November, nass und grau. Vis-à-vis die Plattenbausiedlung, gleichförmige, dunkle Fenster, nur in zwei brannte noch Licht. Hildegard Müller, sechsundfünfzig Jahre alt, stand am Herd und sah dem alten Wasserkessel mit abgeschlagenem Ausguss beim Kochen zu. Seit dem Frühjahr wollte sie ihn ersetzen, aber wie so oft, kam immer etwas dazwischen.

Kräftigen Schwarztee gab sie in seinen Becher, so wie er mochte, pur, ohne Kamille, ohne Minze. Sie nahm den Teller mit belegten Broten, den sie schon um sechs morgens vorbereitet hatte: Brot mit Butter und Käse, zwei Scheiben, weil sein Magen sonst rebellierte, die Rinde abgeschnitten. Tomaten dazu, auch wenn Novembertomaten nach gar nichts schmeckten, aber Vitamine mussten sein. Sie stellte alles auf das Tablett und trug es ins Wohnzimmer.

Dieter Müller, achtundfünfzig, saß im Sessel und starrte ins Handy. Seit drei Monaten war er Abteilungsleiter. Davor war er zwanzig Jahre Ingenieur wie alle anderen auch gewesen. Doch als Herr Schröder in Rente ging, übertrug man die Leitung an Dieter, der Dienstälteste. Die neue Position brachte eine Gehaltserhöhung von 150 Euro im Monat, ein eigenes Büro und wie es schien, einen vollkommen neuen Blick auf sich und alles um ihn herum.

Stell’s da hin, nickte er zum Couchtisch, ohne vom Bildschirm aufzublicken.

Hildegard stellte das Tablett ab, wartete kurz.

Dieter, bitte, nimm die Tablette. Du hattest doch gestern Kopfweh.

Ich sagte, ich hatte gestern Kopfweh. Heute ist alles gut. Mach schon, ich muss telefonieren.

Sie ging hinaus, blieb im Flur stehen. An der Garderobe hingen sein Mantel, ihre wattierte Jacke und ein alter Schirm mit verbogener Speiche. Sie blickte gedankenverloren ins Leere, dann griff sie zum Lappen und begann, das Küchenfensterbrett zu wischen, einfach um beschäftigt zu sein.

Seit etwa drei Wochen ging das schon so. Seit Dieter die Beförderung erhalten und an einer Tagung in Hinterzarten teilgenommen hatte. Zurück kam er wie ausgewechselt: aufrechter Gang, frische Frisur, ganz neuer Ausdruck. Zunächst freute sie sich. Dachte, gut, er lebt wieder auf. Doch bald bemerkte sie Veränderungen.

Er kritisierte das Essen. Früher aß er, was es gab, stillschweigend. Jetzt auf einmal: Der Eintopf ist versalzen, Frikadellen trocken, Grütze mit Dosenfleisch das isst doch kein Abteilungsleiter, nur Studenten. Als sie verdutzt nachfragte, blickte er sie an, als hätte sie einen dummen Witz gemacht, und sagte:

Hilde, irgendwann musst du auch mal was Anständiges kochen. Gebackener Fisch, richtige Salate, nicht nur dein Kartoffelsalat zu Weihnachten.

Sie machte gebackenen Fisch, versuchte neue Rezepte, Salate. Er aß schweigend. Am Tag darauf kam er mürrisch von der Arbeit und erzählte, dass bei Herrn Weber, einem Kollegen von der Tagung, die Ehefrau nicht arbeitet und nur den Haushalt schmeißt und dabei richtig was hermacht.

Hildegard sagte damals nichts. Auch, obwohl sie weiß, dass sie nun schon seit vier Jahren nicht mehr arbeitet, nachdem ihre Buchhaltungsabteilung wegrationalisiert wurde. Auch, dass sie immer früh aufsteht, alles erledigt: Haushalt, Arzttermine, Rezepte, Apotheke, drängt ihn, die Medizin zu nehmen, organisiert Reifenwechsel, weil er Wichtigeres zu tun hat. Das hätte sie alles sagen können. Aber sie sagte nichts aus Gewohnheit.

Zwei Tage zuvor aber geschah etwas, das das Schweigen beendete.

Er kam gegen acht nach Hause. Hildegrad nahm gerade den Hühnersuppe vom Herd, fettarm auf zweitem Sud gekocht, seines Cholesterins wegen. Zwei Stunden gekocht, die Küche duftete nach Möhren und Dill.

Warum so spät? fragte sie aus der Küchentür.

Konnte nicht früher, murmelte er, zog die Schuhe aus, stellte sie einfach so ab.

Suppe ist fertig. Komm zum Abendessen.

Er blickte in den Topf und verzog das Gesicht.

Schon wieder Huhn.

Dieter, du hast den Cholesterinwert, der Arzt …

Ich weiß schon. Aber zu Hause möchte ich keine Krankenhauskost.

Sie schöpfte die Suppe, schnitt Brot. Er aß, stand auf ließ den Teller stehen, ging ins Wohnzimmer. Sie spülte, machte sauber, wischte den Tisch. Kam hinein, um zu fragen, ob er Kompott mag.

Er saß im Sessel, scrollte am Handy. Etwas rosafarbenes las er dort, aber sie erkannte es nicht, denn er drehte das Display weg.

Dieter, magst du Kompott?

Er blickte sie lange an, als wägt er etwas ab.

Nein, sagte er und fügte nach einer Pause hinzu: Hilde, schau dich doch mal an.

Sie verstand nicht sofort.

Wie bitte?

Ich sag: Schau doch mal in den Spiegel. Wann warst du zum letzten Mal beim Friseur? Diese Haare, dein alter Bademantel, du siehst aus wie eine Bäuerin auf dem Land.

In der Küche tropfte der Wasserhahn. Im Nachbarhaus dudelte leise der Fernseher.

Dieter, sagte sie leise.

Was denn? Ich sag doch nur die Wahrheit. Ich muss jetzt zu Firmenveranstaltungen, da repräsentiert die Ehefrau mit. Und du? Was für ein Anblick!

Firmenveranstaltungen? fragte sie behutsam. Du hast in drei Monaten keinen eingeladen.

Kein Wunder, ist mir zu peinlich! fuhr er sie an, das Wort peinlich fiel schwer wie ein Stein. Schau dir mal Webers Frau an. Gepflegt. Elegant. Aber du… Bist dick geworden, trägst den Bademantel, deine Haare sind nicht mal gefärbt…

Dieter. Sie sagte seinen Namen aus, selten genug. Bald wirst du sechzig, ich bin sechsundfünfzig. Wir sind nicht mehr jung.

Genau deshalb! Gerade jetzt muss man auf sich achten! Ich gehe ins Fitnessstudio, tu was. Du sitzt bloß zu Hause…

Zu Hause, wiederholte sie ruhig. Ihre Stimme klang ruhig, seltsam ruhig, selbst für sie ungewohnt. Ist gut, Dieter. Ich hab’s verstanden.

Sie ging, leise, schloss die Tür hinter sich. In der Küche räumte sie das Brot weg, schaltete die Lampe aus. Alles ganz automatisch. Doch innerlich bewegte sich etwas, nicht zerbrochen, nicht eingestürzt, sondern verschoben, wie Möbel, die man anders stellt erst ungewohnt, dann merkt man: Es wurde Zeit.

Nachts schlief sie nicht. Sie lag auf ihrer Bettseite, starrte die Zimmerdecke an. Er schnarchte schnell ein, wie immer. Sie hörte sein Atmen und dachte nach.

Dachte daran, dass sie die letzten zehn Jahre im Bedienmodus lebte: sie steht auf, kocht, putzt, wäscht, erledigt Rezepte, Arztgänge, fährt ihn (nach dem Autoverkauf, weil er nicht mehr fahren wollte, per Taxi bezahlt von ihrer Bankkarte), erinnert an Medikamente: Ramipril, Rosuvastatin, neuerdings etwas für die Gelenke, teuer, fast fünfzig Euro pro Packung, alles gewissenhaft aufgeschrieben und frühzeitig besorgt. Der Arzt hatte ja gesagt, Hauptsache, keine Tablettenpause.

Und jetzt dieser Mann, der ihr ins Gesicht sagte, sie sei peinlich, wie eine Bäuerin, und Webers Frau sei besser.

Sie lag da, und irgendwann gegen eins nachts kam ihr ein klarer, einfacher Gedanke: Es reicht.

Nicht ich geh, nicht ich lass mich scheiden, nicht ich mache Szene. Es reicht einfach, unbemerkt und ungewürdigt alles weiterzutun. Es reicht, Ressource zu sein, wie ein Hahn, den man auf- und zudreht, trinkt und wieder stehen lässt. Jetzt ist Schluss.

Morgens stand sie wie immer um sechs auf. Kochte für sich Tee Kamillentee, den er hasste. Setzte sich an den Tisch mit ihrer Tasse und dem Handy. Auf der Website des Friseursalons, im Einkaufszentrum an der S-Bahn, trug sie sich ein. Mindestens vierzig Euro für einen Schnitt, eigentlich unerschwinglich. Sie buchte einen Termin für Mittwoch. Dann fand sie einen kostenlosen Kurs für Nordic Walking im nächsten Park, dienstags und donnerstags morgens. Notierte es im Handy.

Als Dieter um sieben in die Küche kam, stand nur seine Tasse auf dem Herd. Brot im Brotkasten, Butter im Kühlschrank. Soll er doch selbst.

Und Frühstück? fragte er umsichtig.

Brot ist da, Butter auch, Käse im Kühlschrank, sagte Hilde, ohne den Blick vom Handy zu nehmen.

Er schwieg, kochte sich Tee, schnitt sich Brot, aß stehend vorm Kühlschrank, verließ die Wohnung wortlos.

Sie blickte ihm hinterher, als die Tür ins Schloss fiel und spürte Erleichterung.

Am Mittwoch ging sie zum Friseur. Die Friseurin, jung, mit rasiertem Undercut und vielen Ohrringen, betrachtete lange ihre Haare.

Lange her, dass sie gefärbt haben?

Fast drei Jahre, gab Hilde zu. War immer anderes wichtiger.

Sie haben gut wachsen lassen. Wir könnten Färben und ein sanftes Strähnchenspiel machen. Und Schnitt auffrischen.

Über zwei Stunden saß sie dort, schaute zu, wie ihr Kopf sich langsam verwandelte. Sie kam als andere hinaus. Nicht jünger unrealistisch , aber lebendig, mehr wie sie selbst, fast auf eine Weise, die sie vergessen hatte.

Sie zahlte vierzig Euro. Im DM besorgte sie sich neue Gesichtscreme, für reife Haut, nicht wie immer die Billigcreme aus der Apotheke. Acht Euro. Das war viel, aber sie erinnerte sich an Webers Frau und gönnte es sich.

Als Dieter abends die veränderte Haarfarbe bemerkte, sagte er nichts.

Auch darauf wartete sie nicht mehr.

In der nächsten Woche gingen seine Blutdrucktabletten aus. Bisher hatte sie stets nachgezählt, nachbesorgt, alles organisiert. Jetzt legte sie bloß die leere Packung auf seinen Nachttisch. Soll er es merken.

Er kam heim, ging achtlos vorbei. Sie erinnerte nicht.

Am nächsten Morgen suchte er Tabletten, fand die leere Packung.

Hilde! rief er aus dem Schlafzimmer. Tabletten sind alle!

Weiß ich, rief sie zurück.

Wieso hast du keine gekauft?

Du bist erwachsen, Dieter. Kannst selbst gehen.

Pause. Lange Pause.

Ich arbeite.

Ich auch. Hab Termine.

Welche, ließ sie offen. Auf dem Nordic-Walking-Kurs im Park hatte sie inzwischen zwei neue Bekannte Ingrid und Renate. Ingrid war Konrektorin an der Schule und lachte so laut, dass die Vögel von den Bäumen flogen, Renate war schon in Rente und passte häufig auf die Enkel auf. Sie gingen zu dritt mit Stöcken durch den Park, plauderten, atmeten durch. Hilde merkte, wie angenehm das war eine Entdeckung.

Die Tabletten kaufte Dieter schließlich selbst. Kam zurück, als hätte er eine Heldentat vollbracht, warf die Packung auf den Nachttisch. Kein Wort. Sie auch nicht.

Etwa gleichzeitig rief sie ihre frühere Kollegin aus der Buchhaltung, Gerda Schuster, an.

Gerda, hast du am Samstag Zeit?

Was gibts?

Lass uns irgendwohin gehen. Kino oder einfach ins Café.

Alles gut bei dir, Hilde? Gerda war erstaunt: Seit Jahren waren sie nicht Kaffee trinken.

Besser als sonst, sagte Hilde.

Am Samstag trafen sie sich in der Innenstadt. Gerda betrachtete Hildes Haare und staunte:

Hilde, was hast du gemacht! Das sieht toll aus!

Endlich zum Friseur.

Wurde auch Zeit! Ich hab schon überlegt, wann du dich mal wieder um dich kümmerst.

Jetzt ist dieses Wann, lachte Hilde, dann gingen sie ins Café.

Latte Macchiato, ein Stück Apfelkuchen, Fensterplatz. Draußen fiel der erste Schnee des Jahres in dicken Flocken, taute aber prompt weg.

Nun erzähl, sagte Gerda.

Und Hilde erzählte: vom Aufstieg Dieters, vom Seminar im Schwarzwald, vom neuen Gehabe, vom versalzenen Eintopf, von Webers Frau, von Schau dich an und peinlich. Erzählen konnte sie nun sachlich, fast distanziert, als handle es sich um das Leben einer anderen.

Gerda rührte ihren Kaffee, sah sie ernst an.

Und was hast du entschieden?

Eigentlich gar nichts. Ich habe bloß aufgehört, alles zu tun, was er nicht schätzt. Verstehst du? Nicht aus Trotz. Es bringt einfach nichts.

Nichts bringt es, wiederholte Gerda langsam. Das ist klug.

Ich weiß nicht, ob es klug ist. Ich kann nur nicht mehr anders.

Gerda nickte, stach in den Apfelkuchen.

Hat er was gemerkt?

Dass ich nicht mehr hinter seinen Tabletten herrenne? Hat er. Dass ich seine Hemden nicht mehr täglich bügle? Auch gemerkt. Gestern nahm er sich ein zerknittertes aus dem Schrank und ging einfach.

Kein Streit?

Nein. Er weiß nicht, was er sagen soll. Sonst habe ich immer geschwiegen, jetzt schweige ich anders.

Gerda sah Hilde prüfend an.

Denkst du an Scheidung?

Vielleicht irgendwann. Aber erst finde ich heraus, wer ich eigentlich bin, wenn ich nicht mehr seine Tabletten, sein Essen, sein Waschen und Bügeln mache. Wie lange habe ich mich schon nicht mehr selbst gesehen?

Sie blieben noch, bestellten noch einen Kaffee, gingen im Schneegestöber auseinander. Am U-Bahnhof umarmten sie sich.

Melde dich, ja? Und wie wär’s nächsten Samstag wieder?

Sehr gern, sagte Hilde.

Auf der Heimfahrt dachte sie, dass sie zuletzt vor sechs, sieben Jahren so entspannt mit Gerda im Café saß. Immer war etwas anderes wichtiger gewesen. Immer Dieters Angelegenheiten, Dieters Gesundheit, Dieters Eintopf.

Zu Hause saß Dieter vor dem Fernseher. In der Küche stand eine dreckige Tasse neben einem Teller, wohl von Rührei, das er sich selbst gebraten hatte. Früher hätte sie sofort gespült. Jetzt ließ sie es stehen.

Wo warst du? fragte er, ohne den Blick abzuwenden.

Hab Gerda getroffen.

Ziemlich lange.

Ja.

Sie ging ins Bad, wusch sich, trug ihre neue Creme auf die mit dem Aufdruck reife Haut. Sie betrachtete sich im Spiegel: sechsundfünfzig Jahre, kein jugendliches Gesicht, aber lebendig. Falten um die Augen, eine Linie um den Mund. Die Strähnchen im Haar standen ihr. Sie war eine nicht mehr junge Frau und das war in Ordnung.

Der Dezember brachte frostige Kälte. Hilde kaufte sich warme Lederstiefel nicht die billigen aus dem Supermarkt, sondern richtige, für hundert Euro. Kein Bedauern.

In der Wohnung änderte sich eine unmerkliche Grundstimmung. Sie kochte weiter, aber nicht mehr Diätkost nur für ihn, sondern was sie selbst mochte. Eintopf mit kräftigem Fleisch, Bratkartoffeln, mal Knödel oder Ravioli aus der Packung warum auch nicht? Seine hellen, fettarmen Dampfhackbällchen ließ sie weg. Er solle selbst wissen, was der Arzt gesagt hatte.

Seine Hemden wurden nun mit dem Rest gewaschen, ohne Extra-Bügelgang. Früher hatte sie sie separat und besonders vorsichtig gewaschen. Jetzt nicht mehr.

Er bemerkte alles und konterte bisweilen mit kurzen, spitzen Kommentaren:

Wieder Ravioli?

Ja, Ravioli, entgegnete sie.

Du kochst überhaupt nicht mehr, oder?

Gestern gabs Suppe, und am Sonntag Braten.

Er schien damit unzufrieden. Doch was wollte er sagen? Offen: Warum kümmerst du dich nicht mehr um mich? das wäre auch ihm zu direkt gewesen.

Unterdessen traf sie dienstags und donnerstags Ingrid und Renate zum Nordic Walking. Über Ingrid erfuhr sie von einer guten Gynäkologin, zu der sie immer mal gehen wollte. Sie meldete sich an. Außerdem schrieb sie sich zum Aquarellmalkurs in der Stadtbücherei ein. Nicht, weil sie davon immer träumte, sondern einfach, weil sie durfte. Zwei Stunden mittwochs, in denen sie an nichts anderes denken musste, als ans Blatt und den Pinsel.

Mitte Dezember hielt Dieter sich öfter abends länger im Büro auf. Früher hätte das in ihr Sorge ausgelöst, Anrufe, lauwarmes Essen, das auf ihn wartete. Jetzt aß sie, wenn sie hungrig war, und schlief, wann sie wollte. Er kam um neun, um zehn, manchmal halb zwölf. Sie fragte nicht. Er erklärte sich nicht.

Dass er eine Affäre hatte, merkte sie nicht am Handy, sondern an einem Tag, als er nach Parfüm roch, das nichts mit Büro oder Restaurant zu tun hatte: fremd, süßlich, scharf. Sie dachte: Ach, so also.

Komisch aber es tat nicht weh. Sie hatte auf Schmerz gewartet, empfand aber nur müdes Erstaunen, dazu eine neue Freiheit: Wenn er jetzt ginge, wäre es seine Entscheidung, kein Versagen von ihr.

Sie schwieg. Schlief gut.

Drei Wochen etwa ging das so. Er ging zur Arbeit, blieb lange, telefonierte manchmal hinter geschlossener Badtür. Einmal hörte sie durch die Tür: na Lena, hab doch gesagt, am Samstag Lena. Na denn.

In diesen drei Wochen griff sie oft zurück: Sie war zweiunddreißig Jahre mit Dieter verheiratet, hatte einen Sohn, Markus, großgezogen, der jetzt mit Frau und zwei Kindern in Stuttgart wohnte. Früher war Dieter anders gewesen: lustig, zu Späßen aufgelegt, fuhr mit Markus angeln. Wann war er so geworden? Schwer zu sagen wie Wasser, das langsam in den Keller läuft, erst kaum merklich, dann ist der Raum geflutet.

Sie dachte viel über sich nach. Wie sehr hatte sie ihren Eifer ausgegeben, um seine Gesundheit zu sichern, dass sie sich selbst längst vergessen hatte auch innerlich, nicht nur äußerlich. Was mag ich eigentlich? Welche Musik, welche Bücher, wohin würde ich reisen, wenn ich könnte? All das war im Alltag des Eintopfs und der Pillen untergegangen.

Die Aquarellstunden wurden bedeutend. Sie saß im ruhigen Büchereisaal. Die Kursleiterin, Frau Schneider, zweiundfünfzig, zeigte, wie man Lasuren setzt, Farben miteinander verschmelzen lässt. Hilde malte einen Apfel, dachte, dass sie zuletzt in der sechsten Klasse gemalt hatte und dass das gar nicht schlimm war, eher schön sogar.

Bei einer Stunde im Januar sagte Frau Schneider: Sie haben ein tolles Farbgefühl, Frau Müller. Wirklich. Einfach so aber das war auf einmal ungeheuer wichtig. Dieter hatte sie seit Jahren nie mehr so bedacht.

Im neuen Jahr war Lena, offenbar, Geschichte. Das erfuhr Hilde, als sich Dieters Arbeitspensum wieder normalisierte: sieben Uhr zu Hause, Fernseher, keine Telefonate mehr aus der Dusche, etwas müder Blick, öfter Husten. Sie kochte Eintopf, er aß, ging vorbei. Einmal setzte er sich, als sie Tee trank.

Draußen ist es kalt heute.

Ja, minus zwölf, hieß es.

Mmh.

Und ging. Das war das Gespräch.

Sie erfuhr Näheres erst Wochen später. Am Telefon erzählte ein Bekannter, Stefan Becker, nebenbei: Habe gehört, dein Dieter hatte was mit einer? Das ging wohl schnell wieder vorbei. Hilde: Hab da auch was gehört. Stefan lachte, sprach vom Garten.

Sie stellte sich den Ablauf vor: Jüngere hat auf einen arrivierten Abteilungsleiter gehofft, auf Cafés und Glamour bekam aber einen Fünfzigjährigen mit Blutdruck, der Tee und gebügelte Hemden liebt, Jammern über die Gesundheit das hält nicht lang.

Mitleid empfand sie keines. Es war, als ob ein Zahnschmerz, der ewig da war, endlich verschwand: keine Freude, einfach nur kein Schmerz mehr ein Gewinn.

Im Februar verschlechterte sich Dieters Gesundheit merklich. Ohne Hildegards System verwechselte er Pillen, vergaß sie, nahm sie doppelt. Sie sah die Packungen kreuz und quer in der Schublade. Einmal nahm er zwei auf einmal, weil er sie tags zuvor vergessen hatte. Sie schwieg der Arzt hatte es ihm oft genug erklärt.

Blutdruck hoch, blasser, klagte über Ohrenrauschen, nächtliche Unruhe. Eines Morgens sagte er:

Mir ist schwindlig heute.

Geh zum Arzt, sagte sie.

Kannst du mich anmelden?

Ruf an, steht auf deiner Krankenkarte.

Er sah sie an. Sie trank ruhig ihren Tee.

Ich weiß die Nummer nicht mehr.

Dieter, du bist Abteilungsleiter. Du bekommst das hin.

Er meldete sich selbst an, ging hin. Brachte einen Zettel mit den neuen Verordnungen: Noch ein zusätzliches Medikament.

Da, warf er das Rezept hin.

Gut, sagte sie.

Kaufst dus?

Ich komme morgen am Laden vorbei, kanns holen. Geld bitte.

Er war verdutzt. Früher hatte sie alles besorgt, auf eigene Kosten, alles geplant. Jetzt so.

Er gab das Geld. Sie besorgte die Tabletten, legte sie dazu. Kein erklärender Zettel mehr, wie früher. Gewöhnung.

Im März wurde es milder. Schnee schmolz in schmutzigen Pfützen, das Dach tropfte, im Hof spielten Kinder. Hilde ging immer öfter spazieren, einfach nur so. Sie kaufte eine neue Frühlingsjacke, mit Gürtel, hellbeige, figurbetont das erste neue Kleidungsstück seit langer Zeit, nur aus Lust daran.

Im März kamen Markus und seine Frau Anja für ein paar Tage. Markus, groß, wie der Vater früher, aber sanfter. Anja herzlich. Sie brachten ein Glas Heidehonig und eine Pralinenschachtel.

Am ersten Abend aßen sie zusammen: Kartoffeln, Heringssalat, Sülze nach Hildes Mutter Rezept. Dieter war ruhig, sprach wenig. Markus erzählte von der Arbeit, von den Kindern; Anja fragte Hilde nach den neuen Malkursen.

Du malst, Mama? Markus staunte.

Ich lerne es. Mit Aquarell.

Toll. Zeigst du’s?

Sie zeigte ein paar Blätter: Apfel, eine Vase, der Blick aus der Stadtbücherei. Markus betrachtete sie ernst, Anja fand es wunderschön.

Mama, du hast dich total verändert du wirkst viel jünger.

Ich war einfach mal beim Friseur, meinte Hilde.

Sie bemerkte, wie Markus den Vater beobachtete. Dieter aß Sülze und schwieg. Es war was zwischen den Männern Markus spürte das, aber fragte nicht nach.

Am nächsten Tag, Anja war in der Stadt, kam Markus in die Küche, wo Hilde Teigtaschen bereitete.

Mama, ist bei euch alles okay?

Wieso fragst du?

Na ja… Papa wirkt so… lustlos. Ist er sehr krank?

Er hat Blutdruckprobleme. War beim Arzt, nimmt Tabletten. Muss selbst darauf achten, er ist ja erwachsen.

Markus schwieg, knetete einen Teigrest.

Habt ihr Streit?

Nein, sagte Hilde. Und das stimmte: Sie lebten bloß parallel.

Mama, wenn irgendwas ist, sag es…

Markus, es ist alles gut. Sie sah ihm in die Augen. Ehrlich, mit mir ist alles in Ordnung.

Er glaubte ihr wohl. Denn so war es tatsächlich: Mit ihr war alles gut, seltsam genug.

Die Gäste reisten ab. Die Wohnung war stiller als vorher. Hilde räumte auf, Dieter schaute fern.

Später, als es draußen längst dunkel war, kam er noch in die Küche. Füllte sich ein Glas Wasser, blieb am Fenster stehen.

Markus sieht gut aus, meinte er.

Ja. Sehr.

Und die Kinder…

Ja.

Er stellte das Glas ab und ging. Sie blieb in der Küche, sah hinaus, wo nur noch die Straßenlaternen brannten und letzter Schnee fiel.

Der April kam. Morgens wurde Dieter plötzlich schummrig ein leichter Hypertonieanfall. Kein Notarzt nötig, aber er sackte im Flur auf den Boden.

Hilde. Mir ist komisch.

Sie half ihm ins Schlafzimmer, maß Blutdruck: 185 zu 110. Sie gab ihm die Notfalltablette.

Bleib liegen. Ich bin in der Küche.

Sie hörte ihn herumkramen, es bessert sich nach einer Stunde: 160 zu 95.

Bleib heute zu Hause, riet sie.

Ich muss ins Büro…

Ruf an. Du bleibst zu Hause.

Er blieb liegen. Sie brachte Tee, Zwieback nicht weil er bat, sondern weil sie es wollte. Es ist ein Unterschied zwischen keine Lust mehr, mich aufzuopfern und dabeizusehen, wie es jemandem schlecht geht.

Er lag und starrte an die Decke.

Hilde, sagte er nach langem Schweigen.

Ja?

Ich… in letzter Zeit war ich ziemlich blöd.

Sie antwortete nicht gleich, setzte sich auf die Kante vom Bett.

Ja, Dieter. Das warst du.

Na ja… Er schaute an die Decke. Die Beförderung… stieg mir zu Kopf. Ich dachte, jetzt wird alles anders.

Du hast was erreicht. Abteilungsleiter.

Ja. Und du… warst wie immer… Er stockte. Nein, nicht so meine ich.

Ich verstehe dich, sagte sie ruhig.

Sie nahm seine Tasse mit und ging wieder. Keine große Versöhnung, keine Dramatik. Einfach Wahrheit.

Der Frühling zog ins Land, und der Mai kam. Sie ging weiter zum Walking, malte regelmäßig. Ingrid nahm sie ins Theater mit, die Karten waren nicht billig, aber gute Plätze. Hilde war seit zehn Jahren nicht mehr gewesen, genoss das Gefühl: mit einem Orangensaft aus dem Theaterbuffet im Parkett sitzen und zuschauen, wie andere ihr Leben spielten.

Sie war sechsundfünfzig und spürte, dass das kein Ende war, sondern ein Anfang.

Mit Dieter lebte sie weiter in Parallelwelten. Er kritisierte das Essen nicht mehr, erwähnte Webers Frau nicht mehr. Manchmal redeten sie sachlich. Abends saßen sie gemeinsam, er vor dem Fernseher, sie mit Buch. Es war ruhig, fast gewohnt, aber anders: Sie fühlte sich nicht mehr verpflichtet.

Einmal bat er sie, für ihn in der Internetapotheke zu bestellen, sei doch günstiger.

Ich kann das nicht, sagte er. Du weißt doch, wies geht.

Einfach Medikament eintippen, in den Warenkorb, zur Apotheke liefern lassen.

Du verstehst das besser.

Ja, aber du kannst das auch lernen.

Er lernte es, saß lange beim Handy, fragte einmal nach dem Klickpfad, dann bestellte er selbst.

Sie merkte, auch das war wichtig: Nicht alles abnehmen, sondern zutrauen.

Im Juni wurde es heiß. Sie kaufte sich ein neues Sommerkleid, leicht, geblümt sah sich im Spiegel und dachte, ganz normal, nicht wie eine alte Bäuerin, sondern einfach eine Frau, die sich schön anzieht.

Ehen im Alter laufen verschieden. Manche leben im offenen Streit, manche in vertrauter Freundschaft, manche in kalter Gleichgültigkeit. Sie und Dieter lebten in einer vierten Art: nicht Streit, nicht Freundschaft, nicht Kälte, sondern ein Miteinander, bei dem jeder für sich lebt, unter einer gemeinsamen Adresse.

Wie es weitergehen würde? Sie wusste es nicht. Sie dachte an Gerdas Frage nach der Scheidung, überstürzte nichts. Erst wollte sie sich selbst finden.

Der Sommer verlief still. Zwei Wochen fuhr sie zu Markus nach Stuttgart. Das erste Mal allein, Dieter blieb wegen Arbeit zu Hause. Sie nähte ein gesticktes Kissen für die Enkelin, was sie sich mit einem YouTube-Video beigebracht hatte.

Markus, Anja, die Enkel Steffen, sechs, und Marie, vier, waren ein Geschenk. Sie kochte Haferbrei, badete Marie, las vor. Diese Sorge kostete nicht, sie schenkte sie gern.

Abends befragte Markus sie: Wie gehts? Wie läufts daheim? Sie antwortete ehrlich: Es ist nicht einfach, aber es geht. Er winkte ab guter Sohn, ohne Ratschläge.

Sie kam gebräunt und erholt heim. Dieter begrüßte sie im Flur: Na, bist du wieder da. Trug den Koffer. Es war nicht viel aber immerhin.

Der August war schwül. Sie stellte einen Ventilator ins Schlafzimmer, kaufte eine Melone, aß die Hälfte selbst, schnitt den Rest ihm auf, er bedankte sich erstmals seit langem für ein Essen.

Im September, als morgens wieder Nebel und goldene Blätter kamen, passierte das, worauf sie gefasst war.

An einem Freitag kam er um acht nach Hause. Blasses Gesicht, vorsichtige Schritte. Hilde saß mit einem Buch in der Küche.

Hilde, sagte er leise, mir geht’s nicht gut.

Was ist?

Blutdruck, glaub ich. Der Kopf und hier, er hielt sich an die Brust so ein Druckgefühl.

Sie stand auf, schaute ihn scharf an.

Seit wann?

Seit Mittag etwa. Dachte, es geht weg.

Tablette genommen?

Um drei. Hat nur mäßig geholfen.

Setz dich.

Er setzte sich. Sie holte das Gerät: 190 zu 115. Schlimmer als im Frühjahr.

Dieter, das ist ernst. Du brauchst einen Notarzt.

Ach, wozu Notarzt, vielleicht noch eine Tablette…

Nein. 190 mit Brustdruck, das ist kein Fall mehr für noch eine Tablette. Arzt.

Dann ruf halt an…

Hier hielt sie inne. Sie stand vor ihm mit dem Gerät in der Hand.

Sie sah ihn: blass, angsterfüllt, die Hand auf der Brust. Sie empfand Mitleid echtes, menschliches. Er war krank, hatte Angst das war unbestreitbar.

Aber sie sah auch: Das ganze Jahr hatte er sie kaum beachtet. Er hatte Worte gesagt, die nicht vergehen. Sie war schon lang nicht mehr für ihn Ehefrau gewesen, bevor sie aufhörte, es für ihn zu sein.

Da wusste sie, was sie tun sollte und was nicht.

Dieter, sagte sie ruhig, du hast ein Handy. Die Notrufnummer, 112, kennst du.

Er sah sie verwundert an.

Was?

Ruf selbst den Notruf. Sag die Adresse, beschreibe den Druck, den Blutdruck. Die kommen.

Hilde… In seiner Stimme schwang fast Kindliches mit. Hilde, hilf doch bitte…

Ich habe geholfen: Blutdruck gemessen, das Richtige gesagt. Den Rest machst du.

Aber…

Du schaffst das. Erwachsener Mann. Abteilungsleiter.

Sie verließ die Küche, ging in ihr Zimmer, schloss die Tür nur an. Kein Knall, kein Schloss.

Aus der Küche hörte sie später seine Stimme, leise, brüchig:

Hallo, ja, Notarzt bitte. Adresse…

Sie schüttete sich Kamillentee ein, weil sie ihn mochte. Ging mit der Tasse in die Küche, leise, an ihm vorbei, der immer noch mit dem Disponenten telefonierte. Er sah sie an. Sie stellte sich ans Fenster, sah in die dunkle Nacht.

Der Hof unten war leer. Die Laterne warf gelbes Licht auf den nassen Asphalt. Die Pappeln hatten fast alles Laub verloren, das dunkel im Regen lag.

Er legte auf, Stille.

Sie kommen, sagte er.

Gut, sagte sie.

Kommst du mit, ins Krankenhaus…?

Sie drehte sich um. Sah das aschfahle Gesicht, die Hand an der Brust, die ängstlichen Augen. Ihr tat er leid, wirklich leid, nicht aus Genugtuung, sondern Mitgefühl ein alter, kranker Mann.

Nein, Dieter, sagte sie leise. Ich komme nicht mit. Die Ärzte kümmern sich.

Hilde…

Der Rettungsdienst macht das. Dafür sind sie da.

Sie nahm ihre Tasse, ging ins Zimmer, schloss die Türe zu. Sie setzte sich wieder an ihr Fenster, schaute hinaus auf die Nachbarhäuser und die alte Pappel davor. In der Küche war noch ein leises Rumoren. Dann Stille. Dann der Aufzug.

Nach zwanzig Minuten war das Rettungsteam da. Sie hörte, wie Dieter die Tür öffnete, wie schnelle, fremde Stimmen sich im Flur bewegten. Blutdruck, EKG, vielleicht stationär. Er antwortete, leise, fast schuldig.

Dann eine Stimme: Wohnt hier noch jemand?

Seine Antwort: Ja, meine Frau. Aber sie… kommt nicht mit.

Pause.

Dann der neutrale Arzt: Verstehe. Gut. Ziehen Sie sich an, wir fahren.

Tür. Aufzug. Stille.

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Homy
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