Eine Frau namens Katja besuchte ihre alte Freundin Birgit. Birgit war zum zweiten Mal verheiratet. Die erste Ehe war schwer und unglücklich gewesen. Ihr erster Mann hatte getrunken, war kaum auszuhalten und schließlich zu einer anderen Frau gegangen. Katja hatte Birgit durch diese schwierige Zeit begleitet, ihr geholfen, sie getröstet. Dafür sind Freundschaften schließlich da, oder?
Zehn Jahre vergingen. Birgit traf einen neuen Mann, einen guten, gebildeten Mann mit angesehener Position das komplette Gegenteil ihres ersten Ehemanns. Katja freute sich wirklich für ihre Freundin. Sie besuchte Birgit nun in der neuen Wohnung, die das Ehepaar gemeinsam gekauft hatte. Katja brachte eine Schwarzwälder Kirschtorte mit und kleine Geschenke.
Sie bewunderte das renovierte Zuhause sehr stilvoll! Später saßen sie gemeinsam am Tisch, tranken Tee und aßen Torte. Birgits neuer Mann, Herr Dr. Werner, war schlagfertig und belesen. Er erzählte viele Witze, auch einige auf Katjas Kosten. Er machte sich über Katjas angeblich engen Horizont lustig und über den Kram, mit dem sie laut seiner Aussage ihren Kopf füllte. Katja habe nie Hesse gelesen, und Grass sei ihr wohl ebenfalls fremd. Die Wissenschaft, so betonte er, widerlege doch allerlei Aberglauben, von dem Katja rede.
Werners Spott machte auch vor Katjas Frisur, ihrer Figur und ihrer Kleidung nicht Halt. Ganz der Stil der Neunziger, meinte er lachend. Katja verstummte, wusste nicht, was sie entgegnen sollte so einem Intellektuellen hatte sie nichts entgegenzusetzen. Birgit lachte mit, offensichtlich beeindruckt vom Esprit ihres Mannes.
Später begann Werner, sich über Katjas Katze zu amüsieren. Katja hatte erzählt, dass sie ein Streunerkätzchen aufgenommen hatte nur, um das Gesprächsthema weg von Literatur und Spott zu lenken. Katzen, sagte Werner, seien Krankheitsüberträger. Menschen, die herrenlose Tiere aufnähmen, hätten wohl selbst psychische Probleme und litten an unterdrücktem Narzissmus.
Birgit lachte herzlich, als ihr Mann mit Beispielen von alten Jungfern mit Katzen um sich warf. Plötzlich liefen Katja Tränen übers Gesicht. Es war kindisch, peinlich, aber sie konnte nicht anders. Sie entschuldigte sich, klagte über Kopfschmerzen, verabschiedete sich und ging.
Ihr Kopf schmerzte wirklich, als hätte jemand dagegen geschlagen. Sie schämte sich für ihre Tränen, für den kleinen Ausbruch, für ihr Unvermögen, sich schlagfertig zu wehren, dafür, Hesse nie gelesen zu haben, und für ihren scheinbar albernen Traum, von dem sie zuvor erzählt hatte.
Doch eigentlich, so hätte sie später erkannt, sollten sich andere schämen vor allem die, die Gäste in ihr Haus laden und dann dulden, dass man sie herabwürdigt. Wer seinen Freund, einen geliebten Film, ein Buch, seinen Glauben oder auch nur einen geliebten Autor verteidigungslos dem Spott anderer preisgibt, begeht einen stillen Verrat. Den Verrat, jemanden bloßzustellen, auszuliefern, zum Gespött zu machen das ist das wahre Vergehen.
Katja konnte das alles nicht in Worte fassen. Sie war nun mal keine Intellektuelle. Sie eilte nach Hause, zu ihrer Katze, die keine Bücher las und auch nicht mit Witz glänzte. Die Katze kuschelte sich einfach zu ihr aufs Sofa und schnurrte leise.
Sie besuchte Birgit nie wieder, und bald gab es ohnehin keinen Ort mehr, zu dem sie hätte gehen können: Birgit und ihr Mann stritten um die Wohnung, man sah sich bald vor Gericht. Werners Energie und Intellekt waren überwältigend aber vielleicht zu viel des Guten.
Am Ende ist es immer dasselbe: Derjenige, für den man einen Freund verraten hat, verrät einen oft selbst. Es hätte nur ein bisschen Mut gebraucht, die Witze auf Katjas Kosten freundlich zu stoppen und im eigenen Haus Respekt für einen Freund einzufordern. Vielleicht hätte Werner dann sogar mehr Achtung vor seiner Frau gehabt und es hätte vieles verhindert.
Wer verrät, wird nicht geachtet. Und wird selbst leicht verraten. Ein wahrer Freund schützt und darin liegt die wichtigste Lektion.





