Vom Herzklopfen zum Krach – Der schmale Grat zwischen Liebe und Hass

VOM LIEBEN ZUM HASS IST NUR EIN SCHRITT

Hildegard Kühne habe ich seit der ersten Klasse gehasst wegen ihrer angeborenen Dünnheit. Dieses dürre Miststück war meine beste Freundin.

Rüdiger Bernhardt, Sitzenbleiber und Klassen-Clown, gab uns schon in der neunten Klasse Spitznamen. Hildegard nannte er immer Frau Hildegard Marggraf. Jedes Mal, wenn sie ins Klassenzimmer kam, verschränkte Rüdiger theatralisch die Arme wie eine Dame mit Muff und sang ausgelassen:
Fünf Minuten, fünf Minuten! Ist das viel oder wenig?

Hildegards Gesicht leuchtete zufrieden auf. Sie schritt langsam lärmend zwischen den Tischen entlang und wackelte mit ihren knochigen Hüften.

Ich versuchte immer, nach dem Klingeln ganz unauffällig, fast geduckt in die Klasse zu kommen. Hat nicht immer geklappt. Und wenn ich es nicht schaffte, rief dieser Riesenidiot jedes Mal:
Guten Taaaag, Frau Ludmilla Georg!
Und dann dröhnte er weiter:
Hoch auf dem gelben Wagen, sitz ich beim Schwager vorn !

Mein Gesicht brannte vor Scham und Tränen rollten über meine ohnehin unweiblich große Brust. Hildegard sprang für mich ein, warf mit Büchern nach Rüdiger, nannte ihn einen Trottel, lachte aber dabei so unbekümmert, wie nur Frauen lachen, die sich ihrer Schönheit sicher sind. Jeder wusste, Rüdiger und Hildegard waren ineinander verknallt. Niemand verstand jedoch, warum ausgerechnet Ziege Hildegard mit Kuh Ludmilla Sassenberg befreundet war. Sassenberg das bin ich.

Ich begriff selbst nicht, warum Hildegard mit mir befreundet war. Sie wurde wütend, wenn ich fragte, und schrie manchmal regelrecht:
Ach, Sassenberg, du Dussel! Du kriegst überall Einsen, aber wovon Freundschaft kommt, weißt du nicht? Das hat doch nix mit Figur oder schönen Augen zu tun. Du bist einfach ein guter Mensch! Ludmilla, jetzt hör endlich auf! Nicht alle können dünn sein! Schau dich um, wie viele berühmte Leute sind dick. Und sie werden trotzdem geliebt!

Mir waren Promis total egal. Ich interessierte mich nur für Bernhardt. Aber Bernhardt interessierte sich nur für Hildegard. Ich sah, wie er sie ansah. Mich dagegen wandte er sich immer schnell ab wie Leute, die Bettler ignorieren, weil sie ihnen nichts geben wollen. Das tat er: Mich hänseln oder demonstrativ ignorieren.

Kurz vor Silvester überzeugte ich meine Eltern, mich auf eine andere Schule nach Stuttgart zu schicken. Mama schrieb einen Antrag, holte meine Unterlagen. Nach den Ferien sollte mein neues Leben beginnen. Von früher blieb nur Hildegard.

Meine Freundin brüllte mich erst mal wüst an. Schimpfte, nannte mich Verräterin und knallte die Tür. Doch sie hielt es nicht lange aus kam zurück und läutete in Endlosschleife an unserer Tür.

Ich riss die Tür weit auf, das Gesicht strahlend und erstarrte. Draußen stand Bernhardt. Wütend, im offenen Lammfellmantel, ohne Mütze, voller Schnee:
Was machst du da, Sassenberg? Mitten im Schuljahr willst du abhauen? In fünf Monaten sind Abi-Prüfungen und du läufst weg? Ich rede mit dir, Sassenberg!

Ich hörte, was er sagte. Also nicht wirklich. Ich nahm es wahr, aber es kam nicht durch. Ich wollte nur diesen magischen Moment festhalten Rüdiger Bernhardt auf unserer Türschwelle. Schön wie ein Romanheld mit roten Wangen und funkelnden Augen. Aus lauter Schönheit wurde ich mutig und erwiderte bissig:
Was, hast du Angst, keine andere dumme Kuh mehr zum Ärgern zu finden?

Wie bitte? Wo soll ich denn eine andere finden, Sassenberg? So dämlich wie du ist keine zweite auf der ganzen Welt! knurrte Bernhardt zwischen den Zähnen. Packte meine Hand, zog mich auf den Hausflur und drückte mich an sich.

Nein, umarmte ist das falsche Wort. Er presste mich fest an sich nicht zärtlich, sondern mit Verzweiflung, als wollte er mich nicht hergeben. Mit der einen riesigen Hand drückte er meinen Kopf an seinen von feinem Wollpulli rauen Brustkorb. Mit der anderen hielt er meinen Rücken fest. Ich war gefangen. Seltsamerweise hatte ich keine Angst ich fühlte mich geborgen. So ein Glück hat man sonst nur im Traum. Oder in Sehnsüchten, die unerreichbar scheinen. Woher wusste er bloß von meinen Sehnsüchten? Will er wieder gemein sein? Konnte er das ahnen? Und mit einem Mal packte mich solche Panik, dass ich hemmungslos losweinte. Ich schluchzte ohne Ende unendlich lange. Und als ich leergeweint war, wurde ich ruhiger. Schniefte kurz und wusste erst nicht, was geschah. Bernhardt hielt mich jetzt zärtlich und schaukelte mich wie ein kleines Kind:
Weine ruhig, Ludi. Wenns raus muss, muss es raus. Meine Mutter sagt immer: Weinen hilft. Und sie sagt noch, ich sei ein Dussel. Wenn einem jemand gefällt, soll mans sagen, ganz einfach. Ludmilla, ich sags jetzt: Ich bin ein Idiot. Aber magst du mich vielleicht, hörst du?

Und weißt du, ich schäme mich sogar ein bisschen vor dir. Du bist überall Klassenbeste und willst Medizin studieren, und ich? Wenn ich Glück habe, komme ich mit meinen Noten auf die Berufsschule Kfz-Mechaniker. Was werden deine Eltern sagen, wenn so ein Depp ihre Tochter will? Aber ich bin kein Depp! Dieser Mathekram, Sinus, Cosinus das ist nicht meine Welt. Ich will Autos reparieren. Und dich habe ich lieb.

Und was ist mit Kühne?
Was soll mit Kühne sein? Die steht in ein paar Jahren als Trauzeugin auf unserer Hochzeit! Ich hob den Blick, schaute meinem Peiniger in die Augen und flüsterte:
Ich hasse dich

Perfekt! Zwischen Hass und Liebe ist nur ein Schritt. Das wird noch! entgegnete mir mein künftiger Ehemann und grinste.

Dreißig Jahre sind vergangen.

Den Hochzeitstag feiern wir eigentlich nie. Wir feiern den Tag, an dem unsere Familie begann. Heute zum dreißigsten Mal. Zuerst haben wir ihn zu zweit begangen, dann zu dritt mit unserer Tochter. Vier Jahre später zu viert mit Tochter und Sohn.

Am Abend kommen wieder unsere Liebsten zusammen. Unser Sohn bringt seine Freundin mit. Ich warte auf meine unverzichtbare Freundin Hildegard mit ihrem Mann und Sohn. Nur unsere Tochter wird nicht am Tisch sitzen. Sie ist seit gestern mit einer wichtigen Sache beschäftigt hat uns die ganze Nacht ein Geschenk vorbereitet. Heute Morgen ist ihre kleine Tochter Hildegard auf die Welt gekommen. So sind Hildegard und ich beide Großmütter geworden.

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Homy
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