Grenzen für Omas Liebe

Grenzen für Omas Liebe

Das Küchenfenster war beschlagen vom Dampf, der über dem Topf mit Linsensuppe aufstieg. Margarethe Hoffmann stand am Tisch und betrachtete mit kritischem Blick das Zeichenpapier, das Emilia ihr eben mit einem schüchternen Lächeln gereicht hatte.

Und was soll das sein?, fragte die Schwiegermutter scharf, als schlüge ein Lineal auf die Schulbank. Blumen, sagst du? Ich sehe nur Gekritzel. Mit acht Jahren habe ich schon Teppiche geknüpft, und du…

Mama, begann Nora leise und wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, sie hat sich Mühe gegeben. Schau doch mal, wie ordentlich sie die Blüten ausgemalt hat!

Mühe allein reicht nicht , wenn nichts dabei herauskommt. Margarethe legte die Zeichnung beiseite, als würde sie sich die Hände schmutzig machen. Hier bist du über die Linien gemalt, da ist ein Fleck, und der Stängel ist krumm. Ach, Nora, du verwöhnst sie einfach. Meinen Paul habe ich so nicht erzogen.

Emilia kauerte auf dem Stuhl. Ihre mit Filzstiften verschmierten Finger zupften hilflos am T-Shirt. Nora sah, wie ihre Tochter kämpfte, nicht zu weinen die zitternde Unterlippe, der glänzende Blick kurz vor den Tränen.

Mama, möchtest du einen Tee? Nora bemühte sich, das Thema zu wechseln. Ich habe Apfelstreuselkuchen gebacken.

Tee trinke ich, ja, nickte die Schwiegermutter und setzte sich. Aber ich sage nur, wie es ist: Lässt man ein Kind nicht auf Spur bringen, wird nichts aus ihm. Ihr denkt, ich bin streng dabei bin ich nur realistisch. Das Leben wird sie auch nicht für Gekritzel loben.

Emilia stand wortlos auf und verließ die Küche. Nora hörte, wie die Kinderzimmertür zuschlug. Ihr Herz zog sich zusammen. Sie hätte ihr folgen, sie in den Arm nehmen, ihr sagen sollen, dass die Zeichnung schön sei dass Oma es nicht versteht. Stattdessen schnitt sie den Kuchen an, goss Tee ein und setzte sich schweigend zu Margarethe, die bereits über die Gardinen im Wohnzimmer schimpfte, weil die längst hätten gewechselt werden müssen.

Am Abend, als Paul von der Arbeit kam, versuchte Nora ein Gespräch.

Paul, deine Mutter…, sie suchte nach den richtigen Worten ohne Vorwurf. Sie hat vor Emilia gesagt, ihr Bild sei wertlos. Die Kleine war sehr traurig.

Paul schlüpfte aus den Schuhen und streckte sich.

Ach, Mama meint es ja nicht böse, antwortete er unbeteiligt. Sie sagt eben geradeheraus, was Sache ist. Früher wurden wir auch so erzogen und sind doch was geworden.

Aber Paul, Emilia hat geweint! Sie ist acht und braucht unsere Bestärkung, nicht…

Nora, jetzt übertreib mal nicht. Paul holte sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank. Mama hilft uns, hat gekocht, geputzt… Und du regst dich wegen so einer Bemerkung auf?

Wegen einer?, Nora spürte, wie sich in ihr etwas verkrampfte. Es ist jedes Mal das Gleiche bei jedem Besuch von ihr. Mal isst Emilia zu langsam, mal ist die Schrift krakelig, mal sind die Zöpfe schief…

Sie wächst da schon raus, murmelte Paul und verschwand ins Wohnzimmer. Du bist eben zu weich. Kinder brauchen Halt.

Nora blieb allein in der Küche stehen. Draußen wurde es dunkel. Sie blickte ins eigene Spiegelbild im Fenster und fühlte diese schwere, lähmende Ohnmacht nicht Wut, etwas Zähes, Unangenehmes, das sich in der Brust festsetzte.

***

Margarethe war nach dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren immer häufiger in ihr Familienleben getreten. Früher hatte sie allein in einer Altbauwohnung in einem anderen Stadtteil von Hamburg gewohnt, geerbt von ihrem verstorbenen Ehegatten, Wilhelm. Er war ein wortkarger, dominanter Mann gewesen. Jahrzehntelang Meister in einer Maschinenfabrik, verlangte er zu Hause Ordnung und Ruhe. Margarethe hatte sich gefügt und erzog ihren einzigen Sohn so, wie es Wilhelm forderte: streng, ohne viel Lob, mit Fokus auf Disziplin und Leistung.

Nachdem Wilhelm an einem Herzinfarkt gestorben war, verlor Margarethe ihren Halt. Sie besuchte Paul zuerst wöchentlich, dann immer öfter. Sie sagte, es sei schwer, allein zu sein. Paul konnte ihr nichts abschlagen, und auch Nora hatte Verständnis. Doch mit jedem Besuch veränderte sich das Klima im Haus.

Margarethe, eine gedrungene, drahtige Frau mit fest geflochtenem grauem Haar und stechend blauen Augen, war geprägt von einer Kindheit auf dem Dorf im Nachkriegsdeutschland. Ihre Mutter, Noras Urgroßmutter, kannte nur Arbeit und Entbehrung. Margarethe lernte früh, zu gehorchen mit sieben hütete sie Gänse, mit zehn half sie im Stall. Liebe zeigte ihre Mutter durch umsorgende Taten: satt machen, vernünftig kleiden, ordentliche Schulbildung vermitteln. Worte der Zuneigung galten als überflüssig und verweichlichend.

In unserer Familie hat niemand gejammert, pflegte sie zu sagen. Es musste halt gemacht werden.

Nora stammte aus anderem Haus. Ihre Eltern, beide Lehrer in Lübeck, waren feinfühlige, gebildete Menschen. Es wurde viel musiziert, gemeinsam gelesen, Gefühle diskutiert. Noras Mutter Helga wiederholte oft: Wichtig ist, dass das Kind Freude hat, gemeinsam lacht, die Augen leuchten. Eine schlechte Note war kein Weltuntergang, sondern Gesprächsanlass: Was war schwierig? Wie kann ich dir helfen?

Die Unterschiede im Erziehungsstil wurden zur Risslinie, die immer breiter wurde.

***

Einmal tauchte Margarethe am Nachmittag auf, als Emilia Schreibschrift übte. Die Bögen bei d und h tanzten schief, die Wellenlinien waren verwackelt.

Mein Gott, was ist das für ein Gekrakel?!, Margarethe riss die Hefte unter Emilias Hand weg. Siehst du nicht, wie das aussieht? Hier bist du rausgerutscht, da erkennt man das Wort kaum. Das ist peinlich in dem Alter!

Emilia erstarrte. Nora, gerade beim Wischen des Bodens, hörte den Ton und kam rasch.

Mama, sie lernt doch noch. Die Lehrerin sagt, es gibt gute Fortschritte.

Fortschritte!, schnaubte Margarethe. Die Lehrerin ist wohl auch weich. Kein Wunder, dass so viele nichts mehr auf die Reihe bekommen. Paul konnte in dem Alter schon fehlerfrei schreiben und lesen. Ich ließ ihn jeden Abend Texte zehnmal abzuschreiben, bis es saß.

Aber jedes Kind lernt anders schnell, versuchte Nora einzuwenden.

Das sind Ausreden für Faule. Sie wandte sich direkt an Emilia. So, jetzt schreibst du die Seite nochmal diesmal ordentlich!

Emilia sah flehend zu ihrer Mutter auf, die Wimpern zitterten. Nora sprach leise: Mama, vielleicht reicht es. Sie hat morgen noch eine Arbeit lass sie doch etwas ruhen.

Ruhen? Dann gewöhnt sie sich an die Bequemlichkeit. Du wirst schon sehen, Nora, du ziehst sie zu lasch auf. Im Leben findet sie dann nie ihren Platz.

Emilia schrieb die Seite erneut. Fast eine Stunde lang. Tränen tropften ins Heft, ließen die Tinte verlaufen. Margarethe stand daneben und markierte jede Unregelmäßigkeit.

Als die Oma fort war, kletterte Emilia auf Noras Schoß und weinte heftig.

Mama, ich bemühe mich so sehr, aber ich kriege es nie so hin wie Oma es verlangt, schluchzte sie.

Du machst das prima, Schatz, flüsterte Nora und streichelte ihr die Haare. Oma meint es anders. Du bist eine kleine Künstlerin.

Aber Emilia beruhigte sich kaum. Und in Nora wuchs eine Mischung aus Wut und Schuld auf die Schwiegermutter wegen der Strenge, auf Paul wegen seiner Gleichgültigkeit, auf sich selbst, weil sie die Tochter nicht besser schützen konnte.

***

Mit der Zeit kamen Margarethes Besuche immer häufiger. Sie tauchte fast jedes Wochenende auf, teils auch unter der Woche. Sie sagte, sie wolle helfen aber Nora beobachtete, wie Emilia sich zunehmend veränderte: Sie wurde ruhiger, vorsichtiger, zeigte ihre Bilder nicht mehr, wirkte oft bedrückt. Nachts weinte sie manchmal grundlos. Die Klassenlehrerin, Frau Weber, rief besorgt an: Emilia sei abwesend, spiele nicht mehr mit ihren Freundinnen.

Ist etwas passiert? Sie war doch immer so offen und lebendig, fragte Frau Weber.

Nora konnte nicht ehrlich sagen: Die Oma macht ihr Angst. Doch sie kannte den Grund.

Eines Abends, als Emilia schlief, stellte Nora sich Paul zum Gespräch.

Wir müssen reden, begann sie ruhig.

Paul blickte misstrauisch vom Handy auf.

Schon wieder?

Ja, das Thema ist nicht erledigt. Die Lehrerin meldet, dass Emilia zu macht, weint, nicht mehr malt. Sie hat Angst, nur weil sie weiß, dass Oma wieder alles schlecht machen wird.

Oma will sie doch nur stark machen, versuchte Paul.

Stark? Sie macht sie klein! Sie nennt sie dumm, sagt, sie habe zwei linke Hände. Das ist nicht Förderung, sondern psychische Gewalt!

Du übertreibst.

Nein! Noras Stimme überschlug sich. Ich sehe doch, was los ist! Deine Mutter hält Kritik und Strenge für den einzigen Weg. Aber Emilia ist kein Paul aus den 80ern. Sie ist ein anderes Kind. Sie benötigt Ermutigung.

Paul schwieg. Ein innerer Kampf spiegelte sich in seinen Zügen.

Und was erwartest du von mir?, fragte er schließlich.

Sprich mit ihr. Setz klare Regeln. Sag ihr, ihre Hilfe ist willkommen, aber bei der Erziehung entscheiden wir.

Das ist nicht einfach. Sie hat mich alleine nach Papas Tod großgezogen. Sie hat so viel geopfert. Ich kann ihr nicht einfach sagen: Mama, du liegst falsch.

Willst du lieber sie wählen oder uns?, flüsterte Nora.

Paul rieb sich das Gesicht. Niemanden. Lass’ ihr Zeit. Sie wird sehen, dass Emilia größer wird, und versteht es dann schon.

Nora wusste, dass Zeit nichts ändern würde. Margarethe war in ihrer Überzeugung so fest wie in der Tatsache, dass die Erde rund ist.

***

Im Oktober kündigte die Grundschule ein Herbstfest an, bei dem ein Tanz aufgeführt werden sollte. Emilia kam nach Hause, die Augen leuchteten zum ersten Mal seit Wochen.

Mama, ich darf im Vortanz mitmachen. Frau Weber sagt, ich tanze schön! Die Kostüme sind so gelb wie Herbstblätter!

Nora umarmte sie. Ihr Herz wurde warm. Endlich schien Emilia wieder fröhlicher.

Die Proben gingen zwei Wochen. Emilia erzählte begeistert davon. Die alte Fröhlichkeit kam zurück.

Am Freitag vor dem Auftritt kam Margarethe.

Na, bist du bereit fürs Konzert?, fragte sie beim Ablegen des Mantels.

Ja, Oma! Soll ich dir den Tanz zeigen?

Zeig schon.

Emilia tanzte zum Musikstück auf dem Tablet, bemühte sich bei jedem Schritt, das Gelernte zu zeigen. Sie strahlte vor Glück. Nora sah aus der Küche zu und lächelte.

Als das Lied endete, blickte Emilia hoffnungsvoll zur Oma.

Und das soll was sein?, verschränkte Margarethe die Arme. Wildes Rumgefuchtel. Die Beine zu krumm, der Rücken schlecht gehalten. Glaubst du, du blamierst dich morgen nicht vor allen?

Langsam senkte sich Emílias Lächeln. Nora sah, wie das Licht in den Augen verblasste.

Mama, sie tanzt wunderbar!, rief Nora.

Wunderbar? Margarethe lachte trocken. Mit acht wäre ich damit nicht auf die Bühne gekommen. Das hier ist Träumerei.

Das erste Mal auf der Bühne sie braucht Unterstützung!, forderte Nora klarer.

Unterstützung bedeutet, ehrlich zu sein, nicht alles schönzureden, erwiderte Margarethe. Geh üben, Emilia und achte auf die Haltung.

Emilia ging wortlos in ihr Zimmer. Nora folgte ihr. Emilia kauerte sich auf das Bett, Gesicht an die Knie gepresst.

Schatz, hör nicht drauf. Du tanzt spitze. Morgen wirst du toll sein.

Aber Emilia schüttelte nur den Kopf.

Am nächsten Morgen weckte Nora ihre Tochter früh. Doch Emilia lag zusammengerollt im Bett und starrte an die Wand.

Emilia, komm, wir müssen losgehen.

Ich geh nicht, flüsterte die Kleine.

Warum?

Ich kann es nicht. Oma hat recht. Sie werden alle über mich lachen.

Nora versuchte, sie zu beruhigen, aber Emilia begann nur noch mehr zu weinen. Schließlich rief Nora bei Frau Weber an und sagte, Emilia sei krank.

Nachdem aufgelegt war, zitterten ihre Hände. Sie ging in die Küche, wo Margarethe mit Kaffee saß.

Emilia geht nicht wegen Ihnen, sagte Nora leise und gepresst.

Wegen mir? Ich habe ihr doch nichts verboten.

Sie haben ihr das Selbstvertrauen genommen!

Ich habe sie nur ehrlich gewarnt. Besser so, als sich hinterher zu blamieren.

Das ist keine Ehrlichkeit. Das ist destruktiv und unfair! Ein Kind vertraut Ihnen weil Sie die Oma sind. Und jetzt hält sie sich mit acht für einen Versager!

Du überdramatisierst sie wächst schon da raus. Man muss den Charakter stählen.

Nein!, schrie Nora und ihre Stimme überschlug sich. Sie wird immer stiller, immer ängstlicher. Die Lehrerin spricht vom Anfang einer Angststörung. Sie zerstören ihr Selbstwertgefühl!

Margarethe stand auf.

So lasse ich nicht mit mir reden. Ich habe Paul zu einem ordentlichen Menschen gemacht. Du bist jung und hast keine Ahnung vom Leben.

Doch, habe ich, entgegnete Nora fest. Und ich weiß, was Kinder brauchen: Liebe, nicht ständige Kritik!

Da betrat Paul die Küche. Er hatte den Streit mitgehört.

Was ist los?

Frag deine Frau, schnappte Margarethe ihre Tasche, Ich bin hier wohl fehl am Platz.

Mama, bitte…

Nein, Paul. Ich werde nicht bleiben, wo man mich für alles beschuldigt. Ruf mir ein Taxi.

Paul und Nora standen sich ratlos gegenüber, als Margarethe ging.

***

Die nächsten Tage verstrichen wortkarg. Paul telefonierte mehrfach, aber Margarethe nahm nicht ab. Emilia begann vorsichtig, wieder zu malen, versteckte die Bilder aber lieber. Nora bestärkte ihre Tochter jedes Mal, lobte Kleinigkeiten, zeigte ihr Wertschätzung.

Doch das Problem blieb unsichtbar, im Schatten.

Ein Monat verging. Emilia wurde neun. Nora plante eine kleine Feier, lud Freundinnen ein, besorgte Torte und Dekorationen.

Eine Woche vorher rief Margarethe an.

Paul, ich komme zum Geburtstag. Ich bringe ein Geschenk.

Paul sah Nora fragend an sie schüttelte den Kopf.

Mama, vielleicht… es ist alles noch angespannt…

Ich bin ihre Oma und lasse mir das nicht nehmen, schnitt Margarethe streng ab. Ich will dem Kind gratulieren.

Am Geburtstag kamen Emilias Freundinnen. Sie spielten, lachten, malen gemeinsam. Emilia trug ein hellblaues Kleid, fühlte sich wie eine Prinzessin.

Margarethe erschien mit einer großen Schachtel.

Alles Gute zum Geburtstag, Emilia, sagte sie und überreichte das Geschenk.

Emilia öffnete vorsichtig und fand ein Stickset.

Damit übst du Geduld und Sorgfalt, erklärte Margarethe. Das nützt dir mehr als eine Puppe.

Emilia nickte freundlich, aber ihr Blick war enttäuscht.

Nora beobachtete das, tief verärgert der alte Glanz in Emilias Augen war wieder verschwunden, sie bedankte sich höflich, aber ohne Freude.

Beim Kuchenessen, Margarethe sah zu Emilia, Iss ordentlich, nicht dass du wieder alles vollschmierst wie beim letzten Mal.

Emilia hielt inne. Ihre Freundinnen sahen sie an.

Oma, bitte nicht heute. Es ist ihr Geburtstag, sagte Nora ruhig.

Ich wollte sie nur erinnern man darf doch noch was sagen!, verteidigte sich Margarethe.

Emilia stand auf, schob den Stuhl weg. Ich gehe kurz raus, murmelte sie und verließ den Raum.

Nora folgte ihr ins Kinderzimmer. Emilia stand am Fenster, schluchzend. Nora nahm sie in den Arm.

Mama, warum ist Oma immer so? Ich wollte doch einen schönen Geburtstag!

Ich weiß, Schatz. Komm, wasch dir das Gesicht und ruh dich mit deinem Tablet aus. Ich mach das mit den Gästen.

Nora kehrte zurück, bat die Freundinnen, im Zimmer zu spielen. Dann wandte sie sich an Margarethe:

Ich hatte Sie um eines gebeten keinen kritischen Kommentar am Geburtstag. Warum fällt Ihnen das so schwer?

Was habe ich denn gesagt? Ihr seid einfach überempfindlich.

Nein. Sie kritisieren immer auch an ihrem Ehrentag. Jetzt sitzt meine Tochter weinend im Zimmer.

Margarethe winkte ab. Sie ist halt empfindlich. Daran bist du schuld, Nora.

Nein. Sie braucht Bestärkung, nicht Erniedrigung!

Margarethe sprang gekränkt auf und packte ihre Sachen. Ihr versteht nichts. Ich wollte nur das Beste!

Strenge ist kein Maß für Liebe! Ihre ständige Kritik nimmt ihr die Freude. Sie traut sich beinahe nichts mehr!

Paul kam hinzu, zögernd.

Paul, sag doch du was, Margarethe suchte Blickkontakt.

Paul wirkte zerrissen und fassungslos. Dann, langsam:

Mama, vielleicht hat Nora recht. Vielleicht bist du zu streng.

Margarethe starrte ihn an, als hätte er sie verraten. So denkst du also über mich?

Du hast mich dazu gemacht, was ich bin aber nicht nur deinetwegen, sondern trotzdem. Ich hatte oft Angst vor jedem Fehler, vor schlechten Noten. Bis heute bin ich angespannt, wenn du anrufst.

Margarethe erstarrte, dann verließ sie die Wohnung mit den Worten: Dann habt ihr wohl entschieden. Ich will euch nicht mehr stören. Paul rief ein Taxi.

Nora und Paul blieben erschöpft zurück. Paul setzte sich, den Kopf in den Händen.

War das richtig?

Nora legte ihm die Hand auf die Schulter. Du hast deine Tochter geschützt.

Paul schluckte. Aber es ist und bleibt meine Mutter… Bin ich ein undankbarer Sohn?

Nein, sagte Nora fest. Dankbarkeit heißt nicht, alles zu tolerieren. Grenzen gegenüber Familie sind kein Verrat, sondern Schutz.

***

Eine Woche lang hörten sie nichts. Emilia begann, wieder zu malen; die Lehrerin meldete: Sie blüht regelrecht auf.

Abends bei Tee seufzte Paul. Mama ist so allein. Ihre Nachbarin sagt, sie spricht kaum noch mit jemandem. Ich habe Gewissensbisse.

Du hast das Richtige getan, sagte Nora. Man darf als Elternteil nicht zulassen, dass die Oma das Kind fertig macht. Verantwortung ist wichtiger als Harmonie um jeden Preis.

Die Situation war nicht gelöst. Weihnachten stand bevor, Fragen blieben offen.

Abends auf der Couch erzählte Paul:

Weißt du, als ich zehn war, habe ich ein Porträt von Mama gezeichnet. Ich war stolz dachte, es sieht gut aus. Sie sagte nur: Die Nase ist schief, die Augen sind unterschiedlich. Mal besser! Ich habe es zerrissen und nie wieder gezeichnet. Erst jetzt merke ich: Es lag nie an fehlendem Talent, sondern daran, dass niemand kleine Fehler akzeptieren konnte.

Nora schwieg, hörte zu.

Ich will nicht, dass Emilia so wird. Sie soll keine Angst haben, Neues zu probieren. Auch, wenn wir dafür gegen meine Mutter stehen müssen.

Das ist toxische Erziehung, sagte Nora leise. Wenn ein Kind denkt, nur der perfekte Erfolg zählt. Margarethe kennt es nicht anders, aber wir können es anders machen.

Es tut trotzdem weh. Ich habe immer versucht, sie nicht zu enttäuschen. Jetzt habe ich es doch getan.

Du hast dich weiterentwickelt. Du bist nun Vater das zählt.

Paul nickte. Meinst du, Mama versteht es irgendwann?

Vielleicht, antwortete Nora ehrlich. Vielleicht, wenn sie sieht, dass Emilia fröhlich ist. Vielleicht auch nicht. Wichtig ist: Wir dürfen es nicht wiederholen.

***

Einige Wochen später, spät abends, klingelte es. Margarethe stand an der Tür gealtert, erschöpft, eine Tüte in der Hand.

Hallo, Paul.

Komm rein, Mama.

Margarethe setzte sich leise, schaute sich um.

Ist Emilia da?

Ja, sie macht Hausaufgaben.

Darf ich sie sehen?

Nora und Paul nickten. Emilia kam vorsichtig ins Wohnzimmer. Margarethe reichte ihr die Tüte.

Das sind Aquarellfarben gute. Paul sagt, du malst gern. Ich dachte, du kannst sie brauchen.

Emilia lächelte zaghaft. Danke, Oma.

Kurze Stille.

Margarethe rang mit sich. Vielleicht war ich manchmal zu streng. Vielleicht muss ich das lernen.

Nora war überrascht: Das war mehr als je zuvor.

Möchtest du meine neuen Bilder sehen?, fragte Emilia.

Margarethe nickte. Emilia zeigte stolz einen Landschaftsentwurf.

Margarethe sagte zum ersten Mal: Das ist wirklich schön. Die Farben sind leuchtend. Man sieht, dass du dir Mühe gegeben hast.

Emilia strahlte.

***

Später am Abend, als Emilia schlief und Margarethe gegangen war, saßen Nora und Paul nebeneinander. Der Regen trommelte aufs Fenster.

Was denkst du, wie es weitergeht?

Wir wissen es nicht, sagte Nora. Aber wir haben konsequent gehandelt. Wir haben gelernt, dass Abgrenzung nötig ist, um unsere Tochter zu schützen.

Glaubst du, dass wir es als Familie schaffen?

Nora sah ihn an, spürte die Ruhe, die nach all dem Streit in ihnen einkehrte.

Wir schaffen es, wenn wir zusammenhalten, offen reden und nie vergessen, wem wir das schulden Emilia. Sie soll wachsen dürfen und auch Fehler machen.

Paul nickte. Für sie. Genau.

Draußen war es still. Drinnen schlief ein Kind, das morgen wieder malen würde vielleicht wieder unsicher, aber mit Zuversicht, weil es weiß: Es wird so geliebt, wie es ist.

Das Leben brachte Konflikte und Zwiespalt aber auch die Erkenntnis: Manchmal ist der Mut, Grenzen zu setzen und das Wohl des eigenen Kindes zu schützen, das größte Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können. Und auch Großeltern dürfen wenn sie können dazulernen.

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Homy
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