Ich schreibe dir einen Brief

Ich werde dir einen Brief schreiben

Anna, was ist los mit dir? Erwartest du jemanden? fragte Luise und zupfte ihre Freundin am Ärmel.

Anna saß halb zur Tür des Hörsaals gedreht und schenkte Luise kaum Beachtung, obwohl diese seit einer halben Stunde versuchte, ihr von ihrer jüngsten Bekanntschaft zu erzählen. Erst wollte Luise beleidigt die Lippen spitzen, aber dann ließ sie es. Immerhin war Anna ihre Freundin, und die erste überhaupt. Vorher hatte Luise nie Freundinnen gehabt.

Der einzige Freund, Helfer und fast so etwas wie ein Bruder war Klaus, ein entfernter Verwandter Cousin dritten Grades oder irgendeine ähnliche Verwandtschaft, bei der das Blut kaum noch nachweisbar ist. Irgendwie oder durch einen seltsamen Wink des Schicksals wohnten Luise und Klaus in benachbarten Häusern, ihre Eltern waren befreundet, was ihrer Beziehung nicht schadete. Schon als Kinder gruben sie mit kleinen Schaufeln im immer sandlosen Sandkasten, suchten den nie vorhandenen Sand. Später saßen sie zusammen in der Grundschule, und der schmächtige, fast durchscheinende Klaus übernahm die Rolle des Pagen: Er trug Luises schickem Schulranzen, den Ihre Mutter Gisela auf dem Altar des schulischen Erfolgs gestiftet hatte. So ein teures Stück vertraut man nicht jedem an! Und Luise war immerhin ein Mädchen wenn auch einen Kopf größer und kräftiger als Klaus, der blass wirkte, als käme er direkt aus einem Gemälde von Caspar David Friedrich. Und da sie ein Mädchen war, musste sie natürlich keine schweren Sachen schleppen. Dass der Ranzen kein Leichtgewicht war, zeigte sich daran, dass Klaus, wenn er ächzend hinter Luise über den Schulhof zog, manchmal etwas schwankte. Ein guter Kapitän hätte ihm geraten, die Windrichtung und Luises Launen besser einzukalkulieren. Dann hätte er gleichmäßiger gehen können. Aber einen solchen Kapitän gab es nicht, und darum wurde Klaus bei jeder spontanen Wendung, wenn Luise plötzlich Fangen spielen wollte, von ihrer Energie durchgeschüttelt.

Gisela nahm Klaus dann den Ranzen vorsichtig ab und schüttelte den Kopf:
Kriegst du denn nichts zu essen, mein Junge? Bald fliegst du bei Wind aus dem Hof!

Doch Klaus bekam gutes Essen; seine Oma kümmerte sich, ihn zu mästen. Aber selbst ihre Fähigkeit, dem Jungen zwei Teller Eintopf und einen Haufen Bienenstichkuchen einzutrichtern, reichte nicht aus. Klaus blieb drahtig.

Er hatte eben einen Stoffwechsel! Alle diese klugen Worte kannte er schon, bevor er den Buchstaben A von B unterscheiden konnte, worauf er ziemlich stolz war. In seiner Familie galt Klaus als Genie; nur Luise behandelte ihn, wie Jungs im richtigen Alter nun mal behandelt werden sollten: wie einen ganz normalen Bengel und gab ihm gern mal einen Klaps, wenn ihm das “Genie-sein” zu Kopf stieg.

Gerade ihr nüchternes Verhalten half Klaus ganz wesentlich. Weil Luise sich um ihn kümmerte, begegneten ihm auch andere Mitschüler die von seinem Verhalten manchmal verwirrt waren mit Toleranz und sogar Freundschaft. Luise war die inoffizielle Anführerin der Klasse; alle hörten auf ihr Wort. So blieb Klaus während der gesamten Schulzeit unangetastet; dafür dankte, respektierte und liebte er sie denn niemand war ihm näher auf der Welt. Eltern ausgeschlossen denen erzählte man schließlich nicht, was Luise ganz gelassen bei einem Gähnen an Schilderungen verdaute, geschweige denn, dass man echte Ratschläge zu Fragen wie soll ich sie beim ersten Date küssen? erwarten könnte.

Hätte Klaus so etwas seine Mutter gefragt, hätte er einen lustigen Abend garantiert: Erstmal hätte Heidrun mit hochgezogenen, akkurat gezupften Brauen einen kleinen Schrei ausgestoßen, natürlich vorsichtig, um das Make-up (das jeden Morgen mindestens zwei Stunden kostete) zu schonen, und sich dann in Ohnmacht geworfen, bis der Notarzt käme.

In Heidruns Vorstellung hatte ihr Sohn Wichtigeres im Kopf: Genies sollten nicht an irdische Dinge denken! Für die richtige Ehe würde sie schon sorgen und sicherstellen, dass alles nur der Forschung dient. Die künftige Frau sollte Klaus bei der Karriere helfen: gut aussehen bei Empfängen und Feiern und ansonsten unsichtbar sein. Wie das bitte zu schaffen wäre, war Heidrun egal. Wer einen solchen Mann wie Klaus wolle, müsse wohl damit klar kommen!

Und noch ein Punkt: Die Frau sollte bitte eine reizende, naiv anmutende Person sein nicht dumm, nein, aber von einer charmanten Unbeholfenheit, stets auf Rat der Familie und vor allem der Schwiegermutter bedacht.

Mit solchen Vorgaben blieb Klaus als Option nur: ewig ledig bleiben oder sich aus dem Staub machen, vielleicht zum Nordpol. Aber er glaubte, seine Mutter würde ihn auch dort finden zur Not auf jedem Planeten der Milchstraße.

Also blieb nur: abwarten und alle Bemühungen seiner Mutter höflich abwehren. Worauf er wartete, wusste er zwar nicht, aber die Hoffnung, dass etwas Großes bevorstand, überstrahlte alles, was jetzt war. Das eigentliche Leben lag noch vor ihm.

Langsam füllte sich der Hörsaal. Anna starrte weiter zur Tür, während Luise sich zurechtrückte und fragte, wen ihre Freundin wohl so sehnsüchtig erwartete. Nach Luises Wissen hatte Anna nicht einmal einen mittelmäßigen Verehrer. Nett war sie in jeder Hinsicht, aber eben speziell.

Die Natur hatte mit Annas Genen bei der Geburt experimentiert und dabei eher einen Bärendienst erwiesen. Annas Eltern waren apart. Keiner entsprach klassischen Schönheitsnormen, aber jeder, der ihre Mutter sah, sagte:
Was für eine Frau!

Lange, elegante Beine, endlos scheinend da war das Gesicht bereits nebensächlich, meinte Annas Vater augenzwinkernd. Über die Beine von Annas Mutter hätte man Gedichte schreiben können. Der Arzt, der ein Auge fürs Äußere hatte, kommentierte bei Annas Geburt:
Was für Beinchen! Ganz die Mama!

Doch die Schönheit der Mutter erbte Anna nicht. Ihre Beine waren zwar lang, aber Eleganz war da keine. Unser liebes Elefäntchen!, sagten die Eltern liebevoll.

Sie mussten so oft neue Schuhe für das Mädchen kaufen, dass es sie nicht mehr wunderte: Schuhgröße 44,5! Annas Standard als Erwachsene. Anständige Damenschuhe zu finden, war fast unmöglich; längst holte sie Sneakers aus der Herrenabteilung. Die wenigen Pumps ganz hinten im Schrank machten kein Rennen gegen die Lieblings-Turnschuhe. Anna kombinierte sie als erste im Ort mit Business-Kleidung und als irgendwann der strengste Richter zum Prozess dieselben blauen Sneakers trug, griffen auch die Kollegen begeistert zu. Anna schmunzelte über die hastigen Schuhwechsel kurz vorm Gerichtssaal. Drinnen gehörten nur die Schuhe der Richter zum guten Ton und unter ihrem langen Tisch konnte sowieso niemand drunterschauen.

Sie wusste aber, dass der Kollege ihre Aktion aus Notwendigkeit unterstützte Diabetes hatte ihm schon zweimal die Zehen gekostet. Als Anna ihn einmal mit Mühe in die protokollierten Lederschuhe schlüpfen sah, zog sie kurzerhand ihre Sneakers aus:
Quälen Sie sich nicht! Meine sind neuer als die meisten und bequem, für Sie sicher passend! Morgen bringe ich noch ein Paar mit.

In der Schule wurde Anna nicht geärgert einfach, weil der Vater sie direkt zur Ringergruppe schickte. Da war sie zu Hause. Größe und Gewicht gaben ihr einen Vorteil, den andere vermissten. Unsere Anna ein großes Mädchen mit großem Herzen!, sagte die Mutter. Und der Vater nickte. Dann fühlte Anna sich vor dem Spiegel gleich besser. Was spielt es dann für eine Rolle, wie groß Deine Nase ist, wenn die, die Dich am besten kennen, sagen, du hättest eine Seele

Mit Luise begegnete Anna an der Uni. Die blonde, auffallend gekleidete, temperamentvolle Frau plumpste neben sie auf die Bank, warf sich die Haare aus dem Gesicht und streckte die Hand hin:
Luise! Freut mich!

Anna, zunächst unsicher ob dieses Temperaments, drückte die feinen Finger sie verschwanden fast in ihrer großen Hand.

Anna.
Annika! Klingt viel schöner! Luise zauberte ein spiegelglänzendes Täschchen aus ihrer Designer-Tasche, die nur knapp Platz für sonstigen Kram ließ. Was sitzt du so? Auf wen wartest du? Hast du dich heute früh im Spiegel gesehen? So geht das nicht!

Auf dem Tisch lagen bald Mascara, Lippenstift in wildem Rot und Rouge.
Blass wie ein Blatt Papier! Keine Sorge, ich mach dich hübsch. Nicht übelnehmen! Bei Schönheit bin ich unerbittlich! Wir sind Mädchen wir verschönern die Welt! Sonst hört sie auf zu existieren.

Warum Anna sich damals auf Luises Verwandlung einließ, wusste sie nicht. Vielleicht, weil sie nie richtige Freundinnen hatte. Die Eltern waren ihre besten Freunde. Aber wo die Mutter sie zaghaft zu Mascara drängte, griff Luise tüchtig zu.

Was hast du denn da an? Ist das noch in Mode, oder hat deine Oma ihren Truhenschatz aufgelöst?

Was?
Sag schon, konntest du die Sachen nirgends anders unterbringen als an dir selbst?

Nein.

Dann versteh ich nicht, woher du diesen Vintage-Look hast! Meine Mutter kriegt nen Herzanfall. Komm, wir fahren zu ihr!

So schleppte Luise Anna am selben Abend ins Modegeschäft ihrer Mutter. Gisela, die sich zur Geschäftsfrau mausert, war begeistert: ein Laden nach dem anderen bald nickte selbst Luises Vater: In diesem hübschen Köpfchen steckt doch was!

Luise flitzte in den Laden, küsste die Mutter auf die Wange und rief:
Mama, das ist meine Anna! Sie braucht modische Beratung!

Gisela, mit Espresso und kritischem Blick, sagte:
Was für ein Typ! Wird spannend!

Anna verließ den Laden quasi betäubt vor Eindrücken, fast verliebt in Gisela und beladen mit Tüten.

Morgen in anständigem Look, verstanden? Luise kramte nach etwas in ihrer Tasche. Wir bringen dich unter Leute!

Wohin?
Im Club natürlich! Sei bereit!

Anna hatte schon zum Taxi angesetzt, besann sich aber:
Luise! Und das Geld?

Was für Geld? Sei nicht albern!

Nein! Anna drückte ihr die Tüten in die Hand. Das geht nicht!

Luise lachte, bugsierte die Sachen zurück zu Anna:
Wie du willst! Zahle, wenn du kannst.

Am Morgen ließ Anna zwei Vorlesungen aus und fuhr zu Giselas Geschäft.

Ich würde gern die Sachen bezahlen. Ich bin wirklich dankbar! Was schulde ich Ihnen?

Gisela lächelte geheimnisvoll, musterte Annika im neuen Outfit:
Wunderbar! Aber mach die Augen noch ein bisschen und ein Lipgloss dazu! Dann bist du umwerfend!

Sie kritzelte eine Zahl auf einen Zettel und schob ihn Anna zu:
Kasse ist dort.

Als Anna weg war, tuschelten die Angestellten:
Frau Gisela, wie buchen wir das? Der Zettelpreis passt doch gar nicht!
Persönliches Geschenk von der guten Fee! Mädels, Kaffee machen, los!

Gisela setzte sich und schmunzelte:
In dem Mädchen steckt was! Luise darf sie nicht verlieren. Solche Menschen braucht es heute! Gute Kleidung wirkt Wunder jetzt ist sie wie ein Bonbon!

Luise dachte nie daran, sich wieder von Anna zu trennen. Sie wurden sofort beste Freundinnen, ganz ohne Gewöhnungszeit. Niemand verstand das erst, außer Gisela. Aber es war bald allen klar: Anna ohne Luise, das war wie Frühstück ohne Brötchen. Ferien, später Urlaube immer gemeinsam. Luise suchte den perfekten Mann und sammelte Listen an Kriterien; Anna wusste längst, dass sie gefunden hatte. Doch sagte sie niemandem, dass es Klaus war.

Klaus hatte inzwischen die Schule schnell abgeschlossen und sich vom schüchternen, pickligen Teenie in einen durchaus attraktiven jungen Mann verwandelt nur klein blieb er. Das störte ihn kaum, bis Luise ihn im Club mit Anna zusammenbrachte. Da war es um ihn geschehen. Gestern noch hatten er und Luise gelacht über Liebe auf den ersten Blick heute blieb ihm die Luft weg, jedes Mal wenn Anna, die große, schlaksige, scheu auf den Boden blickte.

Es war so offensichtlich, dass Luise alles durchschaut hatte:

Nicht schlecht, Klaus! Bist du verliebt?

Der Blick, den Klaus ihr zuwarf, ließ Luise verstummen.

Ist ja gut! Aber Anna ist schon klasse, oder?

Zehnmal hätte Klaus ihr zugestimmt nur jetzt konnte er nicht einmal nicken. Er wusste: Anna würde nie einen wie ihn ansehen. Ein Zwerg und eine Prinzessin! Tolle Kombi Besonders, wenn die Mutter davon erfährt.

Da ging Klaus’ Laune vollends den Bach runter. Seine Mutter würde Anna nie akzeptieren; sie erfüllte einfach kein einziges Kriterium. Anna ins Unheil zu bringen, das konnte er ihr nicht antun

Sie gingen fast wortlos auseinander. Anna weinte sich die halbe Nacht in den Schlaf, verfluchte ihre Größe und ihre Unsicherheit und schwor sich am Morgen: Wenn Klaus sich nicht mal ordentlich verabschieden konnte, mochte er sie sicherlich nicht. Also kein Grund zum Weinen, weiterleben!

Aber weiterleben ging nicht. Anna dachte ständig an diesen Abend, fürchtete jede Familienfeier, auf der Klaus auftauchen könnte. Doch sie begegnete ihm nicht mehr Klaus mied absichtlich alle Anlässe, bei denen Anna sein könnte.

Luise wusste das. Sie ersann einen Plan, um diese zwei Dussel-Verliebten in Schwung zu bringen. Ein virtuos gespieltes Theaterstück: Oh, Klaus, mein Computer ist kaputt, alle wichtigen Mails weg und Annas E-Mail-Adresse lag fein säuberlich auf einem Zettel unter der Tastatur.

Das erste Unbekannten-Bewunderer-Mail landete bei Anna und Luise wusste sofort Bescheid. Annas verlegenes Erröten sprach Bände. Luise lächelte heimlich und stellte sich dumm.

Die E-Mail-Korrespondenz zog sich über Jahre hin. Luise haderte mit sich und den Blödfischen, konnte aber nichts tun. Anna wollte nichts von anderen Jungs hören, besuchte nur Luise zuliebe weiterhin Clubs, floh dann rasch nach Hause. Hauptsache: Abends leuchtete die neue Mail auf dem Bildschirm. Erst einmal am Tag, dann immer öfter. Wieso normale Messenger, wie ICQ, nicht genutzt wurden, wusste Anna selbst nicht. Sie mochte die Briefform um vorher nachdenken zu können.

Sie schrieben über alles. Über die Zeit gab es keine Tabuthemen mehr. Natürlich war es nicht ganz ehrlich: Klaus wusste wohl, an wen er schrieb Anna aber rätselte immer noch.

Luise wartete geduldig, ob Anna ihr jemals von der Korrespondenz berichten würde. Nichts geschah.

Manche Menschen brauchen nur einen Moment, um zu erkennen, dass sie nicht ohneeinander können anderen dauert es Jahre

Anna schloss das Studium ab, fing an zu arbeiten, schaute aber weiterhin täglich Dutzende Male in ihr E-Mail-Postfach voller Glück, wenn ein neuer Brief kam.

Gleiches spielte sich bei Klaus ab. Heidrun war inzwischen ganz offen:
Klaus, denk mal an die Familie. Die Karriere hängt davon ab!

Klaus hörte aber nicht mehr zu. In seinem Kopf und Herzen war nur Anna. Er war reifer, setzte sich gegen die Mutter durch und zwang sie, zumindest halbherzig, seinen Willen anzuerkennen. Heidrun zog sich zurück und wartete ab.

Luise heiratete und ließ sich wieder scheiden so beiläufig, dass niemand den Grund verstand. Mit ihrem Ex-Mann war sie freundschaftlich verbunden und half ihm mit ihrer inzwischen eröffneten Notarkanzlei.

Was solls, wir haben nichts zu teilen! Kein Eigentum, keine Kinder, warum ausrasten? Ich danke ihm für das Schöne, den Rest kann man sich schenken Aber jetzt hab ich jemanden kennengelernt Anna! Hörst du überhaupt zu?

Anna hörte tatsächlich nicht zu. Sie starrte weiter zur Tür, überlegte, ob sie fliehen oder doch auf den geheimnisvollen E-Mail-Freund warten sollte.

Die Lösung war einfach. Zur Alumni-Feier der Hochschule musste man mit Begleitung erscheinen. Luise, zu dem Zeitpunkt wieder Single, kicherte und hakte sich bei Anna unter den Arm:
Wir gehen zusammen! Niemand wird sich wundern wir waren immer ein Paar. Was sollen wir auch machen, wenns sonst keinen gibt?!

Anna weiß selbst nicht, was sie überkam; sie zog den Arm zurück:
Ich komme nicht allein.

Mit wem?! Anna! Raus mit der Sprache!

Das wirst du sehen!

Abends, voller Selbstvorwürfe, schrieb Anna ihre letzte E-Mail:

Ich weiß, ich verlange viel, aber ich glaube, es ist an der Zeit. Die Zeit ist sowieso ein Schwein. Gestern war ich noch Schülerin, heute bin ich erwachsen und habe mein erstes graues Haar ausgerissen erblich, aber trotzdem blöde! Warum rast alles so? Warum kann ich nicht auf Pause drücken? Ich will keine Zeit mehr verschwenden… Ich will ein echtes Leben! Familie, Kinder! Nach Hause, jemanden umarmen!

Es war wunderschön mit dir; ich bin dankbar. Wir waren ein tolles Team. Ich hatte immer Leichtigkeit mit dir. Gibt es viele, die das sagen können? Ich glaube nicht. Das ist selten und kostbar! Das möchte ich nicht verlieren.

Ich hab eine Bitte: Morgen ist die Alumni-Feier an unserer Uni. Es gibt die Regel, dass alle mit Begleitung erscheinen. Bist du mein Partner? Möchtest du, dass unsere Beziehung Realität wird? Wenn ja, freue ich mich. Falls nicht dann ist das eben so. Morgen lösche ich diese Mailadresse, bitte schreib nicht mehr. Komm einfach. Ich warte.

Anna schrieb die Adresse der Hochschule dazu, schickte die Mail und ließ sich keine Zeit zum Nachdenken. Die Entscheidung musste her!

Den ganzen nächsten Tag schlug ihr Herz bis zum Hals und hinter jedem Gedanken lauerte Klaus. Sie verbot sich, an ihn zu denken, aber ständig schwirrte er ihr im Kopf herum. Niemand hatte ihr Herz je so zum Schlagen gebracht und sie wusste längst, mit jedem Brief hatte sie von Klaus geträumt, nicht von einem Fantasiemann.

Am Abend hatte ihr inneres Zittern einen Höhepunkt. Sie wollte eigentlich schon gehen, als in dem Moment jemand an der Tür stand. Sie erstarrte und achtete nicht mehr auf die rufende, klatschende Luise:
Endlich! Ihr seid wirklich zwei Spinner!

Klaus und Anna sahen sich an, der Rest der Welt löste sich auf. Alles Vorherige war nichtig. Jetzt zählte nur der Moment.

Hallo.
Hallo.
Wie gehts?
Und dir?
Ich schreibe dir heute Abend.
Ach was, vergiss die Briefe. Ich lass dich nie mehr gehen!
Das wollte ich auch sagen! Aber stimmt! Niemals mehr!

Zwei Jahre später, auf dem alten Gutshof der Familie Schmitt, schwirrte die Gratulantenschar. Die Jubilarin rannte auf der Veranda hin und her, deckte auf, bis ihr Mann ihr die Platte aus der Hand nahm:

Annika, nimm lieber Felix! Heute erkennt er mich gar nicht an gleich schimpft Oma, ich sei ein lausiger Vater, verbringe zu wenig Zeit mit ihm und deshalb vergisst er mich! Sie sagt, jede halbe Stunde zählt in dem Alter.

Anna nahm ihren Mini-Klaus auf den Schoß.

Wie machst du das? Kaum bist du da, hört er auf zu weinen! Klaus lehnte sich zu Frau und Sohn, küsste erst die eine, dann den Kleinen.

Du hast einfach Angst vor ihm, das merkt er!

Ich? Angst?

Sicher! Anna grinste, zischte dann aber, als draußen ein Auto hielt. Eltern!

Anna, lass mich was fragen!

Was denn?

Falls meine Mutter

Klaus, dein Mutter ist wunderbar! Klug, gebildet, durchsetzungsstark. Seit sie Felix hat, sogar fast normal. Sie kann ihre Energie anbringen, singt ihm französische Wiegenlieder und hält Vorträge über Grammatik.

Furchtbar!

Nicht doch! Er schläft wunderbar dabei und ich hab meine Ruhe!

Ich wusste schon immer, dass ich die klügste Frau auf Erden geheiratet hab!

Nicht so laut! Hauptsache, deine Mutter hört das nicht!

Warum?

Weil für dich die klügste Frau immer sie bleibt, zumindest so lange sie zuhört. Nur so haben wir Frieden zuhause, klar?

Woher hast du diese Lebensweisheit?

Daher! Anna nickte Richtung Sohn, stand auf und ging den Gästen entgegen. Lächeln, Ehemann! Sonst schreib ich dir heute Abend einen sehr unfreundlichen Brief!

Dann schreib ich lieber ich dir einen! Einen hab ich schon verschickt, aber da geht noch mehr!

Anna zwinkerte, gab Felix an Heidrun weiter und sagte:
Mach das! Ich freu mich! Was für ein Glück, dass der Briefe-Romantik noch lebt!

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Homy
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